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POWER TO CHANGE

© WAVE (22.11.10)


Politik & Gesellschaft

Ein Selbsthilfegruppen-Handbuch für Opfer häuslicher Gewalt



“Frauen machen in der Gruppe die kollektive Erfahrung, dass Männergewalt gegen Frauen tatsächlich System hat”, sagte Györgyi Tóth von der ungarischen Frauenrechtsorganisation NANE während eines WAVE-Seminars zu Aufbau von Selbsthilfegruppen für Opfer häuslicher Gewalt.



WAVE - Women Against Violence Europe

“Frauen machen in der Gruppe die kollektive Erfahrung, dass Männergewalt gegen Frauen tatsächlich System hat”, sagte Györgyi Tóth von der ungarischen Frauenrechtsorganisation NANE während des dreitätigen Trainingseminars zu Aufbau und Unterstützung von Selbsthilfegruppen für Opfer häuslicher Gewalt. Das Seminar fand vom 15.-17. November 2010 in Wien statt, 15 Frauen aus Italien, Malta, Österreich, Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn nahmen daran teil. Veranstaltet wurde das Trainingseminar von WAVE, Women against Violence Europe mit Sitz in Wien, in Kooperation mit NANE aus Ungarn.

Die meisten Teilnehmerinnen sind in Frauenhäusern oder Frauenrechtsorganisationen tätig und wissen um das Paradoxon, dem Gewaltopfer ausgesetzt sind: Die Tatsache von Gewalt an Frauen wird auf nationaler und internationaler Ebene nicht mehr negiert - jede fünfte Frau in Europa wird mindestens einmal in ihrem Leben Opfer männlicher Gewalt - trotzdem ist es aber nach wie vor das Opfer, das um Glaubwürdigkeit ringen muss.

Grundlage des Seminars bildete das Handbuch “The Power to Change”. Es war vor zwei Jahren im Rahmen des Daphne-Programms der Europäischen Union Survivors speak up for their dignity unter der Koordination von NANE gemeinsam mit Expertinnen aus Estland, Großbritannien, Italien, Portugal und Ungarn konzipiert worden. Derzeit ist “The Power to Change” in den fünf Sprachen Englisch, Estnisch, Italienisch, Portugiesisch und Ungarisch erhältlich, bald auch auf Serbisch und Albanisch. Alle Versionen sind online kostenlos downloadbar. Die enge Kooperation zwischen Frauen aus Westeuropa und Ländern des ehemaligen Ostblocks ist eine der Stärken des Handbuchs, das in einer klaren, leicht verständlichen Sprache verfasst ist, einen starken Praxisbezug aufweist und einen ganzheitlichen Ansatz verfolgt: Häusliche Gewalt findet eben nicht in einem Vakuum statt, sie ist Folge der Diskriminierung von Frauen, Ausdruck des Willens, sie unterzuordnen.

Offiziell wird Gewalt an Frauen verurteilt, gleichzeitig werden nach wie vor patriarchale Mythen herangezogen. Täter werden für ihr Verhalten entschuldigt, etwa, indem die Verantwortung auf Alkohol oder Stress ausgelagert oder dem Opfer selbst Schuld oder Mitschuld zugeschrieben wird. Bei Sorgerechtsstreitigkeiten werden die Gewalterfahrungen der Frauen oft nicht berücksichtigt, gewalttätige Männer gar als gute Väter bezeichnet. Damit wird Gewalt als Mittel zur Durchsetzung von Macht legitimiert. Unsere Rechtssysteme seien nach wie vor von patriarchalen Denkmustern geprägt, betonte Alessandra Pauncz, Co-Trainerin des Seminars. Dies drücke sich auch durch Falschdarstellungen und die Methodik der Opfer-Täter-Umkehr aus.

Vor Gericht werden reelle Kindheitserfahrungen als vermeintliche Manipulation der Mutter umgedeutet, vermehrt unter Bezugnahme auf die unwissenschaftliche Methode des sogenannten Parental Alienation Syndrom. “Glaubt man, dass ich keine Augen habe?”, fragte sich eine Teilnehmerin, die als Kind Gewalt gegen ihre Mutter miterleben musste. Besonders grotesk, so Györgyi, stelle sich die Situation für Frauen dar, die nach der Flucht mit ihren Kindern vor einem gewalttätigen Partner keinen Platz im Frauenhaus finden können und auf der Straße übernachten. In mehreren Fällen wurden sie der Gefährdung Minderjähriger angeklagt. Verlassen aber Frauen gewalttätige Partner nicht, werden sie verantwortlich gemacht, ihre Kinder nicht vor Gewalt zu schützen. “Was sie auch immer machen”, so Pauncz, “es kann immer gegen sie verwendet werden”. Der Gesetzgeber ist dringend gefordert, die gesellschaftliche Realität der Geschlechterhierarchie nicht aus den Augen zu verlieren.

Zwar sei die Erfahrung von Gewalt immer eine individuelle und damit auch individuell unterschiedliche, doch helfe die Solidarität innerhalb der Gruppe und bewahre Frauen vor sozialer Isolation. Häusliche Gewalt geht meist mit dem Versuch einher, Frauen sozial zu isolieren und in finanzieller Abhängigkeit zu halten. Vorsicht sei jedoch geboten, wenn Frauen eine Trennung planen. Während der Trennungsphase ist die Gefahr für Frauen, Opfer häuslicher Gewalt zu werden, am höchsten. Für Selbsthilfegruppen sei es daher zentral, wiederholt auf notwendige Sicherheitsmaßnahmen hinzuweisen.

“Keine Kultur oder Religion ist eine Entschuldigung für Gewalt”, sagte eine Teilnehmerin aus Ungarn. Katarína Farkašová, eine enge Bekannte des am 8. November 2010 erschossenen slowakischen Star-Juristen und ehemaligen Präsidenten des Verfassungsgerichts Ernest Valko, die während des Seminars nach Bratislava zurückfuhr, um am Begräbnis von Valko teilnehmen zu können, wies nach ihrer Rückkehr nach Wien darauf hin, dass Gewalt, wird sie gegen Frauen und Kinder toleriert, langfristig die Gesellschaft insgesamt brutalisiert. Die Geschlechterhierarchie ist wie die soziale Ordnung menschengemacht und damit politisch veränderbar. Ein klares politisches Bekenntnis gegen Gewalt ist dringend gefordert. Dazu gehört unter anderem die Finanzierung von Frauenhäusern und Hilfseinrichtungen und die konkrete Unterstützung von Opfern häuslicher Gewalt.

The Power to Change ist verfügbar unter:

Englisch: womensaid.org.uk/domestic-violence-articles.asp?section=00010001002200370001&itemid=1841
Estnisch: naistetugi.ee/Muutmise_joud_pdf PDF
Italienisch: artemisiacentroantiviolenza.it/uploads/Main/Il_poter_di_cambiare_corr2.pdf PDF
Portugiesisch: amcv.org.pt/amcv_files/pdfs/Poder%20Para%20Mudar.pdf PDF
Ungarisch: nane.hu/kiadvanyok/kezikonyvek/ero_valtozashoz.pdf PDF

Informationen: www.wave-network.org



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