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Die gezähmte Brust

© Patricia Wendling (20.08.03)


Politik & Gesellschaft

"Wir verbrennen unsere BH's nicht mehr, sondern tragen unsere Wonderbras mit Stolz" ist ein Slogan der modernen Frau, obwohl (unter uns gesagt) die neuen Gel-BHs ja noch viel mehr können. Die Frage, was sie denn eigentlich können oder besser warum sie das was sie können überhaupt können müssen, ist die zweite Frage, die sich die Autorin stellt. Die erste lautet, was hat's eigentlich mit diesen BH Verbrennungen auf sich?



Women's Liberation Button

ie öffentlichen "BH Verbrennungen" der 68er Generation blitzen ja immer wieder mal auf, in Artikeln, Kommentaren, aber vor allem in vieler Menschen Köpfe als Bilder zum "Radikalen Feminismus" des sogenannten Westens. Zurückzuführen ist der Begriff "Bra Burning" auf eine der ersten Demonstrationen der US-amerikanischen Women’s Liberation Party am 7. September 1968 in Atlantic City, New Jersey. Damals blockierten Frauen die Miss Amerika-Wahl um sich gegen die einschränkenden Schönheitsnormen auszusprechen und riefen ihre Geschlechtsgenossinnen dazu auf, ihre Büstenhalter, Hüftgürtel, Stöckelschuhe, falschen Wimpern, Modemagazine, Putzmittel und andere Gegenstände in einen bereitgestellten Abfalleimer ("Freedom Trash Can") zu schleudern. Der symbolische Akt stand für die Befreiung. Und war die Kritik an der normativen Schönheitskultur, in der Frauen nach ihrem Aussehen taxiert werden und der individuelle Mensch als Ganzes wertlos bleibt.
Viele Frauen folgten dem von Robin Morgan organisierten Aufruf, angezündet wurde besagter Mülleimer allerdings nie! Dafür prasselten umso mehr Gemeinheiten von ca. 600 belustigten Zuschauern auf die knapp 400 Demonstrantinnen ein. Susan Brownmiller war dabei und erinnert sich:

"That's a myth. It was the time of draft-card burning [Anm.: Als Zeichen des Protestes gegen den Vietnamkrieg verbrannten viele ihre Einberufungsbefehle], and some smart headline writer decided to call it a 'bra burning' because it sounded insulting to the then-new women's movement. We only threw a bra symbolically in a trash can. (...)
Men on the sidelines yelled horrible stuff, "Go back to Russia, you ugly, lezzie, commie whores." Others treated the demonstraters like they were in a beauty contest, i.e., "Hey, good lookin, whatcha doin tonight?" or "Look at that one-- what a dog!""

aus: Susan Brownmiller: In our time: Memoir of a Revolution, Dial Books, 1999
ISBN: 0385314868

Miss America Prostest 1969 - ©  Jo FreemanEin Mythos also, der sich da eingraviert hat, der aber trotz seiner historischen Unbelegbarkeit, die Kernaussage genau auf den Punkt zu treffen scheint.
Denn Fakt ist, dass BH-Losigkeit in vielen feministischen Gruppierungen der 70er Jahre ein Thema wurde. (Wenn auch nur als kleinerer Ausschnitt der "Selbstbstimmung über den eigenen Körper". Gynäkologie, Gewalt, Sexualität waren die großen Schlagwörter.) So kam es zum Beispiel Jahre später in den USA zum sogenannten “Blankziehen", dem politisch motivierten Entblößen des Busens in der Öffentlichkeit. Durch einzelne Frauen oder auch durch gesamte Demonstrationszüge, die gegen die Entwürdigung und den Mißbrauch weiblicher Körper protestierten. In einer Abschlußkundgebung einer Oberkörper-freien Demonstration in Santa Cruz, Kalifornien 1984 verlas Ann Simonton, worum es den Aktivistinnen ging:

"Wenn die Brüste von Frauen nicht aus Scham versteckt oder als obszön und lasterhaft betrachtet würden, - wie könnten Pornographen, Film und Fernsehen dann weiterhin von ihrer Entblößung profitieren? (...)
Wir sagen "Nein!". Unsere Körper sind nicht das Eigentum von Werbeagenturen, Veranstaltern von Schönheitswettbewerben, Oben-ohne-Bars, Peep-Shows, und so weiter. Wir fordern unser angeborenes Recht ein, über unsere eigenen Körper zu verfügen."

aus: Marilyn Yalom: Eine Geschichte der Brust, Marion von Schröder Verlag, 1998
Demonstration, Atlantic City, NJ, 1968 - © Corbis

