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MAGAZIN

Marija Gimbutas und die Sprache der Göttin

© Irene Fleiss (08.08.05)


Geschichte

Archäologin mit mehrdimensionalem Blick

Marija Gimbutas entdeckte die egalitäre, friedliche und weiblich-zentrierte Kultur, die vor 6-8.000 Jahren in Südosteuropa existierte, und lieferte damit eine wichtige Grundlage für MatriarchatsforscherInnen und spirituelle Feministinnen. Dies, ohne Feministin gewesen zu sein oder Sexismus zu erkennen. Eine Frau, die “einfach nur ihre Arbeit machte« und so ungewollt zu einer Symbolfigur wurde, im Portrait.



Marija Gimbutas

arija Birute Alseikaité wurde am 23. Jänner 1921 im russisch besetzten Litauen geboren. Ihre Eltern waren Ärztin und Arzt und gründeten 1918 das erste Krankenhaus der litauischen Hauptstadt Vilnius. Ihre Mutter gehörte darüber hinaus zu den GründerInnen einer “freien Schule«, die ihre Kinder nicht in die katholische Schule schicken wollten.
Litauen wurde als letztes europäisches Land christianisiert, hier hielten sich hartnäckig heidnische Bräuche. Volkskunst gehörte zum täglichen Leben in Marijas Umgebung. Die Bediensteten glaubten an Hexen und an Nornen, die den Lebensfaden spinnen. Für sie - und für das Kind - waren Feen real. Marija sagte selbst: “Ich hörte Märchen, als ich den alten Frauen zu Füßen saß. Die Göttinnen lebten noch, sie waren um mich, die Nornen, die Raganas, die Hexen, Baba Yaga. Das war entscheidend. Als ich über die Göttinnen schreiben mußte, bin ich in Gedanken in meine Kindheit zurückgegangen. Ich erinnerte mich an das, was ich aus der Volkskunde über die Göttinnen wußte.« (alle Zitate nach Birgitta Schulte)

Mit 15 (nach dem Tod ihres Vaters) begann Marija sich für alles, was mit dem Vergangenen zu tun hatte, zu interessieren, besonders für alles, was mit alten Glaubensvorstellungen vom Tod und prähistorischen Beerdigungsriten zusammenhing. Sie promovierte später über dieses Thema.
Mit 16, 17 Jahren nahm sie als jüngstes Mitglied und einziges Mädchen an ethnographischen Forschungen in Süd-Litauen teil. Während die Burschen Werkzeuge sammelten, dokumentierte Marija Lieder und Volksmärchen. Das Volkskundliche Archiv in Vilnius verwahrt heute fast 5000 von ihr gesammelte Volkslieder und Geschichten.
Im Laufe der Zeit erweiterte Marija ihre Kenntnisse der Mythologie von der litauischen um die irische, keltische, römische, griechische - angeblich auch außereuropäische. Marija begann Linguistik, baltische Sprachen, Ethnologie  und Volkskunde zu studieren; 1940, als Archäologie als Studienfach eingeführt wurde, wechselte sie sofort zur Archäologie.
1940 wurde das polnisch besetzte Litauen zunächst von den Deutschen, später von den Sowjets besetzt, die sofort die Universitäten schlossen oder stalinistisch weiterführten, Bücher verbrannten, Menschen nach Sibirien verbannten. Marija versteckte sich mit ihrer Mutter in deren Sommerhaus und entging so dem Schicksal, das den Rest ihrer Familie traf: Folterung, Verschleppung, Tod.
Unter großer Gefahr schloß sie sich der Widerstandsbewegung an. In diesen schrecklichen, chaotischen Jahren fand sie auch noch die Zeit, ihren Verlobten Jurgis Gimbutas zu heiraten. 1942 erwarb sie den Magistratitel an der Universität von Vilnius und setzte ihre Studien fort. Teile ihrer späteren Dissertation wurden bereits veröffentlicht.

