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MAGAZIN

FRANZISKA BECKER: LETZTE WARNUNG

© Gwendolin Altenhöfer (12.02.11)


Kunst & Kultur

Comics für Feministinnen



Dieser Überblick über das Werk der Cartoonistin Franziska Becker erschien anlässlich der Ausstellung “Franziska Becker - Letzte Warnung” im carricatura museum frankfurt vom 27. Mai - 29. September 2010 und führt die Leserin in pointierten, farbigen Bilderserien durch 40 Jahre Frauenbewegung und feministische Gesellschaftsanalyse.



Franziska Becker: Letzte Warnung

ie Cartoons von Franziska Becker sind fester Bestandteil der feministischen Geschichte in Deutschland, auch durch ihre enge Verbindung mit der EMMA, als deren Hauptzeichnerin sie gerne bezeichnet wird.

Ihre Bilder sind oft opulent in ihrer Detailfülle. Dadurch dauert es manchmal ein bisschen, bis eine sich im Geschehen orientiert hat, und der Blick auf die wesentlichen Figuren und Aussagen fällt. Im Hintergrund gibt es dafür meistens auch einiges zu entdecken: dort versteckt sich der ein oder andere Nebenscherz. Dennoch wäre mir persönlich etwas mehr Klarheit und Pointiertheit im Zeichenstil lieber, aber das ist ja Geschmackssache. Bei aller Üppigkeit bleiben ihre Geschichten aber durchaus verständlich, besonders auch für alle, die nicht in die Comicsprache eingeweiht und mit “Zong!” - “Buff!” - “Grrrmbl” - “Flapflapflap” nicht vertraut sind.

Inhaltlich scheut Franziska Becker nicht davor zurück, den harten Wahrheiten des Patriarchats schonungslos ins Auge zu sehen. Und von diesen harten Wahrheiten gibt es viele: Schönheitsoperationen, Jugendwahn, Diät-Terror, heterosexueller Leistungsdruck, Misogynie in der Medizin, Fussballweltmeisterschaften, Hausarbeit, Neue Väter, Männerrechtsaktivisten, Frauenhandel, Sexuelle Belästigung, Männerdominanz in der Kunst, ...

Und weil es alles so wahr ist, bleibt das Lachen manchmal im Halse stecken...

Doch neben der geschlechterpolitischen Bestandsaufnahme bekommt auch das Rebellische hier und da seinen Raum in Beckers Bildern: Zum Beispiel die Nonne, welche anhebt ihren frommen Bruder mit dem Kruzifix eine überzubraten, oder die drei Damen, die in der Schiffschaukel mit der Aufschrift “Born to be wild” außer Rand und Band geraten, oder der rein weibliche Betriebsrat, welcher beschließt, keine ejakulationsgeschwächten Männer mehr einzustellen...

Trotz ihres unverhohlenen feministischen Standpunkts ohne Rücksichtnahme auf männliche Empfindlichkeiten hat es Franziska Becker geschafft, sich in der Comic- und Cartoonwelt einen Namen zu machen und erhielt 1988 den “Max und Moritz-Preis« des in diesem Genre renommierten Erlanger Comicsalons als “bester deutscher Comic-Künstler”. Und auch über die Comicwelt hinaus war sie erfolgreich: ihre Cartoons erschienen in auflagenstarken Zeitschriften wie Stern, Titanic, Psychologie Heute, Annabelle und dem Kölner Stadtanzeiger, sie veröffentlichte 19 Bücher und zahlreiche Kalender, wovon etliche Bestseller wurden. So ist es ihr gelungen, feministische Inhalte auch in den Mainstream hinein zu tragen.

Und trotz ihres feministischen Standpunktes, muss sich kein Mann fürchten, in Beckers Comics zu kurz zu kommen: im vorliegenden Band kommen in mehr als 90% der Geschichten Männer vor. Auch wenn diese Männer meist nicht gerade eine gute Figur machen, aber das ist mit Beckers Frauen nicht viel anders - auch sie sind alles andere als Superheldinnen oder Rollenvorbilder. Sie stecken meistens eher bis zum Hals im patriarchalen Sumpf.

