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GOLDGRUBE GYNäKOLOGIE - DAS GROßE GESCHäFT MIT DER ANGST DER FRAUEN© Andrea Hirn (21.11.04)
Gynäkologie und Pharmaindustrie machen gesunde Frauen krank
...auf diesen provokanten Nenner bringt Sachbuchautorin Sylvia Schneider ihre Bestandsaufnahme - und gibt Tipps, wie frau Autonomie über ihren Körper (zurück)erlangen kann.
er weibliche Körper als herrliches Experimentierfeld (vielfach männlicher) Fachleute wird den Frauen bewusst entfremdet, so die Autorin. Es werde gezielt Angst-Mache betrieben, um die Frauen als Kaufkraft ausbeuten zu können. Schneider zeigt die ökonomischen Zusammenhänge auf, die zwischen Gynäkolog/inn/en und Pharmaindustrie bestehen und übt massiv Kritik an den hauptsächlich wirtschaftlichen Interessen derselben.
"Die Zahl der Gynäkologen ist ... gestiegen, die der Frauen gesunken. Immer mehr Ärzte müssen sich den Kuchen Frau teilen - und das in wirtschaftlich schlechten Zeiten, in denen viele Ärzte generell ums Überleben kämpfen ... Das Marketing funktioniert am besten, indem man Angst erzeugt ... Angst macht zahlungswillig." (S. 11)
Mit flotter Sprache, bewusst provokantem Stil, einer angemessenen Prise Sarkasmus und frei von Pathos nimmt Schneider eine kritische Bestandsaufnahme vor. Sie beruft sich dabei auf zahlreiche aktuelle internationale Studien und lässt viele KritikerInnen des bestehenden Systems zu Wort kommen.
- Schneider zeigt, wie sich kulturgeschichtlich bedingte, gesellschaftlich manifestierte frauenfeindliche Vorurteile, wie das Bild der unzulänglichen, fehlerhaften Frau, die dem Mann nicht nur politisch und sozial sondern sogar körperlich unterlegen sei, auch in der Gynäkologie zum Tragen kommen.
- Die Frau als Mensch hat in der Gynäkologie keinen Platz. Viele Erscheinungen rund um Zyklus, Fruchtbarkeit und Sexualität werden vorsätzlich pathologisiert, anstatt ihre Ursachen in den unterschiedlichen Lebenssituationen und wechselnden körperlich-seelischen Belastungen von Frauen zu suchen.
- Schneider entthront die (meist männlichen) Götter in Weiß und stutzt sie auf ihre menschliche und dadurch fehlermögliche Größe zurecht.
- Dort wo Individualität große Spielräume erzeugt (z.B. Dauer und Ausmaß der Menstruation), wird genormt, um möglichst viele Abweichungen diagnostizieren zu können (z.B. eine zu lange, zu kurze, zu heftige, zu schwache Blutung). Dabei wird das ganz und gar menschliche Bedürfnis, "normal" zu sein, hemmungslos ausgenutzt. Schneider leistet hier Aufklärungsarbeit, was alles in Wahrheit "normal" ist (in der ganzen Vielfalt und Bandbreite) und nicht behandlungsbedürftig oder gar "krank".
- Ein großer Teil des Buches widmet sich - so wie schon ihr Vorgänger-Werk "Tatort Frau. Der große Hormonschwindel" - dem missbräuchlichen Umgang mit der Hormonersatztherapie und seinen oftmals verschwiegenen massiven Nebenwirkungen (wie z.B. die Begünstigung von Brustkrebs). Schneider nimmt dabei sehr offen und direkt Stellung zu dem "Unfug, der den Frauen nur das Geld aus der Tasche zieht und sie völlig unnötig pathologisiert." (S. 40)
- Dass selbst mit der Schwangerschaft Geschäft betrieben wird, zeigt Schneider in ihrer Auseinandersetzung mit dem Thema Kaiserschnitt.
- Auch das Thema Kinderlosigkeit, das in der heutigen Zeit immer mehr Menschen betrifft, nimmt Schneider kritisch unter die Lupe und zeigt die vielen schädlichen Nebenwirkungen von Hormongabe und künstlicher Befruchtung auf, die sonst so gerne unterschlagen werden.
- Weiters werden die Bereiche Vorsorgeuntersuchung, Mammografie, Osteoporose und Menopause kritisch beleuchtet - Fazit der Autorin: auch hier wird mehr Panikmache betrieben als sinnvoll unterstützt.
- Immer wieder gibt die Autorin praktisch-sinnvolle, leicht umsetzbare Tipps und Ratschläge, wie frau einen eigenverantwortlichen Umgang mit ihrem eigenen Körper entwickeln kann, und appelliert, einfach in die Natur der eigenen körperlichen Vorgänge zu vertrauen.
Ihre Konklusio: Die wirklichen Rezepte für ein gesundes und langes Leben sind einfach und kostenfrei und münden immer wieder in den selben Empfehlungen, nämlich
- sich ausgewogen zu ernähren
- sich regelmäßig zu bewegen
- ausreichend zu schlafen
- soziale Beziehungen zu pflegen
- echtes Übergewicht zu reduzieren und von wahnhaften Diäten Abstand zu nehmen
- nicht zu rauchen und wenig Alkohol zu trinken
- und sich geistig fit zu halten.
Goldgrube Gynäkologie ist ein eindringliches, wachrüttelndes und sicher auch provokantes Buch, das die Leserinnen mit oft vertuschtem Hintergrund- und Insiderinnen-Wissen versorgt und sensibilisieren kann, sich mit den vorherrschenden Umständen einmal genauer auseinanderzusetzen, sich selbst und ihren Arzt/ihre Ärztin gezielt unter die Lupe zu nehmen und sich zu trauen zu hinterfragen, zu durchschauen und zu verändern.
Sylvia Schneider: Goldgrube Gynäkologie Das große Geschäft mit der Angst der Frauen
Verlag Carl Ueberreuter, Wien 2004 gebunden, 160 Seiten € 16,95 / sFr 31,00 ISBN 3-8000-7020-0
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ZUR AUTORIN:
Sylvia Schneider ist Ernährungs- und Kommunikationswissenschaftlerin, renommierte Autorin zahlreicher Ratgeberinnen zu den Themen Gesundheit und Aufklärung, Mitbegründerin vom "Arbeitskreis Frauengesundheit in Gynäkologie, Psychologie und Gesellschaft" sowie Chefredakteurin der Zeitschrift "Gesundheit für Frauen".
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