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MAGAZIN

KEIN FERNER TRAUM VOM GELOBTEN LAND...

© Gudrun Hauer (24.05.06)


Geschichte

Mirjam Bolle: Ich weiß, dieser Brief wird dich nie erreichen

Mirjam Bolles niemals abgeschickte Tagebuchbriefe von 1943/44 sind ein berührendes Zeugnis vom täglichen Überlebenskampf niederländischer JüdInnen während der Zeit der deutschen Besatzung und von der Hölle in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern.



Mirjam Bolle

Die Niederlande unter deutscher Besatzung

Am 10. Mai 1940 überfiel die deutsche Wehrmacht die Niederlande, Belgien und Luxemburg. Nach der Bombardierung und fast völligen Zerstörung Rotterdams kapitulierte die niederländische Armee am 14. Mai. Ab Oktober des gleichen Jahres setzten die Repressionsmaßnahmen sowie die Verfolgungen und Deportierungen der niederländischen sowie der aus Deutschland in die Niederlande geflüchteten JüdInnen ein. Am 13. Jänner 1941 wurde auf Anweisung der deutschen Besatzer der Jüdische Rat in Amsterdam gegründet. Am 20. Jänner 1942 wurde auf der Berliner "Wannseekonferenz" die Ermordung der europäischen JüdInnen beschlossen.

Aufgrund der Anweisungen von Deportationschef Adolf Eichmann wurden in den Folgemonaten die Vorbereitungen für die Deportationen in das Vernichtungslager Auschwitz durchgeführt und abgeschlossen, unter anderem für 100.000 JüdInnen aus den Niederlanden, Frankreich und Belgien. Ab 1. Juli 1942 wurde das Flüchtlingslager Westerbork zum "Polizeilichen Durchgangslager" unter deutscher Verwaltung erklärt. Am 21. Mai 1943 erhielten 7.000 Mitglieder des Jüdischen Rates eine Aufforderung zum "Arbeitseinsatz" und wurden nach Westerbork deportiert. Im September wurde der Jüdische Rat aufgelöst.

Die alliierten Truppen befreiten Ende 1944 den südlichen Teil der Niederlande, den nördlichen Teil zu Kriegsende im Mai 1945. Während des Zweiten Weltkriegs wurden 75 Prozent der niederländischen JüdInnen ermordet: Insgesamt wurden 102.000 deportiert, von denen 5.000 überlebten. Etwa 20.000 JüdInnen überlebten als Untergetauchte in Verstecken.

Zwischen Hoffen und Bangen

"Lieber Leo" - mit diesen Worten beginnt jeder Brief, den die in Amsterdam lebende jüdische Niederländerin Mirjam Levie an ihren Verlobten in Palästina schreibt und dann mit den detailgenauen Beschreibungen ihres Alltags fortsetzt. Sie weiß, dass ihre Mitteilungen den Adressaten nicht erreichen können, aber die möglichst genauen Aufzeichnungen des von ihr und ihrer Familie Erlebten werden aus mehreren Motiven gespeist: Sie dienen als Gedächtnisstütze, um Erlebtes festzuhalten, wobei sie immer wieder beteuert, dass sie nur das Wichtigste aufschreibe und sicher vieles wieder vergessen habe, weil sich in der Zwischenzeit allzu viel ereignet habe. Und sie sollen auch dazu verhelfen, das Erfahrene begreifen und bewältigen zu können, dem Grauen Worte und Sprache verleihen und sich somit ein Stück weit distanzieren zu können: Das Schreiben dient hiermit auch als Überlebenshilfe.

