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Lebensentwurf von Anfang an© B. Cacioppo, B. Edler, A. J. Rieger (24.09.04)
Wenn eine Frau selbstbestimmt mit ihrem Körper umgehen will...
"Aus Abneigung gegen Spital Baby in Lebensgefahr gebracht: Schwangere flüchtete während Entbindung aus dem Kreissaal" war eine oberösterreichische Schlagzeile vom Juli 2004 der Britta Cacioppo, Brigitta Edler und Astrid Jane Rieger nachgegangen sind.
Kronenzeitung vom Mittwoch den 7. Juli 2004
Aus Abneigung gegen Spital Baby in Lebensgefahr gebracht: SCHWANGERE FLÜCHTETE WÄHREND ENTBINDUNG AUS DEM KREISSAAL! Völlig durchgedreht ist eine Mutter aus dem Linzer Großraum: Die 23 Jährige wurde von ihrer Hebamme mit Blasensprung in die Landesfrauenklinik eingewiesen. Von dort flüchtete die Frau aber während der Entbindung, brachte ihr Baby in akute Lebensgefahr. Das Kleine wurde dann auf einem Bauernhof geboren. "So etwas ist mir in zwanzig Jahren Tätigkeit als Frauenarzt nicht untergekommen", erklärte Klinik-Chef Gernot Tews auf "Krone"-Anfrage: Die 23-Jährige wollte ihr Baby zu Hause mit einer Hebamme gebären. Montag verständigte die Hochschwangere die geprüfte Helferin, dass sie den Blasensprung gehabt hatte. Doch sie wusste nicht, wann das Fruchtwasser ausgetreten war. Die Hebamme brachte die widerstrebende Schwangere sofort zur Klinik. Primar Tews: "Wir haben ihr genau erklärt, wie dramatisch die Situation ist. Jedes fünfte Baby stirbt. Doch die "Spitalshasserin" flüchtete um 7.30 Uhr früh, tauchte unter und gebar das Kind drei Stunden später auf einem Bauernhof. Nun droht ihr eine Anzeige vom Pflegschaftsrichter. von Christoph Gantner
erit stand nach einer völlig normalen Schwangerschaft und gut vorbereitet am Abend des 4. Juli 2004 vor der Geburt ihres ersten Kindes. Sie hatte das Gefühl Fruchtwasser zu verlieren, war sich jedoch nicht sicher, seit wann und wie viel. Wehen waren noch nicht vorhanden. Sie verständigte ihre Hebamme, die sie bei der Hausgeburt begleiten wollte. Auch eine weitere Hebamme, die in der Frauenklinik arbeitet, war gerade zu Besuch. Nach einem längeren Gespräch mit den Hebammen entschloss sich Berit in die Klinik zu fahren um zu überprüfen ob es dem Kind auch wirklich gut ginge. Für Berit, ihren Mann und die Hebammen stand fest, dass sie nur zur Kontrolle ins Krankenhaus fahren wollten, um dann, wenn irgend möglich, wieder nach Hause zurückzukehren, und das Kind dort zur Welt zu bringen.
Sie hatte als junges Mädchen mit Krankenhäusern nicht so gute Erfahrungen gemacht, trotzdem wollte sie bei ihrem Kind nichts riskieren, und fuhr in Begleitung ihres Mannes, ihres Schwiegervaters, und mit den zwei Hebammen in die Klinik des Landeskrankenhauses nach Linz. Nach einer Ultraschalluntersuchung die von einer jungen Ärztin durchgeführt wurde, lautete der Befund, dass das Kind übertragen sei, die Plazenta bereits verkalkt, und über den Zustand des Kindes könne man nichts sagen, da könne man nur hoffen ... Die von Berit bewusst selektiv durchgeführten Untersuchungen des Mutterkindpasses wurden von der Ärztin ebenfalls negativ kommentiert. (mehr dazu etwas weiter unten).
Der Chefarzt ordnete nach dieser Feststellung - ohne Berit auch nur gesehen zu haben - sofort einen Kaiserschnitt an. Einer normalen Geburt würden sie nicht mehr zustimmen, die käme nicht mehr in Frage. Berit war damit nicht einverstanden. Obwohl stark verunsichert, war sie sich sicher, dass der Befund nicht stimmen könne. Sie entschloss sich, in Begleitung von Mann und Schwiegervater das Krankenhaus zu verlassen, der Revers wurde ihr von der Hebamme zur Unterschrift gegeben. Die “verwandte Hebamme« durfte ihr aufgrund ihres Arbeitsverhältnisses im Krankenhaus nicht beistehen, die Hebamme, die sie bei der Hausgeburt begleiten wollte, musste den Fall abgeben, weil er angeblich medizinisch zu heikel sei. Berit fuhr nicht nach Hause sondern in den nahegelegenen Bauernhof, in dem auch ihr Mann geboren worden war. Der Hausarzt wurde verständigt, und sie gebar wenige Stunden nach all dieser Aufregung ohne irgendwelche Komplikationen ihre kleine Tochter Ronja.
