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MAGAZIN

»EIN WEIBLICHES GENIE AUßER KONKURRENZ«

© Irene Fleiss (24.08.07)


Geschichte

Rahel Levin Varnhagen (1771-1833) in einer Biographie von Sulamith Sparre

Rahel Varnhagen war als Frau und als Jüdin in vielerlei Weise diskriminiert und hat unter beidem stark gelitten. Freundinnenschaften abseits der Norm machen sie für uns ebenso interessant wie ihre radikal formulierte Erkenntnis der Männerwelt.



Sulamith Sparre: Rahel Levin Varnhagen (1771 - 1833)

ahel Varnhagen - unter diesem Namen kennen wir sie heute zumeist. Doch die Wahrheit ist komplizierter: Rahel Levin, Rahel Robert, Friederike Antonie Varnhagen von Ense - als Frau und als Jüdin war Rahel Varnhagen vielnamig, weil eigentlich namenlos. Als Jüdin versucht sie, sich an die christliche Leitkultur anzupassen, nur um zu erkennen, daß sie nie dazu gehören wird. Als Frau braucht sie einen verständnisvollen, engagierten Mann, der sich für sie und ihre Arbeit einsetzt. Viele jüdische Frauen ihrer Zeit wechselten den Vornamen, wechselten zum Christentum und schnitten damit eine (auch weibliche) Traditionslinie ab, der sie selbst noch angehörten.

Als Jüdin leidet Rahel Varnhagen unter beiden Begrenzungen: der als Frau und der als jüdischer Mensch. Zum einen weiß sie sehr genau, daß sie in einer von Männern definierten Welt lebt, ihr Schreiben und Denken sind ein Protest gegen diese Welt - die von der Aufklärung nur anders "eingerichtet", nicht verändert wurde. Zum anderen sind im Preußen des 18. Jahrhunderts die Juden äußerst restriktiven und entwürdigenden Vorschriften unterworfen. Sie benennt das schon 1794, mit 23 Jahren: "´daß ich ein Mädchen bin, und in meiner Situation, ein Judenmädchen´". Sie erkennt dies als Verbannung und stellt das "Ins-Haus-Verbanntsein" und "mouvements", Erstarrung und Bewegung, einander gegenüber.

"Ich steh´ im Schlamm: und zum allerärgsten Unglück, bin ich bei Verstand; und halte den Kopf raus, kann keinen Schritt vorwärts, keinen Schritt rückwärts thun; zieht mich nicht eine Macht nach oben hin, so streb´ ich darin und werde darin begraben, denn seitwärts kann ich ebenso wenig." Diese Beschreibung lässt mich Rahel Varnhagen nahe fühlen.

Rahel ist von Jugend an eine Außenseiterin, und das weiß sie auch. Sulamith Sparre drückt es direkt aus: "Eine Frau, die weiß, was sie kann und was sie wert ist und die nicht verbirgt, daß sie die Machtspielchen der Männer durchschaut hat und sich weigert, sich darin mitspielen zu lassen, muß auch heute noch mit gnadenloser Einsamkeit rechnen." Rahel setzt den vordiktierten weiblichen Geschlechtsstereotypen ein "Dennoch" entgegen. Sie geht noch weiter und kritisiert 1803 - als Frankreich die zweitgrößte Skalvenhalternation ist und "Geistesgrößen" wie John Locke und Isaac Newton im Sklavenhandel mitmischen - "´Negerhandel, Krieg, Ehe´" in einem Atemzug.

Rahel leidet unter einer dreifachen Belastung: Frau - Jüdin - hässlich (zumindest nach den Kriterien ihrer Zeit, ich kann das nicht finden). Sie leidet unter ihrer "falschen Geburt", empfindet ihr Jüdischsein als Schmach. Unter den demütigenden Lebensumständen der Juden damals ist dies kein Wunder. Sie leidet darunter, immer als Ausnahme angesehen zu werden, wohin sie auch geht; und darunter, sich immer erst legitimeren zu müssen. Sie erkennt glasklar die Kränkungen und Demütigungen, denen sie ausgesetzt ist, doch das ändert nichts daran, daß sie ihnen ausgesetzt ist. Das Frausein und das Jüdischsein waren als "persönliches Problem" unlösbar, die Gesellschaft hatte diese Probleme verursacht, die Gesellschaft mußte sie lösen. Doch davon war die Gesellschaft, waren die Menschen weit entfernt, und so fiel das Dilemma auf das Individuum, die einzelne Frau und Jüdin, zurück: als Selbsthaß. Heute noch gelten die Probleme, die Menschen durch strukturelle Diskriminierung haben, als ihr "persönliches Problem". Rahel Varnhagen will sich anpassen, assimilieren, doch wie soll sie sich an Antisemitismus anpassen? Und als Frau hat sie überhaupt keine Möglichkeit, sich anzupassen; nicht einmal die heute existierende Möglichkeit, Teil der männlichen Welt zu werden, bleibt ihr. Gegen Ende ihres Lebens findet sie zu einer Art Frieden mit sich selbst, erkennt ihr "Jüdischsein" nun weniger als Wunde denn als "Motor ihres Denkens". Erkenntnis? Resignation?

