|
Login
Information
Kommunikation
|
DIE VIELEN GESICHTER DER LIESL KARLSTADT© Irene Fleiss (14.08.07)
Gunna Wendt: Liesl Karlstadt. Münchner Kindl und Travestie-Star.
Liesl Karlstadt, lange Zeit Karl Valentins Partnerin, war eine hochbegabte Menschendarstellerin und eine Grenzgängerin, die sich zeitweise zwischen sich und den verschiedenen Persönlichkeiten, die sie verkörperte, verirrte.
1892 in einer bettelarmen Münchner Familie geboren, lernte Elisabeth Wellano früh, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Sie sorgte für ihre 10 Jahre jüngere Schwester, liebte die Schule und landete schließlich (ihrer Erzählung nach: zufällig) als Volkssängerin auf der Bühne. Sie spielte in den damals beliebten Rührstücken, die in verschiedenen Gasthäusern aufgeführt wurden.
Ob ihr Zusammentreffen mit Karl Valentin bald nach dem Ersten Weltkrieg ein Glücksfall oder eher ein Störfall war, ist eine Frage des Blickwinkels. Karl Valentin war - natürlich - der Ansicht, sie "gerettet zu haben", und zwar vor den Tourneeplänen, die sie hatte. Er ängstigte sie derart, daß sie Bedenken bekam und ihre Pläne aufgab. Sie wußte noch nicht, daß Valentin dort bleiben wollte, wo er sich auskannte und sich vor der Fremde fürchtete. Bald wurden sie ein Paar, und zwar nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Leben. Valentin war zwar verheiratet und Vater zweier Töchter, was für ihn kein Problem darstellte, im Gegenteil: die Ehefrau war daheim für seine Unterstützung und Bequemlichkeit zuständig, Liesl Karlstadt auf der Bühne. (Was die Ehefrau von diesem Arrangement gehalten hat, erfahren wir nicht.) In diese Zeit fällt auch die Wahl ihres Künstlerinnennamens Karlstadt - Wellano war Karl Valentin zu exotisch und lenkte zu sehr von ihm ab.
Liesl Karlstadt beobachtete die Menschen genau, sie entwickelte die Lust, in verschiedene Frauen- und bald auch Männerfiguren zu schlüpfen, parodierte, ahmte nach. "Vielleicht fasste Liesl Karlstadt überhaupt alles, was sie tat, als Rolle auf." Ihr späteres Leben spricht für diese Annahme. Nun hatte sie eine Art Hauptrolle, und zwar die, Partnerin eines berühmten Komikers zu sein. Auf der Bühne bestimmte sie, was sie war, da konnte sie "goschert" sein. Sie muß eine überzeugende Menschendarstellerin gewesen sein, denn ein Kritiker schrieb: "Sie war real, Valentin surreal", was interessante Interpretationen zuläßt, da Liesl Karlstadt ein weites Spektrum vom Firmling bis zum alten Kapellmeister abdeckte, während Karl Valentin im Prinzip immer nur sich selbst spielte. Gunna Wendt stellt fest, daß Karlstadts "natürliches Talent, eine Art Clown darzustellen" sie in den Mittelpunkt des Geschehens rückte "und Valentin eher als Stichwortgeber in den Hintergrund treten" ließ, und vergleicht sie mit Giulietta Masina in "La Strada".
Obwohl Karl Valentin später selbst Liesl Karlstadt als seine Mitarbeiterin und Mitverfasserin bezeichnet hat, hat das bis heute keinen nachhaltigen (oder überhaupt einen) Eindruck hinterlassen. 27 Jahre lang war Liesl Karlstadt für den selbstquälerischen, hypochondrischen, von Ängsten geplagten Karl Valentin Partnerin, Co-Autorin, Stichwortgeberin, Einsagerin, mußte sie für beide die Arbeitsenergie aufbringen. Sicher litt er an seinen Ängsten und Zwängen, doch er litt nur an sich selbst, Liesl Karlstadt hingegen hatte außer mit ihren eigenen auch noch mit den Ängsten ihres Partners zu tun. Und während seine Probleme wichtig waren (und notfalls wichtig gemacht wurden), durften ihre nicht einmal erwähnt werden.
