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WORTSPIELE WORTZAUBER MACHTWORTE© Irene Fleiss (07.08.06)
Luisa Francia: Wortwechsel
Luisa Francia beschäftigt sich mit der Sprache, ihrer Bedeutung im Alltag und in der Magie, mit dem Rufen, Bannen, Binden, Lösen und Wandeln; und sie wandelt dabei unseren Blick auf die Verwendung der Worte und regt unser Gehirn an, "sprachlustig" zu werden.
s geht um Worthülsen und leere Sätze, um Machtworte und Schlüsselworte, um Lügen, Wortgewalt, Mantras, unbedachte Worte, Schweigen, Schlagworte, um das Wort "unmöglich", um Wunder und Wunden durch Worte, um die Göttin Hekau (was "Worte der Macht" bedeutet), wahre und geplatzte Wunder, Fenster in unbekannte Welten, gute Worte, zweideutige Worte ("jemandem den Krieg erklären"), Tratschen und Verraten, Sagen was ist, diffamierende Begriffe, Sexualverbrechen, Zickenterror, Beziehungsdiskussionen und ihre manchmal tödlichen Folgen, Kunst, Codewörter, ein Netz von Wirklichkeiten, den Schleier über der Wirklichkeit, die Realität hinter manch schöner Aktion.
Wer "Macht über die Worte" hat, hat auch "Macht über die Menschen". Daher gilt "Sagen, was ist" nicht nur in der Magie, sondern auch in der Verwendung unserer Sprache. "In Deutschland wird eine Frau tausendmal am Tag daran erinnert, dass es nicht normal ist, Frau zu sein und weiblich benannt zu werden. Das hat Folgen. Wo kein Selbstbewusstsein ist, geschieht auch keine Veränderung." Luisa Francia erzählt vom ältesten entschlüsselten Satz: "Bärgöttin und Vogelgöttin sind wirklich die Bärgöttin", der vor rund 7000 Jahren westlich von Belgrad auf tönerne Spinnwirteln geritzt worden ist. Aus diesem Satz leitet sie Überlegungen zu Leben und Tod, zu Text und Textil, zu Artemis, zur Schöpfungsgöttin der Hopi und Navajo, zu Marija Gimbutas und den Schicksalsgöttinnen ab. Manche Dinge sagen sich nur in der Muttersprache gut, ein Dialekt ist nichts, dessen wir uns zu schämen brauchen. Interessant ist, daß Stammessprachen kein "Ich liebe dich" kennen. Luisa Francia nennt das Bayrische "I bin dir guat", ich ergänze die Wienerischen Wendungen "I mag di" und "I hab di gern".
Eine wahre Erkenntnis, die wir leider viel zu oft vergessen (oder die wir uns gar nicht erst gestatten):
"Muss ich mich therapieren lassen? Muss ich etwas kapieren? Muss ich mich verändern? Solange die Welt strotzt vor Killern, Faulpelzen, Ausbeutern, Kinderschändern, Schlägern, sehe ich keinen Handlungsbedarf, mir ein schlechtes Gewissen zu machen, wenn ich faul und wenig sozial bin, wenig brillant durch den Alltag trödle und ein paar Probleme habe." Und mein neues Motto für mein Selbstbewußtsein: "Ja, ich bin beziehungsunfähig, und jetzt lasst mich in Ruhe, ich habe Wichtigeres zu tun."
Ernsthaft und ironisch zugleich stellt Luisa Francia die "Weihe" in Frage, die es offenbar bedeutet, vom SPIEGEL als "einzig ernst zu nehmende Magierin" bezeichnet zu werden.