Zur Lektüre von Franziska Beckers Cartoons muss eine sich von der Vorstellung verabschieden, Comics wären immer lustige, leichte Kost, denn wir haben es hier mit einer ganz anderen Gattung von Bildergeschichten zu tun als Micky Maus - es handelt sich hier eher um bitterböse Satire. In “Letzte Warnnung” kann die Leserin zahlreiche feministische Analysen der letzten Jahrzehnte mit spitzer Feder auf den Punkt gebracht finden, schonungslos in Multicolor detailreich ausgebreitet, ohne dass sie sich durch dicke theoretische Wälzer kämpfen muss. Das Buch enthält ein Kondensat aus 40 Jahren Frauenbewegung. Und ist ein wichtiges zeitgeschichtliches Dokument, wobei einzelne Cartoons sich auch explizit als solches zu erkennen geben, wie zum Beispiel die Folge “Meine 68er in Heidelberg”, in der sehr anschaulich wird, wie sich das Persönlich-Biografische und das Politische gegenseitig beeinflussen und miteinander verweben. Überhaupt: Franziska Beckers Werk ist eine lebhafte Illustration des guten alten feministischen Slogans mit viel Wahrheitsgehalt und vielen Verächtern: “Das Private ist politisch!”

In diesem Sinne übernimmt die Zeichnerin die immer noch dringend nötige und ehrenwerte Aufgabe, die himmelschreienden Missstände und sexistischen Strukturen unserer Gesellschaft schonungslos aufzudecken und mit einer geradezu schmerzhaften Direktheit immer wieder aufs Tablett zu bringen. Möglicherweise konnte ich das Buch deswegen nicht in einer Nacht verschlingen, wie andere Comics, sondern vertrug es nur in kleinen Portionen. Es ist einfach zu traurig, zu lesen, wie sich Frauen mit Schönheits-Operationen, Diäten und Fitnessstudios quälen, nur um sich einen Mann zu angeln, für den sie dann die komplette seelische, körperliche und materielle Reproduktionsarbeit übernehmen müssen, ohne dass diese Leistung überhaupt sichtbar oder gar gewürdigt wird, um dann für eine Jüngere sitzengelassen zu werden, oder im Rausch wegen eines verlorenen Fussballspiels krankenhausreif geschlagen zu werden.

Aber in Etappen gelesen erfüllen die Cartoons auch viel besser ihre feministische Aufgabe, mit der sie Franziska Becker unermüdlich seit Jahrzenten in die Welt schickt: Das Bewusstsein wachzuhalten, darüber, dass sich trotz Frauenbewegung, Gender-Mainstreaming und Bundeskanzlerin immer noch unerträglich wenig geändert hat, an den frauenverachtenden Gewohnheiten unserer Dominanzkultur. Und dass es für Feministinnen noch eine Menge mehr zu tun gibt, als nächtelang Comics zu lesen. So stand es auch vor einigen Jahren auf einer Einladung zu einem Frauenfest zum 8. März: “Feminism - still work to do!” In diesem Sinne also: Auf die Barrikaden, meine Damen und Damen! Dies war die “Letzte Warnung”! Ab jetzt heisst es: “Rebellieren statt epillieren!” Damit Franziska Becker demnächst auch mal Erfreulicheres zu zeichnen hat!

Franziska Becker: Letzte Warnung Franziska Becker
Letzte Warnung


Antje Kunstmann Verlag, 2010
144 Seiten, gebunden
€D 19,90 / €A 20,50 / sFr 35,20
ISBN: 978-3-88897-684-1

Buch bestellen (bei Berta - Bücher und Produkte, Graz)

ÜBER DIE KÜNSTLERIN:

Franziska Becker
geb. 1949, hat an der Kunstakademie Karlsruhe studiert. Seit 1977 ist sie freischaffende Karikaturistin und Malerin. Seit der ersten Ausgabe arbeitet sie kontinuierlich bei Emma mit, veröffentlicht aber auch in Annabelle, Psychologie heute, Titanic, Stern, Kölner Stadt-Anzeiger u.v.a. Franziska Becker lebt und arbeitet in Köln, im Bergischen Land und in Philadelphia.
www.walkyrax.de



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