Nach Untersuchung des Arztes waren Mutter und Kind gesund, das Kind kam fristgerecht zum Geburtstermin auf die Welt, die Plazenta war nicht verkalkt, das Kind nicht übertragen.
Szenenwechsel
as Krankenhaus brachte die "Flucht" zur Anzeige, die Gendarmerie wurde verständigt und "auf die Jagd" geschickt - wie es scheint mit Angaben, wie sie in der Kronenzeitung zwei Tage später standen (siehe Kasten). Berit hatte das Krankenhaus kaum verlassen, als die Gendarmerie anrief und gleich darauf vor der Tür ihres Hauses stand: Berit sei völlig verwirrt während der Geburt aus dem Kreissaal geflüchtet. Die Mitbewohner wurden zur Mithilfe ihrer Auffindung aufgefordert. Nach Berit und ihrem Mann wurde eine Fahndung ausgeschrieben wie nach Schwerverbrechern. Auch ein Hubschraubereinsatz wurde erwogen. Berit blieb glücklicherweise bis nach der Geburt für die Gendarmerie unauffindbar. Ronjas Vater verbrachte anschließend die ersten Stunden des Lebens seiner Tochter damit, sich bei den oben genannten Stellen zu rechtfertigen, um sich nicht gröbere Schwierigkeiten einzuhandeln. Schließlich wurde einige Stunden nach der Geburt des Kindes die Anzeige vom Spitalsarzt zurückgezogen.
Raum für Selbstbestimmung
onja hat das Glück gehabt, in eine Gemeinschaft hineingeboren zu werden, die seit Jahren als Kultur- und Schulverein arbeitet, in der Bildung, Ausbildung, das achtsame und selbstbestimmte Wachsenlassen von Kindern seit langem Schwerpunkte sind. Wo Selbstverantwortung und Widerständigkeit zum Alltag gehören. Die türkische Frau, die zwei Tage später in Graz infolge einer Verwechslung im 6. Monat durch einen Kaiserschnitt von ihrem Kind entbunden wurde, hatte keine Möglichkeit, sich zu widersetzen und zu schützen.
Die Entrüstung über diese Entmündigungen hat unter uns zu langen Gesprächen geführt. Verschiedene Aspekte scheinen uns symptomatisch für unsere Gesellschaft und bedeutsam für mögliche Lebensentwürfe. Die Zurichtung auf entfremdete Standardlebensentwürfe, die Verunsicherung und Entmündigung von Frauen und die damit einhergehende Medikalisierung der Reproduktion scheinen uns einige Überlegungen wert.
Als Berit schwanger wurde, entschied sie, nicht alle Vorsorge-Untersuchungen in Anspruch zu nehmen. Sie hat zwar eine Blutuntersuchung und eine ärztliche Untersuchung machen lassen, hat aber für sich entschieden, dass sie die laufenden gesetzlich verordneten Untersuchungen nicht will. Das wurde von ihrer Familie mitgetragen, der Verlust der Prämie in Kauf genommen. Diese Wahl haben nicht alle Frauen, da das Mutter-Kind-Geld nur mit diesen Vorsorgeuntersuchungen ausgezahlt wird. Sie hatte eine gute Schwangerschaft und hat darauf geachtet, nur das zu tun wonach ihr war: Spazieren Gehen im Wald, Arbeiten, die ihr nicht schaden, oder einfach Ausruhen. Sicher ist das nicht möglich, wenn eine Frau ausserhalb einer Gemeinschaft arbeitet und erst 10 Wochen vor der Geburt in Mutterschutz kommt. Für Berit stand früh fest, dass sie ihre Schwangerschaft und die Geburt nicht mit ÄrztInnen oder im Krankenhaus verbringen wollte. Sie freute sich auf ihr erstes Kind und wollte mit Zeit und Muße auf sich und ihren Körper in dieser Zeit hören. Durch den Fruchtwasserverlust kam dann fast alles anders.
