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EIN STüCK VOM MEER VON ALIZA OLMERT© Mieke Hartmann (27.09.09)
Eine Buchkritik
Der auf autobiographischen Erinnerungen basierende Roman ist ein schlechtes Stück Literatur. Wenigstens kann das Buch aber dazu dienen, einen Blick auf den Zusammenhang von Kunst, Geld und Macht zu werfen, denn Aliza Olmert ist die Ehefrau des ehemaligen israelischen Premierministers Ehud Olmert.
nteressant,” dachte ich. “Ein Buch von Aliza Olmert!”
Die Familie Olmert hatte mich interessiert seit ich vor knapp 4 Jahren nach Israel gekommen war. Damals war Ehud Olmert Finanzminister unter der mitte-rechts Regierung von Premierminister Ariel Sharon. Zuvor war er 10 Jahre (1993 - 2003) Bürgermeister von Jerusalem gewesen. Nach den Wahlen von 2003 wurde er nacheinander Minister für Industrie und Handel, stellvertretender Premierminister und Minister für Kommunikation, alles unter Sharon. Als Sharon im Januar 2006 nach einem Schlaganfall ins Koma fiel, wurde Olmert kommissarischer, und einige Monate später, durch Neuwahlen bestätigt, ordentlicher Premierminister. Unter Olmerts Regierung fand der zweite Libanon Krieg im Sommer 2006 statt, und der Gaza Krieg im Januar 2009.
Während seiner gesamten Amtszeit war Olmert Vorwürfen der Korruption ausgesetzt, bis er schließlich dem Druck nicht mehr standhalten konnte und seinen Rücktritt ankündigte. Dieser Schritt führte zu erneuten Wahlen im Februar 2009, zu denen er nicht mehr antrat, und in deren Folge Binyamin Netanyahu Premierminister eines noch weiter rechts lehnenden Regierungsbündnisses wurde.
Die nächste Person der Familie Olmert, von der ich erfuhr, ist eines seiner Kinder. Dana Olmert lebt mit ihrer Partnerin in Tel Aviv und ist in der israelischen Friedensbewegung aktiv. Ich war sehr überrascht als ich das erfuhr: dieser korrupte Machtmensch, Chef einer chauvinistischen, konservativen Regierung hat eine lesbische Tochter, die sich aktiv gegen seine Politik engagiert?! Wirklich neugierig wurde ich, als ich hörte, dass diese Differenzen keineswegs zu einem Zerwürfnis führten, sondern dass beide Eltern die Position und Lebensführung ihrer Tochter akzeptieren.
Aliza Olmert ist die Frau von Ehud Olmert. Die Tochter von Holocaust Überlebenden aus Lodz wurde in einem Flüchtlingslager in Deutschland geboren und kam als Kind mit ihren Eltern nach Israel. Sie traf ihren zukünftigen Mann an der Universität in Jerusalem, wo sie Sozialarbeit studierte. Als 40-jährige begann sie ein Kunst und Design Studium in Jerusalem, und hat bis heute verschiedene Ausstellungen ihrer Werke in Israel und anderen Ländern gehabt. Auch sie sagt von sich sie sei politisch eher links gerichtet, so dass das rechts-nationale politische Lager davor “warnte”, mit Olmert würden linke Landesverräter in das Haus des Premierministers ziehen.
Es schien als hätte ich einige Vorurteile, welche hier erschüttert wurden. Ich begann zu glauben: Auch korrupte Politiker können irgendwo gute Menschen sein. Und: Es ist möglich die Partnerin eines korrupten Politikers zu sein und ein gutes persönliches Verhältnis mit ihm zu haben, und dabei trotzdem politisch und moralisch integer zu bleiben. Aber kann das wirklich sein?
Über Dana Olmerts Verhältnis zu ihrem Vater weiss ich nichts, und selbst wenn, würde ich wohl hier nicht darüber schreiben. Aliza Olmert hingegen ist eine öffentliche Person, die öffentlich erklärt, dass sie politisch mit ihrem Mann nicht übereinstimmt - wenn sie auch nie wirklich sagt, was denn nun eigentlich ihre Position in politischen Fragen ist. Sie erregte Aufsehen als sie in einem Interview sagte, dass sie 2006 zum ersten Mal bei Wahlen für ihren Mann gestimmt hätte. Weiterhin beteuerte sie, dass sie sich der Problematik bewusst sei, wenn sie als Ehefrau des Premierministers Werke von sich verkaufe. Und tatsächlich stellt sie nie in den prominenten Tel Aviver und Jerusalemer Galerien aus.