1928 wurde in Berlin Liesl Karlstadts eigener Wert als Darstellerin festgestellt: "Sie könnte jederzeit aber jederzeit allein da sein. Sie ist auch Mittelpunkt. Resoluter, unbeschwerter Mittelpunkt." hieß es, und: "Auch sie ist nämlich ein Künstler und ein Mensch für sich. Sie ist nicht nur dem Valentin die beste Ergänzung, ..., sie ist auch ein großes, selbstständiges Schauspieltalent, eine bedeutende Künstlerin, der das Schwierige gelingt, in Hosenrollen durchaus glaubhaft zu sein." 1930 begann Liesl Karlstadt einen künstlerischen Alleingang, sie spielte an Stelle von Therese Giehse (immerhin!). Die neue, eigene Karriere bedeutete für sie in erster Linie Doppelbelastung. Sie ließ die beiden Varianten nebeneinander laufen, das Publikum sollte entscheiden. Und Publikum und Kritik fanden Gefallen an Liesl Karlstadt ohne Karl Valentin. Solange das keine Auswirkungen auf ihre Arbeit mit (und für) Valentin hatte, war es ihm egal. Außerdem gab es genug Männer, die - im Feuilleton etwa - dafür sorgten, daß Karlstadts Name mit dem Valentins verbunden, geradezu verknüpft blieb. Er selbst schrieb ihr einmal: "Liebe Lisi. Dir muss eines klar sein, wenn Du auch schon hier u da allein Theater gespielt hast, oder Film. Die richtige Liesl Karlstadt bist Du nur an meiner Seite."
Ihr Anteil am schöpferischen Entstehungsprozeß der "Valentin-Stücke" wird im allgemeinen ignoriert oder sogar unterschlagen, bestenfalls mitgedacht. In ihrer beider Arbeitsprozeß war alles, was einer/einem einfiel, berechtigt: Logik, Normen, Festschreibungen waren außer Kraft; Raum, Zeit, Traum, Wachsein, Alter, Geschlecht austauschbar, variabel. Alles war und ist in dieser Form des Schaffens möglich: "Das Männliche in der Frau, das Weibliche im Mann, das Kindliche im Alter, das Alter in der Jugend." Gunna Wendt setzt sich kenntnisreich mit den Filmen Liesl Karlstadts und Karl Valentins auseinander und zieht Vergleiche zu anderen, späteren Filmen, die nach demselben Schema aufgebaut sind und um das Gegensatzpaar starr - beweglich kreisen. Liesl Karlstadt hatte eine große Lust an der Verkleidung, die für sie Erweiterung und Befreiung bedeutete. Das "Spiel mit der Geschlechtsidentität, die Travestie" hat für AkteurInnen wie für Publikum seinen Reiz, und auch hier schlägt die Autorin den Bogen zu modernen Filmen. Obwohl Karlstadt als Mann keine Schönheit war (als Frau war sie schöner), wirkte sie überzeugend; es sind mehrere Anekdoten überliefert, daß Frauen sie nicht als Frau durchschauten beziehungsweise sich sogar für sie (ihn) interessierten.
Seit Ende 1934 hatte sie offenbar Depressionen, litt sie immer mehr, war in nervenärztlicher Behandlung. 1935 unternahm sie einen Selbstmordversuch. Die Polizeiakte nennt ganz direkt den Grund: Kummer. Sie kam in die Psychiatrische Klinik. Wunder ist es keins. Seit gut 20 Jahren trug sie die Last des Lampenfiebers für beide, mußte alles Praktische regeln, ihren Partner betüteln, ihre eigenen Probleme wegstecken; während Karl Valentin sich noch in seine Zustände hineinsteigerte und pausenlose Aufmerksamkeit forderte, blieben Karlstadts Leistungen auf und hinter der Bühne unbemerkt, unsichtbar, unbedankt, uninteressant. Wohl nicht zufällig ist auch das zeitliche Zusammentreffen mit dem Anlaufen der nationalsozialistischen Propagandamaschinerie. Hätte Liesl Karlstadt nicht bereits eine Gebärmutteroperation hinter sich gehabt, wäre sie auf Grund ihrer Krankengeschichte sterilisiert worden.
"Liesl Karlstadts Gefühl der Verlassenheit war jedoch nicht irreal oder pathologisch, sondern sogar sehr real. Ein wesentlicher Teil ihrer Persönlichkeit ist nicht nur verlassen, sondern überhaupt niemals angenommen worden. Man hat ihn einfach übersehen, nicht wahrgenommen im wörtlichen Sinne: nicht ´für wahr genommen´!"
Ich glaube, ich bin nicht die einzige, der das bekannt vorkommt. Nicht zuletzt ist Anfang 40 ein Alter, in dem frau ihre verdrängten Anteile, ihre vertanen Chancen, all die Ungerechtigkeiten ihres Lebens nicht mehr negieren oder verdrängen kann; sie muß sie in ihr Bewusstsein bringen oder sie wirken unerkannt in ihrem Inneren.
