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MAGAZIN

GEGEN DAS «EVA-PRINZIP»

© Cristina Fischer (07.10.06)


Politik & Gesellschaft

Wir Frauen Nr. 3/2006: Im Osten was Neues?

Die neue Ausgabe der Zeitschrift "Wir Frauen. Das feministische Blatt" befaßt sich unter anderem mit der Lage der Frauen in der DDR. Cristina Fischer, eine der Redakteurinnen, stellt sie uns vor.



Titelbild: Lesbenfrühlingstreffen Juni 2006 in Leipzig

ängst ist sie abgewickelt, die ehemalige DDR. So gründlich einverleibt, dass kaum etwas übrig blieb. Musste der Westen sich einst noch als überlegen und in der Lösung sozialer Fragen zumindest als gleichrangig beweisen, gibt es nun kein ´anderes Deutschland´ mehr", so die beiden Chefredakteurinnen der Zeitschrift "Wir Frauen" im Geleitwort zum Schwerpunkt "Im Osten was Neues?". Es habe sich die "beste und freieste" aller Welten - "in anderen Worten der zügellose Neoliberalismus" - ökonomisch und ideologisch durchgesetzt. Die Frage, ob und wie an die DDR zu erinnern sei, werde heute viel diskutiert. "Inzwischen hängen Jobs und Gelder an der Frage, wie viele Stasi-MitarbeiterInnen wohl noch zu outen sind. Berufsverbote in der BRD? Bespitzelung von AnwältInnen und JournalistInnen durch den BND? Wen interessiert das schon?" fragen die Redakteurinnen polemisch.

Für mich der wichtigste Beitrag im Heft ist der Bericht der DDR- Geisteswissenschaftlerin und Hochschulprofessorin Helga Hörz über ihre doppelte "Abwicklung" 1990: "Das Ende der DDR am 3.10.1990 war beschlossen, meine erzwungene Emeritierung mit dem Abbruch aller bisherigen wissenschaftlichen Kommunikationsstränge ausgesprochen und meine langjährige ehrenamtliche Tätigkeit als Vertreterin der DDR in der UNO-Kommission ´Zum Rechtsstatuts der Frau´ beendet." Ein "doppelter, gesellschaftlich bedingter Schicksalsschlag", wie die Autorin bitter resümiert. Ihre zornige und dabei sachliche Schilderung veranschaulicht die "Enthauptung" der DDR-Intelligenz und gibt zugleich einen Einblick in die Frauenforschung der DDR.

Die "andere Seite" wird durch ein Interview mit Gesine Spieß, einer in Erfurt tätigen Westprofessorin, früher Frauenbeauftragte von Solingen und Düsseldorf, repräsentiert. Sie erzählt, daß sie sich im Osten "wie eine Fremde" fühlt, befangen und "nicht autorisiert, über das andere zu sprechen, obwohl ich einen Standpunkt habe". Sie nimmt überdies in den neuen Bundesländern "eine andere politische Handlungskultur" wahr, womit sie diskret umschreibt, daß es in ihrem Umfeld überhaupt keine politischen Aktivitäten gibt - was sie auf das "autoritätsgebundene Staatsdenken" der Ossis zurückführt. Versuche, die Situation der Frauen in der DDR zu analysieren, sind bisher in Ansätzen steckengeblieben oder haben sich auf Detailfragen beschränkt. Anders kann es auch in dieser Zeitschrift nicht sein, die dem Thema mehrere Artikel gewidmet hat - nicht zuletzt um "an einen historischen Versuch" zu erinnern,...

..."mitten in Europa dem Kapitalismus zu trotzen, ein Recht auf Arbeit zu postulieren, sich der internationalen Solidarität zu verpflichten, öffentliche Kinderbetreuung sicherzustellen..."

Internationale Themen gehören ebenfalls zum Spektrum der Zeitschrift. Streit in der Redaktion gab es über einen Artikel der Journalistin Karin Leukefeld über Frauen im Iran unter der Überschrift "Sich frei fühlen" (Rubrik "andere Länder"). Warum der Bildungsdrang der Iranerinnen ausgerechnet am Beispiel einer Religionsschule für Frauen abgehandelt wird, bleibt ebenso das Geheimnis der Autorin wie die Frage, warum sie nicht Todesurteile, Steinigungen und die Unterdrückung der Linken, sondern die "Kopftuchfrage" in den Mittelpunkt der Befragungen gerückt hat. Sicherlich, sie will Vorurteilen begegnen und gegen die drohende Kriegsgefahr anschreiben...
Im Kulturteil findet sich die unvermeidliche lobende Rezension des Films Grbavica ("Esmas Geheimnis"), der ein bekanntes Argument zur Rechtfertigung des NATO-Kriegs gegen Jugoslawien wiederholt - die angeblichen "systematischen Massenvergewaltigungen" durch serbisches Militär in eigens dazu eingerichteten Lagern - und dafür bei der diesjährigen Berlinale "überraschend" mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde.

Trotz aller situations- und pluralismusbedingter Schwächen ist Wir Frauen eine linke Alternative zur Emma geblieben, aber es erweist sich erneut, wie notwendig die Mitarbeit linker Frauen an dem Projekt ist. Vor allem, um dem gesellschaftlichen Rollback, der immer zuerst die Frauen trifft, und dem neuerdings propagierten "Eva- Prinzip" konstruktiven und konzentrierten Widerstand entgegenzusetzen. Die Redaktion ist an Artikeln, Fotos, Nachrichten und Kurzrezensionen zu Neuerscheinungen ebenso interessiert wie an kritischen (oder lobenden) LeserInnenbriefen. Übrigens hat "Wir Frauen", ähnlich wie die UZ, die "Marxistischen Blätter", die "junge Welt" und andere progressive Medien, mit finanziellen Problemen zu kämpfen - derzeit sogar mit einem Defizit, das für die bereits im 25. Jahrgang erscheinende Zeitschrift verhängnisvoll werden könnte. Darauf verweist ein ganzseitiger Spendenaufruf in der aktuellen Ausgabe. Wer die Zeitschrift kennenlernen möchte, hat die Möglichkeit, zehn Hefte der Jahrgänge seit 1980 für 10 € zu bestellen. Vor kurzem wurde nun auch eine professionell gestaltete Homepage produziert, auf der frau sich eingehend informieren kann.

Wir Frauen. Das feministische Blatt. Herbst 3/2006, 35 Seiten, ISSN 0178-6083, € 3.-

Herausgeberin:
Wir Frauen · Verein zur Förderung von Frauenpublizistik e.V. · Rochusstraße 43 · 40429 Düsseldorf · www.wirfrauen.de

DIE ZEITSCHRIFT:

Seit bald 25 Jahren erscheint die Zeitschrift WIR FRAUEN. Unabhängig, feministisch, konsequent, so der Slogan. Ein Forum für außerparlamentarische Frauenpositionen, mit Blick über den bundesdeutschen Tellerrand. Auf dem Titelbild in Hochglanz und auf Din-A4 sind mal Angela Davis, Patti Smith oder Niki de Saint Phalle, manchmal Frauen bei der Arbeit, beim Klettern oder Musizieren, lachende und ernsthafte Gesichter.



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