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MAGAZIN

Melissa Ferrick

© Martina Phoenix (24.05.07)


Musik

Die Folkrocksängerin im Porträt

Die US-Amerikanische Singer-Songwriterin ist eine Lesbenikone und seit Jahren ständig auf Tour. Dies brachte ihr, neben zwölf Alben, eine große und treue Fangemeinde in Nordamerika. Hierzulande ist Melissa Ferrick noch immer ein Geheimtipp.



Melissa Ferrick, 2005

Atlantic Records

ie am 21. September 1970 geborene, in Ipswich (bei Boston) aufgewachsene Singer-Songwriterin begann ihre Karriere 1991, als sie spontan die Eröffnung für Morissey übernahm. Er war von ihr so begeistert dass er sie für die restliche Tournee durch die USA und UK engagierte. Danach verhalf er ihr zu einem Vertrag beim Major Plattenlabel Atlantic Records. Ihr erstes Album, Massiv Blur, wird von Fans liebevoll als "sowas von fehlproduziert" beschrieben. In dem später aufgenommenen Lied "The Juliana Hatfield Song" und einem Interview erfährt man/frau, dass sie über die mangelnde Marketingunterstützung nicht glücklich war. Ihr Debutalbum erreichte nicht den gewünschten Verkaufserfolg.

Willing to Wait, ihr zweites und gleichzeitg letztes Album bei Atlantic Records - wurde eines der empfehlenswertesten. Unvergeßlich ihr politischer Song "Gotta Go Now", in dem sie singt "As long as you let little girls play with trucks, their sexuality gets all screwed up", oder die amerikanische Idee von Freiheit aufs Korn nimmt: "Freedom of speech is fine, as long as you don´t cross the line". In einem Interview sagt sie, dass sie während der Produktion eine Beziehung zu einer Schauspielerin hatte, die vor der Fertigstellung der Aufnahmen bereits wieder zu Ende war. Deshalb ist "Willing To Wait" ein widersprüchliches Album. Einerseits enthält es Songs, die das Glück der Sängerin ausdrücken ("I Am Done"), Gedanken und Perspektiven über Beziehungen (wie das nachdenkliche "Somehow We Get There", oder das verwirrende "Til You´re Dead"), andererseits aber auch Trauer und Verzweiflung ("When You Left", "I Am Not"). Das am häufigsten von ihr Live gespielte Lied dieses Albums ist vermutlich "Trouble in my head". Viele Jahre später hört man/frau auf einem Bootleg, wie sie dieses Lied auf Wunsch ihrer Fans in ihre Setlist aufnimmt. Es handelt von einem sehr persönlichen Thema: Melissas Panikattacken, die sie wie ein Schatten begleiten. "Trouble in my head" übermittelt in Textzeilen wie "The trouble in my head is getting closer and closer to my legs" und "the trouble with myself is that I don´t know me" nachvollziehbar, wie es einer betroffenen Person geht. Wirklich berührend ist ihre Interaktion mit dem Publikum, wenn sie singt: "And if you find me, would you kindly show me the way home?". Klar würden wir, Melissa, jederzeit.

What Are Records (WAR)

Melissa hatte Probleme mit Alkohol und Drogen, die durch den Rausschmiss bei Atlanta vermutlich noch verstärkt wurden. Sie fängt sich wieder und besiegt die Sucht. Herb Ritts, der sie in einem Café spielen hört, lädt sie zu sich ein. In einem Interview sagt sie, dass er ihr Mut gemacht hat, das zu tun, was sie gerne tut: Gitarre spielen und singen. Ein Zeichen ihres Kampfes ist ein Tattoo auf dem rechten Unterarm, das besagt: "Acceptance is the answer". Er ist es auch, der ihr über mehrere Kontakte zu einem neuen Management verhilft. Letztendlich landet sie bei dem Indie-Label "What are records?" (WAR) .

