Wolfsmutter.com - Abenteuer Feminismus
Ein Frauen-Portal zu neuen Wegen, abseits der Nebenstraßen!

MAGAZIN

Frauen und Revolution

© zoraida nieto (11.04.07)


Welt weit

Zoraida Nieto zur Präsidentschaftswahl in Venezuela

Am 3. Dezember 2006 haben venezolanische Frauen und Mädchen wieder gewählt. Und ihren nationalen und internationalen Gegnern blieb nichts anderes übrig als zur Kenntnis zu nehmen, dass sie ein Gesicht in der Geschichte haben.



Postkarte gestaltet von Gregorio Castro im Rahmen eines Projektes zu Genderparadoxien der Zentraluniversität Venezuela.

chon vor 1999 befanden sich die Frauen Venezuelas in einer Phase der Selbstorganisation und entwickelten Gegenstrategien gegenüber einer Gesellschaft, die sie zu Menschen zweiter Klasse degradierte. Frauen und Mädchen aus den Slums waren unter den ersten, die sich gegen Weltwirtschaftsabkommen und Ungerechtigkeiten jeglicher Art zur Wehr setzten, unter ihnen viele Alleinerzieherinnen. Die 1999 eingeleiteten politischen und sozialen Reformen ergaben sich direkt aus den bisherigen Kämpfen. Es waren die Frauen, die Menschenrechte einforderten und sich als Expertinnen auswiesen, die - etwa, was die familiären Beziehungen betraf - die besten Kenntnisse der Lage hatten. Sie waren die ersten, die die Sterblichkeitsrate mit der medizinischen Versorgung in Beziehung brachten; die auf das gesamte System der ungerechten Verteilung der Ressourcen auf ihre Kosten aufmerksam machten; die darauf hinwiesen, dass keine Menschenrechte existieren, solange nicht in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens die Gleichheit der Frauen erreicht ist; und darauf, dass ohne Bekämpfung der Frauenarmut jede Armutsbekämpfung scheitern muss; darauf, dass Gewalt nur überwunden ist, wenn auch die Gewalt gegen Frauen beseitigt ist.

Institutionalisierter Sexismus sowie der herrschende Rassismus gegen Frauen der indigenen Bevölkerungsmehrheit waren nur soweit zu bekämpfen, wie der Staat sie als Probleme erkannte sowie den Ausschluss thematisierte, dem diese Frauen ausgesetzt waren, weil ihre Hautfarbe nicht jener der Minderheit entsprach, die das Land mit Hilfe suppressiver Mechanismen regierte. Zum Machtapparat gehörten auch die Medien, die US-amerikanisch und europäisch geprägte Frauenbilder verbreiteten, Frauen ihren Körpern entfremdeten und religiöse Weltvorstellungen transportierten; die versuchten, Frauen auf die Rolle von Konsumentinnen zu reduzieren und ihnen einredeten, sie wären ein Produkt des eigenen Schicksals. So entstand zum ersten Mal in der Weltgeschichte eine Verfassung, die Sexismus und Missachtung von Menschenrechten ablehnte, die die Gleichheit aller Menschen und insbesondere jene von Frauen verankerte. Denn die wahrhaft bolivarianische Frau verteidigt die Gleichheit und erst dann die Unterschiede zwischen Mann und Frau in der Gleichheit.

Was auf dem Spiel steht

Die venezolanische Gesellschaft befindet sich in einem Prozess des Umbruchs, der sich von Gefahren im Lande selbst und im Ausland bedroht sieht. Der Mut, mit dem Frauen die Revolution verteidigen, speist sich aus ihren Erfahrungen im Kampf gegen die krisenhaften imperialistischen und neoliberalen Verhältnisse. Er wird bestärkt aus Idealen, die nicht Träume sind, sondern Realitäten. Dieser Mut ist geboren aus Verarmung und Ausgrenzung durch die früheren Machthaber und Jahrhunderte der Entfremdung des Bewusstseins von eigener Identität und eigenen Rechten. Frauen machen heute in Venezuela die Erfahrung, dass es kein Produkt der Phantasie ist, Institutionen zu verteidigen, die nur für sie (und ihre Kinder) erdacht worden sind. Dafür sind alle Errungenschaften aus dem medizinischen Bereich und der sozialen Absicherung gute Beispiele. Wo niemand an die Beseitigung des Analphabetismus und die Weiterbildung von Frauen und unabhängig vom Alter dachte, mussten die Frauen selbst weiter denken und sich innerhalb der entsprechenden Missionen (Mission Robinson I und II , Ribas und Sucre) engagieren. Für die medizinische Versorgung von benachteiligten und ausgegrenzten Bevölkerungsgruppen tun sie es (in der Mission Barrio Adentro) gemeinsam mit kubanischen Ärztinnen. Sie bekämpfen intrafamiliäre und außerfamiliäre Gewalt in all ihren Formen. Auf der Straße lebende Mädchen und Opfer von Vergewaltigungen, bedürfen eines besonderen Schutzes. Auch muss für Frauen und ihre Familienangehörigen die Lebensqualität durch Bereitstellung angemessenen Wohnraums steigen. Im Rahmen der Mission Hábitat entstehen Wohnbauprojekte, welche alle Dienstleistungen, von Bildung bis Gesundheitsversorgung, einschließen. Auch die Projekte für alleinerziehende junge Mädchen und ihre Kinder dürfen nicht durch die Gegner der Regierung zu Grunde gerichtet werden.