Liesl Karlstadt war "die Komikerin", hatte "lebenslänglich komisch" zu sein. Ihre Traurigkeit, ihre Ernsthaftigkeit, ihre Ängste wollte niemand sehen. Die Menschen fühlten sich belästigt. Und da Liesl Karlstadt "für die anderen mitgedacht" hat, wollte sie sie nicht belästigen. Sie pendelte zwischen Stärke und Konfusion. Gunna Wendt stellt zutreffend fest, daß Flexibilität und ein "vielseitiges Aktionspotenzial" nicht nur eine positive Seite haben (nämlich Stärke), sondern auch eine Gefährdung bedeuten, dann "wenn das Einnehmen einer Rolle nicht mehr der eigenen Entscheidung untergeordnet ist, sondern die fast mechanische Reaktion auf die von außen herangetragene Forderung eines anderen Menschen" ist. "Wenn sich Bühne und Alltag vermischen,..., besteht die Gefahr, die Kontrolle darüber zu verlieren."
Als Karlstadts Gesundheit den Auftritten mit Valentin nicht mehr gewachsen war, fand er rasch Ersatz: 1939 trat er mit der jungen Schauspielerin Annemarie Fischer auf. 1940 hatten sie noch einen gemeinsamen Auftritt, dann trennten sich ihre Wege endgültig. Bald danach begann Liesl Karlstadt den wohl ungewöhnlichsten Abschnitt ihres an Abwechslungen nicht gerade armen Lebens. Sie kam zur Erholung nach Tirol und freundete sich hier mit Gebirgsjägern und Maultiertreibern an; ganz besonders fand sie in dem Muli "Panther" einen vierbeinigen Freund. Sie machte 1941 den "Mulitreiber-Führerschein", wurde Gustav genannt und zum "Hilfstragetierführer" ernannt. Schließlich wurde sie wegen ihrer großen Verdienste um die Mulipflege in den Rang eines Gefreiten erhoben. Freilich machten sich ihre "Vorgesetzten" damit strafbar, das wußte sie auch. Liesl Karlstadt hat stets betont, daß sie keine Vorliebe für Uniformen oder das Militärleben entwickelt hätte, sondern daß einzig die Natur, die Berge, die Tiere, das Hüttenleben entscheidend waren. Der Krieg ist in ihren Schilderungen nicht existent. Schließlich schlüpfte sie voller Ernst und Perfektionismus in die Männerrolle, und obwohl "ich bestimmt keine Uniformfigur habe", hatte sie angeblich große Erfolge bei den Mädchen aus dem Ort.
Obwohl sie immer wieder monatelang Ehrenwald verlassen mußte, um Auftritte zu absolvieren, lebte sie weiterhin, so oft und so lange es ging, mit den Gebirgsjägern zusammen. Tatsächlich zusammen, denn sie war in die Diensthütte gezogen, in das einzige Offizierszimmer, das mit dem Namensschild "Stabsgefreiter Gustav" gekennzeichnet war. Liesl Karlstadt versicherte, als Frau respektiert worden zu sein (das kann schon sein, "Kumpelfrauen" sind als Ausnahmefrauen immer wieder akzeptiert worden), ihre Sicherheit bezog sie allerdings aus der männlichen Kostümierung. Angeblich hatte sie sogar ein eigenes Soldbuch und eine eigene Feldpostnummer, lebte 2 Jahre unter den Gebirgsjägern. Doch wie war das möglich, ohne daß die Oberste Heeresleitung davon erfuhr? Ein ehemaliger Gebirgsjäger antwortete Gunna Wendt lapidar: "Da war nix unwahrscheinlich im Krieg". Wie ist es auch möglich, daß Liesl Karlstadt die Realität des Krieges ausblendete, sogar mit Stolz und Schadenfreude über ihre Erlebnisse berichtete, als wären es Szenen im Theater gewesen? "Neben der allgemeinen äußeren Irritation und Bedrohung, die alle Menschen in dieser Zeit betraf, war sie während ihrer schweren psychischen Erkrankung zusätzlich ihrer ureigensten inneren ausgesetzt gewesen. Im Vergleich zu diesen Grenzerfahrungen war es für sie ein reizvolles Spiel, auf der Ehrenwalder Alm in Soldatenkleidern herumzulaufen." War es, überlege ich, ihr Versuch, im Spannungsfeld von inneren Kämpfen und äußerem Wahnsinn ihren Verstand zu bewahren? Oder hat sie diese Grenze sogar ein wenig überschritten in dieser Zeit? Wer wollte es ihr übelnehmen... Vielleicht lag darin sogar ihre Rettung. Die Gebirgsjäger hielten ihr jedenfalls die Treue und luden sie 1957 zum Großtreffen ein.