In Europa sind derartig spektakuläre Aktionen nur vereinzelt dokumentiert (die Autorin freut sich über jegliche Hinweise, die diese Behauptung widerlegen). Das in den 70er Jahren erstmals in Frankreich populäre Oben-Ohne-Baden könnte genannt werden oder etwa eine Studentinnen-Aktion in Frankfurt/Main als im Wintersemester 68/69 in einer Vorlesung von Adorno einige Frauen mit freiem Oberkörper erschienen.
- Erst kürzlich, im Juni 2003, wurde diese Art des Protestes von der Aktionsgemeinschaft "Freier Himmel" angewandt, als sie gegen das "Bombodrom" in der Kyritz-Ruppiner Heide, einem geplanten Übungsplatz der Luftwaffe, demonstrierte. Mit dem Slogan "Oben ohne ist's am schönsten" wiesen barbusige Demonstrantinnen vor dem Berliner Reichstag darauf hin, dass sie auf Jagdbomber am Himmel genauso gut verzichten könnten, wie auf ihre Büstenhalter. -

"To bra or not to bra" beschäftigte also auch hierzulande sehr viele Feministinnen und nicht nur diese. Selbst kommerzielle Modezeitschriften widmeten sich dem Thema, ob und wie eine Frau ohne Stütze attraktiv aussehen könne und versorgten die geneigte Leserin mit den ersten straffenden Gymnastik-Tipps. Der Ruf nach Bequemlichkeit wurde zu dieser Zeit eben auch von der Modeindustrie gehört und entsprechend aufbereitet. Abgesehen von der körperlichen Bequemlichkeit, die das Ablegen des BHs für zahlreiche Frauen bedeutete, war der politische Beweggrund damals vorrangig der, die männlichen Phantasien vom ewig prallen Busen und somit die willkürliche Schönheitsnorm und die Reduzierung der Brust auf ein Sexsignal durch ihre Aufmachung nicht unterstützen zu wollen. Brüste werden in der westlichen Kultur nämlich nur bewundert, solange sie keine Lebensspuren zeigen. Sind sie weich, welk, verfärbt, behaart oder einfach anders als der Standard, gibt’s nur Ekel und Abscheu. BH-Losigkeit symbolisierte Freiheit, Rebellion, Stolz und Selbstwert!

Aber auch in der Medizin finden sich BH GegnerInnen. Einzelne Stimmen behaupten, das permanente Tragen von engen Büstenhaltern erhöhe das Brustkrebsrisiko. Genauer, durch das Tragen von zu enger Kleidung mehr als 12 Stunden täglich würde das Lymphsystem beeinträchtigt. Diese Meinung wird vor allem in den USA vertreten, ein Beispiel ist das 1995 erschienene Buch von Singer & Grismaijer: Dressed To Kill. The Link between Breast Cancer and Bras.

Women's Liberation SymbolIrgendwann, Anfang der 90er wohl, war’s dann vorbei mit Rebellieren und Emanzipieren im großen Stil. Endlich wieder "Frau sein" mit figurbetonter Mode und hinaufge(d)rücktem Dekolleté. Der 1994 auf den Markt geworfene Wonderbra versprach pralle Weiblichkeit und verzeichnete Rekordumsätze. Heutzutage kann fast jeder etwas bessere BH einen eingenähten Schlitz vorweisen, in den Schaumstoff-, Silikon-, Öl-, oder Luftpolster hineingeschoben werden können; Gel-BHs, die rundum formen und an Zentimeter gewinnen lassen, sind der neueste Renner, sogar aufgerichtete Mamillen aus Silikon werden mittlerweile zum Tragen mit dem Büstenhalter angeboten. Die Silhouette allein reicht aber offenbar schon lange nicht mehr, denn den Plastischen Chirurgen (und es sind hauptsächlich Männer) werden die Operationssäle regelrecht eingerannt, in der Mehrzahl von Frauen, die entweder eine Fettabsaugung oder eine Brustvergrößerung bzw. Anhebung vornehmen lassen wollen. Die Beweggründe reichen von: "Endlich kann ich mein Aussehen selbst bestimmen - und ich mag mich eben lieber jung und straff.", über "Es ist dümmer die modernen Schönheitstricks abzulehnen, als sich ihrer stolz zu bedienen." bis hin zu "Ich liebe das Spiel mit Verkleidungen und Masken."

Diese Argumente verlieren allerdings an emanzipatorischer Glaubwürdigkeit, ob der Tatsache, dass Frauen, die dem gängigen Schönheitsideal Widerstand entgegensetzen, ausgebuht und als vulgär, ungepflegt, hässlich und unerotisch an den wertlosen Rand gedrängt werden. Frauen mit mittleren und größeren Brüsten, die sich ohne BH in die Öffentlichkeit begeben, müssen mit Verwarnungen, Anzüglichkeiten und sexuellen Belästigungen von Männern rechnen und es wird ihnen sogar attestiert, sie ließen sich gehen.

Wo ist also die "Freie Wahl", ohne die eine selbstbestimmte Lebensweise wohl niemals funktionieren kann, fragt sich die Autorin und hält Schönheits- und Kleidervorschriften weder von der einen noch von der anderen Seite für zielführend.

