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WENN DIE LIEBE SEITENSPRüNGE MACHT...© Patricia Wendling (12.11.06)
Sandra Wöhe: Giraffe im Nadelöhr
"Wilder Sex im Frauenferienzentrum bringt eine Beziehung durcheinander..." titelt der Bucheinband des zweiten Lesbenromans aus Sandra Wöhes Feder. Ein dementsprechend erotisches Menü erwartet die Leserin.
ch habe ein Doppelzimmer bestellt. Wenn du frei bekommen kannst, würde ich mich freuen. Wenn nicht, würde ich es bedauern und allein den Kurs besuchen. Ich brauche Urlaub. Von oder mit dir." (S. 27) Mit diesen Worten lädt Brigitte ihre Lebensgefährtin Inge zu einem einwöchigen Frauenseminarurlaub auf das Landgut Ananke. Sie müssten sich unterhalten, meint sie. Der gebuchte Workshop "Auf der Spur nach dem Sinn der Sinne" verspräche Interessantes, das in den Alpen gelegene Frauenferienzentrum die nötige Erholung. Inge, die seit geraumer Zeit mehr Lust in ihre Universitätskarriere als in ihr Liebesleben steckt, sagt mißmutig zu. Dort angekommen, will sich die erwartete Zweisamkeit aber nicht so richtig einstellen. Zum Leidwesen von Inge, denn sie muss zusehen, wie Brigitte lieber mit Ada flirtet, die ebenfalls mit ihrer Liebsten angereist kam, als mit ihr. Brigitte und Ada beginnen eine Affäre - unverblümt und selbstverständlich, und plötzlich ergeben sich auch für Inge Gelegenheiten sexueller Begegnungen mit anderen Frauen. Anstatt diese tatsächlich wahrzunehmen schweift Inge jedoch immer mehr in eine Gedankenwelt ab, in der sich Eifersucht, Selbstmitleid und eine Auseinandersetzung mit ihrer Beziehung abwechseln. In Anna und Sophia, einem reifen Lesbenpärchen, findet sie verständnisvolle Gesprächspartnerinnen, in Pi, der (Ex-)Freundin Adas, eine zärtlichkeitsbedürftige neue Zimmergenossin, in Gordana, der Kursleiterin, einen sinnlich inspirierenden Schlüssel zu sich selbst. Soweit die Geschichte, die bis zur letzten Seite die Spannung aufrecht erhält, ob sich Brigitte und Inge nun endgültig trennen oder nicht.
Erzählt wird der Hergang aus Inges Sicht in Ich-Form, abwechselnd chronologisch und rückblickend, sehr flüssig und beschwingt mit vielen amüsanten Dialogen und Redewendungen. Letztere wirken manchmal ein wenig aufgesetzt, als ob sich die Protagonistin ihrer Darstellerinnenrolle in einem Schauspiel nur allzu sehr bewusst ist und als solche weiß, dass sie von Zuschauerinnen beobachtet und bewertet wird. Echte Ecken, Kanten und Unzulänglichkeiten fehlen den Frauen, was aber vermutlich beabsichtigt ist und dem großen Unterhaltungswert dieses Buches zugute kommt. Auf den "Wilden Sex" wartet die erfahrene Erotikliteraturliebhaberin eher vergeblich - Inges Tempelpriesterinnen-Phantasie mit einer zwei Meter langen Schlange ist dabei die bemerkenswerte Ausnahme -, stattdessen findet sie aber liebevoll und erfrischend fröhlich geschilderte Sexszenen - "Sie schaute auf meine Schamlippen. Verführte sie mit ihrem Blick. Die kleinen schwollen an und winkten ihr zwischen den großen Schamlippen zu." (S. 59) - und zahlreiche sinnliche Anspielungen.
Nach "Lass mich deine Pizza sein" liefert Sandra Wöhe also mit "Giraffe im Nadelöhr" ihren von vielen erwarteten zweiten Lesbenroman und enttäuscht ihre Leserinnen nicht. Gewohnt leichte, kurzweilige Lektüre mit ansprechendem Titelfoto, die zu dem Ich-entspanne-mich-jetzt-mit-einem-netten-Buch-Menü auch Tiefgang serviert, zumindest zwischen den Zeilen. Denn letztendlich geht es in diesem Roman um eine Auseinandersetzung mit Monogamie und der vielgepriesenen Treue in Paarbeziehungen, wenngleich diese Auseinandersetzung wohl eher im Kopf der Leserin als im Text selbst stattfindet.
Ein Buch, das ich mir gut als Film vorstellen könnte. Allerdings mit leicht utopischen Zügen, denn in Zeiten, in denen Frauenbildungshäuser mehr mit Durchhalten als mit Erweitern beschäftigt sind, mutet ein Landgut Ananke mit angeschlossenenem Tanzlokal, Frisiersalon und Sex-Shop, doch eher realitätsfern an, vielleicht ist aber gerade das ein Ansporn, dem Wünschen wieder mehr Ernsthaftigkeit zu verleihen.
ZUR AUTORIN:
Sandra Wöhe 1959 als Tochter einer Indonesierin und eines Holländers in den Niederlanden geboren, Ausbildung als Krankenschwester und als Publizistin, lebt in Zürich. Freiberufliche Tätigkeit als Journalistin und Redakteurin. Ihr erster Roman "Lass mich deine Pizza sein" erschien 2003 im Ulrike Helmer Verlag. www.sandrawoehe.ch
 Sandra Wöhe Giraffe im Nadelöhr
Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, 2006 280 Seiten, broschiert €D 9,90 / €A 10,20 / sFr 18,10 ISBN: 3-88769-719-7
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