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Wie ich über den Mond sprang© Irmgard Neubauer (06.01.10)
Mary Daly 16. Oktober 1928 - 3. Januar 2010
Am 3. Januar 2010 verstarb die US-amerikanische Radikalfeministin und Vordenkerin der zweiten Frauenbewegung Mary Daly im Alter von 81 Jahren. - Ein persönlicher Nachruf und ein großes Dankeschön von Irmgard Neubauer.
ie ein Blitzstrahl traf mich am 4. Jänner 2010 die - damals noch nicht verifizierte - Nachricht einer Freundin, dass Mary Daly einen Tag zuvor verstorben sei. Wie ein Messer bohrte sich diese Nachricht in meine Brust, großer Schmerz breitete sich in mir aus. Mary Daly tot? Unfassbar. Konnte das stimmen?
Ich begann im Internet zu recherchieren, doch keine einzige deutschsprachige Website wusste davon zu berichten; lediglich auf amerikanischen katholischen (!) Websites und Blogs geisterte diese Meldung herum. Alle bezogen sich auf ein und dasselbe email, deren Absenderin Mary E. Hunt war.
Ich wurde misstrauisch: Warum “wussten” nur amerikanische, katholische Websites und Blogs davon? War das Ganze vielleicht nur ein grauenhafter “Scherz” - entworfen und in die Welt gebracht von Dalys erbittertsten Kritikern? War das email von Mary E. Hunt, die einzige Quelle über Mary Dalys Tod, möglicherweise gefälscht? Und wenn die Meldung von ihrem Tod tatsächlich stimmte, warum wurde und wird das in den wenigen feministischen deutschsprachigen Medien totgeschwiegen? (Vor allem letzteres beschäftigt mich bis heute...)
Doch am 5. Jänner 2010 stand nun auf Mary Dalys eigener Website: “Rest in Peace, Mary.” Die traurige Nachricht stimmte also.
Ich begann nachzudenken, darüber, wie es für mich war, als ich zum ersten Mal mit ihren Büchern in Berührung kam:
Es war Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre, ich war eine junge, begeisterte Feministin und Buchhändlerin und hatte das Glück, dass die Buchhandlung, in der ich arbeitete, einige Werke von Mary Daly führte. (Das war bereits damals schon eine Seltenheit, seit über mindestens zehn Jahren führt in Wien keine einzige zumindest mir bekannte Buchhandlung mehr Bücher von Mary Daly. Zu radikal, zu feministisch und dann obendrein auch noch lesbisch! Damals wie heute. Dem heutigen Zeitgeist, wo viele im “Gender mainstream” hängenbleiben, wo viele Frauen (und solchen, die es gern wären) sich selbst als queer, inter-bi-trans-undwasweißichnoch-sexuell definieren, so gar nicht entsprechend.
Mit großen Augen und glühenden Wangen begann ich nun damals “Gyn/Ökologie - Eine Metaethik des Radikalen Feminismus” zu lesen. Und obwohl ich bestimmt nicht mal die Hälfte davon verstand [1] spürte ich, dass ich hier auf was ganz Großes, ganz was Wichtiges, ganz was Besonderes gestoßen war! So manches Mal konnte ich nicht weiterlesen, musste das Buch zur Seite legen - zu schmerzhaft war die Erkenntnis über die ungeheuerlichen, grauenhaften Schrecken, die uns Frauen das Patriarchat zumutet. Es öffnete mir die Augen für das, was um mich herum geschah, es betraf ja nicht nur mich, sondern alle Frauen: die Dämonen des Patriarchats, seien es christliche Mythen, der allgegenwärtige Frauenhass; die tödliche Macht des Patriarchats, die sich in den europäischen Foltern & Ermorden unzähliger Frauen (heute “Hexenverfolgung” genannt), in dem chinesischen Füße-Einbinden, in den indischen Witwenverbrennungen, den Klitorisverstümmelungen, der amerikanischen (westlichen) Gynäkologie, Nazi-Medizin usw usf... zeigt. (Die Liste ist leider lang und ich fürchte, der Gipfel an Folter, Frauenhass und Frauenmorde ist immer noch nicht erreicht.)
Trotz der schmerzhaften Erkenntnis all dieser Ungeheuerlichkeiten empfand ich es als überaus befreiend, all diese grauenhaften Dinge so klar und deutlich zu erkennen und vor allem zu benennen. Ich war schlichtweg überwältigt! Mary Dalys Texte veränderten mein Denken, mein Fühlen, mein Handeln, mein Leben. Mir erging es wie Erika Wisselinck [2]: Ein eiskalter, klärender Wind fegte durch mein Gehirn!
In “Auswärts Reisen: die strahlkräftige Fahrt” beschreibt Mary “Wie ich über den Mond sprang”:
“Wir brauchen unsere Werkstätten auf der Anderen Seite des Mondes, und wir werden hier auch wieder Kongresse veranstalten [...]. Doch müssen wir ständig zur Erde pendeln, an der Befreiung unserer Schwestern arbeiten und den Kampf um das Leben auf dieser Erde weiterführen. [...] “Scheitern ist unmöglich!” rufen wir alle miteinander. Und in Sekundenschnelle machen wir uns alle auf den Weg durch den Himmel. Wir werden handeln oder sterben...oder handeln und sterben. Aber wir werden nie unterworfen werden, niemals.” (Auswärts Reisen: Die strahlkräftige Fahrt, S. 493)
Nun ist sie gesprungen. Endgültig gesprungen auf die Andere Seite des Mondes.
“Ich muss mich einfach hier, bei den Gefährtinnen auf der Anderen Seite des Mondes, ein wenig ausruhen”, denn “es ist so erholsam hier auf der Anderen Seite des Mondes!” (Auswärts Reisen: Die strahlkräftige Fahrt, S. 437 + S. 458)
Nun ruht sie sich also aus - auf der Anderen Seite des Mondes. Zumindest vorläufig. Wie ich sie kenne, heckt sie dort bestimmt bald was Neues aus: Spinstert & spuckt, entgeistert und häxt munter weiter.
Niemals unterworfen, niemals.
Fare Well, Mary! Wir sehen einander auf der Anderen Seite des Mondes...
In großer Dankbarkeit, Irmgard
ANMERKUNGEN:
[1] Daly verwendet viele Wortspiele, erfindet neue Wörter, ändert die Bedeutung von Wörtern, spielt mit Doppelbedeutungen usw usf...
[2] Erika Wisselinck, bereits vor einigen Jahren verstorben, war die großartige - und manchmal auch von Marys Wortspielen geplagte - Übersetzerin von Dalys Werken ins Deutsche. Viele amerikanische Feministinnen hielten aufgrund der von Daly entwickelten neuen Sprache “Gyn/Ökologie” schlichtweg als unübersetzbar. Erika machte sich auf die abenteuerliche Reise des Übersetzens.
Dieser Nachruf erschien auf www.frauenwissen.at
WEITERFÜHRENDES: www.marydaly.net www.fembio.org Mary Daly Radical Feminist Fan Club on Facebook
Kommentare unserer Leserinnen...* Du kannst ...:   Wie ich über den Mond sprang

