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MAGAZIN

»WER SPRICHT, VERHäLT SICH!«

© Irene Fleiss (22.06.07)


Politik & Gesellschaft

Monika Gerstendörfer: Der verlorene Kampf um die Wörter

“Kinderpornos”, “sexueller Missbrauch” - Worte, die wir alle verwenden. Doch sie beschönigen und verschleiern, decken die Täter und fügen den Opfern neue Gewalt zu. Monika Gerstendörfer zeigt den opferfeindlichen Umgang mit Sprache auf.



Monika Gerstendörfer: Der verlorene Kampf um die Wörter

onika Gerstendörfer behandelt in diesem Buch die öffentliche Wahrnehmung von sexualisierter Gewalt und “konfrontiert sprachlich und inhaltlich verzerrte Bilder mit der Realität” (Michaela Huber im Vorwort). Ein leicht zu lesendes, aber kein einfaches Buch, schreibt sie auch, und ich kann ihr nur zustimmen. Und wie sie möchte ich es vielen, vielen Leserinnen und Lesern ans Herz legen, denn es ist mutig, stark, klar, zornig, kenntnisreich.

Die Autorin entlarvt den bagatellisierenden Sprachgebrauch, der nicht sagt, was der Täter tut, was mit dem Opfer geschieht oder worin die Tat besteht. So wird von “Kinderpornographie” gesprochen, wo es um sexualisierte Folter an Kindern auf Video geht, und von “Sextourismus”, wo Männer Kinder und Frauen in anderen Ländern vergewaltigen. Oder “Kinderschänder” - wer bringt Schande über wen? Einige derartige Beschönigungen und Verschleierungen und das jeweilige tatsächliche Geschehnis, die Monika Gerstendörfer klar benennt, sind:

  • “Kinderpornos”
    Bilddokumentation real stattgefundener Misshandlungen bis hin zur Folter

  • “Sexualmord”
    Mord nach vorausgegangener physischer und psychischer Folter

  • “Zwangsprostitution”
    Wiederholte Mißhandlungen im Bereich der sexualisierten Gewalt, also Menschenrechtsverletzung und Sklaverei

  • “Zwangsprostituierte”
    Sklavinnen, die Gewalt erleiden

  • “Sexueller Missbrauch”
    Sexualisierte Misshandlung

  • “Sexuelle Belästigung”
    Sexualisierter Übergriff

  • “Stalking”, “Sexterror”
    Terror, Psychoterror

  • “Pädophile”
    Pädokriminelle

Wozu die Aufregung, heißt es vielleicht. Man weiß doch, was gemeint ist. Falsch. “Es gibt in der Tat kaum einen Bereich, der so mythologisiert wird, so voll von Halbwissen und Falschmeldungen ist, wie der der sexualisierten Gewalt.” Die Sprache ist, stellt die Autorin fest, das Spiegelbild des Umgangs mit den Opfern, den Tätern und ihren Taten. Mit Gewaltopfern wird in Medien und öffentlicher Wahrnehmung kaum jemals wertschätzend oder respektvoll umgegangen. Die Täter werden entweder dämonisiert oder entschuldigt, nicht jedoch als Menschen gesehen, die brutal agiert haben und auch anders hätten handeln können. “So gut wie jeder Mensch kann sich für das Böse entscheiden - oder dagegen.” (Michaela Huber) Dem entspricht, daß Täter oft jahrelang therapiert werden, während Gewaltüberlebende vielleicht ein paar Stunden kostenlose Therapie erhalten, wenn sie Glück haben. Jede/r Gewaltüberlebende hat eigene Mechanismen, sich mit dem Geschehenen auseinanderzusetzen. Das kann auch Zorn sein. Doch gerade dieser eigene Umgang wird Opfern oft verwehrt; Opfer haben sich in einer bestimmten Weise zu verhalten, sonst nehmen wir ihnen das übel oder werfen es ihnen vor.