Während der neuerlichen deutschen Besetzung brachte Marija eine Tochter, Danute, zur Welt. Gleichzeitig publizierte sie elf Artikel über die Balten und prähistorische Bestattungsrituale in Litauen. “Das hielt mich unabweisbar gesund. Ich führte so etwas wie ein Doppelleben. Ich habe meine Arbeit getan, und zwar fröhlich, nur deshalb existierte ich überhaupt. Das Leben beutelte mich fürchterlich, aber meine Arbeit entwickelte sich kontinuierlich in einer Linie weiter.«

Durch die Konzentration auf ihre Arbeit hielt sie den Krieg und die Probleme der Zeit von sich fern - so würde sie auch später arbeiten, auch mit dem Affront umgehen, daß ihre FachkollegInnen von ihr Distanz nahmen, nachdem sie die Bedeutung einer weiblichen Gottheit hervorgehoben hatte. Dazu kam, daß sie durch ihre starke Familienbeziehung stets auf die Kraft ihrer Mutter und ihrer Tante zurückgreifen konnte.
1944 erreichte die sowjetische Front Litauen zum zweiten Mal. Mit vielen anderen flohen Marija und ihr Mann auf einem überfüllten Boot.

Marija, 23 Jahre alt, hielt in einem Arm ihre Tochter, unter dem anderen ihre Dissertation.

Marija Gimbutas, 1946 - Foto: © Helga Brandt et al. (Hrsginnen.): Frauen - Forschung - Archäologie, Münster 1995, agenda VerlagDie restlichen Kriegsjahre verbrachten sie in Österreich und Deutschland. 1945 war die Universität Tübingen die erste in Deutschland, die wieder öffnete, und Marija schrieb sich sofort ein. 1946 erhielt sie den Doktorinnentitel in den Fächern Vorgeschichte, Ethnologie und Religionsgeschichte, ihre Doktorinnenarbeit wurde im selben Jahr veröffentlicht.

1947 wurde ihre zweite Tochter geboren, Zevile. Im Flüchtlingsheim hatte die erzwungene Nähe zu vielen anderen Menschen immerhin den einen Vorteil, daß Marija stets eine Betreuung für ihre Kinder fand. Sie setzte ihre Studien in Heidelberg und München fort, ihr Mann erwarb währenddessen den Doktortitel der Ingenieurwissenschaften.

1949 wanderte die Familie in die USA aus. Marija Gimbutas übte verschiedene Berufe aus, u.a. als Dienstmädchen. Sie hatte die feste Absicht, an die Harvard University zu gelangen. 1950 erhielt sie dort die Aufgabe, die gesamten Veröffentlichungen zur Vorgeschichte Mittel- und Osteuropas, die die Bibliothek erhielt, ins Englisch zu übersetzen - was einiges über ihre hervorragenden Sprachkenntnisse aussagt und auch wichtig für ihre Arbeit war. Im Gegenzug konnte sie ihre Forschungsarbeit fortsetzen. 1953 erhielt sie endlich ihr erstes Stipendium.

1954 brachte Marija ihre dritte Tochter Rasa zur Welt. Sie lehrte in Harvard im Fachbereich Anthropologie, 1955 wurde sie wissenschaftliches Mitglied der Forschungsgemeinschaft am Peabody Museum, Harvard, eine lebenslange Ehrung. 1963 wechselte sie an die Universität von Kalifornien in Los Angeles, die UCLA, und blieb dort Professorin für Archäologie bis zu ihrer Emeritierung 1989. Sie lehrte in der archäologischen und in der slawischen Abteilung und war Kustodin des Museums für die Archäologie der Alten Welt an der UCLA.

