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Die «Dinner-Party»© Siegrun Laurent (05.02.07)
Ein feministisches Kunstwerk von Judy Chicago
An der weltberühmten "Dinner-Party" von Judy Chicago arbeiteten über 400 Frauen und einige Männer vier Jahre und drei Monate lang. Als die erste Ausstellung 1979 in San Francisco eröffnet wurde, kamen 5000 Menschen.
Vortrag von Siegrun Laurent an der Feministischen Akademie ALMA MATER im Rahmen des Studienganges zur "Feministischen Kulturreferentin und Jahreskreis-Ritual-Leiterin"
"...Im Netz sollen nach und nach einige ihrer Vorträge veröffentlicht werden. Diesen hier haben wir als erstes ausgewählt, weil wir Parallelen zu Siegrun Laurents eigenem Werdegang sehen. Auch Siegrun Laurent hat zunächst im herrschenden also Frauen unterdrückenden Kunstbetrieb gearbeitet und dann erst ihren wahren, ihren schöpferischen Weg gefunden. In der folgenden Darstellung werden sicherlich viele Frauen auch sich selbst wiedererkennen." (ur-kult-ur, 2005)
ie "Dinner-Party" ist ein Kunstwerk von Judy Chicago, an dem über 400 Frauen und einige Männer vier Jahre und drei Monate lang arbeiteten. Als die erste Ausstellung im Museum of Modern Art in San Francisco eröffnet wurde, kamen 5000 Menschen. Judy Chicago wurde beglückwünscht und mit Blumen und Geschenken überschüttet, Frauen dankten ihr voller Rührung und lagen einander in den Armen. Während der Ausstellung bildeten sich lange Schlangen - die Leute mussten oft 6-7 Stunden anstehen - oft war das Museum wegen Überfüllung geschlossen. Nach San Francisco wurde die "Dinner-Party" trotz großer Behinderungen in Boston, Brooklyn, Cleveland, Chicago und anderen Städten gezeigt. Da, wo die Ausstellung von den Institutionen verhindert und blockiert wurde, entstanden Initiativgruppen.
Judy Chicago schreibt über diesen Erfolg: "Die Welle der Unterstützung und positiver Resonanz ist ein Zeugnis für die Macht der Kunst und für den Hunger der Frauen nach Symbolen und ihrer eigenen Geschichte, die uns stärken. Doch die Weigerung unserer Institutionen, dem klaren Wunsch der Öffentlichkeit zu folgen, die die "Dinner-Party" sehen will, führt zu der Frage, ob unsere Gesellschaft überhaupt bereit ist, die Symbole der Frauen ebenso zu ehren und zu bewahren, wie sie es mit den von Männern geschaffenen getan hat." Als die Ausstellungen in Amerika zu Ende gehen, haben mehr als 600 000 Frauen, Männer und Kinder die "Dinner-Party" gesehen und erlebt. Dann entstand in Deutschland eine Fraueninitiative um Dagmar von Garnier, die die "Dinner-Party" in die Schirn nach Frankfurt holte, wo sie ebenfalls mit unglaublichem Erfolg gezeigt wurde.
Der Weg des Kunstwerkes begann schon in der Studienzeit von Judy Chicago, als ihr auffällt, dass die meisten ernsthaften Kunststudenten Männer sind, und sie will ernsthaft sein und ernst genommen werden - also sucht sie die Freundschaft der Männer. Alle ihre Freunde beteuern ihr, sie sei etwas besonderes, wäre "anders" als die anderen Frauen. Sie genießt den Status als einzige Frau von ihnen wahrgenommen zu werden. Wenn die Männer an der Uni andere Frauen als "Gänse" bezeichneten oder diskriminierende und sexistische Schimpfwörter für die anderen Frauen gebrauchten, stimmte sie ihnen hin und wieder zu. Sie fühlte sich dabei zwar ein bisschen schuldig, aber sie wollte "in" sein und ihren Status nicht verlieren. Sie verstand sowieso nicht, dass nicht alle Frauen sich für die gleichen Dinge interessierten wie sie selbst. Langsam und unbewusst begann sie die Verachtung der Gesellschaft für Frauen zu verinnerlichen und rationalisierte ihre eigene Weiblichkeit, indem sie sich sagte, sie sei irgendwie "anders". Die anerkannten Lehrkräfte an der Uni waren alle männlich, bis auf zwei ältere Dozentinnen, die nicht zählten. Über die eine machten sich alle besonders lustig, sie besaß eine Sammlung mit Werken ausschließlich von Frauen. Judy Chicago ist wild entschlossen nicht als Frau identifiziert zu werden. Sie fängt an mit Werkzeugen und Maschinen zu arbeiten, die sie noch nie gesehen hat. Sie will auf keinen Fall zugeben, dass sie nicht die geringste Ahnung von technischen und mechanischen Dingen besitzt. Obwohl sie an der Kreissäge fast eine Brust verliert, wahrt sie tapfer ihr Gesicht als "andere" Frau. Mit allen Problemen ist sie allein. Frauen gibt es nicht, die sie fragen könnte und zu den Männern will sie nicht gehen, um sich von ihnen Ratschläge zuholen.
