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MAGAZIN

»Ich wählte mir den Ruhm, den sonnenlichten...«

© Irene Fleiss (14.03.05)


Kunst & Kultur

Die Journalistin und Dichterin Betty Paoli

Vormärz und Biedermeier - nicht gerade ideale Voraussetzungen für eine Frau, Karriere zu machen und ihre Vorstellungen vom Leben zu verwirklichen. Betty Paoli gelang es. Ein Porträt von Irene Fleiss.



Buchcover: Betty Paoli: Was hat der Geist denn wohl gemein mit dem Geschlecht?, Mandelbaum Verlag (Teilansicht)

ormärz und Biedermeier - nicht gerade ideale Voraussetzungen für eine Frau, Karriere zu machen und ihre Vorstellungen vom Leben zu verwirklichen. Betty Paoli gelang es. Sie wurde als Lyrikerin gefeiert, hatte eine machtvolle Position als Feuilletonistin inne, lebte dreißig Jahre im Haushalt einer Freundin und entwickelte ihre Interessen. Sie war wichtiger Teil der literarischen Salons Wiens, galt als schöne Frau und schrieb leidenschaftliche Liebesgedichte wie auch kluge Texte zur Kultur und zur “Frauenfrage”.

Geboren wurde sie 1814 als Barbara Elisabeth Glück, genannt Babette, Tochter einer Belgierin und eines jüdischen Militärarztes. Mit 15 stand sie vor dem Nichts und war gezwungen, ihren Lebensunterhalt und den ihrer Mutter zu verdienen. Bürgerliche Frauen in dieser Situation, die nicht bei besser situierten Verwandten unterkamen, hatten nur eine Möglichkeit des Broterwerbs: Gouvernante. Zunächst wurde Babette Gouvernante in einem russischen Haus nahe der polnischen Grenze, mit 16 fand sie eine neue Stelle bei polnischen Adeligen, wo sie fünf Jahre blieb, sich weiterbilden und ihre literarische Arbeit beginnen konnte. 1832 wurden ihre ersten Gedichte veröffentlicht.

Zurück in Wien wählte sie das Pseudonym Betti (zunächst in dieser Schreibweise) Paoli und verschleierte ihre Herkunft. Sie lebte vorwiegend vom Stundengeben und Übersetzen, einer “Frauenarbeit par excellence”, veröffentlichte aber auch Gedichte und Novellen und schrieb Rezensionen. 1841 erschien ihre erste Gedichtsammlung, die ihr den Durchbruch verschaffte. Darin ist folgender Vers enthalten: “Unweibliche Idee, wie ihr doch töricht sprecht! / Was hat der Geist denn wohl gemein mit dem Geschlecht?”

Lenau und Grillparzer lobten den Band und Betty Paoli war mit einem Schlag berühmt.
Das verschaffte ihr eine Stellung als Gesellschaftsdame bei Henriette von Wertheimer, in deren Salon Betty bedeutende Dichter traf. Sie wurde eine bedeutende Erscheinung der Wiener Salons. Später wurde sie Vorleserin bei der Fürstin Maria Anna Schwarzenberg, begleitete diese auf Reisen und lernte dabei u.a. Bettina von Arnim und Rahel Varnhagen kennen.

Natürlich hatte die Rolle der Gesellschaftsdame ihre Nachteile, denn sie ließ keine Abgrenzung zu, und so kam es zu Spannungen mit ihrer Arbeitgeberin: “Wie oft mein Innerstes bezwingen, / mich fügen fremdem Machtgebot.” Dieses Problem ist freilich nicht auf das Dasein einer Gesellschafterin beschränkt, die meisten von uns kennen es.