Es geht nicht um eine grundsätzliche Ablehnung der Geburt im Krankenhaus, sondern darum, dass Frauen wissen und spüren, was los und was richtig und gut für sie ist - und dort ihre Kinder bekommen, wo es für sie am besten passt, im Krankenhaus, wenn sie sich dort sicherer fühlen, oder zu Hause, wenn sie sich dort geborgener fühlen. Frauen müssen die Wahl haben und die Freiheit, sich selbst zu entscheiden, was sie für sich und ihr Kind wollen. Die zunehmende Entmachtung der Hebammen wird an diesem Vorfall auch deutlich. Die Meinung der Hebamme ist nicht mehr gefragt, der technische Befund hat in der Klinik Priorität. Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre waren Hausentbindungen nicht alltäglich, dann erfolgte eine Art Umbruch - die Hebammen organisierten sich und wurden immer spezialisierter. Im Rückblick handelte es sich dabei aber wohl doch nur um einen scheinbaren Umbruch, da jetzt wieder ein Rückschritt zu beobachten ist, Hebammen nur dann eine Geburt begleiten können, wenn keinerlei "Risikofaktoren" vorliegen - aber immer mehr wird als Risiko definiert. Gesetzlich geregelte Voruntersuchungen und die gesetzlichen Einschränkungen von Hebammen, dass sie keine Risiken bei Geburten eingehen dürfen, sollen zwar einerseits das vom Staate verordnete Wohlergehen von Mutter und Kind sichern, führen aber auf der anderen Seite dazu, dass Frauen, die bewusst eben nicht diesen Weg gehen wollen, mit fast unüberwindbaren Hindernissen und Anforderungen konfrontiert werden und sich durch einen Dschungel von Regulierungen und Sanktionen durchkämpfen müssen.
Berit, die kein Vertrauen zu den anwesenden ÄrztInnen hatte, war bei der Untersuchung verängstigt und verunsichert, aber trotz oder vor allem deswegen stand für sie fest, dass sie ihr Kind nicht in diesem Klima zur Welt bringen wollte und schon gar nicht mit Kaiserschnitt. Mit den Gefühlen der Angst und des Zweifelns bereute sie, über ihren Verdacht, dass Fruchtwasser abgegangen sei, auch nur gesprochen zu haben. Dadurch ist sie in eine Situation geraten, in der sie sich überfahren fühlte, und gar keine Kontrolle mehr über die Entscheidung hatte, was nun weiter passieren sollte. In diesem Moment stand aber ihre Familie hinter ihr, und für die war klar, dass Berit selbst am besten wusste, was für sie und das Kind richtig ist. Diese Haltung setzt eine lange Erfahrung in Wahrnehmung und Umgang mit Menschen voraus.
Der eigenen Wahrnehmung vertrauen ist heute schwer und zunehmend kaum noch erlernbar, wir verlassen uns auf technische Hilfsmittel, anstatt selbst auf unseren Körper zu achten.
elbstbewusstsein und Sicherheit in die eigene Wahrnehmung, das Achten auf eigene Bedürfnisse: Wo soll es erlernt werden, wenn die Freiräume immer enger werden, wenn bereits bei der Geburt "ExpertInnen" besser wissen, wann sie stattzufinden hat? Wenn Kindergarten, Schule und Erwerbstätigkeit kaum Raum für Wahrnehmung der Bedürfnisse und eigene Entscheidungen lassen? Essen, Schlafen, Spielen sind meist vorgegeben. Selbst, wann Schmerz Schmerz ist, wird fremdbestimmt. Wie viele Eltern oder BetreuerInnen halten ein weinendes Kind aus, ohne ihm klarzumachen, dass es ja nicht so schlimm sei und es daher nicht zu weinen hat! Wie viele Kinder können selbst entscheiden, wann sie was essen, ob sie schlafen wollen, ob sie sich krank fühlen und ob sie kalt oder warm haben bzw. ob sie etwas an- oder ausziehen, auf welchen Baum, auf welche Mauer sie sich noch hinauftrauen und wovor sie sich fürchten. Und was ihnen gut tut oder schlecht bekommt. Und so geht das weiter, Schul-Lehrpläne und Schuldisziplin füllen die Wachstumszeit aus. Für eigene Gefühle und Wahrnehmungen ist kein Platz, sie verhindern höchstens das Funktionieren und machen nur das Leben schwerer - besser, gar nicht darauf achten. Und immer ist jemand da, der als außenstehender Experte "weiß", was richtig ist. Dies trifft auf Frauen noch viel stärker als auf Männer zu. Eigenverantwortung wird bei Mädchen als Eigensinn negativ abgestempelt, bei Burschen eher positiv bewertet.
