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MAGAZIN

DIE TAGEBUCHBLäTTER DER LILI HAHN 1933-45

© Christine Klapeer (28.06.07)


Geschichte

Mehr als ein historisches Zeitdokument

Die Tagebuchblätter der Lili Hahn bewegen durch ihren schonungslosen Blick auf die Mikrostrukturen nationalsozialistischer Verfolgungs- und Vernichtungspolitik und gleichzeitig durch die beengende Unmittelbarkeit ihrer Aufzeichnungen.



Lili Hahn: Bis alles in Scherben fällt

ein noch so detailliertes historisches Werk hatte mir bisher so schonungslos die Geschichte des Aufstiegs des Nationalsozialismus in Deutschland gezeigt, mir so tiefenscharf die erschreckende soziale Transformation der Menschen unter dem Dritten Reich vor Augen geführt und das grauenhafte mechanistische Ordnungssystem nationalsozialistischer Vernichtung so unmittelbar greifbar gemacht. Die Tagebuchblätter der 1914 in Frankfurt am Main geborenen Lili Scholz (Lili Hahn ist das Pseudonym - vergleiche frankfurt.de ) sind damit mehr als ein bloßes subjektives Zeitdokument. Denn diese Aufzeichnungen können nicht einfach als historische Quelle über das nationalsozialistische Regime mit Nüchternheit und Distanz gelesen werden, sondern sie erfordern die ganze Präsenz der Leserin.

Im Alter von Neunzehn Jahren begann Lili Scholz ihr Tagebuch zu führen, das in den USA erstmals unter dem Titel "White Flags of Surrender" unter dem Pseudonym Lili Hahn veröffentlicht wurde. Ihr erster Eintrag ist der 31. Januar 1933, einen Tag nachdem Adolf Hitler als Reichskanzler in Deutschland an die Macht kam. Sie arbeitete in dieser Zeit als Journalistin bei einer Frankfurter Lokalzeitung, der "Frankfurter Post", und bewegte sich in einem links-liberalen Umfeld. Bereits in den ersten Monaten nach der Machtergreifung zeichneten sich für Lili die ersten Schatten dieses neuen Regimes ab, sie weiß, dass sie aufgrund des fehlenden Ariernachweises nicht mehr als Journalistin wird arbeiten können. Lili überfällt "dieses unbestimmte Gefühl der Unsicherheit, das sich wie eine dumpfe Vorahnung über mein Leben breitet, ein Schatten, der alle hellen Töne der Freude dämpft" (S. 16). Und tatsächlich werden für Lili nach und nach alle hellen Töne verstummen, als die jüdische Herkunft ihrer Mutter plötzlich lebensbedrohlich für sie und ihre Familie wird, enge FreundInnen und Bekannte aufgrund ihrer "rassischen" und politischen Situation eingesperrt, deportiert und ermordet werden und sie selbst die Beengtheit des von Denunziation und Überwachung bestimmten Alttagslebens zu spüren beginnt.

Doch es ist nicht so sehr allein das Schicksal der jungen Lili Hahn und ihrer Familie, das hier bewegt, sondern es ist der Mikrokosmos der Ereignisse innerhalb Lili Hahns Familie und BekanntInnenkreis, die Detailgenauigkeit der Schilderungen ihrer persönlichen Beziehungen, Kontakte und Erlebnisse, die diese beengende Unmittelbarkeit erzeugen. Die Tagebuchblätter beschränken sich zwar auf das was Lili Hahn selbst erlebte, auf ihre Begegnungen, Gespräche und kleinen politischen Handlungsversuche. Doch diese Mosaiksteine können zusammengesetzt als Zeitgemälde gelesen werden, in dem die nationalsozialistische Propaganda, die Vorgangsweise der Gestapo, die Ambivalenz von fanatischer Zustimmung und Verharmlosungsversuchen der Menschen, die Verschränkung von Massenwohlfahrt mit antisemitischen und rassistischen Ausschlüssen und Verfolgung sichtbar werden. Beeindruckend ist auch die politische Klarheit, mit der sie und ihre FreundInnen bereits in den ersten Jahren der nationalsozialistischen Machtergreifung die Tödlichkeit, Zerstörungskraft dieses Regimes erahnten und benannten und wie diffizil deren Urteil der politischen und internationalen Lage sich darstellte. Bereits 1934 waren sich Lili und ihr Geliebter sicher: "Hitler bedeutet Krieg. Das sind nur die ersten Vorbereitungen." (S. 34).