Irmgard Neubauer
06.01.10 22:11
Mary Daly 16. Oktober 1928 - 3. Januar 2010
Am 3. Januar 2010 verstarb die US-amerikanische Radikalfeministin und Vordenkerin der zweiten Frauenbewegung Mary Daly im Alter von 81 Jahren. - Ein persönlicher Nachruf und ein großes Dankeschön von Irmgard Neubauer. dieser Kommentar wurde automatisch erstellt, damit Forenbesucherinnen zum Artikel finden und den Zusammenhang verstehen
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 Re: Wie ich über den Mond sprang

saltnpepa
06.01.10 22:15
Hallo Irmgard,
Danke fuer dieses posting und deine Danksagung an Mary Daly
Sie war fuer mich die groesste radikalfeministische Denkerin unserer Zeit.
Ihr Beitrag zum Feminismus war grundlegend.
The fact is that we live in a profoundly anti-female society, a misogynistic "civilization" in which men collectively victimize women, attacking us as personifications of their own paranoid fears, as The Enemy. Within this society it is men who rape, who sap women's energy, who deny women economic and political power.(Mary Daly)
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 Re: Wie ich über den Mond sprang

Gästin
09.01.10 16:55
Auch ich danke für diese wichtige Mitteilung.Selbst hier in Berlin habe ich nix davon gehört.So wie ein Sandkorn ist sie jetzt verschwunden.Bei mir steht auch seit mindestens 20 Jahren das Buch.Möge der Tod dieser mutigen Frau ein Impuls sein, sich wieder kraftvoller für ein wirklich frauenfreundliches Leben einzusetzen.In dem Zusammenhang: in Berlin beim EWA gibt es jetzt eine Late Bloomers Guppe, noch am Anfang.
Christiane
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