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Die Kunst nichts zu tun© Gerlinde Knaus (20.04.09)
Über Muße ist schon viel geschrieben worden.
Anders verhält es sich, wenn es um den “weiblichen Müßiggang” geht. Gisela Dischner ist eine Wegbereiterin für Mußekünstlerinnen und -forscherinnen. Warum brauchen Frauen so dringend Muße und weshalb ist die Mußekünstlerin eine Gestalt der Zukunft?
arf es ein bisschen Muße sein? Aber ja. Wer träumt denn nicht davon? Besonders Frauen strampeln im Hamsterrad, das in ihrer freien Zeit noch beschleunigt wird. Immer schneller, effizienter, rationaler, so lautet die Prämisse des so genannten Turbokapitalismus. Kann die Muße als Lösung im Kleinen dieser Entwicklung entgegensteuern und der Einzelnen Erleichterung verschaffen?
Gisela Dischner lebt auf Mallorca. Ihre Post holt sie in Santanyi, drei Kilometer von ihrem mallorquinischen Bauernhaus entfernt. Dischner erwartet eine Nachricht von ihrem Verlag, der ihr jüngstes Buch “Das Wörterbuch des Müßiggängers” herausbringen will. Die ehemalige Literaturwissenschafterin aus Hannover wohnt hier quasi in der Wildnis mit Zisterne, Solarenergie und einem Generator. Deshalb ist ihr Handy nur zwei Stunden am Tag eingeschaltet. “Die reichen Nachbarn haben Elektrizität. Die Leitungen durch die Pampa zu legen ist teuer”, sagt Dischner. Der Garten ist ein großes Kunstwerk in gelb, grün und blau. Ringelblumen, wohin das Auge reicht, Bäume und Himmel. Darin befindet sich ein besonders originelles Werk: der Skulpturengarten “Homers Apotheose” ihres Mannes Horst Vogel. Figuren, Elemente, Ritzungen und Linien im farbigen Felsboden, um die Objekte gespannte Schnüre.
Kunst ohne Muße unvorstellbar
Die Landschaftsgartenkunst gleicht einem sich stets wandelnden Spiel aus Farben, Linien, Materialien, außerhalb jeder “Nutzanwendung”. Dieser Ort strahlt Schaffensfreude und Lebendigkeit aus. Leben und Kunst ohne Muße sei für Dischner unvorstellbar. “Kunsthandwerk ist etwas anderes, das kann mit dauerndem Geschäftigsein verbunden werden”, fügt sie hinzu. KünstlerInnen seien zu Zeiten auch MüßiggängerInnen. Die Philosophin folgt dem Dichter Novalis, der sagt, die höchste Kunst sei die Kunst zu leben. Lebens- und Mußekunst sind Synonyme. Der Müßiggängerin gehe es um den nie abgeschlossenen Prozess der Eigenschöpfung. Diese unaufhörliche kreative Entwicklung in sich selbst zuzulassen verlangt neben Konzentration und Aufmerksamkeit auch Gelassenheit. Das falle freilich manchmal schwer. Wenn die Schriftstellerin nicht gerade schreibt, arbeitet sie im Garten. Dabei kann sie sich ganz auf den gegenwärtigen Augenblick konzentrieren - ohne sich dabei von Sorgen um die Zukunft, Schatten oder nostalgischen Erinnerungen der Vergangenheit ablenken zu lassen.
Frauen unter Druck
Besonders Frauen wünschen sich mehr Zeit und Muße. Sie stehen durch ihr ständiges Beschäftigtsein enorm unter Druck. Der Arbeitsstress geht nahtlos in Freizeitstress über. Sie werden durch die bestehenden Herrschaftsverhältnisse mit ihren tradierten Rollenbildern und ihrer ungleichen Verteilung von Zeit und Arbeit immer mehr an den Rand gedrängt. Nach wie vor sind es Frauen, die für die gesellschaftlich nicht anerkannte Familienarbeit (Reproduktionsarbeit) zuständig sind - auch wenn hier einiges im Umbruch ist. Die Zumutungen der (männlichen) Machtverhältnisse verschärfen sich in dem unfreiwilligen Verlust der bezahlten Arbeit. Erschwerend zum Existenzsicherungsdruck kommt hinzu, dass Arbeitslosigkeit als Schande wahrgenommen wird. Als ein von außen aufgezwungenes Nichtstun kann diese freie Zeit nicht als solche erlebt werden. Auch die uns alle erfasste “Beschleunigung” des Turbokapitalismus entspringt einer patriarchalen Schieflage. Immer schneller, immer weiter, immer mehr, so die Prämisse der Wirtschaft. Auch Schulen und Kirchen können sich diesem vorgegebenen Tempo nicht entziehen, was an der Diskussion über “Bildung als Ware” und die Abschaffung der Feiertage ersichtlich ist. Die letzten Freiräume der Menschen und der “Reproduktionsbereich” gehen zunehmend in den Produktionsbereich über. Wie dieser Entwicklung entgegensteuern? Wenn von Arbeit die Rede ist, ist meist die bezahlte Arbeit gemeint. Die Differenzierung in bezahlte und unbezahlte Arbeit und die Verteilungsfrage allein greifen jedoch in Sachen Muße und Emanzipation zu kurz. Gisela Dischner geht einen Schritt weiter und würzt die Mußetheorie mit einem kräftigen Schuss Marxismus. Sie übt heftig Kritik an der entfremdeten Arbeit und reflektiert jene als Ausbeutung und als Ausdruckform eines Herrschaftsverhältnisses. Lohnarbeit soll vor diesem Hintergrund zwar umverteilt, aber auch in Frage gestellt werden. Die “unentfremdete Arbeit” definiert sie demnach als “freie bewusste Tätigkeit” und “selbstbestimmtes Tun”. (In der Antike unterschied man zwischen “freie Künste” - “artes liberales” und “knechtliche Künste” - “artes serviles”).