Bei der Wahl wurde außerdem über die Frauenbank entschieden, gegründet am 8. März des Jahres 2001, und die Kleinstkredite, die Geschäftsführerinnen, Kleinstbäuerinnen oder indigenen Frauen die Tür zu einem eigenständigen Leben öffnen. Die Mission Madres del Barrio (Mütter aus den Slums) ihrerseits unterstützt bedürftige Hausfrauen, damit sie mit ihren Familien die extreme Armut überwinden und in soziale Programme eingebunden werden. Die Mission Negra Hipolita, benannt nach einer schwarzen Heldin aus der Kolonialzeit und am 14. Jänner 2006 initiiert, konzentriert sich auf die Bekämpfung der gesellschaftlichen Ausgrenzung von Straßenkindern. Geplant ist weiters die umfassende Betreuung von jugendlichen und erwachsenen Obdachlosen, Schwangeren, behinderten und älteren Menschen, die in extremer Armut leben und überwiegend Frauen sind. Die Durchführung dieses Programms wird durch Schutzkomitees, welche die soziale Lage im betroffenen Gebiet analysieren, garantiert. Programme, die sich mit den reproduktiven Rechten befassen, haben noch lange nicht alle Frauen im gesamten Bundesgebiet erreicht. Dies trifft auch auf die Kleinstkreditvergabe zu. Beides wird so lange nicht erreicht sein, bis sich alle Frauen selber organisiert haben. Es fehlen noch Kooperativen und feministische Zirkel, die selbst von Frauen gegründet werden, die Stärkung einer feministischen Perspektive insgesamt, um Genderfragen in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens zu verankern. Ebenso mangelt es an Publikationen zu feministischen Themen, zu denen alle Frauen Zugang haben, damit sie mehr über ihre Rechte erfahren und nicht mehr länger in Unwissenheit dahinvegetieren.

Die Wahlen am 3. Dezember 2006 waren in diesem Sinne eine Wahl der Frauen wie der Mehrheit der Bevölkerung für Hugo Chávez. Das Gesicht dieser Frauen ist ein ganz einfaches und eines, das man jahrzehntelang verachtet hat, nämlich ein von Armut, Ausschluss und Leid gezeichnetes. Erstmals in der Geschichte Venezuelas besteht die Chance, dass sich auch auf den Gesichtern der Frauen andere Spuren einprägen.

Zoraida Nieto

geb. 1970 in Venezuela, Studium der Politologie und Soziologie in Venezuela und Österreich, lebt seit 1993 in Wien. Zoraida Nieto hält am 9. Juni 2007 einen Vortrag zu "Frauen in Venezuela" in der FZ-Bar Wien.


Dieser Artikel erschien in [sic!] - Forum für feministische Gangarten Nr. 58, Oktober 2006 und auf www.venezuela-info.net und wurde für Wolfsmutter.com aktualisiert.


Bild: Postkarte gestaltet von Gregorio Castro im Rahmen eines Projektes zu Genderparadoxien der Zentraluniversität Venezuela.



Du kannst ...  ...diesen Artikel ausdrucken  ...diesen Artikel an eine Freundin senden   ...diesen Artikel mit einem Lesezeichen versehen

Kommentare unserer Leserinnen...*

Du kannst ...: einen Kommentar schreiben

Es gibt noch keine Leserinnenmeinung zu diesem Artikel.

* Für den Inhalt der Kommentare sind die Verfasserinnen verantwortlich.

Wolfsmutter.com: nach oben