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MAGAZIN

BRIEF AN DIE WOLFSMUTTER AUS DEM NEUEN FRAUENHOF IM ALLGäU

© Barbara Schöllenberger (19.12.05)


Spiritualität

Liebe Wolfsmutter,

Schade, dass Du nicht dabei gewesen bist!
Es war toll, das Einweihungsfest vom Frauenhof im Allgäu am 30. Juli 2005. Ich erzähl Dir, wie es war ...



Frauenhof im Allgäu

in strahlend wolkenloser Sommertag. Schon am frühen Nachmittag trudeln die Frauen auf dem Gelände ein und stellen fest: das Prospekt übertreibt nicht, das die schöne Lage des neuen Frauenortes in Süddeutschland poetisch beschreibt: “Der allein gelegene ehemalige Bauernhof liegt in einer Mulde an einem sanften Hang und schmiegt sich an den Rand eines Waldes. Das hauseigene Brunnenwasser fließt als kleines Bächlein durch den Wald und verbindet den Hof mit dem etwa 10 Gehminuten entfernt liegenden Ort Kimratshofen.«

Die Ankommenden werden von zwei festlich gekleideten Frauen mit einem Glas Sekt begrüßt. Gastgeberin Tanja von Heintze, zugleich Initiatorin, Handwerkerin, Putzfrau, Finanzfrau, therapeutische Begleiterin, Öffentlichkeitsarbeiterin, Gärtnerin ... - sie sagt: "Hausfrau auf allen Ebenen", gesellt sich freudig, stolz und ein wenig aufgeregt dazu. Sie führt die Neugierigen in kleinen Grüppchen durch das liebevoll von Grund auf baubiologisch renovierte Haupthaus. Das 5000 m² große wunderschöne Grundstück rund um das Haus mit seinen vielen großzügigen und auch lauschigen Plätzen, mit Teich, Kräuterspirale, Bächlein, Feuerstelle, großer Wiese, Steinkreis, Blumenbeeten, Glaskuppelpavillon und vielen anderen Details erkunden wir im Laufe des Tages selbst.

Bei Kaffee und Kuchen knüpfen sich dann leicht erste Kontakte. Bereits bestehende Verbindungen, gemeinsame Bekanntschaften deutschlandweit und über die Landesgrenzen hinaus in die Schweiz, nach Österreich oder sogar die USA kristallisieren sich heraus. Alte Bekannte begegnen sich nach 10 Jahren hier an diesem Frauen verbindenden Ort wieder. Da sind viele Überraschungsmomente und große Wiedersehensfreude.
In den Gesprächen wird so etwas wie Erleichterung spürbar, ist doch ein uns verbindender Aspekt das große Bedürfnis oder eine Sehnsucht nach einem Ort für Frauen, an dem wir Gemeinschaft, Individualität, Spiritualität, Kreativität, Freiheit leben und teilen, an dem wir lernen und lehren, wachsen und heilen können. Alle sind sich einig: ein Ort, an dem sich dies verwirklichen lässt durch die Möglichkeit, einfach die Ferien zu verbringen oder das vielfältige Kurs-Angebot wahrzunehmen, hat in Süddeutschland schon lange gefehlt. Und nun ist er da, für viele unfassbar, aber wahr!

Also ein Hoch auf den Kaffee und den Kuchen! Und auf Susanne Schirach, Second-Hand-Laden-Inhaberin und Aktivistin im Frauenprojektehaus Tübingen, Ex-Kollegin und Immernoch-Freundin von Tanja, die das üppige Kuchenbuffet organisierte. Noch ein Hoch auf die vielen privaten Tübinger Kuchenspenderinnen und all die anderen Helferinnen, die im Vorfeld zum Gelingen des Festes beigetragen haben!

Nach den bunten Eindrücken aus dem Kontakt mit Haus und Hof und den vielen Gesprächen bietet Eva Brand, Bildhauerin aus Öhringen, einen Speckstein-Workshop an. Im Nu bilden 25 Frauen und zwei kleine Mädchen einen Kreis im wunderschönen, nach kosmischen geometrischen Prinzipien erbauten fünfeckigen Glaskuppelpavillon.

Jede Frau läßt ihre Kreativität und Gestaltungskraft in einen der würfeligen 10 cm³-Rohlinge fließen, um diesen dann an die Nächste weiterzugeben, bis jede etwas von sich in jedem Stein verankert hat.

Die so gebündelte "Frauenkraft vom Frauenhof", so der Workshoptitel, wird von jeder Frau durch ihre kleine Steinskulptur mit an ihren Heimatort und damit in die Welt getragen.