Etwas für Götter
Die Muße ist außerhalb der Arbeitswelt angesiedelt. Sie hat daher mit einem schlechten Image zu kämpfen. Das war nicht immer so. Die Muße wurde in der griechischen Antike hoch geachtet. Aristoteles, ordnete die Muße (“scholè”) der “Energie” der freien Tätigkeit zu, die sich aus der kontemplativen Muße nährt. Die “ascholia”, Mußelosigkeit, teilt er auf in die fremdbestimmte Arbeit (“ergazesthai”)und in die Freizeit, der Erholung. Von der ursprünglich positiven Bewertung “Muße ist nichts für Sklaven, sondern etwas für Götter” (Aristoteles) kam es im Laufe der Jahrhunderte zu einem Wertewandel. Das Sprichwort “Müßiggang ist aller Laster Anfang” ist in fast allen europäischen Sprachen zu finden und bezeichnend für die beginnende Ausrichtung des gesamten Lebens nach der Arbeit. Lohnarbeit wird zunehmend aufgewertet als nützlich, sinnvoll und wirksam, vor allem als notwendig, um zu überleben. Ganz gegen die Bibelgeschichte bringt die Christianisierung die Aufwertung der Arbeit (ora et labora): “Die Müßiggehenden straft der Herr und gibt der Arbeit Lohn und Ehr.” Muße ist in der heutigen Zeit in der Freizeit angesiedelt, aber nicht mit ihr gleichzusetzen. Denn die Freizeit ist Teil des arbeitszentrierten Systems und hat eine andere Geschichte. Sie ging in der Industrialisierung hervor und diente als Regenerations- und Reproduktionszeit für die Arbeit. “Arbeit ist nicht das Gegenteil von Muße, weil Muße außerhalb der Arbeitswelt angesiedelt ist. Arbeit und Freizeit ist das logische Gegensatzpaar”, so Dischner.
 Herzstück ist das Bett
Im Garten einer Müßiggängerin, Denkerin und Dichterin Gisela Dischner darf die Hängematte nicht fehlen. Dieses unverzichtbare Utensil lädt an einem schattigen Platz auf der Veranda zum Verweilen ein. Denn im Ganzen überwiegt im Lebensrhythmus von Gisela Dischner die betrachtende Lebensweise. Wenn sie einen innerlichen Bewegungsdrang spürt, dann kommen für sie Gehen, Reisen, Laufen, Schwimmen, Tanzen in Frage. Ob ein ständiger Reflexionsprozess oder meditativ wahrnehmend: noch wichtiger als die Hängematte ist ihr das Bett, verrät die Mußekünstlerin augenzwinkernd. “Lesen, Schreiben, Schlafen und Lieben, alles das ist von hieraus möglich, Träumen und Denken, mit allen Sinnen wahrnehmen.” Das Gebot der Stunde heißt: “Nach innen geht der geheimnisvolle Weg!” Die Fantasie begleitet die Müßiggängerin auf diesem Weg der Reflexion und des Genusses.