Die Autorin stellt fest, daß wir “viel mehr Angst vor der Lebenswirklichkeit der Opfer als vor der der Täter” haben. Von Tätern sind wir fasziniert; gleichzeitig können wir uns von ihnen abgrenzen, “wir sind ja nicht so”. Uns mit den Opfern zu beschäftigen, täte sehr weh, das wollen wir vermeiden. Daher kommt die verstärkte Beschäftigung mit den Tätern (wenn auch oft in Form von Forderungen nach schärferen Strafen) statt mit den Opfern.

Es gibt immer neue Gewaltformen, wie die Belästigung von Kindern und Jugendlichen in Chatrooms, einen Boom bei Frauenhandel und Sklaverei, eine rasante Verbreitung von Kinderfolterdokumentationen. Es gibt immer mehr Täter und immer mehr Opfer. Daran hat die Sprache ihren Anteil. Etwas, das nicht beim Namen genannt wird, existiert nicht und kann daher nicht bekämpft werden. Bilder und Videos von Kindesmisshandlungen sind nicht “schmuddlig” oder “unanständig”, sondern eine eklatante Menschenrechtsverletzung. Solange dies nicht erkannt und benannt wird, ist jedes Vorgehen dagegen ein Kampf gegen Windmühlenflügel. Einzelne wie auch Menschenmassen sind über instrumentalisierende Sprache manipulierbar. Sprache kann als Waffe eingesetzt werden und wird es auch. Mittels Sprache können Täter pathologisiert und Taten bagatellisiert und in der Folge entkriminalisiert werden.

“Morde aus Leidenschaft, Mitgiftmorde und Ehrenmorde darf es noch nicht einmal auf der sprachlichen Ebene geben. Sie beinhalten hobbypsychologische Mutmaßungen über die Motive der Täter, die dadurch ent-schuld-igt werden. In Wahrheit handelt es sich um heimtückischen Mord.”

Sprache schafft und spiegelt Lebenswirklichkeiten. Ein Pädophiler liebt keine Kinder, im Gegensatz zu einem Menschen, der/die frankophil ist, also alles Französische schätzt. Wenn wir die Eigenbezeichnung solcher Menschen verwenden, möchte ich ergänzen, bewegen wir uns in ihrem Weltbild und ermöglichen ihnen die allmähliche Akzeptanz (siehe die Niederlande, wo eine Pädophilenpartei zu den Wahlen antreten will). Die Dinge beim richtigen Namen zu nennen ist wichtig und verändert das Bewusstsein. Für die Täter gibt es viele Worte: Sexgangster, Triebtäter, “Spielplatzbestie” - der Täter steht im Vordergrund, von ihm geht offenbar eine große Faszination aus. Von den Opfern hingegen geht keine Faszination aus - nur dann, wenn sie als “Täterinnen” hingestellt, als “Verführerinnen” oder “Lolitas” diffamiert werden (wobei auch die Lolita des Romans keine Verführerin, sondern ein Opfer sexualisierter Gewalt war). “Für die Menschlichkeit der Opfer, jenseits des Opferdaseins, haben wir keine Umschreibungen.” Nur hinzuschauen, wenn Misshandlung geschieht, reicht nicht. Was sehen wir beim Hinschauen, wie nehmen wir es auf, erzählen es weiter, wie wird es dargestellt und interpretiert? Üblich ist eine “opferfeindliche und verantwortungslose Propaganda”. Die Sexualisierung von Kindern geht Hand in Hand mit einer “Verkindlichung” von Frauen. Die Botschaft lautet: “Kinder sind sexy, erwachsene Frauen unattraktiv”. Frauen sollten sich möglichst kindlich herrichten (etwas, das ich seit Jahren beobachte und - umsonst - benenne: enthaarter Körper, Minifaltenrock, Mädchenschuhe mit Spange, wie heuer modern).