Solange sich Frauen über ihr Aussehen definieren und solange Frauen über ihr Aussehen definiert werden, solange werden sie im Zaum gehalten, gebändigt und geben damit ihre Kraft aus der Hand. (Im Übrigen bekam ich von meinem teuren Gel-BH einen juckenden Hautausschlag. Ich habe ihn weggeworfen.)


BUCHTIPPS:


Marilyn Yalom
Eine Geschichte der Brust
Marion von Schröder Verlag, 1998
ISBN 3547798760







Ingrid Olbricht
Brustansichten
Selbstverständnis, Gesundheit und Symbolik eines weiblichen Organs
Orlanda Frauenverlag, 2002
ISBN 3-929823-93-4



FOTOS: Jo Freeman; Corbis



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*Die gezähmte Brust


Patricia Wendling
04.09.03 13:37

“Wir verbrennen unsere BH's nicht mehr, sondern tragen unsere Wonderbras mit Stolz" ist ein Slogan der modernen Frau, obwohl (unter uns gesagt) die neuen Gel-BHs ja noch viel mehr können. Die Frage, was sie denn eigentlich können oder besser warum sie das was sie können überhaupt können müssen, ist die zweite Frage, die sich die Autorin stellt.
Die erste lautet, was hat’s eigentlich mit diesen BH Verbrennungen auf sich?

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*Re: Die gezähmte Brust



04.09.03 13:37



Sehr gut!


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*Re: Die gezähmte Brust


Kutakinte
20.06.05 13:52

nun ja, ich hab schon das gefühl, dass man sich durch das tragen eines gel-bhs genau dem unterwirft, was der artikel eigentlich kritisiert und wenn man diesen bh nur wegwirft, weil man ihn aufgrund eines juckenden hautausschlags nicht mehr tragen kann, ist das noch keine weiterentwicklung.


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*Re: Die gezähmte Brust



02.10.03 22:24

Warum sind auf dem Cover Brüste zu sehen, die der heutigen Norm entsprechen? Haben sich da unsere feministischen Freunde etwa in ihrem eigenem Empfinden verlohren. Sind für sie straffe, pralle unbehaarte rosige Titten nicht auch viel geiler??? Nieder mit der Frauenbewegung und zurück zur Gleichheit, Menschlichkeit und den Perasonifizierten Produckten des Allgmeinen Denkens! Zurück zu der Zweigeschlechtigkeit! Tod den menschenverarschenden Feministen!!!


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*Re: Die gezähmte Brust


Gästin
01.12.05 11:52

Wer zwingt mich eigentlich am meisten, einen BH zu tragen? Sind es mehr die Mit-Frauen oder die Mit-Männer.

Es ist eigenartig, ich habe das Gefühl, daß ich hier mehr (Konkurrenz-) Druck von Frauen bekomme.

Carla


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*Re: Die gezähmte Brust


Gästin
01.12.05 11:52

Wer zwingt mich eigentlich am meisten, einen BH zu tragen? Sind es mehr die Mit-Frauen oder die Mit-Männer.

Es ist eigenartig, ich habe das Gefühl, daß ich hier mehr (Konkurrenz-) Druck von Frauen bekomme.

Carla


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*Re: Die gezähmte Brust


Gästin
19.05.06 17:37

Also, ich trag einen BH, weil das Wippen des Busens lästig ist.


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*Re: Die gezähmte Brust


Gästin
22.12.08 09:05

Die BH-Studie "Dressed to kill" wird zum Teil bezweifelt, allerdings hat meines Wissens niemand versucht, die Korrelation zwischen täglicher BH-Tragedauer und Krebsrisiko zu widerlegen.
Abgesehen davon - um mal nicht um den Brei herumzureden: Ich betrachte die Brüste als meinen weiblichen Schmuck, den ich mir nicht verbieten lasse und von daher kommt auch meine BH-Totalablehnung. Abgesehen davon scheinen auch Männer (!) durchaus auf Hängebrüste zu stehen, siehe diese Umfrage:
www.webpolls.de/index.php?page=umfragen_detail&id=14666
Also, was solls?


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*Re: Die gezähmte Brust


Gästin
11.03.09 21:14

Ich halte mich für eine emanzipierte junge Frau, die gerne schöne BHs, Röcke und Absatzschuhe trägt. Ich bin eine Frau und habe nun mal Brüste die, wenn sie nicht in BHs sind auch mal störend sein können. Um frei und erfolgreich zu sein brauche ich weder Männerkleidung noch muß ich auf dekorative Kleidungsstücke, die ich mag, verzichten. Ich fühle mich frei das anzuziehen was mir gefällt. Ich habe schon mal von Männern gehört, dass sie gerne mal Röcke tragen würden, wie diese z.B. von Mönchen getragen werden. Das kann ich gut verstehen es gibt nichts bequemeres als Röcke.


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