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HäFTLINGSNUMMER 74559© Gudrun Hauer (14.06.06)
Flora Neumann: Erinnern, um zu leben. Vor Auschwitz. In Auschwitz. Nach Auschwitz..
Flora Neumanns Lebenserinnerungen sind ein bewegendes und seltenes autobiographisches Zeugnis jüdischen Widerstandes während der NS-Zeit sowie des Überlebens in Vernichtungslagern.
"Was ist aus dem größten Teil unserer Familie, Verwandten und Freunde geworden? Fast alle gingen den letzten Weg, ihr Ende war die Gaskammer der deutschen Nazi-Verbrecher im Dritten Reich. Die Schreie der gequälten Menschen, die in die Sauna gingen, um zu duschen, ein Stück Seife und ein Handtuch bekamen, und statt Wasser kam Gas. Können die Menschen verstehen, dass mir nachts die Gedanken kommen: Hoffentlich haben Mutti, Paula und Klein-Rita, sowie Rudis Eltern und seine fünf Geschwister und alle anderen Ermordeten genug Gas bekommen, damit sie nicht so leiden mussten! Denn wir hörten öfter, dass nicht genug Gas da war und die Menschen nicht gleich tot waren. Ich möchte die Menschen wachschreien. Dieses ist alles keine Phantasie, sondern es ist die reine, reine Wahrheit."
it diesen schlichten, gerade wegen ihrer Einfachheit berührenden Sätzen weist die Hamburgerin Flora Neumann in ihrer kürzlich in der dritten Auflage erschienenen Autobiographie "Erinnern, um zu leben" auf zwei für die Auseinandersetzung gerade von uns "Nachgeborenen" mit der Völkermordpolitik des Dritten Reiches wichtige Fakten hin: auf das qualvollste Ersticken jüdischer und anderer Opfer in den Gaskammern, deren oft länger als eine Viertelstunde dauernden Todeskampf, in dem die eingesperrten Menschen nicht selten auf die Schwächsten, meist Kinder und Jugendliche, traten, um noch einige wenige letzte Atemzüge unvergifteter Luft einatmen zu können, wobei sie an den Gucklöchern von SS-AufseherInnen beobachtet wurden. Und sie schreibt zugleich vom Verlust persönlicher, familiärer wie sozialer Bindungen, von der Zerstörung von Familien und FreundInnennetzen, womit sie die unerträgliche Bürde der Einsamkeit der wenigen Überlebenden des Holocaust anspricht.
Ein Leben im Widerstand
Flora Neumann wuchs als Kind einer verarmten jüdischen Familie in Hamburg auf und arbeitete nach dem Schulabschluss als Akkordarbeiterin in einer Wollspinnerei. Schon früh schloss sie sich einer Gruppierung der jüdischen ArbeiterInnenbewegung an, den Jüdischen Jungarbeitern (JJA), wo sie deren Aktivist Rudi Neumann kennen lernte, den sie mit 20 Jahren heiratete. 1935 wurde ihr Sohn Berni geboren. Beide betätigten sich schon unmittelbar nach der Machtergreifung der NSDAP 1933 im Widerstand. Nach der Verbüßung einer Haftstrafe emigrierte Rudi Neumann 1938 nach Belgien, wohin ihm Flora Neumann mit ihrem Sohn nachfolgte. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Belgien 1940 setzten auch dort die Verfolgungen und Deportationen der belgischen JüdInnen sowie der dorthin emigrierten jüdischen Flüchtlinge ein. Rudi Neumann wurde deportiert und erlebte im KZ Buchenwald die Befreiung vom Nationalsozialismus. Nach der Verhaftung ihres Mannes versteckte Flora Neumann ihren Sohn in einem belgischen Nonnenkloster und schloss sich der belgischen Untergrundbewegung Brigade Blanche an. Nach einer Denunziation wurde sie verhaftet, zum Tode wegen "Zersetzung der deutschen Wehrmacht" verurteilt und nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Ab dem Jänner 1945 begannen die "Todesmärsche" von einem KZ beziehungsweise Vernichtungslager in andere Lager, da die SS die polnischen Lager wegen des Vormarsches der Roten Armee "auflöste". Flora Neumann gelang die Flucht, und sie setzte sich nach Belgien ab, wo sie nach Kriegsende mit ihrem Mann und ihrem Sohn wieder zusammentreffen konnte. Die Drei sind die einzige Hamburger jüdische Familie, die die NS-Zeit überleben konnte. Das Ehepaar arbeitete bis 1951 in einem jüdischen Waisenhaus und musste dann wieder nach Deutschland zurückkehren, da sie als Deutsche keine Arbeitserlaubnis mehr erhielten. Als "Wiedergutmachung" erhielt Flora Neumann für jeden Tag Auschwitz-Birkenau 5 DM. Bis ins hohe Alter waren beide politisch aktiv.
