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MAGAZIN

ANTJE SCHRUPP: WAS WäRE WENN?

© Sabine G. Mandl (02.04.10)


Politik & Gesellschaft

Über das Begehren und die Bedingungen weiblicher Freiheit

“Weibliche Freiheit bedeutet, die Emanzipation der Frauen nicht als das Ende der Entwicklung zu begreifen, sondern als Ausgangspunkt. Für eine andere Welt, wobei das Ergebnis anders als bei der Emanzipation nicht vorher schon bekannt ist, sondern sich erst entwickelt.”, so die Ankündigung zu Antje Schrupps neuestem Buch.



ntje Schrupp: Was wäre wenn?

eim Lesen der Schlagwörter des Inhaltsverzeichnisses, wie Weiblichkeit denken, Mutterschaft, Rückkehr der Vielehe, Konkurrenz, Neid, Vorbild Frau(en), Arbeit, Philosophie der Pflicht, mit (Un)Sicherheit leben, Böse, ... dachte ich an eine scheinbar willkürliche Zusammensetzung wichtiger Kategorien. Zwar fielen mir die umfassenden Themenstellungen ins Auge, allerdings ohne, dass sich die innere Logik sofort erschlossen hätte. In diesen ersten Kapiteln geht es Antje Schrupp darum, mehr Klarheit über einzelne Themenfelder und deren wichtige Begriffe zu bekommen. Erst je mehr Kapitel ich las, desto logischer erschloss sich der innere Zusammenhang oder eben die Bedingungen weiblicher Freiheit.

Zuallererst begann ich mit den zwei für mich spannendsten Kapiteln. “Dem eigenen Begehren folgen. Vom Sich einlassen in das Spiel des Lebens” und “Was wäre wenn? Weibliches Begehren und die Stärke des Neuanfangs.”

Antje Schrupp verwendet den Begriff Begehren, abgeleitet vom italienischen “desiderio” im Sinne der Mailänderinnen und ihrer Strategie des Affidamento, sich weiblicher “Autorität” anvertrauen. Somit bezieht sich das Begehren, das untrennbar mit einer Frau/Person verbunden und individuell ist, immer auf die Realität, auf die Welt. Begehren will in der Welt etwas verändern und weist auf Mängel hin, indem etwas anderes begehrt wird und richtet sich immer an andere Frauen/Menschen und an Beziehungen. Daher ist das Aufeinandertreffen von Begehren und Realität ohne die Vermittlung durch andere nicht möglich. Da diese aber keine “Begehrenserfüllungsautomaten” sind, sondern wieder eigenständige Personen, erfüllt sich Begehren nur mittels Verhandlungen und auch in möglichen Konflikten, verlangt das Begehren nach Austausch und freiwilliger Zusammenarbeit aller Beteiligten. Unsere Vernunft, unser Ich, bringt uns dazu etwas zu wollen. Aber unsere Seele bringt uns dazu, etwas zu begehren. Nach Dorothee Markert sind das “100-Prozent-Situationen” oder nach Chiara Zamboni wird “Das Lächeln des Seins” hergestellt. Überall dort, wo eine das Begehren hinzieht, können wir an die Grenzen des derzeit Möglichen kommen und sogar darüber hinaus. Luisa Muraro betont, dass das Begehren die Bedingung dafür ist, dass unsere von existenziellen Krisen bedrohte Welt noch gerettet werden kann, weil weibliches Begehren sich über die Grenzen dieser Welt “in das Nichts” hinauslehnt und deshalb das Stärkste ist, was wir haben, um etwas Neues in diese Welt zu bringen. Diesen experimentellen Weg des Begehrens zu gehen, fordert dieses Buch.

Was wäre wenn du dieses Buch liest, um es als Ausgangsposition und Anfang für dein eigenes Gedanken-Experiment zu nehmen und dein Begehren zu reflektieren? Denn Begehren eröffnet Stärke, Energie und Konzentration auf wirkliche Wichtigkeiten im Leben.

Bedingungen weiblicher Freiheit und abgeleitete Begrifflichkeiten werden von Antje Schrupp in historischem Kontext eingebettet und in leicht verständlicher Sprache dargestellt, sodass ihr Buch sowohl für junge ForscherInnen und NeueinsteigerInnen in den Feminismus als auch für versierte TheoretikerInnen spannend bleibt, gerade auch weil verschiedenartige Gedankenstränge neu miteinander verwoben werden. So zeigt sie, wie Emanzipation als Gleichberechtigung der Frauen mit Männern an diese gebunden bleibt, wo hingegen im Feminismus weibliche Freiheit heißt, die Welt selbstbestimmt nach eigenen Wünschen zu gestalten und eigene Visionen und Träume zusammen im Austausch mit anderen zu verwirklichen. Gerade die Differenz der Frauen stellt auch heute noch die Inspiration des Feminismus dar. Unterschiedlichkeiten zu entdecken und fruchtbar zu machen, einander zu inspirieren, aber auch produktiv zu streiten, braucht auch heutzutage noch Orte, Räume, Zeit, Ressourcen und (Geld) Mittel.

Wenn freie Frauen auf ihre individuelle und eigenwillige Weise aktiv werden, nimmt Schrupp dies als Ausgangspunkt die gemeinsame Welt zu gestalten und nicht nur die Situation von Frauen zu verbessern. So werden Frauen politische Akteurinnen und weibliche Kultur und weibliche Subjektivität sichtbar.

Bei der Definition von Weiblichkeit verweist Schrupp nicht auf Befreiung der Frau(en) und der unterschiedlichsten Erklärungsansätze, wie genetisch-biologische, ontologische - das weibliche Wesen betreffend, psychologisch-archetypische, evolutionäre, soziologische, kulturelle Identitäten sondern, dass sich Frauen aufeinander beziehen und stellt die Bezogenheit von Frauen in den Mittelpunkt.