Die Autorin behandelt wichtige und breitgefächerte Themen: Kinder - Frauen - Krieg und Frieden - Prostitution und Zwangsprostitution - Gewalt und Unwörter. Auf manches wird näher eingegangen, anderes gestreift. Ein Überblick über die Themen:

Die Auswirkungen von “Baby- und Kindersex”
Sexualisierte Gewalt hat nichts mit Sexualität zu tun
Verwechslung von Aktivum und Passivum (Opfer - Täter, “Kinderprostitution”)
Die Täterlobby
Helfershelfer
Das www und die Täter
Das www und die Opfer
Entpersonalisierung von Männergewalt
Frauen und Mädchen - eine Kategorie?
Vergewaltigung und angebliche Falschanzeigen
Sprachliche Manipulation in den Medien - “Blaming the victim”
“Im Zweifel für den Angeklagten”: ja. “Im Zweifel gegen das Opfer”: nein!
Umkehr von Ursache und Wirkung, das Opfer soll sein Verhalten ändern, nicht der Täter
Der Zyklus der Gewalt
“intergenerationelle Weitergabe” von Gewalt
“Double bind” für Opfer
“Massenvergewaltigungen” und “Zwangsschwängerungen”, Genozid und Femizid
Sexualisierte Gewalt im Zweiten Weltkrieg
Sprachliche Verfehlungen in Zusammenhang mit Gewalt gegen Frauen im Krieg am Beispiel des “Furundzija-Prozesses”
Gewalt gegen Prostituierte, Gewalterfahrungen von Huren am Arbeitsplatz
Sexuelle Dienstleistungen in der Ehe
“Liebeswahn”
“Schönheitswahn”
“Lolitafans” und Cyborgs
Sexualisierte Misshandlung von Tieren

Neu war mir, daß legal sogenannte “FKK-Videos” erhältlich sind, in denen nackte Kinder bei scheinbar alltäglichen Beschäftigungen (am Stand, beim Spielen) gefilmt werden (wobei die Kamera lange Zeit auf den Genitalien verweilt). Wieso erkennt niemand, daß es sich hier um aufgezeichnete Gewalthandlungen an Kindern handelt? Mit Folgen für diese, die nicht absehbar sind.

Zum Thema “häusliche Gewalt”:
Laut Amnesty International “sterben jedes Jahr Zehntausende Frauen durch ihre Partner oder Expartner”.

Zum Thema “Krieg”:
“Vergewaltigung ist eine Erscheinungsform von Krieg, keine Begleiterscheinung.”

Zum Thema “Genitalverstümmelung an Frauen”:
“´Das ist keine Kultur! Das ist Folter!´“ (eine afrikanische Krankenschwester)

Zum Thema “Kindfrau”:
“Rund um die ´Designervagina´ ist also für angeblich Runzeliges, Lappen, wulstartige Ausstülpungen und Haarbewachsenes kein Platz. In unserer schönen, neuen Plastikpuppenwelt, die sich in einem Mega-Orgasmus mit dem traditionellen Mensch-Maschine-Denken des Industriezeitalters und der modernen Pornografie der Folter vereint hat, haben unsere sensibelsten und individuellsten Köperteile offensichtlich ganz ausgedient. Ob mal jemand auf die Idee kommt, einen solchen ´Trend´ schonungslos als das zu benennen, was er ist? Nämlich als kollektive Psychose, die uns erst die Individualität kosten und letztendlich das Leben an sich wegnehmen wird?”

Zum Glück kommt Monika Gerstendörfer drauf. Einzig die Sichtweise der Autorin von “Sexarbeit” als Dienstleistung entspricht nicht meinem Verständnis. Denn es dreht sich bei Prostitution - wie auch, da stimme ich ihr zu, oftmals in der Ehe - wieder einmal nur um den Mann. Vielleicht könnte man von “sexualisierter Arbeit” sprechen, das könnte ich mir vorstellen. Ich finde es faszinierend, daß eine Frau, die so brillant sprachliche Verschleierungen und Entstellungen aufdeckt, positiv das Wort “Sexarbeit” verwendet und die sexuelle Dienstleistung von Frauen an Männern befürwortet und teilweise einer Form von Sozialarbeit gleichstellt (an Männern natürlich, an wem sonst). Wir sollen uns wirklich nicht davor fürchten, als “Hure” bezeichnet zu werden. Aber das kann nicht auf dem Weg erfolgen, daß Männer weiterhin von Frauen bedient werden und das als “normal” gilt. Denn damit gehen wir in die Falle, daß nur “Moral”, gar “religiöse Moral” gegen Prostitution spräche, und sonst nichts. Solange wir die männlichen Definitionen übernehmen, überlassen wir ihnen die Definitionsmacht. Und solange ihnen genug Frauen zur Verfügung stehen (sexuell und versorgend), ist es Männern sicherlich egal, ob wir Prostitution positiv oder negativ sehen, Hauptsache, es gibt sie. Mit der Diskussion über die “positive Sexarbeit” wird nur der patriarchale Dualismus bedient, der wieder einmal Frauen gegeneinander hetzt.