Danach spielte Liesl Karlstadt im Münchner Volkstheater, bis es 1944 zerstört wurde. 1945 ging es nahtlos mit den Auftritten weiter. 1947/48 trat sie auch wieder mit Karl Valentin auf; dieser starb 1948. Karlstadt spielte im Theater und beim Film, nahm auch sehr kleine Rollen an, nur um nicht vergessen zu werden. Ihre Popularität nach dem Krieg verdankte sie aber dem Rundfunk. Bereits Ende der 40er Jahre sprach sie in den "Brummlgschichten", ab 1952 hatte sie großen Erfolg als "Frau Brandl" in der Serie "Familie Brandl". Die Radiofamilie wurde mit alltäglichen Fragen konfrontiert: Wie geht man mit den Schulschwierigkeiten des Sohnes um? Ist es sinnvoll, einen Bausparvertrag abzuschließen? "Mutter Brandl" war als einfache Frau mit Herz und Mundwerk Identifikationsfigur für viele Münchnerinnen und Münchner.
Diesmal ging die Vermischung von Rolle und Person vom Publikum aus, wurde von Liesl Karlstadt aber gern unterstützt und weitergetrieben.
Freilich war es keine Rolle, die für sie maßgeschneidert gewesen wäre. "Zuerst hab ich direkt Hemmungen gehabt, eine Bluse und einen Rock anzuziehen." Diese Mutterrolle, die sie in ihren letzten Jahren für Bayern übernahm (Liesl Karlstadt starb 1960, mitten in den Arbeiten für eine Folge der Serie "Familie Brandl"), hatte sie bereits als junges Mädchen für ihre jüngere Schwester Amalie übernommen. Mit dieser teilte sie auch stets die Wohnung, sie verreisten zusammen, sorgten füreinander. Zeitweise, meint Gunna Wendt, scheint Amalie Wellano ihre Schwester vereinnahmt zu haben, sie war offenbar darauf bedacht, für sie der wichtigste Mensch zu sein. Doch sie gab der Schwester auch etwas, möchte ich ergänzen, und fühlte sich für sie und ihr Wohlergehen verantwortlich. Vielleicht war sie der Rückhalt, den Karlstadt brauchte, um sich von Valentin nicht völlig verschlingen zu lassen, um nicht endgültig mit dem "Gefreiten Gustav" zu verschmelzen. Möglich wäre es. Ob Liesl Karlstadt diese enge Bindung als Geborgenheit oder als Bedrängung empfunden hat - wer kann es sagen? Auch können diese Gefühle sich, je nach Lebenssituation, abgewechselt und verändert haben.
Das Leben der Elisabeth Wellano alias Liesl Karlstadt war nicht frei von Brüchen. Fluchtlinien scheinen auf, die sie zu ihrer Befreiung entwickelte und nutzte. Auch aus tiefen existentiellen Nöten fand sie Auswege, ihr Leben wieder lebenswert zu gestalten. Die Summe von Fakten und Zusammenhängen lässt auf den ersten Blick "die Realität einer Lebensgeschichte" entstehen, doch gleichzeitig verstellt sie oft den Blick mehr als sie die Sicht klärt, meint Gunna Wendt. Dazu passt das große Herz an Liesl Karlstadts Grab, das ein "Herz mit doppeltem Boden" ist. Dies ist ein gutes Sinnbild (nicht nur) für Liesl Karlstadts Leben. Ein schmaler Band mit gerade einmal 120 Seiten Text, aber eine Fundgrube an Informationen und Anregungen zum Nachdenken. Ein Buch, das ich in einem durchgelesen habe und das von mir aus gern hätte umfangreicher sein können. Gunna Wendt hat akribisch Fakten zusammengetragen und erzählt sie uns flüssig und leicht, aber nie oberflächlich. Vielleicht ein Buch wie das dreidimensionale Herz an Liesl Karlstadts Grab, das weit mehr als nur die Oberfläche bietet.
 Gunna Wendt Liesl Karlstadt Münchner Kindl und Travestie-Star
edition ebersbach, 2007 128 Seiten, gebunden €D 14,00 / €A 14,40 / sFr 25,30 ISBN: 978-3-938740-38-5
Buch bestellen
WEITERFÜHRENDES: Valentin-Karlstadt-Musäum, München: www.valentin-musaeum.de
Foto: © Valentin-Karlstadt-Musäum
Kommentare unserer Leserinnen...* Du kannst ...:  Es gibt noch keine Leserinnenmeinung zu diesem Artikel. * Für den Inhalt der Kommentare sind die Verfasserinnen verantwortlich.
|