Familie Gimbutas, 1951 - Bild: © Belili ProductionsSchon lange wollte Marija herausfinden, was der Ursprung des Indo-Europäischen war. Dies führte sie schließlich zur archäologischen Forschung in Osteuropa. Anhand der Grabhügel für Häuptlinge, “Kurgane« genannt, identifizierte Gimbutas die Proto-Indo-Europäer als viehzüchtende Nomaden aus den Steppen an der Wolga. Diese These war freilich nicht unumstritten.
Ihr linguistisches Wissen war eine wichtige Voraussetzung für die Deutung der archäologischen Funde, die sie ab den 60er Jahren machte. Sie reiste durch ganz Europa, führte Ausgrabungen an zahlreichen Stellen durch bzw. leitete sie, allein fünf große in Osteuropa zwischen 1967 und 1980. Sie stellte fest, daß die Kulturen ganz anders waren als jene, die sie aus Südrußland kannte: keine Viehzüchter, keine kriegerische Kultur mit Pferden und Wagen. In Nord-Griechenland und Südost-Europa fand sie stattdessen eine Ackerbaukultur mit “wunder-, wunderschöner Töpferware, Hunderten von - Tausenden von Skulpturen, Figurinen, Tempel-Modellen und anderen wunderschönen Dingen.« Die Jungsteinzeit in Europa ergab für Marija Gimbutas ein geschlossenes Bild, die Vorstellung einer einheitlichen Kultur.

Im Gegensatz zu den meisten ArchäologInnen betrieb sie eine Überschau und sah “etwas Einheitliches, eine hochzivilisierte Gemeinschaft mit einem feinen Gespür für Ästhetik und Harmonie, einem Sinn für Musik und Tanz, kunstvoller Metallbearbeitung lange vor den Metallzeiten, der Präzisionsarbeit an Nadeln und Knöpfen ebenso wie feiner Web- und Flechttextilien, einer hohen Wertschätzung der Natur und hoch differenzierter religiöser Vorstellungen.« Sie gab dieser Kultur den Namen “Old Europe =Altes Europa«, in gleichzeitiger Anlehnung und Abgrenzung gegen “Indo-Europa«.

Nach Marija Gimbutas lebten zwischen 6.500 und 3.500 v.u.Z. verschiedene Gesellschaften zwischen den Karpaten und dem Norden Griechenlands, zwischen dem Adriatischen Meer und dem heutigen Bukarest, aber alle nach der gleichen Norm, im selben Geist. Der Fund zahlreicher sehr ähnlicher Statuen in diesem großen Raum gab ihr die Bestätigung dafür. 97% der Funde waren weiblich, darunter auch Vasen und Tassen: Etliche Tongefäße hatten Brüste und ein Gesicht, auf den Dächern von Tempelmodellen waren wie ein Kamin ein langer Hals und ein weibliches Gesicht angebracht. Ein Altar hatte die Form eines Schoßdreiecks. Manche Skulpturen zeigen nur die Vulva oder ein Paar Brüste.

Göttinnen - Bild: © Belili Productions“Die Göttin vereint alle Momente des Zyklus in sich. Sie, die Gebärerin, schenkt Leben. Sie, deren Brüste Milch und Wasser spenden, erhält das Leben. Als furchteinflößende Macht bringt sie den Tod. Doch der Tod ist nie das Ende, er enthält zugleich den Keim des neuen Lebens. Marija Gimbutas nennt die Göttin u.a. ´Regeneratrix´, die Erneuerin.« (Birgitta Schulte)

Marija Gimbutas ordnete die gefundenen Figuren zu einer Typologie, die mir so wichtig erscheint, daß ich sie nachstehend kurzgefaßt und vereinfacht wiedergebe:

  1. Die Göttin als Personifikation der generativen Kräfte der Natur – dargestellt als Gebärende, mit betonter Brust und/oder Vulva, mit dem Kind auf dem Arm, als Bärin-Amme, als offener Mund oder doppeltes Auge, als Schlange/Schlangengöttin, mit dem Widder als ihrem Begleiter.
  2. Die Göttin als Personifikation der destruktiven Kräfte der Natur, als Todesgöttin – dargestellt mit eng an den Leib gepreßten Armen, als “steife Nackte«, mit der Farbe Weiß, aus Knochen oder weißem Gestein hergestellt, in Form einer Giftschlange oder häufig als Raubvogel (Geier, Eule, Rabe, Krähe).
  3. Die Göttin als Personifikation der Erneuerung – dargestellt in vielen, verschiedenen Manifestationen des Uterus, Schamdreiecks oder Fötus: Frosch, Kröte, Igel, Stierkopf, Dreieck und Doppeldreieck, auch als Insekt, Biene, Schmetterling, Motte.
  4. Männliche Gottheiten machten nur 3 - 5 % der Funde aus. “Männliche sexuelle und physische Kraft wurde angesehen als eine Macht, die auf magische Weise die weibliche Schöpfungskraft vergrößert. Männliche Gottheiten repräsentieren entweder die Vegetation, die im Herbst abstirbt, um im Frühjahr ´aufzuerstehen´, oder sie waren verknüpft mit der wilden Natur.« (Birgitta Schulte)