Im März 1848 stürmten die ArbeiterInnen die Fabriken und zerstörten die Maschinen, Metternich mußte fliehen, Pressefreiheit wurde proklamiert, eine liberale Verfassung zugesichert. Betty Paoli pries diese Entwicklung: “dieser Tag gehörte zu den seltenen, an denen wir das Ideal zur Wirklichkeit verkörpert sehen”. Doch ihre Begeisterung wich bald dem Entsetzen, als sie Lynchszenen beobachtete: “jetzt aber ist die Zeit gekommen, wo uns die Karikatur dieses heiligen Ideals in blutiger Scheußlichkeit entgegentritt”. Die politischen Versprechen wurde bald gebrochen, Zensur und Spitzelwesen beherrschten weiterhin die österreichisch-ungarische Monarchie.

Fritz Schwarzenberg, der Sohn der inzwischen verstorbenen Fürstin, unterstützte Betty Paoli und ermöglichte ihr ausgedehnte Reisen nach Italien, Frankreich und Deutschland. Nach der bürgerlichen Revolution hatte sich der Bedarf an Gesellschafterinnen bei adligen Damen verringert. Eine Zeitlang verdiente sie ihr Brot durch Unterrichtgeben in Stilistik und Literatur, wofür sie dank ihrer Bekanntheit hohe Preise verlangen konnte.

Betty Paoli wurde fest angestellte Journalistin, sie verfaßte Beiträge für die Presse bzw. die Neue Freie Presse und für den Lloyd. Ihre Beiträge erschienen auch in ausländischen Zeitschriften. Das Feuilleton wurde ihre Domäne. Ihr Stil und ihre kulturelle Kompetenz prädestinierten sie für das Kulturressort. Sie rezensierte Literatur, bildende Kunst und Burgtheateraufführungen und hatte enormen Einfluß. Sie schuf Karrieren: bevor sie Annette von Droste-Hülshoff rezensierte, war diese nur regional in Westfalen bekannt, C. F. Meyer wurde durch sie berühmt, Nikolaus Lenau war stolz auf ihr Lob und die junge Marie von Ebner-Eschenbach empfand sich nach den Ermunterungen der gefürchteten Kritikerin “wie in Drachenblut gebadet”.

Sie war die erste bezahlte Journalistin Österreichs - und blieb “die erste” für lange Zeit.

och Ende des 19. Jahrhunderts wurde darüber diskutiert, ob der Journalismus ein Beruf für Frauen sei. Daß sie überhaupt einen Vertrag mit einer Zeitung abschließen konnte, lag daran, daß sie unverheiratet war; als Ehefrau hätte sie keine eigenen Rechte gehabt. Neben der sprachlichen Qualität ihrer Texte - für Betty Paoli selbstverständlich - achtete sie stets auf deren inhaltliche Brisanz. Mit unwichtigem gab sie sich nicht ab - und mußte sie einmal einen schlechten Dichter rezensieren, konnte sie äußerst ungnädig (um nicht zu sagen: bösartig) sein.

Ab 1865 nutzte Betty Paoli das Feuilleton der Neuen Freien Presse, um zur “Frauenfrage” Stellung zu nehmen und den Zugang der Frauen zu Bildung und Beruf zu fordern.

Sie nahm sich stets besonders der Arbeit von Frauen an: rezensierte ihre literarischen Arbeiten, begleitete sie oft jahrelang, um sicherzustellen, daß sie die gebührende Anerkennung fanden, widmete ihre eigenen Werke häufig Frauen, lebte mit Frauen zusammen, befaßte sich mit der Frauenfrage.

Betty Paoli Sie war auch um das Werk von Männern bemüht, wenn sie es gut fand, doch widmete sie sich stets und mindestens gleichwertig dem von Frauen. Das alles war damals völlig ungewöhnlich - und ist es, genaugenommen, heute noch.

Zumindest zum Teil erklärt sich das aus ihrer Biographie: sie spürte all die Ungerechtigkeiten eines Systems, das Mädchen von der Bildung ausschloß, mußte sich den Großteil dessen, was ihre Bildung ausmachte, selbst beibringen. Ihre Stellungen bei klugen und gebildeten Frauen und der Umgang in deren Salons, in denen selbstbewußte, geistreiche Frauen dominierten, haben ihre Bildung sicher verstärkt. Betty kannte beide Seiten des Bildungswunsches: den Wissensdurst wie auch den Anspruch, Wissen zu vermitteln.