Der zweite Teil des Buches beinhaltet Spiele mit Worten, eigene Worte der Macht, Wortbilder, Wortangriffe, Körperübungen, Hirnübungen, Rituale, Wortzauber, Abwehrzauber und magische Reime. "In der Magie der weisen Frauen bewirken Worte Veränderung von Wirklichkeit." Luisa Francia führt uns - wie stets vernünftig, praktisch und lustvoll - in das Handwerk der Magie ein. Bevor wir die Wirklichkeit manipulieren wollen, ist es eine gute Idee, das Bestehende zu benennen, "denn nichts ist so idiotisch wie die Manipulation einer falsch eingeschätzten Wirklichkeit." Danach können Energien gerufen werden - aber Achtung, wir sollten auch bereit sein, diese Energien und ihre Begleiterscheinungen anzunehmen. Frau sollte sich also genau überlegen, was sie braucht, und dann genau jene Kräfte rufen, die sie dahin führen. Kräfte, mit denen wir gerade nicht umgehen können, können für begrenzte Zeit gebunden werden. Doch in jedem Binden ist die Lösung bereits vorgegeben, und Binden kann eine Erstverschlechterung mit sich bringen. "Weshalb Binderituale etwas für Rossnaturen sind. Aber die brauchen eigentlich keine Binderituale." Bannen kann gegen zu starke Belästigungen und Bedrohungen helfen, aber ein Bannritual kann unter Umständen bedeuten, "dass du deinen Standort veränderst, weil vielleicht die andere Kraft unbeweglich ist." Mit anderen Worten: dein mobbender Chef sitzt vielleicht am längeren Ast... "Magie geht den Weg der geringsten Energieaufwendung bei größtmöglicher Wirkung." Die gebannte Kraft, meint Luisa Francia, lässt sich bannen, doch das Ergebnis kann auf unerwartete (und vielleicht unerwünschte) Weise eintreten. Ballast lässt sich mit einem Löseritual abwerfen; und ein richtiges Rufritual löst oft auch eine Wandlung aus.
Wie immer ist Luisa Francia angenehm undogmatisch. Ein Ritual kann nach einer bestimmten Form ablaufen, muß aber nicht. "Schon gar nicht müssen sich die Beteiligten an einem gemeinsamen Ritual lieben oder mit dem Gerufenen der anderen identifizieren." Und auch eine Frau, die allein etwas rufen, bannen, lösen oder wandeln will, braucht sich keine Sorgen um die Gestaltung zu machen. "Eine allein könnte in einem Kreis aus Steinen, Laub, Mehl, aus ihren Unterhosen oder Göttinnenfiguren stehen und die Kräfte rufen, die sie gern in ihrer Nähe hat." Oder sie macht halt etwas anderes. Durch diese entspannte, lustvolle Haltung entsprechen ihre Bücher dem indianischen Gruß: "´Schreite in Schönheit´, denn Schönheit bedeutet Harmonie." Erfreulicherweise wie immer beinhaltet auch dieses Buch genug Gesellschafts/Patriarchatskritik, um die Leserin für längere Zeit zu beschäftigen. Francia-Faninnen werden sowieso reflexartig zu diesem Buch greifen - und Recht haben sie -, allen anderen möchte ich diesen Griff dringend empfehlen. Seit gut 20 Jahren ist Luisa Francia für in jedem Sinne anregende Unterhaltung gut, und das sollte auch einmal erwähnt werden.
Zum Abschluß: "das Nötige sprechen entschlossen handeln das entscheidende Wort auf den Lippen das nichts entschuldigt nichts erklärt so ist die Magie der weisen Frau"
Wenn eine das schafft, hat sie keine Magie mehr nötig.

Luisa Francia Wortwechsel
Verlag Frauenoffensive, 2006 140 Seiten, broschiert €D 13,90 / €A 14,30 / sFr 25,10 ISBN 3-88104-375-6
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ZUR AUTORIN:
Luisa Francia ... ist laut SPIEGEL die einzig ernst zu nehmende Magierin und außerdem Schriftstellerin, Journalistin, Mutter, Dichterin, Sängerin, Drehbuchautorin, Fotografin ... sie schreibt über das, was ihr Leben maßgeblich prägt. Luisa Francia ging nach Afrika, Indien, Nepal und Tibet, um Heilrituale und Schamanismus zu erforschen. Sie nahm an mehreren Expeditionen im Himalaya teil und steigt am liebsten allein (oft barfuß) auf Berge, um bei sich selbst anzukommen. (Verlagstext) In diesem Buch hinterfragt sie ironisch / ernsthaft die Weihe, die es offenbar bedeutet, vom SPIEGEL als "einzig ernst zu nehmende Magierin" bezeichnet zu werden.
Bücher von Luisa Francia - eine Auswahl: Drachenzeit. 1987 Zaubergarn. 1989 Die schmutzige Frau. 1992 SteinReich. 1993 Starke Medizin. Handbuch zur Selbstheilung. 1995 Eine Göttin für jeden Tag. 1996 Sanfte Wirbelstürme, vergessene Flügel. 1998 Der wilde Blick. 2000 Der Rest deines Lebens beginnt jetzt. 2001 Die Sprache der Traumzeit. Kunst und Magie. 2002 In den Gärten der Kore. Visionen aus einem weiblichen Universum. 2003 Das Gras wachsen hören. 2004 Auf Katzenpfoten zur Nirvanarolle 2004 Hexenbesen Zauberkraut 2005 Einschlafen träumen ausschlafen 2005
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