Frauenhof im AllgäuDann begrüßt Tanja die mittlerweile 60 im mediterran wirkenden Innenhof versammelten Frauen und spricht über die Motivation zu diesem umfassenden, wirklich beachtlichen Projekt. Sie spricht über ihre jahrzehntelange Arbeit für und mit Frauen und Frauengruppen. Ihre politische und persönliche Geschichte und inhaltlichen Hintergründe sind vielschichtig: Engagement in der autonomen Frauenszene, in der feministischen Mädchenarbeit, im Zusammenhang mit der präventiven und therapeutischen Begleitung von Frauen und Mädchen im Kontext sexualisierter Gewalt und als feministische Körper- und Bewegungspsychotherapeutin. Wir hätten viel Kraft und Zeit darauf verwendet, unserer Wahrnehmung wieder vertrauen zu lernen, unsere Verletzungen anzuerkennen, uns zu bilden und um unsere Rechte und Grenzen zu streiten und zu kämpfen.

Sie findet, es sei an der Zeit, zu genießen, was ist. Im Falle des Frauenhofes einen wunderbaren Ort inmitten der Natur, der ohne jeden Zaun und jede Begrenzung Sicherheit gibt, Geborgenheit und Freiheit zugleich vermittelt und Raum bietet, sich an der eigenen Kraft, Kreativität, Freiheit, Sinnlichkeit zu freuen. Sicherheit und Freiheit, das möchte Tanja leben, das möchte sie schaffen und mit anderen teilen und es scheint ihr tatsächlich schon mit den ersten Tagen der Existenz des Frauenhofes gelungen zu sein.

Diejenigen, die Tanja ihre Achtung aussprechen dafür, dass sie ihre "Vision umgesetzt" oder “ihren Traum verwirklicht« habe, werden von ihr korrigiert. Nein, dies sei nicht ihr Traum oder ihre Vision gewesen. Dies sei die realistische und realisierbare Version einer tief verwurzelten Sehnsucht, das Ergebnis einer oft sehr mühseligen und auch schmerzhaften Entwicklung von einer Idee mit visionärem Charakter hin zur Realität. Sie sei damit glücklich, zufrieden und wünsche es sich an keinem Punkt irgendwie anders.

Sie spricht auch über Geld, denn Realistin sei sie ja auch, als Stierfrau - allerdings mit Aszendent Krebs... Sie hält den bereits kursierenden Gerüchten, sie sei eine reiche Erbin, die den Hof gekauft habe, entgegen, dieses Projekt sei eine “Existenzgründung aus langjähriger Arbeitslosigkeit heraus« und sie habe den Hof “nur« gepachtet. Vielleicht würde das so manche Frau zu ähnlichem ermutigen. Allerdings müsse sie rund 4500 bis 5000 Euro im Monat aufbringen und sei deshalb immer auch wieder mal “etwas besorgt«. Da ihr aber Sorgen keine Freude, keine Kontakte, keine Gästinnen und kein Geld einbrächten, würde sie sie immer auch gleich “wieder gehen lassen«.

Sie erzählt von ihrer langen und anstrengenden Suche nach einem passenden Ort, davon, wie sie Ende 2004 “enttäuscht und auch irgendwie verzweifelt das Projekt auf Eis gelegt« habe, wie sie 3 Monate "im Nichts" verbracht und wie dann eine unscheinbare Anzeige sie innerhalb von 3 Wochen zu einem “Ja« zum Mietvertrag geführt habe. Sie erzählt von der Geschichte des Hofes, der bereits eine 25 jährige “alternative« Tradition hat, in der Gemeinschaft, inneres Wachstum und Spiritualität fest verankert sind. Sie erzählt, wie alles einfach lief, aber auch, dass es große Hindernisse und Probleme gab. Keines aber habe sie jemals daran zweifeln lassen, ihre Idee hier umzusetzen.

“Da ist also ein Problem, nun sehe ich zu, wie ich es lösen kann.«

Tanja stößt bei den Gästinnen auf viel Verständnis, was ihre Motive betrifft. Doch: es ist jedenfalls ein sehr großes persönliches und finanzielles Risiko, das sie da eingeht, wie sie das denn bloß schaffe. Tanja hält inne und spürt dem nach, wie sie es so oft tut, lächelt - anscheinend über sich selbst - und antwortet knapp: “Ich konnte nicht anders. Das muss wohl die Naivität der Närrin sein.«

Svenja Noa FischerZum Abschluss ihrer Rede, die nicht zuletzt wegen der Kombination aus Tanjas großartiger Leistung, immenser Kraft und ihrer liebenswert freundlichen Art beeindruckt, kündigt sie die Sängerin, Tänzerin, Performancekünstlerin und gute Freundin Svenja Noa Fischer und die Trommlerin Gabriele Hüller an. Sie habe sich gewünscht, dass mit der Einweihung des Frauenhofes Himmel und Erde verbunden werden sollen, Oben und Unten, Kopf und Bauch, Geist und Lust, Luft und Erde, Vision und Realität, Licht und Dunkel, Freiheit und Geborgenheit. Svenja Noa Fischer erscheint im Hauseingang, sie schreitet wie im Märchen in ihrem edlen roten Gewand und mit langem dunklem Haar durch den Garten und erzeugt mit ihrer Stimme und mit Gongs und Klangschalen klare wunderbare und wundersame Töne, Klänge, Harmonien. 60 bis 70 Frauen folgen ihr gebannt ins Haus und lassen sich Schauer über den Rücken und teilweise Tränen über die Wange rollen, als Svenja die Schwellen betönt, die Wände beklopft und jeden Raum des alten Gemäuers mit ihrer klaren Stimme in Schwingung versetzt. (Svenja wird im März 2006 übrigens auch als Kursleiterin zum Thema Stimme und Klang zur Verfügung stehen).

