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MAGAZIN

MEHR MäDCHEN UND FRAUEN INS HANDWERK!

© Handwerkerinnenhaus Köln e.V. (19.06.07)


Technik & Handwerk

Das Berufsorientierungsprojekt des Handwerkerinnenhaus Köln e.V.

Das berufliche Spektrum von Mädchen ist gegenüber den Jungen deutlich eingeschränkt. Über 50% der Mädchen finden sich in nur 10 typischen "Frauenberufen", in denen Verdienste niedrig und Aufstiegschancen gering sind.



Handwerkerinnenhaus Köln e.V.

Eingeschränktes Berufswahlspektrum von Mädchen

Das berufliche Spektrum von Mädchen ist sowohl im dualen System, als auch in Bezug auf ihre Studienwahl, gegenüber den Jungen deutlich eingeschränkt. Über 50% der Mädchen finden sich in nur 10 typischen "Frauenausbildungsberufen", in denen eine Ausbildungsvergütung nicht oder deutlich unter Niveau gezahlt wird, Verdienste vergleichsweise niedrig und Aufstiegschancen eher gering sind. (Quelle: Evaluationsergebnisse Girls Day 2002).

In der Phase der Berufsentscheidung sind Jugendliche mit einer gesellschaftlichen Normalität konfrontiert, die Berufe weitgehend deutlich nach Geschlecht einteilt und damit den Schein der besonderen Eignung für das jeweilige Geschlecht erweckt. Viele Mädchen kommen bis zum Zeitpunkt der Berufswahl weder mit handwerklich-technischen Arbeitsbereichen in Berührung noch mit Handwerkerinnen außerhalb der klassischen "weiblichen" Handwerksberufe, wie Friseurin oder Floristin, in Kontakt. Konflikte bei der Berufswahl werden durch die zeitliche Überlappung der Berufsentscheidung mit der Pubertät verstärkt, die bei Jungen und Mädchen durch Verunsicherung über die geschlechtliche Identität und den Wunsch nach Geschlechtskonformität und geschlechtshomogenen Gruppenzusammenhängen gekennzeichnet ist.

Mangel an geeigneten, qualifizierten Nachwuchskräften im Handwerk

Eine Untersuchung der Handwerkskammer (2003) ergab, daß es zu wenig BewerberInnen für Handwerksberufe gibt und Lehrstellen einfach offen bleiben, weil den BewerberInnen die Mindestvoraussetzungen fehlen und/oder sie nicht über die nötige Ausbildungsreife verfügen. Die Deutsche Shell-Studie (2002) belegt, daß Mädchen bezüglich erfolgreicher Schulabschlüsse - eine Voraussetzung für qualifizierte Ausbildung - die Jungen bereits überholt haben. Wirtschaft und Handwerk können und wollen auf dieses qualifizierte Nachwuchspotential nicht verzichten. Die Untersuchung "Girls Day 2002" hat gezeigt, dass sich mehr als 20% eine berufliche Tätigkeit im Handwerk, im technischen Bereich oder im Ingenieurswesen vorstellen können, nachdem sie die Möglichkeit hatten, in handwerklich-technische Berufe zu "schnuppern". Diese Untersuchung des Girls Day deckt sich auch mit dem Ergebnis der Auswertung von Fragebögen im Rahmen einer Diplom-Arbeit (2002, Lampenbaukurse für 90 Mädchen im Handwerkerinnenhaus Köln e.V. ).

Bedarf an praxisorientierten, geschlechtsspezifischen Angeboten zur Berufswahlorientierung

Für einen möglichst reibungslosen Übergang von der Schule in den Beruf ist eine praxisorientierte Berufsorientierung unerlässlich. An den Schulen ist in der Regel das Bewußtsein vorhanden, daß es wichtig ist, den Jugendlichen auch "geschlechtsuntypische" Berufe praxisnah vorzustellen. Dies zeigen auch die zahlreichen Anfragen von Schulen aller Schultypen nach Praxis- und Informationsangeboten im handwerklich-technischen Bereich für Schülerinnen.

An den oben genannten Punkten setzt das Berufsorientierungsprojekt des Handwerkerinnenhauses an. Den Mädchen wird der Bereich Handwerk und Technik sowohl praktisch als auch theoretisch näher gebracht. Damit wollen sie bestehende Lücken in der Berufsorientierung und im Übergang Schule - Beruf schließen. So sollen

  • möglichst viele Mädchen durch Schnupperkurse erreicht werden
  • Mädchen die Möglichkeit geboten werden, neue Talente und Fähigkeiten zu entdecken
  • begabte, interessierte Mädchen schulübergreifend und gezielt gefördert werden
  • Mädchen, die sich für Praktikum und Ausbildung in handwerklich-technischen Berufen entscheiden, wirksam beraten und unterstützt werden
  • MultiplikatorInnen und Eltern als wichtige Bezugspersonen im Berufsfindungsprozess einbezogen werden
  • Vernetzung und Strukturen aufgebaut werden, von denen alle Kölner Schulen bezüglich der Optimierung von Berufsorientierungsangeboten profitieren können
  • Untersuchungen über das Berufswahlverhalten der teilnehmenden Schülerinnen durchgeführt werden (in Kooperation mit einer Hochschule)