Ihr Zugang zur “Frauenfrage” war pragmatisch, nicht kämpferisch. Sie kritisierte nicht die Rolle, die der Frau von der Gesellschaft zugewiesen wurde, sondern sie bezeichnete sie als unrealistisch und nicht zielführend. “Meint ihr, es sei Übermut, tolle Laune, was sie treibt, das Recht auf Arbeit für sich in Anspruch zu nehmen? Ah wie gerne möchten sie darauf verzichten! Aber sie dürfen es nicht, wenn sie nicht ...die Achtung vor sich selbst verlieren wollen.” Ihr Feminismus war strategisch, anpassungsfähig, effizient und beharrlich. Sie gab durch ihre Feuilletons der ersten Frauenbewegung eine Stimme an prominenter Stelle. 1866 gründete ihre Freundin Iduna Laube den “Wiener Frauenerwerbsverein”.

Betty würdigte das Werk von Mary Wollstonecraft und George Sand, war aber der Meinung, daß deren moralische Forderungen an der Realität vorbei gingen, nämlich der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Frauen von den Männern.
Nur die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frauen ermöglichte beiden Geschlechtern, frei zu wählen.

Den Männern, die über weibliche “Launen” und “Wankelmut” lästerten, hielt sie entgegen: “Denn es sind der Frauen Herzen einem reinen Spiegel gleich: / Selber ist er ohne Makel, doch das Spiegelbild seid ihr, / Will nun dieses nicht gefallen, ei, was kann das Glas dafür?”

1855 lernte sie Ida Fleischl kennen und zog bald für immer in deren Haushalt, wo sie ein großes, separates Zimmer bewohnte. “Ein Zimmer für sich allein” - Virginia Woolfs Traum und Forderung für jede Frau hatte Betty Paoli vorwegnehmend verwirklichen können. Auch Marie von Ebner-Eschenbach, die dritte im Freundinnenbund, beneidete sie darum:

“Die Erfüllung des Traumes eines jeden Schaffenden, alle Annehmlichkeiten, alles Behagen des Familienlebens ohne eine seiner Verpflichtungen.”

enaugenommen lebte Betty Paoli wie für gewöhnlich nur Männer leben können: mit den Annehmlichkeiten des Zusammenlebens ohne irgendwelche Verpflichtungen. Bettys Leben bei Ida war ein Leben in Gesichertheit, Behaglichkeit, in kulturellem Austausch, mit Theaterbesuchen, Reisen und schriftstellerischer Arbeit bis zuletzt. Ein Fixpunkt waren die Tarockpartien mit Ida Fleischl und Marie von Ebner-Eschenbach, die sich im Lauf der Zeit auf jeden zweiten Nachmittag steigerten. Ein Bekannter fragte einmal unwirsch, ob denn “drei vernünftige Frauen wirklich nicht Besseres zu tun hätten..., als Tarock zu spielen.” Sie wußten sich schon auch noch etwas anderes für ihre Freizeit: sie studierten Sanskrit und die Kabbala.

Betty sprach mehrere Sprachen; diese Kenntnisse verschafften ihr eine weitere Einnahmequelle: sie übersetzte, am liebsten französische Stücke; dafür verwendete sie das Pseudonym Branitz.

Der Salon war Betty Paolis eigentliche Umgebung. Es gab zahlreiche bekannte Salonnièren, Betty empfing selbst Besucherinnen in ihrem großen, gemütlichen Zimmer. In diesem Kreis traf sie u.a. Helene von Druskowitz (“Der Mann als logische und sittliche Unmöglichkeit und als Fluch der Welt”) und die Komponistin Pauline Viardot.