Levie beschreibt sowohl in Amsterdam als auch in Westerbork und Bergen-Belsen einen Alltag, in dem alles bisher Gewohnte und Vertraute völlig auf den Kopf gestellt ist und die normalen Regeln des zivilisierten Umgangs zwischen den Menschen nicht mehr gelten - nicht nur aufgrund des Lebens unter Kriegsbedingungen in einem von einer Fremdarmee besetzten Staat, sondern auch wegen der Verfolgung von Jüdinnen und Juden und der Vorbereitung des Holocausts. Levie ist Jüdin, sie ist ebenso wie ihr Verlobter Mitglied der zionistischen Bewegung, und aufgrund ihrer beruflichen Arbeit als Sekretärin in wichtigen jüdischen Organisationen verfügt sie über Einblicke in deren interne Angelegenheiten: Der Jüdische Rat, ein Pendant zum Judenrat in Ghettos oder etwa in deutschen Städten, wurde von den jeweiligen nationalsozialistischen Verwaltungsbehörden eingesetzt und benutzt, um deren Anordnungen zum Beispiel betreffend Registrierung und Deportation der jüdischen Bevölkerung organisatorisch umzusetzen und bei der Durchführung mitzuhelfen. Diese Einrichtungen waren somit keine freiwillig entstandenen, auf Selbstverwaltung basierenden Institutionen, sondern wurden als ErfüllungsgehilfInnen für den Völkermord missbraucht. Die Mitglieder dieser Organisationen, deren Tätigkeiten nach Kriegsende mehr als umstritten bei den wenigen - jüdischen - Überlebenden waren, befanden sich moralisch wie politisch in einer Zwickmühle: Einerseits versuchten sie die von der NS-Verwaltung angeordneten Maßnahmen zu verzögern oder abzuschwächen, andererseits befürchteten sie gerade dadurch eine Verschärfung der Repressionen.

Levie erzählt in einfacher, schmuckloser Sprache, die sich weitgehend auf das Beschreiben des Geschehenen konzentriert und auf eine Reflexion des Erlebten und somit Notierten verzichtet, von einem Alltag unter Extrembedingungen: von ständigen Kontrollen durch die Polizei, vom Abtransport von Familienmitgliedern und Bekannten und somit der schrittweisen völligen Zerstörung vertrauter Bindungen und Sozialstrukturen, von der Angst, aufgegriffen und deportiert zu werden, von der ständigen persönlichen Schutzlosigkeit und den - vergeblichen - Versuchen, sich trotz allem immer wieder ein Stückchen Hoffnung zu bewahren, von der Erfahrung der ständigen Unsicherheit.

Diese Erfahrungen des völligen existenziellen Ausgeliefert-Seins verdichten sich in ihren Aufzeichnungen aus Westerbork und Bergen-Belsen, wo die Menschen um das nackte Überleben kämpfen müssen, wo sie kaum die minimalsten physischen Grundbedürfnisse erfüllen können, wo das Sterben und Morden ein Teil des Alltags wird.

Zeugnis für die Nachwelt

Mirjam Levie hat Glück: Sie kann Bergen-Belsen als "Austauschjüdin" verlassen und nach Palästina reisen. Und es ist ihr gelungen, ihre Aufzeichnungen zu retten: Ihre Tagebuchbriefe aus Amsterdam und Westerbork hat sie über eine Zwischenstation an eine Kollegin ihres Vaters versandt; sie wurden in einem Versteck aufbewahrt und ihr von ihrem Schwager nach dessen illegaler Auswanderung nach Palästina übergeben. Ihre Tagebücher aus Bergen-Belsen hat sie selbst bei ihrer Ausreise mitgeschmuggelt. All diese Aufzeichnungen hat ihr Verlobter nie erhalten; die Autorin hat sie selbst vergessen und sich erst aufgrund eines mit ihr geführten Interviews für einen Dokumentarfilm wieder an sie erinnert.

Bolles sehr lesenswertes Buch ist somit ein außergewöhnliches autobiographisches Zeugnis in bezug auf die Erinnerungsliteratur (jüdischer) Verfolgter während der NS-Zeit: Anders als viele andere Lebensberichte wurde er nicht nach mitunter jahrzehntelanger zeitlicher Distanz vom Erlebten und Erlittenen geschrieben, sondern er stammt aus der NS-Zeit selbst. Er vermittelt daher vor allem einen Einblick darin, was Jüdinnen und Juden damals über ihre Verfolgung wussten - und wie sie auf diese reagierten. Und er ist ein Appell, dass sich dieser Teil der Geschichte niemals wiederholen darf!