Um bestmögliche Wirksamkeit für Schülerinnen im Berufsfindungsprozess zu erzielen, hat das Handwerkerinnenhaus Köln e.V. verschiedene Bausteine konzipiert und zu einem Gesamtprojekt zusammengefaßt. Alle Angebote finden statt

  • In geschlechtshomogenen Gruppen
  • In komplett ausgestatteten Werkstätten
  • Unter Anleitung von Fachfrauen aus dem Handwerk

1. Handwerklich-technisches Kursangebot zur Berufsorientierung für Schülerinnen von Kölner Schulen

Holly Wood, Foto: © Handwerkerinnenhaus Köln e.V.
  • In Form von Projekttagen, Projektwochen, Schnupperkursen
  • Eingebunden in das jeweilige Konzept der Berufsorientierung an den Schulen
  • Nach Möglichkeit schon ab Klassenstufe 5
  • In der vorgelagerten Berufsorientierungsphase (ab Klasse 7)
  • Im Übergang Schule - Beruf (ab Klasse 9)
  • Teilnahmebescheinigung als Leistungsnachweis
  • Teilnahme an Ausbildungsbörsen mit Information und Workshops
  • Angebote zum Girls Day

Das Handwerkerinnenhaus bietet Projekttage und -wochen sowie Schnupperkurse für Gruppen von jeweils 8 Schülerinnen in komplett ausgestatteten Werkstätten, angeleitet durch weibliche Fachkräfte aus dem Handwerk. So bekommen die Mädchen, oftmals zum ersten Mal, Kontakt zu handwerklich-technischem Arbeiten sowie zu Handwerkerinnen, die eine Vorbildfunktion einnehmen können. Gearbeitet wird vorzugsweise in den Bereichen Holz, Glas, Metall und Elektro. Die Mädchen bauen im Schnupperkurs nach Vorabsprache ein bestimmtes Werkstück, beispielsweise eine Tischlampe aus Holz mit Elektroanschluß. Dabei werden die Be- und Verarbeitung der verschiedenen Werkstoffe, theoretische Grundlagen und der Umgang mit Werkzeugen und Maschinen vermittelt.

Das Handwerkerinnenhaus arbeitet mit Mädchen ab der 5. Klasse, um ihnen frühzeitig und noch vor der Phase der Pubertät handwerklich-technische Erfahrungen zu vermitteln, so dass auch dieses Berufsspektrum bei der späteren Berufsorientierung selbstverständlicher einbezogen wird. In der 7. und 8. Klasse können Schnupperkurse Bestandteil von Projektwochen zur Berufswahlorientierung sein. Für Mädchen der 9. und 10. Klasse von Haupt- und Realschulen, die kurz vor der Entscheidung für Praktikumsstelle und Ausbildung stehen, bilden die Werkstattangebote eine Ergänzung zur schulischen Berufsorientierung. Die Teilnahme am Kurs kann im Zeugnis vermerkt werden, auf Wunsch der Schule wird ein entsprechendes Zertifikat ausgehändigt.

Die Arbeit in der Werkstatt bietet den Mädchen die Möglichkeit, eigene handwerkliche Fähigkeiten zu entdecken und sich mit Rollenklischees, die bei der Berufswahl wirksam werden, auseinander zu setzen. An Ausbildungsbörsen und dem Girls Day wird mit Workshops und Informationen zum Thema "Frauen in Handwerk und Technik" auch Schülerinnen erreicht, die bislang nicht an den festen Kursangeboten teilnehmen. Die Stände werden von Handwerkerinnen und einer Sozialpädagogin betreut.

2. Gezielte Nachwuchsförderung für Handwerk und Technik

  • schulübergreifende Kursangebote mit unterschiedlichen Schwerpunkten (Halbjahreskurs wöchentlich 3 Std.) für begabte und interessierte Mädchen
  • Enwicklung von zertifizierbaren Qualifizierungsbausteinen
  • Durchführung der Qualifizierungsbausteine (z.B. Maschinenkunde, Werkzeugkunde, handwerkliche Techniken) mit Zertifikat

Wie in der Untersuchung vom Girls Day 2002 nachgewiesen, interessieren sich nach entsprechenden Schnupperangeboten immerhin 20 % der Mädchen für einen handwerklich-technischen Beruf. Hier setzt dieser Projektbaustein an: Handwerklich-technisch interessierten und begabten Mädchen sollen mit schulübergreifenden Fortgeschrittenenkursen die Möglichkeit geboten werden, ihre Fähigkeiten zu erweitern und ausbildungsrelevante Schlüsselqualifikationen zu erwerben. Durch zertifizierte Qualifizierungsbausteine sollen die Mädchen eine realistische Einschätzung ihrer indivduellen, berufsrelevanten Fähigkeiten und Fertigkeiten gewinnen. Ebenfalls wird die Eignung für den/die potentielle/n Arbeitgeber/in sichtbar.