Betty PaoliSie wurde als “bildschöne” Frau beschrieben, groß und schlank, mit schwarzen Augen, schwarzem, dichtem Haar, regelmäßigen Zügen, “samtartig brünetter Teint”; sie machte “selbst damals noch, wo sie bereits im 33. Jahr [!] stand, einen bezaubernden Eindruck”. Marie von Ebner-Eschenbach beschrieb sie als “imposant gescheit und hinreißend, wenn sie sich herabläßt liebenswürdig zu sein.”
Sie konnte auch schwierig sein und sie war wahrheitsliebend und offen bis zur Schroffheit. Marie von Ebner-Eschenbach meinte, daß Ida Fleischl eine Heilige sein müsse. Allerdings beweisen Bettys Texte und Briefe, daß sie humorvoll und selbstironisch war.

Betty Paoli wußte zu schätzen, was sie an ihrer Freundin und Gefährtin hatte. Obwohl zurückhaltend, war Ida Fleischl Mittelpunkt eines Wiener literarischen und medizinischen Kreises, und Marie von Ebner-Eschenbach bezeichnete sie als “gescheite, superiore Frau” mit viel Humor. Betty Paoli war leidenschaftliche Raucherin und rauchte bei ihrer Arbeit sehr viel. Häufig hieß es, es sei unklar, was ihr wichtiger sei, das Schreiben oder das Rauchen. Sie litt aber an keinem Lungen-, sondern an einem Nervenleiden.

Sie starb 1894 mit 80 Jahren. Im Sommer - den sie nicht mochte, weil da alle ihre Freunde auf Sommerfrische waren. So folgten auch nur wenige ihrem Sarg. Marie von Ebner-Eschenbach verfaßte in ihrem Urlaubsort St. Gilgen einen Nachruf. Die Stadt Wien hatte zu ihrem 70. Geburtstag ein Ölgemälde von ihr anfertigen lassen und ehrte sie nun mit einem Ehrengrab.

Ihr rascher Erfolg hatte Betty sicherlich Zuversicht und Selbstbewußtsein verliehen. Besonders ermutigt hatten sie aber gewiß die Begegnungen mit eindrucksvollen Frauen - denen sie auch Novellen und Gedichteditionen widmete, beispielsweise Ottilie von Goethe, die in Wien einen Salon führte, Bettina von Arnim, Henriette Wertheimer und Ida Fleischl-Marxow. Ihr widmete sie das Gedicht “An Ida”: “Daß deiner Liebe heller Strahlenkranz / Auf meine Stirn sich mochte niederlassen.” Dies kann ein Hinweis auf eine Liebesbeziehung zwischen Betty und Ida sein, muß es aber nicht, denn im 19. Jahrhundert haben Frauen sich ihre Freundschaft oft sehr ekstatisch bekundet.

Sie hatte etliche zärtlich geliebte Freundinnen. Es wurden allerdings auch Männer mit ihr in Verbindung gebracht; bei ihren Liebesgedichten ist nicht klar, an wen sie gerichtet sind. Sie sind leidenschaftlich - in den Liebesbeteuerungen, in der Klage über das Ende einer Beziehung, in den Vorwürfen an einen “schwachen Charakter”. Einzig in der Trauer um eine/n Verstorbene/n war Betty verhalten.

Generell war das Ausleben außer- oder vorehelicher Erotik nur sehr schwer möglich. Was es gegeben hat, war Zärtlichkeit zwischen Frauen. Eine Intimität, wie wir sie heute kaum kennen, schon gar nicht zwischen Frauen, die keine sexuelle Beziehung haben. Zärtlichkeiten, innige Liebesbriefe und Gedichte wurden ausgetauscht. Auch Männer gingen eingehängt auf der Straße, was sie heute schon in den Ruch der Homosexualität bringen würde, damals aber mußten sie nicht einmal Freunde sein, es war einfach eine Selbstverständlichkeit, wie Eva Geber feststellt.

Ida war Ehefrau und Mutter, wodurch die Beziehung Paoli - Fleischl (wie auch immer sie aussah - es wird ihr Geheimnis bleiben) keinen Normbruch darstellte.