Marija Gimbutas sah in diesen Glaubensvorstellungen ein Erbe der Altsteinzeit, die den Untergang von Kulturen überdauerten und ganz oder teilweise  ins 2. Jahrtausend v.u.Z. bestanden (beispielsweise in der minoisch-mykenischen Kultur).

Sie deutete Ornamente als Bildsprache: gerade Linien, gestreifte und gepunktete Bänder, ineinandergesetzte Vs, Zickzack- und Wellenlinien. Den Punkt in der Mitte von Rauten interpretierte sie als Korn; teilweise sind echte Körner in den Ton gedrückt worden. Diese und andere Bilder (Wirbel die aus Halbmonden und Hörnern entstehen, aufgerollte Schlangen, Spiralen, stilisierte Vogelklauen, Sanduhren, Rauten) führten Marija Gimbutas zu der Entdeckung, daß es sich dabei um eine Schrift handelte. Sie nannte diese Formensprache “Die Sprache der Göttin«.

Diese Entdeckung wird in der Fachwelt gern ignoriert. Die Erfindung der Schrift wird den Sumerern zugeschrieben, und dabei hat es zu bleiben. Bestimmte Zeichen wurden aber schon in der Altsteinzeit, vor über 20.000 Jahren, verwendet, etwa das V, das M oder das Y, in Knochen, Horn oder Stein geritzt. Im Laufe der Zeit entwickelten die Menschen 60 Zeichen, die sie offenbar gezielt einsetzten, z.B. auf Tongefäßen, und zwar verdoppelt, multipliziert, einander entgegengesetzt, zusammen mit Mäandern und Parallellinien: in dieser Verschachtelung und Verdoppelung sah Gimbutas eine Verstärkung, eine Art Anrufung.

Mati, Colleda, Xoli-Kaltes - Göttin-Figurinen von Claudia Schäffer, www.goettin-figurinen.netMarija Gimbutas schloß aus den Darstellungen der Göttin auch auf die Sozialstruktur Alt-Europas. Mit vielen Beispielen malte sie “ein soziales Miteinander, in dem das Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern ausbalanciert ist, eine Lebensführung, in der religiöses und Alltagshandeln nicht voneinander geschieden sind.« (Birgitta Schulte)

Dank ihrer fundierten Ausbildung in mehreren Bereichen, nicht ausschließlich Archäologie, fiel es ihr leicht, die unterschiedlichen Funde der unterschiedlichen Kulturen zu unterscheiden, “ihr Blick war nicht eindimensional«.

1974 erschien ihr erstes Buch “Götter und Göttinnen Europas«. Damit hatte sie sich, ohne das zu beabsichtigen, außerhalb des Systems begeben; ein Archäologe beispielsweise rezensierte es in dem Sinne “Was sie vorher geschrieben hat, war gut, aber jetzt überschreitet sie die Grenzen«.

Gegen Ende ihres Lebens trat in ihrer Arbeit die spirituelle Dimension stärker in den Vordergrund. Sie wurde auch immer überzeugter, alle Aspekte dieser vergangenen Kultur richtig erkannt zu haben.