Svenja führt uns von der Erde in den Himmel, vom Garten und dem Erdgeschoß bis in den lichten, großzügigen und gleichzeitig durch seine Dachschrägen und Balken gemütlichen Seminarraum. Sie regt uns an, mit ihr zu singen, ein Lied, dass sich Tanja gewünscht hat, dessen Text uns zwar nicht verständlich, aber umso berührender ist.

Dann setzt die Trommlerin Gabriele Hüller die Einweihung fort. Sie ist bekannt als Trommel- und Tanzlehrerin und aus dem Duo Gaya Komba, das sie gemeinsam mit Sängerin Arunga Heiden, auch unter den Gästinnen, bildet. Ihr Rhythmus versetzt uns in äußere Bewegung, wir stampfen und tanzen, werden uns unserer Füße bewusst. Sie verbindet das “Dach« wieder mit dem Fundament. Die Prozession der Frauen, die der Sängerin und nun auch der Trommlerin gemächlich folgt, zieht zu einem 5er-Rhythmus wieder hinaus ins Freie, wo nun gemeinsam die Elemente besungen werden.
Zur “Taufe« verlassen wir trommelnd und singend das Frauenhofgelände. Vorneweg die Trommlerin und Tanja, die immer schneller werdend, kraftvoll, voller überzeugtem und überzeugendem Tatendrang und mit einem Akkuschrauber ausgerüstet auf einen Wegweiser an der Straße zustrebt. Sie möchte nicht nur einen Ort für Frauen schaffen, sie möchte auch in der Welt sichtbar werden und sie schraubt unter weiterem Trommeln, Stampfen, Singen und lautem Beifall der Gästinnen mit größter Präzision (geschrieben und vorgebohrt von Freundinnen aus Tübingen) ein Schild mit der Aufschrift “Frauenhof« an den Pfeiler. Nicht aufdringlich, aber sehr präsent.

Frauenhof im AllgäuBei einem gigantisch schönen Sonnenuntergang ziehen wir voller Rührung und Freude und Kraft zum Haus zurück, um uns den lukullischen Genüssen hinzugeben. Tina Laakmann, einfühlsame Tierheilpraktikerin, Homöopathin und temperamentvolle Köchin mit viel Erfahrung in Frauenferien- und Bildungshäusern, hat mit Hilfe mancher eifriger Helferinnen ein tolles Buffett vorbereitet und wunderschön präsentiert. Wohlschmeckend und bekömmlich, von den Gästinnen beschwärmt und von einer anwesenden Ernährungswissenschaftlerin mit dem Prädikat “hervorragend« ausgezeichnet. Ich sag Dir - sooo lecker, zum Beispiel ihre feurige Paprikasuppe!

Und dann ab auf die Tanzfläche! Uli Betz und ihre Kolleginnen von Tikala haben ihre Anlage schon aufgebaut, legen kräftig los und halten die Frauendisco bis 4h früh in Schwung.

Tja, schade, dass Du die Lehrerin aus Kempten, die Bibliothekarin aus Köln, die Theaterpädagogin aus Freiburg, die beiden Studentinnen aus Erlangen, die Tänzerin aus Konstanz, die vielen (Lebens-)Künstlerinnen und Seminarleiterinnen mit ihrem unglaublichen Potential und all die anderen Frauen, die kreuz und quer aus Deutschland - von München bis Stuttgart und Berlin - und sogar aus der Schweiz und Österreich angereist kamen, nicht kennen gelernt hast.

Diese bunte Mischung spiegelt erstens sehr facettenreich die Seminar-Angebote und Interessensvielfalt von Frauen und von den potentiellen zukünftigen Gästinnen des Frauenhofes wider. Sie hat zweitens viele tolle Vernetzungen und neue Ideen für Zusammenarbeit ergeben und war drittens wieder einmal der Beweis dafür, wie schnell an solchen Frauenorten die Vielseitigkeit, die schier unerschöpfliche Kompetenz und das große Engagement der Frauen zutage kommt und wie groß und wichtig die Wertschätzung ist, die einander dafür entgegengebracht wird!

Und was dann alles zum Ausklang des Festes beim reichhaltigen Frühstück am nächsten Morgen in der Sonne vor dem Haus noch gesprochen und gelacht worden ist, erzähl ich Dir ein anderes Mal.... Vielleicht im Frauenhof im Allgäu?!

Alles Liebe
Deine B.


Frauenhof im Allgäu
Tanja v. Heintze · Greut 1 · D-87452 Kimratshofen
Tel. +49 (0)837 987447 · Fax +49 (0)8373 9879291
info@frauenhofimallgaeu.de · www.frauenhofimallgaeu.de


Fotos: © Frauenhof im Allgäu



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