|
Login
Information
Kommunikation
|
WELCHE ARBEIT GEHT WELCHER GESELLSCHAFT AUS?© Gudrun Hauer (21.04.06)
Globalisierungskritik und die Krise der Arbeitsgesellschaft
Im Rahmen der von Attac organisierten Sommerakademie 04 beschäftigten sich TeilnehmerInnen mit den Auswirkungen der Globalisierung auf die traditionellen und zunehmend brüchiger werdenden Formen der Erwerbsarbeit. Zugleich wurde auch der Begriff "Arbeit" thematisiert. Die Inhalte sind nun nachlesbar.
Globalisierung und Globalisierungskritik
Die Folgen der männerbündischen, neoliberalen Globalisierung machen sich im Alltag jeder und jedes einzelnen von uns drastischst bermerkbar: in der Form weltweiter Waren-, Geld- und Informationsströme, in der flexibleren Gestaltung von Produktionsabläufen, im Anstieg strukturell bedingter Erwerbslosigkeit und in der Demontage des Sozialstaates. Die Erwerbsarbeit ist in die Krise geraten und somit auch die bislang übliche, an der traditionell männlichen Norm orientierte Lebensbiographie. Geht der Gesellschaft die Arbeit aus? lautet eine häufig gestellte Frage.
Globalisierungskritische Initiativen – Attac ist hier eine von vielen – vereinen in sich eine Vielzahl und große Bandbreite von Analysen gegenwärtiger wirtschaftlicher und wirtschaftspolitischer Entwicklungen auf globaler wie lokaler Ebene; auch die Bewertungen der Globalisierung selbst sind sehr heterogen: Sie reichen von der kritischen Befürwortung bis zur generellen Ablehnung. Genau so vielfältig sind die vorgeschlagenen Modelle für die Bewältigung der Krisensymptome – sie sind davon abhängig, ob diese als strukturelle Bestandteile oder aber als durch staatliche, etwa steuerliche Regelungsinstrumente in den Griff zu bekommende "Auswüchse" interpretiert werden. Alle aber sind sich darüber einig, dass der Prozess der Globalisierung nicht mehr umkehrbar ist, das "Rad der Geschichte" somit nicht mehr zurückgedreht werden kann. Die aus der Geschichte der ArbeiterInnenbewegung vertraute Frage "Reform oder Revolution?" stellt sich auch für die globalisierungskritischen Bewegungen, somit auch für Attac.
Arbeit um zu leben – Leben um zu arbeiten?
Eine Ergründung der Ursachen von Arbeitslosigkeit und das Erarbeiten von Lösungs- und Bewältigungsstrategien – sowohl individuell als auch gesamtgesellschaftlich gesehen – kann auf eine Neu-, Um- und Redefinition des Begriffes Arbeit nicht verzichten. Hier wird vor allem und in erster Linie die "klassische", auch von GewerkschaftsvertreterInnen benutzte Definition von Arbeit im Sinne von Erwerbsarbeit, Lohnarbeit als ungeeignet befunden, daher der Arbeitsbegriff in einem erweiterten Sinne verwendet: Arbeit wird in diesem Kontext auch verstanden als ehrenamtliche Arbeit, als Reproduktionsarbeit, als Familienarbeit. Darin zeigen sich nicht nur die Ergebnisse feministischer Ökonomiedebatten, die den "blinden Fleck" weiblicher "Schattenarbeit" erhellten, sondern auch die mittlerweile obsolet gewordene Trennung zwischen "Arbeitssphäre" und "Freizeitsphäre" macht sich bemerkbar: Gerade die neuen Arbeitsformen wie flexible Arbeitszeiten, Arbeit auf Abruf, Just-in-Time-Produktiion, selbstständige Tätigkeiten haben die bisherigen Grenzen verwischt; andererseits werten gerade KritikerInnen des "klassischen" Arbeitsbegriffs bisher als selbstverständlich hingenommene, weil traditionell Frauen zugewiesene Tätigkeiten auf.
Dass Erwerbsarbeit für viele nicht mehr den Lebensunterhalt sichern kann, dass ein Gutteil der Arbeit nicht entlohnt wird, dass Besitzende von entlohnter Arbeit unter ständiger psychischer und physischer Überlastung leiden – bis hin zu Burn-out und ständiger Erschöpfung –, bedeutet ein beträchtliches gesellschaftliches Konfliktpotential.