In der damaligen Zeit galt Ehelosigkeit - so eine Frau nicht “sitzengeblieben” war - als ein Zeichen von Egoismus. Das war Betty Paoli auch ganz klar, und sie beklagte darum offiziell ihre Ehelosigkeit als Opfer auf dem Altar der Kunst. In Wahrheit war sie an einer konventionellen Ehe sicher nicht interessiert. Sie stellte einmal fest, daß sie “zum Leben und zum Küssen nicht” war und “dem Schicksal gegenüber zum wahren Raufbold” wurde.

“Der Kampf schreckt mich nicht, in ihm entwickeln sich meine Kräfte.”

Dazu paßte auch ihr Pseudonym, das sie vom korsischen Freiheitskämpfer Pasquale Paoli (1725 – 1807) entlehnt hatte. Ihr Credo war: “Und wenn es donnert über mir, / So will ich lauter singen! ...”

Strategisch ging sie auch vor, indem sie ihren journalistischen Erfolg als “ungeliebte Notwendigkeit des Broterwerbs.” deklarierte. Ihr Erfolg war ihr aber sicher nicht unangenehm, denn er brachte ihr Geld, Einfluß und Macht. Sie selbst hat ihrer journalistischen Arbeit besondere Bedeutung beigemessen, das zeigt schon die Tatsache, daß sie ihre Feuilletons zur Herausgabe in Buchform nach ihrem Tod bestimmt hat.

Bis in die 1850erjahre schrieb sie Novellen, in den starke Frauencharaktere dominierten - die zumeist dunkelhaarig und dunkeläugig waren, wie die Autorin selbst. Männer beschrieben ihre Frauenfiguren als “aufdringlich.” und als “Mannweiber.”. Indem sie immer wieder über die “weibliche Natur.” schrieb, konnte sie häufig die Frauenfrage erörtern. Insbesondere die Mädchenerziehung war ihr wichtig; dazu stellte sie weitreichende Überlegungen an. Sie befürwortete die Koedukation, aber auch getrennten Unterricht in bestimmten Fächern wie Physik.

Daß sie die “soziale Freiheit.” genoß, mußte Betty dadurch entschärfen, daß sie in ihren Texten geradezu aufdringlich die “häusliche Geborgenheit.” pries. Durch diese Strategie wurde sie der “Widersprüchlichkeit.” geziehen, was nicht fair ist, denn es

“impliziert der Traum von Geborgenheit und Schutz noch keinen Verzicht auf Emanzipation, das hat sie in ihren journalistischen Arbeiten ausgeführt.” (Eva Geber).

Als Dichterin war sie selbstbewußt und provokativ.
So nannte sie ein Gedicht “Ich.” und stellte diesen Begriff (“Ich.”, “mich.”) ins Zentrum der 14 Verse. Ich halte es auch für uns heute noch für aussagekräftig:

“Ich weiß, was ich will!
Und weil ich es weiß, / Drum bann ich´s zu mir in den magischen Kreis. /
Ich weiß, was ich will!
Das ist ja die Kraft / Die sich aus dem Chaos ein Weltall entrafft. /
Ich weiß, was ich will!
Und wenn ich´s erreich´, / Dann gelten der Tod und das Leben mir gleich..”

bwohl sie nicht nur mit den Werken anderer, sondern auch mit ihren eigenen streng und kritisch war, erhob sie - im Gegensatz zu den meisten anderen Dichterinnen ihrer Zeit - selbstbewußt Anspruch auf Ruhm: “Mag höhnend auch die Welt darüber richten, / Mein tiefstes Wünschen will ich nicht verhehlen: / Hätt ich vom Schicksal eine Gunst zu wählen, / Ich wählte mir den Ruhm, den sonnenlichten....”

Ihre Feuilletons zeugen von großer sprachlicher Begabung ebenso wie von der Klarheit ihres Geistes. Sie wußte, was sie sagen wollte, und sie vermochte es in schöner Sprache auszudrücken. Trotz zeittypischer Manierismen sind ihre Texte auch heute angenehm zu lesen, Humor und anschauliche Bilder machen mehr aus ihren Feuilletons und Rezensionen als zu gescheiten Sätzen zusammengestellte schöne Worte.