Sie fängt an riesige Sperrholztafeln zu zimmern und zu bemalen. Sie arbeitet mit Plexiglas und Metall und erringt eine gewisse Berühmtheit, indem sie mit der Spritzpistole Kühlerhauben und Autos bemalt. Sie fängt an Stiefel zu tragen, Zigarren zu rauchen und geht sogar zu Motorradrennen. Sie distanziert sich von ihren Bildern, die von Männern abgelehnt werden. Sie versucht ihr Frausein dadurch zu kompensieren, dass sie ständig beweisen muss, so zu sein wie ein Mann. Immer wieder hat sie den gleichen Traum: Sie steht ganz allein auf einem großen leeren Platz und muss den Platz überqueren. Um sie herum zischen Kugeln; die dicht vor ihr einschlagen. Sie wird vor Angst und Entsetzen geschüttelt und sieht plötzlich eine Hand die sie auf die andere Seite führt. Der Traum symbolisiert ihr Bedürfnis zu lernen wie sie in der harten aggressiven Männerwelt überleben und sich als Künstlerin durchsetzen kann. Sie will nicht davonlaufen und in völliger Abgeschiedenheit und Isoliertheit arbeiten. Sie beschreibt diese Zeit, als eine Reise; in der sie gezwungen wurde die weibliche Welt zu verlassen und in die Männerwelt einzutreten wo "wahre" Kunst gemacht wird. Das höchste Kompliment, das einer Künstlerin gemacht werden konnte; war die Feststellung, ihre Sachen sähen aus als hätte sie ein Mann gemacht.
Nach dem Studium bekommt sie noch eine andere Diskriminierung zu spüren. Je besser ihre Arbeiten werden, desto mehr wachsen die Vorbehalte gegen sie als Frau und Künstlerin. Sie lebt mit ihrem Freund und Geliebten, der auch Künstler ist, zusammen. Wenn andere Künstler und Künstlerinnen sie besuchen, machen sie kein Hehl daraus, dass sie nur an s e i n e n Arbeiten interessiert sind. Und noch schlimmer, alle Besucherinnen und Besucher finden es unmöglich, dass sie nicht für sie kocht und die Gastgeberin spielt. Sie wird als "Mannweib" oder als eine die "Männer kastriere" bezeichnet und ist tief verletzt. Wenn sie ausstellt, was nicht so oft vorkommt, da die meisten Galeristen und Museumsdirektoren sich ihre Arbeiten erst gar nicht ansehen wollen, wird sie verantwortlich gemacht, dass ihr Freund nicht gezeigt wird und sie wohl die Hosen anhabe. Das gleiche geschieht, wenn ihr eine Arbeit gelingt und ihm nicht. Doch sie gibt nicht auf und schreibt dazu: "Ich wusste inzwischen, die Ablehnung auf die ich stieß, ging darauf zurück, dass ich eine Frau war. Wenn ich aber in aller Offenheit darüber reden wollte brachte man mich mit Äußerungen wie "Na komm schon Judy, die Zeit der Sufragetten ist doch vorbei" zum Schweigen und behandelte mich wie eine Aussätzige.
Parallel dazu hat sie beleidigende und erniedrigende Erlebnisse mit Galeristen, Kuratoren, Kunstmäzenen, die sich für ihren Unterleib interessieren aber nicht für ihre Arbeit. Trotz allem Schmerz, trotz aller Demütigung hat sie immer die Gewissheit, dass es nicht an ihr liegt - sie weiß, es ist ein gesellschaftliches Phänomen. Sie neigt immer noch dazu Männer, die in der Kunst Autorität besitzen, zu sehen, wie ein Kind seine Eltern sieht. Immer wieder hofft sie auf deren Zustimmung und Wertschätzung. Sie schreibt:
"Ich musste lernen, keine Bestätigung mehr zu erwarten. Ich musste mich als eine schöpferische Frau sehen, die der Welt etwas zu geben hatte."