Als Tochter eines angesehen Frankfurter Arztes und als Mitglied einer großbürgerlichen Familie versuchte Lili während der zunehmenden antisemitischen Verfolgungen auch immer wieder Menschen zu helfen. Mit ihrem Vater stellte sie ärztliche Atteste aus, die Juden/Jüdinnen vor ihrem Abtransport in die KZ's retten sollten; bei diesen Schilderungen spürt jedoch die Leserin auch die Schlinge, die sich, mit Kriegsbeginn, immer mehr um Lili und diese Menschen zieht. Trotzdem zeigte sie in ihrem kleinen sozialen Kosmos Mut, indem sie immer wieder durch kleine Gesten der Unterstützung Menschen ihre Solidarität versicherte und dabei ihre eigene politische Haltung klar zum Ausdruck brachte. Durch ihren unermüdlichen Einsatz gelang es ihr auch ihre Mutter, die als Jüdin im Gefängnis saß, vor der tödlichen Deportation zu retten. Scheint Lili während ihrer gesamten Aufzeichnungen ihr Geschlecht eher wenig zu kümmern, so wird es doch in dem Moment real, als sie, um ihre Mutter zu retten, jeden Tag durch die Trümmer des zerstörten Frankfurts in die Wohnung des lokalen Gestapo-Führers und Zuständigen für die Erstellung der jüdischen Transportlisten läuft, um dort Vergewaltigungen und Demütigungen zu ertragen. Als sie von diesem schwanger wurde, schrieb sie am 11. November 1944:

"Mein letzter Gedanke vor dem Einschlafen, mein erster beim Erwachen galt diesem Ungeheuer, das in mir wuchs, gezeugt von einem verabscheuungswürdigen Rohling, einem kaltblütigen Mörder. Das Märchen von der mütterlichen Liebe, die sich auf jeden Fall mit der Schwangerschaft einstellt, ist eine Lüge wie so viele Märchen." (S. 486)

Lili trieb das Kind ab; sie und ihre Familie überlebten die letzten Kriegsmonate. Aber diese Tatsache tröstet hier nicht, sondern die Leserin teilt Lilis Zorn und ihr Entsetzen, das sie in ihrem vorletzten Eintrag im Tagebuch, dem 27. März 1945, formuliert:

"Entsetzen ergriff mich, als mir klar wurde, wie man ein Volk im Guten wie im Bösen lenken kann. In der Hand eines jeden Staatsoberhauptes liegt es, seine gesitteten, gehorsamen Bürger in eine Horde von Verbrechern zu verwandeln, die mordend in ein fremdes Land einfallen, wozu die Patrioten in der Heimat ihren anfeuernden Beifall spenden. (...) Eine vage Frage formte sich in mir: ‚Ist das wirklich das Ende oder wird eine andere Nation das Erbe der Nazis antreten?’" (S. 508)

Es sind auch diese Fragen, die Lili Hahn in ihren Tagebuchblättern stellt, ihre Zeitanalysen, die mich etwas wieder erkennen lassen und Unbehagen auslösen: Keine banale Wiederholung von Geschichte, sondern eine ambivalente Kontinuität von rassistischen Strukturen, ungleichen Beziehungen und die tödliche Absurdität von nationalem Einschluss und Ausschluss, die Künstlichkeit einer "Nation" und ihrer Grenzen, und deren noch immer existierenden, unglaublichen Mobilisierungskraft. Die Tagebuchblätter der Lili Hahn sind ein außergewöhnliches und empfehlenswertes Zeitdokument, dessen Neuauflage als ein wichtiges politisches Signal für ein "immer wieder gegen das Vergessen" gelesen werden kann.

Lili Hahn: Bis alles in Scherben fällt
Lili Hahn
Bis alles in Scherben fällt
Tagebuchblätter 1933-45

Argument Verlag mit Ariadne, 2007
511 Seiten, gebunden
€D 19,90 / €A 20,50 / sFr 34,90
ISBN: 978-3-88619-467-4

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