3. Berufsinformationsveranstaltungen für Schülerinnen und MultiplikatorInnen

Holly Wood, Foto: © Handwerkerinnenhaus Köln e.V.Mit den Veranstaltungen werden Frauen im Handwerk sichtbar gemacht und Mädchen und Lehrkräften die Gelegenheit geben, Berufsinformationen aus erster Hand zu erhalten sowie Vorurteile abzubauen. In den Berufsinformationsveranstaltungen informiert das Team des Handwerkerinnenhauses Schülerinnen realitätsnah über Berufe in Handwerk und Technik. Fachfrauen und/oder weibliche Lehrlinge stellen ihr jeweiliges Gewerk vor (z. B. Malerin/Lackiererin, Tischlerin, Industriemechanikerin) und berichten über Ausbildungsanforderungen und -inhalte sowie Aufstiegschancen. Die Fachfrauen und Auszubildenden schildern ihre persönlichen Erfahrungen als Frau in noch männerdominierten Berufen und es ist Raum für Rückfragen und Diskussion. Für kleinere Gruppen (8 - 10 Mädchen) ist zusätzlich eine Praxiseinheit (circa 2 Stunden) möglich, in der die Mädchen mit dem jeweiligen Werkstoff und Werkzeug arbeiten und ein kleines Werkstück für sich erstellen können.

Für MultiplikatorInnen (Lehrkräfte, BerufswahlkoordinatorInnen, SozialpädagogInnen etc.) bietet das Handwerkerinnenhaus Fortbildungsveranstaltungen zu handwerklich-technischen Berufen an. Die Veranstaltung beinhaltet gezielt theoretische und praktische Anteile um Multiplikatorinnen, die selber Mädchen beruflich begleiten, Berufe erfahrbar zu vermitteln. Außerdem werden die Teilnehmerinnen über die Inhalte der Mädchenkurse im Handwerkerinnenhaus informiert. In den Fortbildungen werden auch mögliche Bedenken gegenüber Mädchen und Frauen in handwerklich-technischen Berufen thematisiert und Vorurteilen entgegengewirkt. Die Lehrkräfte/BerufswahlkoordinatorInnen können die von ihnen gewonnenen Erfahrungen und Fachinhalte in ihre eigenen Arbeitsbereiche übertragen. Mit diesen Veranstaltungen wollen wir Frauen im Handwerk sichtbar machen und Mädchen und Lehrkräften die Gelegenheit geben, Informationen aus erster Hand zu erhalten und Vorurteile abzubauen.

4. Beratung und Unterstützung

Da Mädchen in vielen Berufssparten immer noch "Exotinnen" sind, scheitern sie oft bei der Suche nach einem Praktikums- oder Ausbildungsplatz. Interessierten Mädchen bietet das Handwerkerinnenhaus Köln e.V. daher Beratung bei der Berufsfindung im handwerklich-technischen Bereich und unterstützen sie bei der Suche nach einem geeigneten Praktikums- oder Ausbildungsbetriebe. Mit Innungen, Betrieben und Firmen wird direkter Kontakt aufgenommen, um geeignete Ausbildungs- und Praktikumplätze für Mädchen zu akquirieren. Im Dialog mit Innungen, Betrieben und den Handwerkskammern werden relevante Aspekte zur Ausbildungsvoraussetzung herausgearbeitet; dabei werden Qualitätsstandards und Konzepte zur Förderung der Ausbildungsreife entwickelt, die in unser praktisches Kursangebot zur Berufsorientierung mit einfließen. Durch die intensive Kooperation wird die Bereitschaft von Betrieben und Firmen gefördert, geeignete Mädchen auszubilden oder als Praktikantin anzunehmen.

5. Vernetzung und Evaluation

Das vorgestellte Projekt wird in das regionale Übergangsmanagement Schule - Beruf eingebunden. Durch die Entwicklung der Schnittstelle Schule - Betriebe für Praktikums/Ausbildungsstellen von Mädchen in Vernetzung mit Schulen, Schulamt, Beirat Schule - Beruf, Agentur für Arbeit Köln, Handwerkskammer, Innungen, Firmen und Betrieben kann eine fruchtbare Zusammen-arbeit für alle Beteiligten gewährleistet werden. Die Erfahrungen der Mädchen mit unseren praxisbezogenen Angeboten zur Berufsorientierung sowie die Rückmeldungen seitens der Schulen sollen in Zusammenarbeit mit  Hochschulen und Fachhochschulen ausgewertet werden. So kann ein Beitrag zum Erfahrungs- und Informationstransfer zwischen den Berufswahl-koordinatorInnen der am Projekt beteiligten Schulen geleistet werden. Durch die Veröffent-lichung der Untersuchungsergebnisse für alle Kölner Schulen und die Fachöffentlichkeit werden auch andere Schulen in die Lage versetzt, das Modell in ihren Lehrplan zu übernehmen und zu installieren.

Handwerkerinnenhaus Köln e.V.
Kempener Straße 135 · 50733 Köln · Tel.: 0221-7390555 · Fax: 0221-9228665 · mail@handwerkerinnenhaus.org · www.handwerkerinnenhaus.org


Fotos: © Handwerkerinnenhaus Köln e.V.



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