Auch beim Thema Mutterschaft fokussiert sie sich auf Bezogenheit und Beziehung, greift sie Hannah Arendts “Gebürtigkeit der Menschen” sowie Luisa Muraros “Dankbarkeit gegenüber der Frau, die mich zur Welt gebracht hat” auf und stellt fest, dass sich vieles ändern würde, würden wir uns erinnern, dass die eigene Existenz als Abhängige, von einer Frau geboren, begann. Die aus der Hilfebedürftigkeit der Menschen folgende Fürsorgetätigkeiten ins Zentrum der politischen Verhandlungen zu stellen und die gesellschaftliche Notwendigkeit diese Beziehung zwischen den Generationen, zwischen Kindern und Erwachsenen und symbolische Ordnung der Mutter, Aufwertung von mütterlicher Autorität neu zu denken, eröffnet neue Ansatzpunkte bei der Neugestaltung von Familienstrukturen, wie heutiger Patchworkfamilien.

In einem wichtigen Bereich, dem der Arbeit, bezieht sie sich auf die drei Arten des Tätigwerdens in Hannah Arendts “vita activa” - Arbeiten, Herstellen und Handeln, erweitert den Arbeitsbegriff so, dass alle Formen der Arbeit eingeschlossen werden können, diskutiert Merkmale der geschlechtlichen Arbeitsteilung, nennt drei Säulen für die Gestaltung des Arbeitslebens: die Lust oder Freude an der Arbeit, Arbeit als Barmherzigkeit oder Sorge für die anderen und das Dienen im Sinne von Verantwortung für den Gesamtprozess beim Arbeiten übernehmen. Aus ihren Ableitungen zum Geld als notwendiges Tauschmittel und Lohn als Bezahlung für geleistete Arbeit, ihren Gedanken zur Fähigkeit zur Sparsamkeit gelangt sie schließlich zu Überlegungen eines leistungsunabhängigem Grundeinkommen und deren positiven Auswirkungen für den Arbeitsalltag. Sie warnt Frauen davor, einzig Erwerbsarbeit als Schritt in die Freiheit zu erfahren, denn oft wird die Abhängigkeit vom Ehemann nur durch die Abhängigkeit vom Chef ersetzt und eine Selbstverwirklichung ist auch dort nicht gegeben. Vielmehr fordert sie Freiheit, sich auf das “Sehen der Notwendigkeit” einzulassen. Damit meint sie, notwendige Arbeit wahrzunehmen und zu machen, jenseits von Bezahlung und Arbeitsverhältnis.

Dieses Buch bietet keine fertigen Antworten, Praxisanweisungen oder Rezepte, sondern die Stärke liegt in der Herleitung neuer Paradigmen. Es gilt die gesellschaftliche Notwendigkeit aufzuzeigen, dass sich anstatt auf verallgemeinerbaren, abstrakten Maximen, juristischen Angelegenheiten oder Expertisen zu verlassen, es dringend notwendig ist, dass Frauen sich ermächtigen, ihre Fähigkeit zu verantwortlichen Entscheidungen und Handlungen wahrzunehmen, und die Welt weiblich umzugestalten und zu bereichern.

Es gefällt mir gut, dass Antje Schrupp selbst auf ihrer Homepage meint, dass ihre in diesem Buch entfalteten Thesen vorläufig seien, dass sie Zwischenbilanz eines Prozesses sind, der seit vielen Jahren in Gang und noch längst an keinem Ende angelangt ist. Weiters dass viele Ideen und Anregungen von anderen in dieses Buch eingeflossen sind und sie im Austausch mit anderen entstanden sind. Sie zeigt auch auf, wann und in welchem Kontext die einzelnen Kapitel entstanden. Ihr Buch sieht sie als einen wichtigen Beitrag, dass das Denken und die Politik der Frauen als etwas begriffen wird, das sich auf das Ganze richtet, auf Frauen und Männer gleichermaßen sowie auf die gemeinsam bewohnte und zu gestaltende Welt.

Dank an Antje Schrupp für ihre inspirierenden Fragestellungen und für ihre wichtigste Frage: Was wäre wenn, die neue Sichtweisen auf Politikfelder, Beziehungen und die Welt provoziert und eröffnet? Wünschenswerter Weise ist sie gleichsam auch eine Herausforderung an dich liebe Leserin, die Flamme des Begehrens zu entzünden für ein Mehr an persönlicher Freiheit für jede Einzelne, sowie auch lustvolle Handlungsansätze für die Frauenbewegung, besonders aber für die Umgestaltung in eine liebenswerte, fried- und lustvolle Welt.

ZUR AUTORIN:

Dr.in Antje Schrupp
ist Journalistin und Politologin und seit 2000 Redakteurin der Zeitung “Evangelisches Frankfurt” und seit 1997 freie Referentin und Publizistin zu Themengebieten aus Philosophie, Feminismus, Religionen und Weltanschauungen oder Geschichte des Sozialismus. Mehr zu ihrer Person und ihren Tätigkeiten auf ihrer Homepage: www.antjeschrupp.de

Antje Schrupp: Was wäre wenn?
Antje Schrupp
Was wäre wenn?

Über das Begehren und die Bedingungen weiblicher Freiheit

Ulrike Helmer Verlag, 2009
180 Seiten, broschiert
€D 16,90 / €A 17,40 / sFr 31,00
ISBN: 978-3-89741-292-7

Buch bestellen (bei Berta - Bücher und Produkte, Graz)



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