Auch ich - wie die Autorin - würde als Mutter nicht wollen, daß meine Tochter in der Rüstungsindustrie arbeitet oder Soldatin wird. Ich würde auch nicht wollen, daß meine Tochter oder mein Sohn Tierversuche oder genetische Veränderungen an Pflanzen und Tieren vornimmt, Priester oder Pastorin, Neo-Nazi oder Terrorist wird. Ich würde nicht wollen, daß mein Sohn Stricher wird und auch nicht, daß er zu Prostituierten geht und/oder der Meinung ist, Frauen hätten Männern in irgendeiner Weise zur Verfügung zu stehen. Und ich würde nicht wollen, daß meine Tochter einem Mann oder mehreren Männern in irgendeiner Weise zur Verfügung steht. Aber das ist kein Argument gegen die Frage: “Würden Sie wollen, daß Ihre Tochter Prostituierte wird?” Auch bei ihrer Meinung, daß die Verknüpfung von Sexualität und romantischer Liebe demontiert gehört, kann ich Monika Gerstendörfer weitgehend zustimmend. Doch die Dienstleistung von Frauen an Männern ist meines Erachtens nicht der Weg dazu, sondern eine Sackgasse. Denn ob Frauen Männern aus Liebe oder des Geldes wegen zur Verfügung stehen, ist ihnen in den meisten Fällen egal. Es passt mir nicht zu einer Frau, die eine so wichtige Aussage trifft:

“Die Sprache, die Begriffe sind gewissermaßen das Spiegelbild unseres Umgangs mit den Opfern - und entsprechend mit den Tätern und ihren Taten.”

Doch ist eine Anregung, nicht nur mit der Autorin mitzudenken, sondern selber zu denken, ja auch nicht schlecht. Daher meine Neuschöpfung für “Prostituierte”, analog der Schöpfungen der Autorin:

“Prostituierte, Hure, Nutte” =Frau, die in einer androzentrischen Gesellschaft gegen Geld sexuelle Handlungen an Männern vornimmt und ihnen ihren Körper nach ihren Wünschen zur Verfügung stellt, unabhängig von ihrer eigenen Lust und ihren eigenen Gefühlen.

Was also müßte Sprache im Bereich der sexualisierten Gewalt schaffen? Zweierlei:

  • Tat und Täter müssen klar als solche benannt werden
  • Taten und Opfer dürfen nicht sexualisiert werden

Da Sprache lebendig ist, können wir alle, jede und jeder einzelne von uns, “durch eine bewusst veränderte Sprach- und Schreibweise seinen/ihren Beitrag zur Bekämpfung von Gewalt leisten”. Mit Sprache kann man “Dinge gerade rücken oder klarstellen, Bedeutungen anders erfassen und Sachverhalte beim richtigen Namen nennen.” Warum sollten so viele Frauen (und Männer) wie möglich dieses Buch lesen? Weil es notwendig ist. Und: “Wer spricht, verhält sich!”

Monika Gerstendörfer: Der verlorene Kampf um die Wörter
Monika Gerstendörfer
Der verlorene Kampf um die Wörter

Opferfeindliche Sprache bei sexualisierter Gewalt.
Ein Plädoyer für eine angemessenere Sprachführung

Junfermann Verlag, 2007
176 Seiten, broschiert
€D 19,50 / €A 20,10 / sFr 34,30
ISBN: 978-3-87387-641-5

Gewalt. Ein Plädoyer für eine angemessenere Sprachführung, Junfermann Verlag, ISBN: 978-3-87387-641-5, Preis: EUR 20,10 + 1,50 Porto (Oesterreich). Ich bitte um Zusendung des Buches und der Rechnung an:&cc=redaktion@wolfsmutter.com">Buch bestellen (bei Berta - Bücher und Produkte, Graz)