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VANDANA SHIVA: ERD-DEMOKRATIE© Irene Fleiss (22.10.06)
Alternativen zur neoliberalen Globalisierung
Erd-Demokratie ist eine Alternative zur Wirtschaftsglobalisierung, welche Menschen und Nahrung als Rohmaterial oder als Abfall betrachtet. Eine andere Globalisierung ist möglich, darüber berichtet Vandana Shiva in diesem wichtigen Buch.
as ist Erd-Demokratie? Eine lebendige Demokratie mit dem Mitspracherecht in allen lebenswichtigen Fragen – sei es Nahrung, Wasser, Luft –, begründet auf dem inneren Wert aller Arten, Völker und Kulturen, dem gerechten und ebenbürtigen Teilen der lebenswichtigen Ressourcen der Erde und der Mitsprache über die Verwendung der Ressourcen. Erd-Demokratie ist zugleich eine uralte Weltanschauung und eine neuentstehende politische Bewegung für Frieden, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit. Sie beinhaltet das, was in Indien "Erdfamilie" genannt wird, nämlich die Gemeinschaft aller Lebewesen, die von der Erde getragen und genährt werden, berichtet die Autorin.
"Die Luft teilt ihren Geist mit allem Leben, das sie erhält." (Häuptling Seattle)
Was ist der Inhalt dieses Buches? Unter anderem geht es darum: Die globalisierte freie Marktwirtschaft ist selbstmörderisch, beutet die lebenswichtigen Ressourcen der Erde aus, hegt die Allmende mit Zäunen und Mauern ein. "Statt einer Kultur der Fülle schafft die profitgetriebene Globalisierung eine Kultur des Ausschlusses, der Enteignung und der Knappheit." Die Globalisierung verwandelt Lebewesen und Ressourcen in Waren und besetzt damit die ökologischen, kulturellen, ökonomischen und politischen Räume, auf die aber alle Anspruch haben.
Einige der behandelten Themen:
- Die drei Wirtschaftsmodelle
- Markt und Märkte
- "Terra nullius"
- Kolonisierung als Einhegung
- Globalisierte Agrikultur
- Die Mär von der billigen Nahrung
- Die Privatisierung des Wassers
- Gerechtigkeit und Stabilität
- Stärkung der Existenzgrundlagen
- Lebendige Wirtschaft in der Praxis: die Chipko-Frauen; Lijjat Papad; Dabba walas
- Die Krise der Demokratie
- Der freie Markt und der Fundamentalismus
- Gesellschaft, Staat und Konzerne
- Von der Ausgrenzung zur Integration
- Saatgut als Menschenrecht
- Monokultur des Denkens
- Ahimsa – eine Kultur der Gewaltlosigkeit
- Krieg gegen die Bauern
- Globalisierung als Genozid
- Der Krieg gegen die Frauen: Fetozid – wenn Frauen verschwinden; Globalisierung und Gender; Religiöser Fundamentalismus und Marktfundamentalismus; Wächterinnen über Leben und Zukunft
- Erd-Demokratie in Aktion
Patente auf Leben – "Eigentümer-Gesellschaft", - Kontrolle und Manipulation aller Güter der Erde und der menschlichen Kreativität – Privatisierung öffentlicher Güter und Dienstleistungen – Monetarisierung und Kommerzialisierung der Netze der Armen – Extremismus und Terrorismus als Antwort auf Grenzziehungen und wirtschaftliche Kolonisation – Wirtschaftsglobalisierung als Tod der wirtschaftlichen Demokratie: dies sind weitere Stichworte zu dem hochinteressanten Inhalt des Buches.
Die 10 Prinzipien der Erd-Demokratie:
- Alle Spezies, Völker und Kulturen haben einen inneren Wert
- Die Erdgemeinschaft ist eine Demokratie allen Lebens
- In Natur und Kultur muß Diversität verteidigt werden.