Faulheit und Muße
Die Last der Arbeit rücke gegenwärtig wieder in den Vordergrund und mit ihr die Lust, sie abzuwerfen, schreibt Viola Vahrson in ihrem Buch “Faulheit”. Nicht nur gibt es zu wenig Arbeit für alle, sie gewährleistet auch nicht mehr von selbst Fortschritt und Bildung, wie man es noch im 19. Jahrhundert glaubte. In der Faulheit spiegelt sich die Krise der Arbeit. Ein voller Terminkalender gilt als hipp. Deshalb wird freie Zeit nur mehr durch Fleiß vertrieben. Wie grenzt sich Muße von der Faulheit ab? Faulheit ist pure Negation, während Muße aus der Lebensbejahung lebt. Muße sei aller Liebe Anfang, sagt Christa Wolf. Laut Vahrson sei die Faulheit mit Trägheit verschwistert und die Muße mit Munterkeit. Sie äußert sich in Kunstschaffen und Lebenskunst, in Neugier, Erkenntnisfreude und Forschungsdrang. Dischner versteht Muße als produktives Nichtstun. Die Muße vollziehe sich zwischen den Polen der Entspannung und Konzentration. Muße ist nichts Abgehobenes und Weltfremdes. Im Gegenteil: Muße verlange die Hinwendung zur Welt, in der Auseinandersetzung mit ihrer Vielgestaltigkeit.
Die Wenigen werden mehr
Gisela Dischner hat sich ihr eigenes Zeitparadies geschaffen. Sie fühlt sich privilegiert. “Die freie Muße ist aber etwas, das der Mensch, der gewohnt ist entfremdet zu arbeiten, erst erlernen muss”, weiß Dischner. Dazu komme, dass es “den” Menschen und “die” Frau nicht gäbe. Die Argumentation, dass Muße-Kunst nur der reichen Oberschicht vorbehalten und deshalb elitär sei, komme laut Dischner jedoch genau aus diesen Reihen der an der Macht Interessierten. Dischner plädiert daher für “alle Gerechtigkeit im Sozialen, alle Freiheit im Geistigen”. Sie spricht sich für ein “bedingungsloses Grundeinkommen” aus. Die günstigeren Rahmenbedingungen für die Muße würden jedoch nicht schnurstracks zur Kunst des Müßiggangs führen sondern im Bereich des Möglichen bleiben. Viele würden zu Konsumenten werden und noch mehr fernsehen und internetsurfen, chatten und Computerspiele cool finden. “Wie immer wird es auf die Wenigen ankommen, die ein wenig mehr werden, weil sie nicht mehr im Überlebenskampf erstickt werden.”
2-Stunden Woche
 Arbeit genießt ein hohes Ansehen und Muße ein geringes. Das wollen Muße-Theoretikerinnen ändern. An der Arbeit wird heftig Kritik geübt, um die Muße wieder zu rehabilitieren. “Wir befinden uns am Anfang vom Ende der Arbeit und in dieser Situation bringt es herzlich wenig, um neue Arbeitsplätze zu kämpfen”, schrieb 2001 Erziehungswissenschafter Erich Ribolitis in seinem Essay “Die Arbeit hoch” gegen die derzeitige Arbeitsideologie an. In dieselbe Kerbe schlägt Gisela Dischner. “Die Revolution der Mikroprozessoren macht es möglich, dass ein Großteil entfremdeter Arbeit nicht mehr von Menschen getan werden muss.” Der technische Fortschritt könnte dadurch eine Bereicherung für die Menschheit sein. Dischner plädiert für eine 2-Stunden Woche und eine gerechte Verteilung der Arbeit. Frauen und Männer sollten daher langsam damit beginnen, sich auf dieses neue Übermaß an frei gestaltbarer Zeit einzustellen und die Kunst des Müßiggangs erlernen.
Gestalt der Zukunft
Was für Frauen so wichtig ist: Zeit und Muße sind Voraussetzungen für den eigenen weiblichen Entwurf und den eigenen Weg zur Kreativität. Die Fragen, wie möchte ich mein Leben gestalten, was möchte ich mit meinem Leben tun, lassen sich nur mit Muße und in der Reflexion beantworten. All das macht die Muße so erstrebenswert und deshalb wird über sie nachgedacht. Bekannt sind Muße-Initiativen, wie etwa Die Glücklichen Arbeitslosen in Berlin, der Verein zur Verzögerung der Zeit und otium-bremen.de. Auffällig ist, dass sich kaum Frauen an der so genannten Entschleunigungsbewegung beteiligen. Der weibliche Ruf nach Muße ist (noch) unerhört. Über die geschlechtsspezifische Übung des produktiven Nichttuns liegt bislang keine empirische Untersuchung vor. Geschichtlich und sozialpsychologisch ist es erklärbar, dass der Müßiggang ein Vorrecht des Mannes war. “Meine persönliche Erfahrung ist, dass Männer viel mehr zum Müßiggang neigen”, so Gisela Dischner, die bei Frauen eine Unfähigkeit zur Muße feststellt. Auch das Moment des Spielerischen entdecke sie eher bei Männern. Die Müßiggängerin ist eine Gestalt der Zukunft.