Wege aus der Krise?
Der vorliegende Band zeigt die gesamte Bandbreite der hierzu geführten Debatten auf – und gleichermaßen auch der bislang erarbeiteten Lösungsmodelle. Die AutorInnen stellen die Frage, ob der Kapitalismus generell in die Krise geraten sei (Michael Heinrich), verweisen auf die Notwendigkeit nicht nur einer geschlechterdifferenzierenden, sondern sogar feministischen Analyse der Globalisierung (Alexandra Weiss), untersuchen Armut trotz (und durch) Arbeit (Lisbeth N. Trallori) und analysieren Rechtfertigungsstrategien für den Umbau des Sozialstaates (Christoph Görg).
Wie kann nun diesen scheinbar naturwüchsigen Entwicklungen, die die Betroffenen zu anscheinend hilflosen Opfern, zu Ohnmächtigen machen, begegnet werden? Christa Wichterich fordert hier ein Grundeinkommen als einen Eckpfeiler gegen das Fortschreiben der geschlechterhierarchischen Arbeitsteilung; Markus Matterbauer skizziert neue Ansätze einer emanzipatorischen Beschäftigungspolitik, die unter anderem, aber nicht ausschließlich, Arbeitszeitverkürzung einschließt.
Deutlich wird, dass der Individualisierung der Subjekte, der Vereinzelung die Prinzipien der Solidarität und der Gerechtigkeit entgegengehalten werden: Gerechtigkeit von Männern gegenüber Frauen, Gerechtigkeit von Erwerbsarbeit Habenden gegenüber Erwerbslosen, Gerechtigkeit von Erster Welt gegenüber Staaten des Südens.
Somit wird hier der Begriff Globalisierung auch mit einem neuen Inhalt und einer neuen Bedeutung gefüllt: Er bedeutet nicht nur das Wissen um weltweite ökonomische wie politische Zusammenhänge, sondern auch den Erwerb eines Bewusstseins von Solidarität über den persönlichen, individuellen Lebensbereich hinaus.
Wissen was ist
Der Sammelband stellt eine leicht verständliche Einstiegslektüre für Leserinnen dar, die sich einen ersten Überblick über die darin behandelten Schwerpunktthemen Globalisierung, Veränderungen der Arbeitswelt, politische Strategien verschaffen wollen. Den jeweiligen Beiträgen zu den vier Schwerpunkten (Arbeitsgesellschaft in der Krise; Der Krisenalltag; Was zu tun ist; Globalisierungskritik in Reflexion) ist ein Editiorial vorgestellt; Andreas Exner fasst sowohl in einer Einleitung als auch in einem Schlusswort die wichtigsten Gesichtspunkte zusammen. Somit ermöglicht das Buch, einzelne Artikel sozusagen zwischendurch zu lesen, ohne diese unsystematische Lektüre mit Verständnisproblemen bezahlen zu müssen. Mit dieser Materie schon vertraute Leserinnen finden eine Fülle von Denkanstößen für weitere Auseinandersetzungen sowie – hoffentlich – auch deren Umsetzung in politische Aktionen.
Positiv ist anzumerken, dass Menschen, Frauen wie Männer, als in sozialen Bezugssystemen Lebende und Arbeitende gesehen werden; dass sie aber durchwegs als in heterosexuellen (familiären) Kontexten Verankerte verstanden werden, somit der Wandel der Familienformen (Patchwork-Familien, Regenbogenfamilien, lesbische beziehungsweise schwule Beziehungsformen...) völlig ausgeklammert wird, ist leider ein großes Manko.
 A. Exner, J. Sauer, P. Lichtblau, N. Hangel, V. Schweiger, S. Schneider (Hg.) - in Kooperation mit Attac Losarbeiten - Arbeitslos? Globalisierungskritik und die Krise der Arbeitsgesellschaft
Unrast Verlag, 2005 285 Seiten, broschiert €D 16,00 / €A 16,50 / sFr 28,60 ISBN 3-89771-443-4
Buch bestellen
ZUM WEITERLESEN:
Dead Men Working. Gebrauchsanweisungen zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs Buchrezension von Ruth Devime
Kommentare unserer Leserinnen...* Du kannst ...:  Es gibt noch keine Leserinnenmeinung zu diesem Artikel. * Für den Inhalt der Kommentare sind die Verfasserinnen verantwortlich.
|