- Alle Lebewesen haben ein natürliches Recht auf Lebensunterhalt
- Erd-Demokratie basiert auf lebendigen Ökonomien und auf wirtschaftlicher Demokratie
- Lebendige Ökonomien bauen auf lokale Wirtschaft auf
- Erd-Demokratie ist eine lebendige Demokratie
- Erd-Demokratie basiert auf lebendigen Kulturen
- Lebendige Kulturen nähren das Leben
- Erd-Demokratie globalisiert Frieden, Fürsorglichkeit und Solidarität
Die Autorin nennt Fakten, Zahlen und Daten, die belegen, dass im Namen des freien Handels von landwirtschaftlichen Produkten legalisierter Betrug stattfindet. Weiters belegt sie den Zusammenhang zwischen freiem Markt und Fundamentalismus und bringt Fakten, Zahlen, Daten über Treibhausgase und Klimawechsel, biologischen Anbau, Talibanisierung der Kultur, das "Gesetz des ausgeschlossenen Dritten", Marktwirtschaft und Naturwirtschaft, evangelikalen Fundamentalismus, Imperialismus, Globalisierung als Genozid, die indische Mitgift sowie Terra Madre, eine Zusammenkunft von KleinproduzentInnen. "Wirtschaftsglobalisierung bedeutet weniger staatliche Regulierung von Handel und Gewerbe. Hand in Hand damit geht eine vermehrte Einmischung in das Leben der Bürgerinnen und Bürger." Kultur beruht auf Identität, betont die Autorin. Menschen haben mehrere unterschiedliche Identitäten und das macht uns menschlich. Wirtschaftsglobalisierung und Fundamentalismen aber reduzieren unsere Identitäten.
Vandana Shiva stellt fest, dass immer mehr Menschen Demokratie neu definieren als "Entscheidungsbefugnis über ihren eigenen Alltag". "Die lebendige Demokratie ist gleichzeitig lokal und global und geht deshalb über die ausschließliche Entweder-Oder-Logik hinaus. Sie entwickelt sich aus der Nichtdualität und Nichttrennbarkeit von Beziehungen. Beziehungen schaffen den Raum, in dem Menschen aufeinander eingehen können. Das wiederum schafft Verantwortungsgefühl und legt den Grundstein für Solidarität und Mitgefühl. Beziehungen gibt es, weil wir alle zur einen Erdfamilie gehören – wir teilen die gleiche Biosphäre, leben auf derselben Erde, haben dasselbe planetarische Zuhause, wir sind alle verwandt. Das ist grundlegendste Identität."
Globalisierung und die Frauen:
"Mächtige Männer, die Kapital und Land besitzen, geben vor, sie seien unabhängig, während sie auf Frauen, Bauern, Arbeiter, auf andere Kulturen und andere Spezies angewiesen sind. Diese Männer können überdies so tun, als ob diejenigen, die sie ausbeuten und von denen sie unterstützt werden, von ihnen abhängig wären."
"In einer Warenwelt werden auch die Frauen zu einer bloßen Ware, welche gekauft und verkauft, gehandelt und konsumiert werden kann." Die patriarchalen Werte des Marktes und die frauenfeindlichen Werte des religiösen Patriarchats tun sich zusammen und führen so zu einer Eliminierung der Frauen – bestes (eigentlich: schlechtestes) Beispiel dafür ist der Fetozid in Indien, also die gezielte Abtreibung weiblicher Föten durch Inanspruchnahme der Technologie (Amniozentese, Ultraschall). Aus "bloßer" Diskriminierung ist im Zuge der Globalisierung Eliminierung geworden. Indische Gynäkologen führen in großer Zahl Amniozentesen durch und bezeichnen sie als "´Dienst an Frauen, welche keine weiteren Töchter möchten´". Die Logik des globalisierten Marktes sieht es als besser an, weibliche Föten abzutreiben als später Mitgift zu zahlen, und sie sieht soziale Übel als gottgegeben, an denen sich nichts ändern lässt. Also werden die Opfer bestraft, statt Erziehung und Einstellung der Gesellschaft zu verändern. Fetozid ist mittlerweile keine Sache mehr, die ein schlechtes Gewissen verursacht, sondern gilt als Frage der "freien Wahl" der Frauen.
Vandana Shiva berichtet aber auch über Erfolge von Menschen über Unternehmen und Regierungen. Dies ist dringend nötig, wenn frau sich durch all das Entsetzliche arbeitet, das Vandana Shiva gut lesbar aufbereitet.
