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MAGAZIN

SHOT UND GEGENSHOT

© Petra M. Springer (26.09.06)


Kunst & Kultur

Barbara Dietl & Anja Müller: ichdich

Zwei Frauen fotografieren sich gegenseitig an den verschiedensten Orten - von ihrer Heimatstadt Berlin bis Zinnowitz. Im Konkursbuchverlag wurden nun diese Fotografien in dem Buch "ichdich" publiziert. Petra M. Springer hat den Band betrachtet.



Bilder aus: Barbara Dietl & Anja Müller: ichdich

ine schmale Publikation mit Fotografien zeigen Barbara Dietl und die fünf Jahre jüngere Anja Müller als Hauptakteurinnen, wobei sie sich gegenseitig an Orten, an denen sie sich gleichzeitig aufhalten, fotografieren. Sie zeigen sehr intime Einblicke in ihr Leben. Der selbe Ort ist fotografisch verschieden inszeniert und zeigt dadurch differente Blicke der Fotografinnen. Dass es sich dabei um den selben Ort in Udine, Templin, Bremen, London oder Leipzig handelt, darauf verweist oft ein minimales Detail. Zeit- und Perspektivenverschiebungen machen es meist für die Betrachterin nicht leicht, den Ort als den Selben zu identifizieren. Während die eine in Kühlungsborn auf dem Boden liegt und im Hintergrund ein Fauteuil sichtbar ist, inszeniert sich die andere darauf. Während Dietl kopfüber aus dem Bett hängt und in die Leere blickt, schaut Müller in der selben Kleidung mit lippenstiftverschmiertem Mund in der nahsichtigeren Fotografie aus dem Bild. Die eine fängt vor der Kulisse des Wassers einen Ball, während die andere sich mit tropfnassem Haar vor der Kamera positioniert. Die eine wischt sich, eine Melone in der Hand, mit dem Handrücken den Saft aus dem Gesicht, während die andere die Melone vor das Gesicht hält. Eine schmiegt sich an einen Felsen, die andere steht vor der Brandung - der Boden und das Wasser verweisen auf den selben Ort. Eine blickt in Darmstadt aus dem Fenster, und im Hintergrund befindet sich eine Heizung, vor der die andere posiert.

In Hotelzimmern, am Strand, im Wald, im Bett, vor einer roten Ziegelwand inszenieren sich die beiden Geliebten in verschiedensten Positionen. Bekleidet, aber auch nackt werden sie von der Kamera erfasst. In Wien sind sie im Prater zu sehen - einerseits vor einem Stand mit Plüschtieren, andererseits vor dem Double des Riesenrades. Oftmals blicken die dargestellten Frauen nicht direkt aus dem Bild - es sind nachdenkliche, verträumte, abwesende, von der Sonne geblendete, aber auch wachsame Blicke bis hin zu geschlossenen Augen. Sie machen sich somit zum passiven Objekt der anderen mit der Kamera in der Hand. In einigen Fotografien dagegen ist es der direkte Blick, der die Betrachterin ins Bild zieht. Interessanter Weise ist nur einmal eine Fotografin mit der Kamera, die um den Hals hängt, abgebildet.

Diese visuellen Dialoge zeigen sehr gut den subjektiven Blick der Frauen durch die Kamera. Differenzen wie Nahsicht und Distanz, Ausschnitt versus Ganzkörperfotografie werden sichtbar, obwohl nicht jeweils eine Fotografin ausschließlich eine Kategorie verwendet. Je öfter die Fotografien betrachtet werden, desto vielschichtiger erscheinen sie. Immer wieder tauchen weitere Aspekte auf. Beispielsweise wird das Geschlecht dekonstruiert, indem der Unterarm die Brust verhüllt beziehungsweise zeigt ein Bild Anja Müller mit Mullbinde in der Hand mit abgebundener Brust.

Bis auf vier Fotos ist die Publikation durchwegs in Farbe gehalten. Das Buch umfasst sehr schöne Fotografien, die als Tagebuch einer Liebesgeschichte gelesen werden können, woran sie die Betrachterinnen teilhaben lassen. Die freie Journalistin und taz-Reporterin Waltraud Schwab hat das Vorwort zu dem Bildband verfasst.

DIE FOTOGRAFINNEN:

Barbara Dietl
...geb. 1966, studierte an der Hochschule der Künste Berlin und an der Hochschule für bildende Künste Hamburg, Klasse Wolfgang Tillmans, Fotografie am Schiffbauerdamm, Klasse Arno Fischer. Seit 1999 freie Fotografin, seit 2002 Atelierladen in Berlin. Veröffentlichungen u.a. in Allegra, Cosmopolitan, Eichborn Verlag, Emma, Fischer Verlag, GAP, Kultur-Spiegel, Mein heimliches Auge, Prinz, Taz, Rowohlt Verlag, Ulrike Helmer Verlag, Siegessäule, Skyline, die Woche.
www.dietlb.de

Anja Müller
... geb. 1971 in Ostberlin, hat mit 12 Jahren begonnen zu fotografieren. Sie geht mit den von ihr fotografierten Menschen eine Beziehung ein, in der sie sich sicher fühlen und aufgehoben. Dadurch gelingt es ihr, sehr intime Bilder zu machen. Fotobände im Konkursbuch Verlag: "Frauen" (2000), "Männer" (2001), "Paare" (2002), "60plus" (2002), "....aller Liebe Anfang" (2004). Mitherausgeberin von "Schöner kommen. Das Sexbuch für Lesben" (Querverlag).
www.anja-mueller-fotografie.de


Barbara Dietl & Anja Müller
ichdich

Fotografien
Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, 2006
80 Seiten, broschiert
€ 8,00 / sFr 14,80
ISBN 3-88769-352-3

Buch bestellen (bei Berta - Bücher und Produkte, Graz)



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