Anders sieht es es allerdings in Übersee aus, zum Beispiel in New York, wo 2005 zur Eröffnung einer Ausstellung ihrer Werke eine Reihe prominenter Vertreter aus Politik und höherer Gesellschaft eingeladen waren - aus den USA und Israel. Zu der Zeit war Alizas Mann Minister für Handel und Industrie; die Einladungen zur Vernissage wurden von einer Angestellten des Ministeriums auf offiziellem Ministeriums-Papier geschrieben. Weiterhin ist bemerkenswert, dass, als ihr Mann Premierminister wurde, der Verkausfwert der Bilder von Aliza Olmert von knapp 100 auf 3-4000 $ stieg. [1]
In Israel gibt es skeptische Reaktionen auf die Verquickung von Kunstverkauf und Politik bei den Olmerts. Als Aliza 2007 ein Buch mit Photographien von Streetart (Graffities) in Israel herausgab, tauchten bald darauf in Tel Aviv neue Graffities auf, die - wörtlich übersetzt - besagten: “Aliza Olmert, leck mich, du und deine sogenannte Streetart.” [2]
Ansonsten erfahren die Werke Aliza Olmerts - ausser bei ihren Freunden und denen ihres Mannes aus Politik und Großindustrie - in Israel keine besondere Beachtung, da ihre künstlerische Bedeutung von Experten als überaus gering eingeschätzt wird. Allzu weit scheint es also nicht her zu sein, mit der moralischen Integrität von Aliza Olmert. Auch ihre schriftstellerischen Werke sind eher unbekannt. Und damit komme ich endlich zu dem Buch “Ein Stück vom Meer”, welches ich zur Besprechung vom aufbau-Verlag zugeschickt bekam. Ich hatte es selber bestellt, dummerweise bevor ich all diese aufschlussreichen Artikel über Aliza Olmert gelesen hatte.
Das Buch ist schlecht.
Aus der Sicht des Mädchens Alusia erzählt es die Geschichte einer Neueinwanderfamilie in Israel zu Beginn der 50er Jahre. Die Eltern sind beide jüdische Überlebende des Holocaust aus Polen, ihre einzige Tochter wurde in Deutschland geboren, wohin es das Paar nach dem Krieg verschlagen hatte. Während der Vater fest entschlossen ist, die neue Heimat zu lieben und ihr so gut es geht zu dienen, wehrt sich die Mutter gegen all das Neue, das ihr die Erinnerungen an Europa und ihre ermordeten Angehörigen nehmen will.
Geschichten wie diese gibt es viele in Israel, und sie sind von anderen sehr gut erzählt worden, zum Beispiel in “Das Buch von Josef” von Yoel Hoffmann; oder in “Stichwort: Liebe” von David Grossman, um nur zwei Romane zu nennen, die mich persönlich besonders angesprochen haben, und die das Thema der Neueinwanderung nach Israel aus Europa nach dem Holocaust behandeln. Andere Neueinwanderer kamen aus arabischen Ländern, wie Irak oder Marokko; hier sei insbesondere der Roman “Nuri” von Eli Amir genannt.
Im Fall von “Ein Stück vom Meer” mag einiges an der Übersetzung, beziehungsweise am Lektorat liegen. Die Sprache ist steif und ohne Rythmus, die Sätze unnötig lang und kompliziert gebaut. Anderes jedoch ist eindeutig der Autorin zuzuschreiben. Die Charaktere bleiben unverständlich und erwecken kein Mitgefühl bei der Leserin. Langatmige Beschreibungen irrelevanter Vorkommnisse langweilen, wie auch die unnötigen, häufigen Wiederholungen derselben. Entscheidende Vorkomnisse erfahren die selbe Behandlung und gehen in dem Wust von Worten unter. Plotentwicklungen scheinen rein zufällig entstanden zu sein. Der Text wurde anscheinend nach dem Prinzip hergestellt: wenn alles über eine Situation aufgeschrieben wurde, was zu schreiben war, wird über die nächste Situation in chronologischer Reihenfolge geschrieben. Dazwischen werden willkürlich Erinnerungen an Europa eingestreut, darunter entsetzliche Details aus dem Holocaust. Hier wird die schlechte Qualität des Textes besonders peinlich und schmerzlich.
Mehr will ich über “Ein Stück vom Meer” nicht schreiben. Eigentlich hätte ich am liebsten gar nicht über dieses Buch geschrieben, denn es verdient meiner Meinung nach keine Beachtung. Warum habe ich es dann doch getan? Die Betreiberinnen von Wolfsmutter.com, für die ich diesen Text schreibe, haben den aufbau-Verlag gebeten, mir das Buch zu schicken, und befürchten - wohl zu recht - dass wenn sich daraus keine Rezension ergibt, sie zukünftig keine Freiexemplare mehr bekommen werden. Irgendwie ist das ja auch verständlich: der Verlag will Bücher verkaufen, und nicht verschenken, das heißt für entgeltfreie Bücher muss es dann eben im Gegenzug eine Rezension geben. Fair enough.
Trotzdem fühle ich mich jetzt ein bisschen über den Tisch gezogen, und zu einem Teil der Olmert'schen Verkaufsstragie gemacht. Auch irgendwie verständlich, oder?
FUSSNOTEN
[1] Ein sehr gut recherchierter Artikel auf englisch von Na'ama Lanski (“That Midas touch”) über Aliza Olmerts Kunst und insbesondere besagte Ausstellung in New York, dem ich diese Informationen entnommen habe, findet sich hier: haaretz.com/hasen/spages/981971.html
[2] Auch hierzu gibt es einen Artikel “Ma'ayan and Motti were here and had wild sex” von Talya Halkin, ebenfalls auf englisch. Zu finden hier: haaretz.com/hasen/pages/ShArt.jhtml?itemNo=910592
 Aliza Olmert Ein Stück vom Meer
Aufbau Taschenbuch Verlag, 2009 368 Seiten, broschiert €D 9,95 / €A 10,30 / sFr 19,70 ISBN: 978-3-7466-2495-2
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