Marija Gimbutas war nie feministisch orientiert, erst gegen Ende ihres Lebens wurde der Ton ihrer Worte manchmal frauenbewußter. Eindringlich mahnte sie, daß “der Rückblick auf die Vergangenheit uns zur Herstellung einer besseren Zukunft verpflichte.« Sie wies trotzdem stets den Gedanken von sich, Feministin zu sein - vielleicht weil sie eine falsche Vorstellung vom Feminismus hatte.
Dazu kommt, daß sie - bis Beginn ihrer Arbeit über die Göttin - nie wegen ihres Geschlechts behindert worden war: in ihrer Kindheit war sie gefördert worden, sie hatte studiert, offenbar ohne erkennbar diskriminiert worden zu sein (was wohl an den Zeitströmungen lag: einerseits kam es in den Zwanzigerjahren zu einem Aufbruch der Frauen, andererseits hatten die Menschen im Litauen der 40erjahre andere Sorgen), hatte eine Anstellung gefunden, die sie ernährte (daß sie jahrelang unter ihrer Qualifikation beschäftigt wurde, hatte sie wohl auf ihren Status als Ausländerin/Flüchtling geschoben - und vielleicht war es auch wirklich so), schließlich sogar eine gute Professur mit gutbesuchten Lehrveranstaltungen - sie war jahrzehntelang auf der Seite der Macht-Haber, der Patriarchen, ohne es zu bemerken oder zu erkennen.

Wissenschaftlerinnen ihrer Generation genossen eine gewisse Ausnahmestellung, stellt Birgitta Schulte fest, denn gerade weil Frauen gleiche Rechte nicht zugestanden wurden, wurden sie auch nicht mit den gleichen Pflichten belastet. Es wurde beispielsweise toleriert, daß sie Jahre zur Kindererziehung benötigten, während heute von einer Frau erwartet wird, daß sie mindestens ebenso schnell und viel veröffentlichen wie ihre männlichen Kollegen, trotz Kindern - also eine als Gleichberechtigung getarnte Mehrbelastung.

Als sich ihre Kollegen von ihr distanzierten, erschien ihr das nur gegen ihre Theorie gerichtet.

Sie erkannte nicht, daß ihre Theorie als anstößig galt, weil sie Frauen in den Mittelpunkt der Vergangenheit rückte.

Außerhalb der Universitäten wurden Marija Gimbutas´ Gedanken und Werke aber interessiert aufgenommen. Standardwerke wurden ihre umfangreichen Bücher “Die Zivilisation der Göttin« und “Die Sprache der Göttin«.

Marija GimbutasIn ihren letzten Jahren arbeitete sie eng mit Joan Marler zusammen, einer ausgebildeten Tänzerin, die die Texte des Mythenforschers Joseph Campbell als Inspiration verwendete, als Tanzlehrerin und Choreographin und auch fürs Radio arbeitete. 1987 interviewte sie Marija Gimbutas. Da sie auch journalistisch tätig war und Lektoratserfahrung hatte, bat Gimbutas sie, mit ihr an “The Civilization of the Goddess« zu arbeiten, das 1991 herauskam.
Bis heute arbeitet Joan Marler daran, die Arbeit von Marija Gimbutas zu verbreiten und zu vertreten, beispielsweise bei der Eröffnung der Ausstellung “Sprache der Göttin. Symbolik im neolithischen Alt-Europa. Annäherung an das Werk von Marija Gimbutas« 1994 im Frauenmuseum Wiesbaden und beim Ersten Kongreß zur Matriarchatsforschung in Luxemburg 2003.

Wenn sie über Marija Gimbutas spricht, betont sie deren Authentizität, Intelligenz, Offenherzigkeit und Heftigkeit, ihre Generosität, Wärme und Fürsorge, ihre Leidenschaft für ihr Thema und ihre innere Strenge. “Sie hatte kein Verständnis für Leute, die nicht vorbereitet waren, die unklar waren in ihrem Denken oder die nicht bereit waren, einen unglaublichen Berg an Arbeit zu bewältigen.« (Wir hätten uns also nicht gut verstanden, fürchte ich.) Sie war eine Frau, die Außerordentliches verlangte, aber auch bereit war, zu leisten.