Eine der Charakteristiken dieser Folkrocksängerin ist, dass sie ständig auf Tour ist. Sie spielt immer wieder in denselben kleinen bis mittelgroßen Clubs, die über den gesamten nordamerikanischen Kontinent verteilt sind. Dadurch erarbeitet sie sich ein begeistertes Stammpublikum. Ferrick hat ein gutes Verhältnis zu ihren Fans, wie es sich die meisten MusikerInnen nur wünschen können. Viele Fans und RedakteurInnen von Concert Reviews sagen, dass das beste an Melissa Ferrick ihre Live-Auftritte sind. Für europäische Fans kaum vorstellbar, weil sie hier noch zuwenig Basis für eine Tournee hat, wird doch immer wieder berichtet, dass ihre Studienalben nicht mit ihrer Bühnenpräsenz mithalten können. Sie läßt es jedoch zu, dass Fans Aufnahmen von ihren Konzerten machen. Deshalb schwirren auf Youtube und anderen Webseiten unzählige mehr oder weniger professionelle Videos, aber auch sehr gut gemachte Audiobootlegs herum. Was Melissa jedoch nicht ausstehen kann, ist, wenn jemand mit dem Rücken zu ihr steht und während ihres Auftritts permanent telefoniert. In einem ihrer Weblogs entschuldigt sie sich, dass sie einer Frau kurzerhand das Handy aus der Hand genommen hat, um es ihr nach der Show wieder zurückzugeben.

Von ihren Live-Alben (70 people @ 7000 feet, und dem Doppelalbum Skinnier & Faster live @ the BPC) wird von InsiderInnen vor allem letzteres sehr empfohlen.

Auf WAR veröffentlicht sie zunächst das Studioalbum Everything I need danach folgen Freedom und das Live Album Melissa Ferrick +1. Ihre Fangemeinde wächst beständig, obwohl sie kaum im Radio zu hören ist. Das letzte Lied auf Freedom, "Drive" hat sie für ihre damalige Freundin geschrieben. Es ist so eindeutig, dass sie erst von ebendieser Freundin überredet werden mußte, es auf das Album zu nehmen. Es hat sich gelohnt. Der Song ist, um es kurz und treffend zu beschreiben: hot. "Drive" hat ihr sehr viele neue, treue Fans beschert. Von dem Indie-Label WAR hat sich Ferrick getrennt und ihr eigenes Label "Right On Records" gegründet. Nach ihrem Start bei einem großen Label, ihrem Sprung zu einem Indie-Label ein bemerkenswerter Schritt, mit dem sie keineswegs alleine ist. In Interviews gibt sie Amy Ray als große Inspiration an, die mit ihrem Label Daemon Records einiges in der Musik-Community von Atlanta bewegt. Aber auch Madonna und Ani DiFranco sind letztendlich zu dem Entschluß gekommen, dass sie mit einem eigenen Label am kreativsten arbeiten können.

Right On Records

Melissa Ferrick: Valentine Heartache2000 erscheint als erstes Album auf Right On Recods Valentine Heartache - eines ihrer besten Alben. Wieder widmet sie zwei Lieder "Crack the Mirror" und "Mercy" ihren gesundheitlichen Problemen. Beide Songs sind textlich und musikalisch sehr überzeugend. Das Ausdrücken ihrer Emotionen ist, wie sie später in ihren Weblog schreibt, wie eine Therapie für sie. Letztendlich stellt sie fest, dass das Leben manchmal Schatten bereithält, ohne die Möglichkeit, sie jemals loswerden zu können: "sometimes, life on life´s terms means that I do not get to win". Mehrmals hat Ferrick wegen ihrer Panikattacken Live-Auftritte absagen müssen. Für ihre Fans, die meist sehr weit gereist sind, um sie live zu erleben, ist das natürlich bitter. Im Journal auf ihrer Webseite beschreibt sie den Zwischenfall einer Fan Club Cruise, deren Höhepunkt ein Melissa Ferrick Konzert hätte werden sollen. Während der Fahrt bekommt sie jedoch eine Attacke und muß das Konzert absagen. Für die auf ihr Verhältnis zu den Fans bedachte Melissa ein schwerer Schlag.

Valentine Heartache, das zusammen mit Willing To Wait das geeignetste Album ist, um Melissa Ferrick in Höchstfom kennen zu lernen, und in Höchstform zu erleben, enthält noch einige weitere Perlen. Der Einstiegssong "Welcome To My Life" begrüßt die Hörerin zu ihrer neuen Gemeinschaft. Er gibt einen Einblick in das Leben eines Musikstars, das geprägt ist von fremden Hotels, Städten, dem uneingeschränkten Bekenntnis zu ihrer sexuellen Orientierung ("we're pulling in to one more city where, hey, from the looks of it all the girls are pretty", und auch "show them we are not afraid of who we are") aber auch von großer Einsamkeit.