Geschichte von unten
Flora Neumanns Lebensbericht, zum erstenmal 1988 publiziert, weist alle charakteristischen Merkmale eines Jahrzehnte nach dem erlebten Grauen geschriebenen Erinnerungsberichts auf: In die - chronologische - Erzählung des erlebten Vergangenen sind reflektierende Passagen eingeschoben, wie sich das Erlittene aus heutiger Sicht der Erzählerin präsentiert und wie die eigenen Erfahrungen in einen größeren historischen Zusammenhang eingebettet werden. Die Autorin ist keine "professionelle Schreiberin", sondern ihr Text atmet in vielen Passagen den Duktus mündlicher Erzählung - durch Themensprünge sowie durch bestimmte stilistische Eigentümlichkeiten. Dass Flora Neumann das Erzählen nicht leicht gefallen sein muss, wird an dem deutlich, was sie - weitgehend - ausspart und was zum Teil erst in Vorwort wie Nachwort ihrer Nichte Peggy Parnass nachzulesen ist: Wie alle anderen Überlebenden auch litt sie körperlich und vor allem psychisch bis zu ihrem Tod an den Folgen des Zwangsaufenthaltes in KZs und Vernichtungslagern, was in der entsprechenden Fachliteratur unter den Stichworten "Seelenmord", "Verfolgungssyndrom" und dergleichen beschrieben wird. Anders als deren Opfer hatten und haben die Schlächter und Henker ungestörte, alptraumfreie Nächte!
Flora Neumann ist, dies wird bei der Lektüre des Buches deutlich, keine im bürgerlich-konventionellen Sinne gebildete Frau und konnte dies auch nicht sein, denn aufgrund ihrer sozialen Herkunft sowie ihres Geschlechts war ihr unter den sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen Ende der 1920-er, Anfang der 30-er Jahre jede "höhere" Ausbildung einschließlich der Absolvierung einer Lehre unmöglich. Dies hinderte sie jedoch nicht daran, sich politisches Wissen anzueignen und dieses Wissen auch in politische Aktivitäten umzusetzen. Noch als Greisin verfolgte sie besorgt den wiederum wachsenden Antisemitismus in Deutschland sowie den erstarkenden Hass gegen AusländerInnen. Der hohe Stellenwert des Politischen auch im persönlichen Alltagsleben sowie das Engagement in den Strukturen jüdischen Lebens in Hamburg war auch ein wichtiges gemeinsames und verbindendes Band zwischen den EhepartnerInnen, wie die Autorin immer wieder betont.
Schlampige Edition
Implizit ist dieses Buch auch ein Anschreiben gegen einen bestimmten noch immer existenten historischen Mythos: dass nämlich gerade Jüdinnen und Juden keine WiderstandskämpferInnen gegen den Nationalsozialismus gewesen seien. Dieser sehr lesenswerte Erinnerungsbericht ist somit ein augenfälliges Zeugnis gegen diesen Mythos. Und gerade hier liegt auch der größte Mangel der vorliegenden Ausgabe: Gerade für Leserinnen, die über wenig Wissen über diesen Aspekt der Widerstandsgeschichte verfügen sowie auch kaum Kenntnisse über die Geschichte der jüdischen ArbeiterInnenbewegung haben, wäre ein ausführliches historisches Einleitungskapitel hilfreich gewesen. Daher wirkt die Herausgabe dieser Erinnerungen von Verlagsseite aus ziemlich lieblos und schlampig, fast wie eine "lästige Pflichtübung", was eigentlich sehr schade ist.
 Flora Neumann Erinnern, um zu leben Vor Auschwitz. In Auschwitz. Nach Auschwitz. Mit einem Vor- und Nachwort von Peggy Parnass
3., überarbeitete und ergänzte Auflage, Konkret Literatur Verlag, 2006 127 Seiten, broschiert €D 10,00 / €A 10,30 / sFr 26,00
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ZUR AUTORIN:
Flora Neumann wurde als Flora Andrade am 23.02.1911 in Hamburg geboren. Am 19.09.2005 starb sie in Hamburg.
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