An der spirituellen Göttinnen-Bewegung, die zumindest zum Teil durch ihre Arbeit ausgelöst worden war, hatte sie nie Anteil. Sie war Wissenschaftlerin und nahm an spirituellen Zusammenkünften nur aus Höflichkeit teil, wenn sie speziell zu ihren Ehren veranstaltet wurden. Ihre Spiritualität drückte sich in ihrer Leidenschaft für ihre Arbeit aus. Da sie überzeugt war, daß die alt-europäische Spiritualität erdverbunden war, war es auch gar nicht nötig, daß sie spezielle “Göttinnendienste« besuchte oder betrieb, denn in dieser Art Denken ist Arbeit gleich Göttinnendienst. 

Sie hatte nie die Absicht, eine Göttinnen-Bewegung auszulösen. Sie hatte einfach ihre Arbeit gemacht. Sie war sogar erstaunt, daß sie solchen Enthusiasmus ausgelöst hatte. Die vielen Briefe, mit denen Frauen ihr ihre Wertschätzung aussprachen, haben sie verwundert - aber natürlich waren sie auch eine große Befriedigung für sie. Sie wollte keine Symbolfigur werden, und wenn ihr Zustimmung auch gut tat, so wollte sie nie angebetet werden.

Am 2. Februar 1994 ist Marija Gimbutas gestorben.

“Es ist sehr wichtig, in Bewegung zu sein, ein Ziel zu haben, das zu tun, was wirklich von Bedeutung ist. Wenn du das Gefühl hast, daß etwas getan werden muß, dann mußt du es tun.«


WEITERFÜHRENDES:

Bücher von Marija Gimbutas (Auswahl):

  •  Die Sprache der Göttin. Das verschüttete Symbolsystem der westlichen Zivilisation, Verlag Zweitausendeins, Frankfurt/Main 1995
  •  Die Zivilisation der Göttin. Die Welt des Alten Europa, Verlag Zweitausendeins, Frankfurt/Main 1996 (leider vergriffen)
  •  Das Ende Alteuropas. Der Einfall von Steppennomaden aus Südrußland und die Indogermanisierung Mitteleuropas, Inst. für Sprachwiss., Innsbruck 1994
  •  Die Balten. Geschichte eines Volkes im Ostseeraum, Verlag Herbig, München/Berlin 1983
  •  The goddesses and gods of Old Europe. Myths and Cult Images, University of California Press, 1982
  •  The living goddesses, University of California Press, 2001
  • Literatur über Marija Gimbutas:

  •  Schulte, Birgitta M.: Der weibliche Faden. Geschichte weitergereicht, Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 1995
  •  Frauenmuseum Wiesbaden: Sprache der Göttin. Symbolik im neolithischen Alt-Europa. Annäherung an das Werk von Marija Gimbutas. Katalog zur Ausstellung. (leider vergriffen)
  • Film:

  •  Signs Out Of Time. The Story of Archaeologist Marija Gimbutas, A documentary by Donna Read and Starhawk produced by Belili Productions
  • Links:

  •  Kurzbiografien auf Wikipedia und CeiberWeiber
  •  FemArc - Netzwerk archäologisch arbeitender Frauen
  •  Matriarchat.net/" target=_blank>Matriarchat.net
  • ZUR AUTORIN:

    Irene Fleiss

    Universitätsbedienstete, freie Autorin und Matriarchatsforscherin
    Kurse und Vorträge an Wiener Volkshochschulen

    Publikationen:
    Die Leibwächterin und der Magier. Fantasy-Roman. Medea Verlag 1983
    Grenzenlos. Kurzgeschichten aus dem Patriarchat. BoD 2001
    Der erpreßte Mann. Roman. BoD 2002
    Tod eines guten Deutschen. Social Fiction. BoD 2003
    Erinnerte Geschichten. Phantastische Erzählungen. BoD 2005
    (letztere zusammen mit Sylvia Hartmann)

    BILDER: Belili Productions; Claudia Schäffer; Titus Galeria



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