Auf Right On Records erscheinen 2002 Listen Hard, im Jahr 2004 The Other Side. Beide Alben bezeichnet sie als self-made Projekte, auf denen sie Instrumente, Arrangements und Produktion - Texte und Musik sowieso - selbst übernommen hat. Diese Alben werden generell eher Personen angeraten, die bereits andere Alben von ihr gehört haben. Dennoch habe ich den Kauf dieser Alben nicht bereut. Sie versteht es, Text, Musik, Gitarre und Rythmus kunstvoll miteinander zu verflechten. Einer meiner Lieblingssong von Melissa Ferrick ist das frisch-fröhliche "Let´s fly" auf Listen Hard . The Other Side enthält verspielte Elemente wie das Abschlußlied "Westbound". Nach dem, was oben über ihre Panikattacken geschrieben wurde, finde ich das Lied "Fearless" bemerkenswert. Es ist ein sehr schönes, ebenfalls locker klingendes Stück, zu dem ich mir gut eine tanzende Bauchtänzerin verstellen könnte. Wie auch im Song davor, "Bad Bad Girl", beleuchtet es eine Seite von Beziehungen, die es mit tieferen Gefühlen nicht so genau nimmt. ("Ya I let go You wanna call me a name - I'm fearless")

Melissa Ferrick: In the Eyes of StrangersIm Oktober 2006 kam ihr aktuelles Album auf den Markt: In the Eyes of Strangers, zu dem es eine Fotodokumentation und ein nettes Making Of Video gibt. Im Gegensatz zu ihren beiden vorhergehenden Alben arbeitet sie für "In The Eyes of Strangers" wieder mit ausgewählten MusikerInnen zusammen. Sie wählt sich Größen, die auch schon für Ani Difranco, Tegan & Sara und Dar Williams verantwortlich zeichneten. Es hat sich ausgezahlt. "Never Give Up" ist ein rockig-fröhlicher Starter für ein vielseitiges Folk Rock Album. "Closer" vermittelt einen Eindruck über wechselnde Gefühle, die genauso intensiv wie verwirrend sind, dass sie schwer zu fassen sind. Der Titel entstammt, ähnlich wie bei den Alben von Alanis Morissette, der Textzeile eines der aufgenommenen Songs: "Rest Now" ist eine Hommage an Chris Whitley, einen Musiker, der 2005 verstorben ist. "In the eyes of strangers we will recognize our own hotel vast horizons." Um die Faszination, die von Melissa Ferrick ausgeht, zu erklären, verwendet man/frau am besten ihren eigenen Text: Sie singt: "You sang so beautiful, it made my heart hit the ground" Es könnten Worte über Melissa Ferrick selbst sein.

Bootlegs, Covers und ausverkaufte CDs

Exzellent, aber leider auf keiner offiziellen CD enthalten, ist ihr Cover von Ani DiFrancos "Untouchable Face". Bei einer unter Fans weitergereichten mp3 Datei dürfte es sich um einen Konzertmitschnitt handeln. Wer Rockmusik mag, dem gefällts. Im Gegensatz zu diesem ausgesprochen hörenswerten Cover wurde früher auf einer Tauschbörse eine Cover-Parodie unter ihrem Namen verbreitet, die nicht von Melissa Ferrick gesungen wird. "I´m A Lesbian" ist eine anfänglich humorvolle Parodie, die eine unbekannte Band zur Melodie von Melissa Etheridges "I´m The Only One" geschrieben hat. Da es im Internet immer noch Quellen gibt, die Melissa Ferrick damit in Verbindung bringen, sei es hier korrigiert: Das Lied stammt nicht von ihr und sie singt es auch nicht.

Eines ihrer Frühwerke, Made Of Honor ist ein ausverkauftes Album, auf das mich ein treuer Fan hingewiesen hat. Wenn das jemand findet - bitte bei der Autorin melden. Thanx ;-)

Discography

Atlantic Records

    1993 Massive Blur
    1995 Willing to Wait

What Are Records (WAR)

    1996 Made of Honor
    1997 Melissa Ferrick +1
    1998 Everything I Need
    1999 Freedom

Right On Records

    2000 Skinnier & Faster live at the BPC
    2001 Valentine Heartache
    2002 Listen Hard
    2003 70 People @ 7000 Feet
    2004 The Other Side
    2006 In The Eyes of Strangers

Links

www.melissaferrick.com
www.myspace.com/melissaferrick


Dieser Artikel erschien zuerst auf OurArt.info und wurde für Wolfsmutter.com überarbeitet.

Foto: Melissa Ferrick, 2005



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