Einige Titel ihrer Feuilletons: An die Männer unserer Zeit, Ersehnte Gleichheit, Über weibliche Erziehung, Wissen ist Macht, Die Wandlungen der Frauenfrage, Theater, Kunstausstellung, Bücherschau, Wiens Gemäldegalerien in ihrer kunsthistorischen Bedeutung, Moderne Ehen, Unsere Moden, Unsere Geselligkeit, Unsere Stadt, Unsere Manieren, Wandlungen, In Sachen der Literatur, Reisestationen, Die neue Hauptstadt Italiens, Grillparzer und seine Werke. Rezensionen schrieb sie u.a. über Annette von Droste-Hülshoff, Louise Ackermann und über Rahel Varnhagens und George Sands Briefe.

Ihre kulturelle und geistige Unabhängigkeit scheint sie sich auch angesichts der damals fast übermächtigen katholischen Kirche bewahrt zu haben: in ihrem Tagebuch ist kein Kirchenbesuch vermerkt. Wahrscheinlich hat sie im jüdischen Haushalt Fleischl-Marxow die jüdischen Feste mitgefeiert. Ob sie an irgendeinem Glauben mehr als intellektuelles Interesse gehabt hat, läßt sich nicht feststellen. Dagegen spricht, daß sie nicht (mehr) an ein Fortbestehen nach dem Tod, gleich welcher Art, glaubte.

Ihr Anspruch an sich und andere war hoch:

“Wem es nicht gelungen ist, seinem Jahrhundert durch seinen Geist eine neue Wendung zu geben, der soll nicht nach dem Ruhm einer Sekunde streben!”

Wieso hat Betty Paoli etwas geschafft, das hunderte – vielleicht tausende - gleichermaßen begabte Frauen nicht geschafft haben und das für uns heute noch keine Selbstverständlichkeit ist? Bei ihr sind mehrere Voraussetzungen zusammengetroffen: große Begabung - frühes Erkennen dieser Begabung - lebenslanges Lernen - frühes Selbständigwerden, das ihr Selbstbewußtsein gestärkt hat - schon in jungen Jahren Zusammentreffen mit bedeutenden, charismatischen (oft auch schwierigen) Frauen - die Fähigkeit, Freundinnen zu erwerben und zu halten - die Stärke, ihre Meinung zu sagen und Kritik anzunehmen - Klugheit und strategisches Denken – und das Quentchen Glück, das auch dazu gehört. Das Glück, für genau jene Lyrik und Prosa begabt zu sein, die gerade “in« war, genau jene Menschen kennenzulernen, die sie förderten und ihr das Leben, das ihr vorschwebte und das sie brauchte, ermöglichten, diese als FreundInnen zu gewinnen und zu bewahren. Das Glück, trotz ungünstiger Umstände ihre Begabungen entwickeln zu können.

Vielleicht können wir Betty Paoli tatsächlich als glückliche Frau bezeichnen. Ich weiß nicht, ob sie sich selbst so gesehen hat, aber wünsche mir, daß es so war. Doch in jedem Fall war sie eine starke Frau, die erfolgreich und selbstbewußt ihren Weg gegangen ist und so auch für uns Frauen des 21. Jahrhunderts ein wichtiges Vorbild ist.

Denn ihr eigenes Leben zu leben, sich des Wertes bewußt zu sein und ihn selbstsicher zu vertreten - ohne irgendwelche Entschuldigungen -, das ist leider heute noch nicht üblich für Frauen.


LITERATUR:

  • Betty Paoli: Was hat der Geist denn wohl gemein mit dem Geschlecht?
    hrsg. von Eva Geber, Mandelbaum Verlag, Wien 2001, ISBN 3-85476-050-7
  • Karin S. Wozonig: Die Literatin Betty Paoli. Weibliche Mobilität im 19. Jahrhundert.
    Löcker Verlag, Wien 1999, ISBN 3-85409-306-3
  • Gedichte von Betty Paoli auf www.wortblume.de


BILDER: Mandelbaum Verlag, Wien; Ariadne, ÖNB Wien



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