Langsam und unter großen Schmerzen entwickelt sich in ihr eine neue, unbekannte Ästhetik. Sie liest alles, was von der Frauenbewegung kommt und nimmt Kontakt zu Frauengruppen auf. Zitat: "In meinem ganzen Leben hatte ich mich mit nichts so identifiziert, ich erkannte, dass es endlich eine Alternative gab zu der Isolation, dem Schweigen, dem unterdrückten Zorn, der Zurückweisung und Verachtung, die ich erlebt hatte. Wenn diese Frauen aussprechen konnten, was sie empfanden, konnte ich es ebenfalls." Als Ausdruck ihres neuen Bewusstseins wechselt sie ihren Namen. Anlässlich einer Ausstellung im California State College lässt sie auf eine Wand gegenüber dem Eingang projizieren: Judy Gerowitz sagt sich hiermit von allen Namen los, die ihr durch die männliche Dominanz auferlegt wurden und wählt aus eigenem Entschluss Judy Chicago als ihren Namen. Leidenschaftlich versucht sie Frauenkunst in ihrem Kontext zu betrachten und kommt zu dem Schluss, dass in den Werken vieler Frauen eine Sicht der Welt, ein Wertekanon und eine Realität zum Ausdruck kommen, die sich fundamental von den herrschenden Normen der Gesellschaft unterscheiden. In dem Männer, das Werk von Künstlerinnen in der Geschichtsschreibung ignorieren, halten sie nicht nur die Kontrolle über Frauen aufrecht, sondern auch über die Welt. Das Totschweigen von Frauen in der Geschichte, das Verschweigen ihrer Leistungen und vor allem das Übergehen des weiblichen Standpunktes, der in der Kunst zum Ausdruck kommt, ist kein historischer Zufall.
Judy Chicago entdeckt immer mehr ihr Erbe als Frau. Doch ihr Wissen existiert in einer Art Vakuum, denn die Leistungen von Frauen spiegeln sich in der Gesellschaft ganz sicher nicht. Sie sucht nach einem Weg die Geschichte der Frau in ihr Werk aufzunehmen, um so die Menschen zu zwingen, ihre Arbeit im Kontext der Werke anderer Frauen zu sehen und zu beurteilen. Sie wird immer zorniger, denn ihr ist klar, dass die Energien von Frauen immer wieder aufs Neue in dem Kampf vergeudet werden an der menschlichen Kultur teilzuhaben, anstatt sie zu formen. Sie will ein Kunstwerk schaffen das einen Eindruck von den wahren Leistungen der Frauen im Laufe der Menschheitsgeschichte vermittelt und gleichzeitig die Tragödie der Unterdrückung aller Frauen symbolisiert. So entsteht das Konzept einer "Dinner-Party", zu der sie Frauen aus der Geschichte und Mythologie einlädt daran teilzunehmen, eine Neuinterpretation des Abendmahls aus der Sicht der Frauen die Jahrtausende lang gekocht haben. Die Gäste bei diesem Essen sollten durch Darstellungen auf Tellern symbolisiert werden, - ein Hinweis darauf, dass die patriarchale Geschichte große Frauen weniger gewürdigt als konsumiert hat. Sie plant die Tafel als ein gleichseitiges Dreieck mit einer offenen Mitte und dreizehn Gedecke an jeder Seite, stehend auf Porzellanplatten mit den Namen von 999 wichtigen Frauen. Zitat:
"Das Dreieck als uraltes Symbol für die Ziele des Feminismus - eine Welt in der es keine Ungleichheit mehr gibt." Eine matriarchale =matri-arché (Am Anfang die Mütter) Welt in der Frauen wieder Kulturträgerinnen der Gesellschaft sind.
ZUR AUTORIN
Siegrun Laurent Studium der Bildenden Künste, Malerei und Plastik an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe. Freischaffende Künstlerin mit internationalen Ausstellungen. Feministische Kulturreferentin und Jahreskreis-Leiterin. Initiatorin von ALMA MATER, der feministischen Akademie für Kultur, Ethik, Religion und Spiritualität: www.alma-mater-akademie.de
WEITERFÜHRENDES
Ausstellungskatalog: Judy Chicago: The Dinner Party. Ausstellung vom 1. Mai - 28. Juni 1987 in der Schirn Kunsthalle Frankfurt, Athenaeum Verlag, Bodenheim, 1987 Links: www.judychicago.com und www.brooklynmuseum.org (hier ist die Dinner-Party jetzt permanent untergebracht)
Kommentare unserer Leserinnen...* Du kannst ...:   Die «Dinner-Party»

Siegrun Laurent
12.02.07 23:32
Ein feministisches Kunstwerk von Judy Chicago
An der weltberühmten "Dinner-Party" von Judy Chicago arbeiteten über 400 Frauen und einige Männer vier Jahre und drei Monate lang. Als die erste Ausstellung 1979 in San Francisco eröffnet wurde, kamen 5000 Menschen. dieser Kommentar wurde automatisch erstellt, damit Forenbesucherinnen zum Artikel finden und den Zusammenhang verstehen
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 Re: Die «Dinner-Party»

Gästin
12.02.07 23:35
in der vhs-urania in wien kann frau immer wieder dia - vorträge von ruth devime zur "dinner - party" ansehen und anhören. erwachsenenbildung (exklusiv für frauen) vom feinsten!
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