ZUR PERSON:
Gisela Dischner (Professorin emeritus) 1939 geboren, verbringt heute einen Teil des Jahres auf Mallorca, den anderen in Hannover. Sie stand im Briefwechsel mit Nelly Sachs und Paul Celan. In den 80er Jahren erschien ihr Buch “Schlegels Lucinde und die Theorie des Müßiggangs”. Zuletzt war sie als Professorin für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Hannover tätig. März 2009: Broschüre “Müßiggang ist aller Lüste Anfang”, Der Grüne Zweig. 2009 erscheint im Aisthesis-Verlag ihr Buch “Wörterbuch des Müßiggängers”.
ZUR AUTORIN:
Maga. Gerlinde Knaus Freiberufliche Journalistin und Mußepädagogin in Graz. Nächstes Seminar für Frauen: Mit Muße gehen - 8. bis 11. Juli 2009 in Salzburg. Infos: www.mussekunst.com
Der weibliche Muße-Weg
(beim “Mußizieren” ersonnen von Gisela Dischner und Gerlinde Knaus)
Muße ist etwas höchst Individuelles, dafür gibt es kein Rezept und keine Anleitung in zehn Schritten. Wohl aber gibt es Anregungen, wie Muße erlernt werden kann.
- Schulen Sie Ihre Genussfähigkeit. Wie schmeckt die Muße? Wie fühlt sie sich an, welchen Klang hat sie, wonach duftet sie und welches Bild machen Sie sich von ihr?
- Finden Sie Ihren eigenen Rhythmus. (Kraft für Muße durch individuelle Entspannungstechniken, Gehen Sie müßig! Erschließen Sie sich beim Gehen in der Natur Raum aus eigener Körperkraft).
- Entdecken Sie Ihren Eigensinn! Sagen Sie öfter einmal deutlich “nein”!
- Nach innen geht der geheimnisvolle Weg! Verzichten Sie bewusst auf Ablenkungen, wie Fernsehen, Konsum, Leistungssport, unbezahlte Arbeiten.
- Kehren Sie zu Ihren natürlichen Bedürfnissen zurück. Unterscheiden Sie zwischen “echten” und “falschen”.
- Vereinfachen Sie Ihr Leben und verzichten sie dennoch nicht auf Genuss und Lebensqualität. Worauf können Sie verzichten? Was brauchen Sie wirklich?
- Machen Sie das, was Ihnen wirklich Spaß macht. Legen Sie besonders großen Wert auf Tätigkeiten, die von innen bestimmt sind und nicht von außen an Sie herangetragen werden.
- Erlernen Sie die Kunst des Nichts-Tun (Tao) - Gelassenheit.
- Wählen Sie bewusst Umwege, halten Sie inne und nehmen Sie die Welt mit allen Sinnen wahr. Sie dürfen auch Zögern, Bummeln und Umherschweifen. Entdecken Sie Ihr schöpferisches Tun und Ihre Kreativität.
- Verlieren Sie sich an den Augenblick, meditieren Sie.
- Erlernen Sie den spielerischen Umgang mit den Dingen.
- Gehen Sie in den Wald auf Muße-Visionssuche und entdecken Sie Ihre Visionsfähigkeit.
- Rechtfertigen Sie sich nicht mehr für Ihre Muße. Sie gehören zur Muße-Avantgarde!
- Durchschauen Sie die Machtverhältnisse und üben Sie Kritik an der entfremdeten Arbeit!
Musse: Eine kleine Wortgeschichte
Ein Blick in das Etymologische Wörterbuch zeigt: Die “muoza” (althochdeutsch) und später “muoaze” (mittelhochdeutsch) hat die Bedeutung von freier Zeit, den Begriff “Freizeit” gab es im Mittelalter noch nicht. Mit freier Zeit verbunden war “muoze” auch Bequemlichkeit, angemessene Gelegenheit und Spielraum (Zeit und Raum für das eigene, nicht fremdbestimmte Leben), der sich nach Gutdünken gestalten ließ. Das veraltete Verb “müßigen” findet man noch im 19. Jahrhundert genau am Übergang zu “müssen” bedeutet es, jemanden zu etwas nötigen. Das alte, ausgestorbene Verb “muezen” geht auf das germanische “motan” zurück und bedeutet “habe mir zugemessen, besitze als mir Zugeteiltes: Raum, Zeit, Gelegenheit und Kraft”. Das Adjektiv “müßig” dagegen ist abwertend: “das ist müßig” bedeutet “das ist überflüssig”. Das Wörterbuch müsste umgeschrieben und mit einem neuen Verb versehen werden. Da das alte ausgestorben ist schlagen Mußekünstlerinnen “mußizieren” vor.
Dieser Artikel ist erschienen in “Welt der Frau” März 2009 Fotos: © Gerlinde Knaus
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