Positive Beispiele:
• Ein paar Frauen in einem indischen Dörfchen haben sich erfolgreich gegen den Coca Cola-Konzern gestellt. • Für die "Chipko"-Frauen in Indien waren die Wälder Mütter, die alles Nötige für den Lebensunterhalt liefern. Doch die Abholzung führte zu Erdrutschen, die Flüsse verschwanden, es gab Überschwemmungen und Dürren und daraus resultierend einen Mangel an Brennstoff und Futter. In den 70er-Jahren gingen die Frauen daran, die Bäume zu umarmen (chipko =umarmen). 1981 verbot die Regierung das Abholzen in den höher gelegenen Gebieten des Himalaya. • Navdanya ist ein Netzwerk, das den Wechsel vom Agrobusiness, diktiert von WTO und Weltbank, zu einer lebendigen Nahrungswirtschaft zum Ziel hat. • Lijjat Papad ist ein indisches Frauenkollektiv von über 40000 Mitgliedern, in dem es keine Chefin, kein Geld und keine einflussreichen Mitglieder gibt. "Der Schlüssel zum Erfolg unserer Organisation liegt im Reichtum unserer Grundgedanken", sagt eine der Frauen. • 2004 wählten die Menschen in Indien und stimmten dabei gegen Marktfundamentalismus und religiösen Fundamentalismus, gegen die Wirtschaftsglobalisierung. Doch die gewählten Politiker verrieten diesen Auftrag und erklärten, die "Reformen" nicht umzustoßen, ihnen nur ein "menschlicheres Antlitz" geben zu wollen. Doch ein "Antlitz geben" bedeutet, eine Maske aufzusetzen. • 2003 fand in Cancun in Mexiko die WTO-Ministerkonferenz statt; sie scheiterte auf Grund des entschlossenen Widerstands von DemonstrantInnen. Tragisch der Selbstmord des koreanischen Kleinbauern Lee Kyung Dae, der damit ein Zeichen setzen wollte. Ein Zeichen, dass ihm und den anderen koreanischen Bauern "´das Schicksal aus der Hand genommen ist´". Für meinen Geschmack geht die Autorin auf die Tragik dieses Entschlusses zu wenig ein. • Die Gruppe Democracy Collaborative hat eine Deklaration verfasst, in der sie die gegenseitige Abhängigkeit der Menschen als Einzelpersonen und als Mitglieder von spezifischen Gemeinden und Nationen festhalten.
Ein unglaublich wichtiges Buch, das jede Frau und jeder Mann gelesen haben sollte. Ob wir in allem zustimmen, ob wir dann in irgendeiner Weise aktiv werden, ist eine andere Sache, die jede für sich selbst entscheiden muß. Doch wir sollten wissen, erfahren und begreifen, was hinter den mehr oder weniger schönen Globalisierungsmärchen steckt, die uns erzählt werden. Denn noch haben wir Chancen. Das ist für mich die Aussage dieses Buches.
 Vandana Shiva Erd-Demokratie Alternativen zur neoliberalen Globalisierung
Rotpunktverlag, 2006 260 Seiten, broschiert €D 19,80 / €A 20,40 / sFr 34,00 ISBN 3-85869-327-8
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ZUR AUTORIN:
Dr.in Vandana Shiva geboren 1952 in Indien, Physikerin, Philosophin, Autorin und Aktivistin, zählt zu den herausragenden Denkerinnen unserer Zeit, wenn es um die Themen Umwelt, Frauenrechte und dezentralisierte Ökonomie geht. Sie ist Direktorin der Research Foundation for Science, Technology and Ecology und Mitglied des Third World Networks. Vandana Shiva hat mehrerer Bücher veröffentlicht. Auf Deutsch u.a.: Ökofeminismus. Beiträge zur Praxis und Theorie (zusammen mit Maria Mies), Zürich 1995; Biodiversität. Plädoyer für eine nachhaltige Entwicklung, Bern 2001, Biopiraterie. Kolonialismus des 21. Jahrhunderts, Münster 2002. www.vshiva.net
Kommentare unserer Leserinnen...* Du kannst ...:   Vandana Shiva: Erd-Demokratie

Irene Fleiss
24.01.07 21:28
Alternativen zur neoliberalen Globalisierung
Erd-Demokratie ist eine Alternative zur Wirtschaftsglobalisierung, welche Menschen und Nahrung als Rohmaterial oder als Abfall betrachtet. Eine andere Globalisierung ist möglich, darüber berichtet Vandana Shiva in diesem wichtigen Buch. dieser Kommentar wurde automatisch erstellt, damit Forenbesucherinnen zum Artikel finden und den Zusammenhang verstehen
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 Re: Vandana Shiva: Erd-Demokratie

Gästin
24.01.07 21:38
Wer hat Lust über zentrale ökonomische Thesen in diesem Buch zu diskutieren?
crm@hispeed.ch
Ich interessiere mich auch für die englische Originalausgabe... insbesondere möchte ich untersuchen ob es nicht bessere Übersetzungen für den Teil mit den "Drei Wirtschaftsmodellen" gäbe. Für mich ist es nämlich ein Modell das sehr treffend eine voneinander abhängige Ganzheit der Sektoren Naturökonomie, Bedarfsökonomie und Marktökonomie schildert. Darauf liesse sich eine ganzheitliche wirtschaftswissenschaft aufbauen.
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