Mirjam Bolle
"Ich weiß, dieser Brief wird dich nie erreichen"
Tagebuchbriefe aus Amsterdam, Westerbork und Bergen-Belsen

Eichborn Verlag, Berlin, Frankfurt/Main 2006
299 Seiten, gebunden
€D 22,90 / €A 23,60 / sFr 39,90
ISBN: 3-8218-5768-4

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ZUR AUTORIN:

Mirjam Bolle
1917 als Mirjam Levie in Amsterdam geboren. Nach der Auswanderung ihres Verlobten Leo Bolle 1938 nach Palästina blieb sie in Amsterdam; nach der Besetzung der Niederlande durch die deutsche Wehrmacht konnte sie nicht mehr nach Palästina ausreisen und arbeitete zunächst als Sekretärin beim Komitee für Jüdische Flüchtlinge und ab März 1942 beim Jüdischen Rat. Im Juni 1943 wurde sie in das Durchgangslager Westerbork und im Jänner 1944 von dort in das Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert. Im Juni 1944 konnte sie in einer Gruppe von 222 JüdInnen mit dem einzigen Austauschzug, der Bergen-Belsen jemals verlassen hatte, nach Palästina ausreisen. Wenige Wochen nach ihrer Ankunft heiratete sie ihren Verlobten und ließ sich mit ihm in Jerusalem nieder, wo sie heute noch lebt.



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*Kein ferner Traum vom gelobten Land...


Gudrun Hauer
29.05.06 15:36

Mirjam Bolle: Ich weiß, dieser Brief wird dich nie erreichen

Mirjam Bolles niemals abgeschickte Tagebuchbriefe von 1943/44 sind ein berührendes Zeugnis vom täglichen Überlebenskampf niederländischer JüdInnen während der Zeit der deutschen Besatzung und von der Hölle in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern.

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*Re: Kein ferner Traum vom gelobten Land...


Gästin
29.05.06 15:57

Nicht Juden sollten ausgerottet werden, sondern Menschen. Menschen beschlossen, Menschen auszurotten. Menschen beschlossen, Menschen auszurotten, die ihnen nicht in den Kram passten, oder besser gesagt, die ihnen gut in den Kram passten, Menschen beschlossen Menschen auszurotten, weil gerade ein passendes Feindbild zur Hand war. Es hätte jede treffen können und es hat wohl auch jede getroffen, mehr oder weniger.


Nicht nur jüdische Abstammung war ein Kriterium, auch politische Überzeugung, sexuelle Orientierung, ganz banal gesagt: Gedankengut sollte ausgerottet werden. Und, ganz Kapitalist, verdient sollte dabei auch werden. Es wurde gut daran verdient. Das Geld, das Hab und das Gut der Opfer geht an die Täter, das war schon bei den Hexenverbrennungen so. Darum also. Des Geldes wegen. Und der Gedanken wegen.


Wiederholbar. Ausrottbar. Zur falschen Zeit am falschen Ort. Unkraut. Wollen wir hier nicht haben. Wer ist 'Wir'? Sind 'wir' 'Gott', das 'wir' darüber entscheiden?


Bitte, ist hier jemand gefeit davor, den anderen als minderwertig und sich selbst als höherwertig, als Elite zu sehen, der nun mal die Herrschaft der Welt zusteht? Bitte, irgendjemand ... ?


Ich habe einen Traum ...


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*Re: Kein ferner Traum vom gelobten Land...


Gästin
29.10.07 21:16

das ist eine absolute verhamlosung des holocaust.... hast du überhaupt kein historisches wissen? die verfolgung politisch andersdenkender und erst recht die verfolgung von homosexuellen männern kann nicht mit dem holocaust verglichen werden. hier ging es um gezielten völkermord! vor 1938 lebten in österreich ca. 600.000 jüdInnen, heute sind es rund 9.000. natürlich haben menschen menschen vermichtet, aber deine darstellung liesßt sich absolut als verleugnung! so blöd kann doch heute niemand mehr sein, außer holocaustleugnerInnen aus dem rechtsextremen lager!


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