DIE SPINNERIN AM GRENZBALKEN© jutta policzer (25.12.04)
Die spinnen die Frauen - ja das tun sie! Und manchmal machts besonderen Spass!
Ein Erlebnisbericht aus dem Patriarchat von Jutta Policzer.
s war ein wunderschöner Tag! Ein Besuch im benachbarten Bratislava, auf den Spuren der großen Göttin!
Faszinierend und wunderschön ist sie anzusehen diese zierliche und unendlich starke kleine Frauengestalt (Mährische Venus, Museum Bratislava), die aus den Jahrtausenden zu uns herüber kam, einer Zeitreise gleich, um zu zeigen: hier bin ich und werde immer sein!
So gestärkt und rundum zufrieden machte ich mich auf den Heimweg. Dankbar dass die Grenzen heute nicht mehr dicht sind, ein wenig wehmütig weil sich mit dem Besuch bei der 23 000 Jahre alten Dame auch wieder Visionen einstellten - würde einfach zu gerne diesem starren, besitzverhafteten Patriachat mit seinen Grenzen in der Landschaft und in den Köpfen ein Schnippchen schlagen. So spann ich meine Gedanken wie Fäden die Zeiten und Räume ungehindert passierten, als ich den zerstörten Bethenort Petrzalka durchquerte und mich der Grenzstation in Kittsee näherte.
Unvorbereitet holte mich die Realität wieder ein!
ls Grenzgängerin und Zaunreiterin war ich an diversen Grenzstationen oft genug Kuriosem begegnet, dementsprechend hatte ich auch vorgesorgt: keine Topfpflanzen und keine Erdäpfel - beides darf, wie ich aus Erfahrung wusste, nicht über die Grenze geführt werden. Warum? Ist’s wegen der heiligen Erde, für die so viele tapfere Helden im Kampf fürs Vaterland gestorben sind? Was glaubt das "Vater"land von der "Muttererde" zu wissen?
Wie dem auch sei, um Missverständnissen vorzubeugen hatte ich auch 10 kg Ton aus dem Kofferraum entfernt, nun befanden sich nur noch zwei Jutetaschen mit Wollflies und einige Spindeln für unseren Spinnabend darin.
"Führen sie etwas ein?" "Nein!" "Öffnen sie bitte den Kofferraum!"
Bis hierher war ich eigentlich noch nicht beunruhigt, hatte ich doch wirklich nichts zu verbergen. Doch so einfach wie ich dachte war die Sache dann doch nicht.
"Was ist in diesen Säcken?" der Beamte hob prüfend einen der Wollsäcke hoch.
"Wolle zum Spinnen!" "Öffnen!"
Vorsichtig tastete er das Innere einer Tasche ab, natürlich fand er nichts als das von mir angegebene Wollflies.
"Sie benötigen für das Wollflies ein Tierärztliches Attest!" "Warum, das ist ja kein Tier? Nur Wolle!" "Trotzdem, ohne Tierärztliches Zeugnis dürfen sie die Wolle nicht einführen." "Das versteh ich nicht, warum?"
"Die Wolle könnte von kranken Tieren stammen und dann würden sie damit Krankheitserreger ins Land bringen."
"Ja, aber die Wolle ist doch aus Österreich, von meiner Freundin aus Kärnten. Ich habe sie nur im Kofferraum, weil ich sie morgen für einen Spinnabend brauche!"
"Besitzen sie eine Rechnung?" "Nein, die Wolle ist von meiner Freundin!"
"Tut mir leid, ohne Tierärztliches Zeugnis kann ich sie nicht einreisen lassen!" "Wo bekomme ich so etwas?"
"Auf der Grenzstation Berg, wenn sie Glück haben ist der Amtstierarzt anwesend."
en Umweg über Berg würde ich zwar in Kauf nehmen, als gelernte Österreicherin war mir allerdings klar, dass jedes Attest teurer war als die zwei Kilo Wolle die ich mit mir führte. Aber so einfach wollte ich nicht aufgeben, weil mir diese Verordnung nun wirklich hirnrissig erschien. Während sich hinter mir eine ungeduldige Autoschlange bildete versuchte ich der Sache auf den Grund zu gehen, von wegen emotionsgesteuerte Frauen und sachliche männliche Gesetze.
"Also, ich hätte noch eine Frage: wenn ich einen Pullover aus dieser Wolle anhabe, darf ich damit über die Grenze?" "Ja, das ist kein Problem, nur unverarbeitete Wolle darf nicht mitgeführt werden."
"Das ist aber nicht logisch!" "Ich habe die Gesetze nicht gemacht, ich kontrolliere sie nur!"
"Gut, und wie ist das, wenn ich diese Wolle in versponnenen Wollknäuel mitnehme? Ist das erlaubt?" "Ja, sage ich doch, in verarbeitetem Zustand können sie die Wolle mitnehmen aber so nicht!"
"Also - roh nicht, aber, gesponnen schon, obwohl es dieselbe Wolle ist!?" "JA!!" der Herr wurde langsam ungeduldig - ich auch!
"Das ist unlogisch!" "Das ist ein Gesetz!"
"Aber das ist doch unsinnig, wenn sie versponnen ist, kann ich sie mitnehmen, da könnten doch genauso Erreger mitgeführt werden. Das gibt’s doch gar nicht!"
"Ich mache sie darauf aufmerksam, dass sie verpflichtet sind, sich an die Gesetze zu halten und ich deren Einhaltung kontrollieren muss. Das ist so! Ob sie logisch sind, habe ich nicht zu beurteilen, darüber denke ich nicht nach. Und jetzt drehen sie bitte um!"
Wozu dachte ich mir, das Problem kann gelöst werden.
"Wenn das so ist, dann setz’ ich mich hier her und verspinne die Wolle bevor ich damit über die Grenze fahre! Wenn’s das Gesetz so will ..."
Ich begann einen Sack Wolle aus dem Kofferraum zu heben, die Spindel musste ich nicht mehr heraussuchen. Mit hochrotem Gesicht zischte der Staatsbedienstete:
"PACKEN SIE EIN UND FAHREN SIE!"
Übrigens, der Spinnabend war dann auch wirklich super!
ZUR AUTORIN:
Jutta Policzer ist Pädagogin und bietet gemeinsam mit Monika Kleinschuster kulturgeschichtlich interessierten Frauen spannende Wanderungen im Raum Wien, Niederösterreich und Burgenland.
Spurensuche Frauenwanderungen www.spurensuche.at.tf
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