Es gibt missglückte Beziehungen zu Männern - schließlich auch eine geglückte zu ihrem Ehemann, Karl August Varnhagen -, es gibt einige gute Kontakte, in denen sie mehr Lehrerin oder Mentorin als Freundin ist oder sein muß (zu Rebecca Friedländer, Alexander von der Marwitz, Minna von Zielinski), und es gibt eine Freundinnenschaft, in der beide Frauen sich als zwei Teile einer Person empfinden: die mit Pauline Wiesel. Diese ist als Geliebte eines preußischen Prinzen und als Kokotte bekannt geworden, und so werden die Freundinnen stets polarisierend beschrieben: schön - hässlich, romantische Muse - Libertine und Lasterhafte. Aus diesem Grund wird im 19. Jahrhundert die Bedeutung Paulines für Rahel geschmälert, Briefe werden unterdrückt. Doch sie verkörpern jeweils einen ungelebten Wesenszug der anderen. Ihre Korrespondenz lese sich, meint Sulamith Sparre, wie ein fortlaufender Text, wie ein intensiver Dialog, die Briefe gingen ineinander über.

"Die Briefe der beiden Frauen zeigen uns, mit wie viel List, Intelligenz und einer nicht geringen Dosis Widerständigkeit beide Frauen ihr Leben meisterten."

Rahel gilt als "hässlich", weil sie denkt. Und da Pauline - als Kokotte - "schön" ist (sein muß), kann sie nicht geistreich sein. Obwohl Rahel und Pauline einander nur selten sehen - zwischen 1807 und 1832 nur sechsmal - und Rahels Ehemann die Freundinnenschaft nicht schätzt, gibt es keine Entfremdung zwischen ihnen. Sie vertrauen einander rückhaltlos. Teilweise verschlüsselt entwerfen die beiden Frauen ein Leben von Glück, Ungebundenheit und Freiheit. "´Grünes´, dieser Leitbegriff eines starken Naturgefühls, bedeutete für die Freundinnen aufgrund ihrer realen gesellschaftlichen Ohnmacht, um die sie nur zu gut wissen, zugleich das ´Anti´ schlechthin, das ´Nein´, die Gegen-Welt zur Gesellschaft der ´eingerichteten´ Welt und ihren ständigen Verbiegungen des Individuums." Beide Frauen stehen "neben" der Gesellschaft und wissen das schmerzhaft genau. Beide sind nicht-konform, beide zahlen ihren Preis dafür. Sie gestehen sich auch ihre Ohnmacht ein, so eng ist ihre Beziehung.

Rahel will dem Judentum durch Heirat entkommen, doch "´keiner hat sie genommen´". Ihre Möglichkeiten, in der Welt etwas zu gelten - und das will sie! -, sind begrenzt. 1806 wird ihr Salon geschlossen. Auch ihre wirtschaftliche Lage ist prekär: Nach dem Tod ihrer Mutter ist sie auf die Unterstützung ihrer Brüder angewiesen. Ihre Position als unverheiratete, ältere Frau (mit 37!) ist schlecht, sie ist eine Belastung für die Familie, wird isoliert. Ein junger Mann, 14 Jahre jünger als Rahel, macht ihr den Hof. Nach ihrer ersten großen, unglücklichen "amour fou" sucht sie nun bei einem Mann Ruhe, Sicherheit, Achtung, eine bürgerliche Stellung. Vielleicht hat sie auch begriffen, daß Geachtetwerden für den Alltag weitaus tauglicher ist als "Liebe", meint die Autorin.