Widersprüchliche Entscheidungsverantwortung
erwundert es, wenn bei dieser Verunsicherung und Infantilisierung, Frauen, sobald sie schwanger sind, sich in der Beurteilung ihres Befindens nur noch auf die technisierte Medizin verlassen und die Verantwortung an die MedizinerInnen abgeben? Die Konsequenzen der Entscheidungen werden jedoch individualisiert und letztendlich stehen die Frauen mit maßgeblichen Entscheidungen wieder alleine da. Zum Beispiel die Entscheidung, ob ein eventuell behindertes Kind abgetrieben werden soll oder nicht, müssen die Frauen verantworten und werden dafür von der Gesellschaft auch verantwortlich gemacht. MedizinerInnen sind auf eigene Absicherung bedacht. Sie gehen daher immer von der ärgsten Möglichkeit aus. Sie können die Gratwanderung, wie weit eine Frau sich selbst beurteilen kann und wann nicht, meist gar nicht vollziehen, am allerwenigsten begleiten, da sie die schwangeren Frauen nicht kennen, oder im krassesten Fall, wie oben beschrieben, nicht einmal gesehen haben. Geräte und technische Infrastruktur werden aus Rentabilitätsgesichtspunkten maximal eingesetzt und nicht unbedingt danach, ob sie wirklich nötig sind. Es ist jedoch davon auszugehen, dass Sorge und Angst der werdenden Mutter die Befunde der technisierten Medizin negativ beeinflussen können.
In einer großangelegten Datenauswertung in Deutschland, die u.a. die Interventionsraten während der Geburten von 1984 und 1999 vergleicht, zeigte sich, dass nur bei 6,7 % der Geburten keine Interventionen stattfanden. Erfasst wurden die Interventionen: medikamentöse Zervixreifung, Geburtseinleitung, Wehenmittel während der Geburt, Periduralanästhesie, Dammschnitt, vaginal-operative Entbindung, primärer und sekundärer Kaiserschnitt. Die stärkste Zunahme erfolgte bei den "normalen Schwangerschaften", was die Autorinnen der Studie zur Schlussfolgerung veranlasst: "Die Technisierung der Geburt - insbesondere der normalen Geburt, hat ein beträchtliches Ausmaß erreicht: eigentlich für pathologische oder pathologie-verdächtige Zustände gedachte Eingriffe (wie z.b. die Geburtseinleitung oder der Kaiserschnitt) werden zunehmend auch bei normalen Verläufen eingesetzt. Dies trifft auf fast alle geburtshilflichen Eingriffe zu. Eine wesentliche Rolle scheint nach den vorliegenden Ergebnissen die steigende Einleitungsrate zu spielen, die häufig weitere Interventionen nach sich zieht". Diese erhöhte Interventionsfreudigkeit sollte eigentlich auch zu einer Verbesserung der Lebensrate und oder des Befindens der Neugeborenen führen. Dem ist aber laut der oben genannten Auswertung nicht so: Weder hat sich die Rate der perinatalen Todesfälle seit den 80er Jahren verringert, noch zeigen Apgar oder Nabelblut-Messungen ein verbessertes Befinden.
Lebensbeginn ohne Fremdbestimmung
in in Selbstverantwortung und Widerstand geübtes Umfeld und Netz sind notwendig, um eigene Entscheidungen auch leben zu können. Vielleicht spielt das zur Welt Kommen zur richtigen Zeit, passend zur eigenen Physiologie und im passenden Umfeld bereits eine entscheidende Rolle für die Entwicklung von Vertrauen in die eigene Wahrnehmung.
VERANSTALTUNGSHINWEIS:
9. Grazer Kongress "Neue Wege in der Geburtshilfe und Wochenbettperiode" 30.09.2004 - 03.10.2004 veranstaltet vom Eltern-Kind-Zentrum Graz
Ort: Bildungszentrum Raiffeisenhof, Krottendorferstr. 8, 8052 Graz
Anmeldung und Infos: EKiZ Graz Tel. +43 (316) 378 140 Mail: info@ekiz-graz.at www.ekiz-graz.at
dieser Artikel ist erschienen in: AUF 125 - September 2004
AUF-Eine Frauenzeitschrift Verein zur Förderung feministischer Projekte Kleeblattgasse 7, A–1010 Wien Tel 01/533 91 64 Fax 01/532 63 37 E-mail auf@auf-einefrauenzeitschrift.at www.AUF-EineFrauenzeitschrift.at
BILDNACHWEIS: Die Fotos zeigen Arbeiten der Theaterplastikerin Susanne Ley, Saarbrücken - www.leyout.de © Susanne Ley
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