Karl Varnhagen ist arm und ohne Stand, als sie ihn kennenlernt, aber sie sieht das Potential in ihm (vielleicht ist sie auch schon so verzweifelt, daß ihr jeder recht ist, überlege ich mir). Nach jahrelangen Unsicherheiten und Schwierigkeiten - Karl hat längere Zeit in einer anderen Stadt eine zweite Beziehung - heiraten die beiden. Er wird ihr erster Chronist. Er sieht den Sinn seines Lebens darin, Rahels "Apostel" zu sein. Etwas, das Menschen bis heute als "grotesk" empfinden - auch Hannah Arendt nennt diese Haltung eine "absurde Lächerlichkeit". Doch entweder ist "Muse" sein in jedem Fall lächerlich, für Mann und Frau, oder nicht. Trotz der Heirat und dem vorherigen Übertritt zum Christentum - bei dem sie die Vornamen Friederike Antonie annimmt (Ein Zufall, daß es sich bei beiden um die weibliche Form eines männlichen Namens handelt?) - bleibt Rahel für die Menschen "die kleine Levy", "die Judenmamsell"; selbst für Menschen wie Wilhelm von Humboldt, ein Befürworter der Judenemanzipation und ehemaliger guter Freund. Rahel richtet einen neuen Salon ein, politischer als ihr erster. Ihr Salon stellt einen "utopischen Freiraum" dar, doch ist sehr viel Mut dafür nötig, viel mehr als in früheren Zeiten.

"´Der erste Mangel an Freiheit besteht darin, daß wir nicht sagen dürfen, was wir wünschen, und was uns fehlt. (...) Daran schließt sich wieder der Gedanke, daß nur der unser Freund sein kann, dem wir uns ganz zeigen dürfen.´"

Rahels Fixstern ist stets Goethe, doch sie drängt ihm ihre Bekanntschaft nicht auf. Besonders sein "Tasso" ist ihr ein Identifikationsmodell. Trotz ihrer Verehrung bewahrt sie ihren eigenen, kritischen Verstand, so hat sie Vorbehalte wegen seines Frauenbildes. Rahel publiziert anonym; wie andere Dichterinnen ihrer (und späterer) Zeit hat sie mit Vorurteilen gegenüber schreibenden Frauen zu kämpfen. Ihr Briefwechsel erweitert sich, außer ihrem Mann kommen neue Freunde/Freundinnen dazu. Ihr Leben wird von politischen und kriegerischen Ereignissen beeinflusst - die Napoleonischen Kriege, die französische Besetzung; schließlich werden 1815 die Emanzipationsgesetze teilweise wieder rückgängig gemacht, die Judenfeindlichkeit nimmt in allen Kreisen zu. Gegen Ende ihres Lebens wird Rahel Varnhagen Saint-Simonistin, glaubt trotz allem an ein Vorwärtsschreiten, eine schrittweise gesellschaftliche Verbesserung. Bedauerlicherweise hat sie Unrecht behalten, wenn wir die Entwicklung der hundert Jahre nach ihrem Tod betrachten.

Rahel Levin Varnhagen weiß um ihren Verstand und verleiht dem auch Ausdruck. "Weibliche Bescheidenheit" ist ihr fremd - oder wird überspielt. "Ich bin so einzig, wie die größte Erscheinung dieser Erde." Und sie weiß, daß sie - als Frau und als jüdischer Mensch - ihren Gaben keinen Ausdruck verleihen kann. "Mir aber war das Leben angewiesen; und ich blieb im Keim, bis zu meinem Jahrhundert und bin von außen ganz verschüttet, drum sag´ ich´s selbst."

Rahel Varnhagens Leben zeigt die doppelte Diskriminierung, die im Wort "Jüdin" liegt, und beide griffen zu ihrer Zeit noch wesentlich tiefer, als wir es uns, hier und heute, vorstellen können. Sie hat beide Diskriminierungen zutiefst empfunden und an ihnen extrem gelitten. In diesem Scheitern an der Wirklichkeit ist sie modern, denn wir alle kennen es, erleben es immer wieder. Daher ist sie für uns nicht nur eine von vielen wiederzuentdeckenden Literatinnen (auch das ist sie!), sondern eine Frau, die uns viel zu sagen hat. Sie spricht aus dem ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert zu uns, mit den Worten ihrer Zeit, doch ihre Erfahrungen und Erkenntnisse könnten - radikal und kompromisslos formuliert - aus dem beginnenden 21. Jahrhundert stammen. Sulamith Sparre macht all dies klar und augenfällig und hat mit dem vorliegenden Buch eine informative Biographie und ein Zeitbild Preußens vor 200 Jahren geschrieben, das einfach Lust auf mehr von Rahel Varnhagen macht. Und auch Lust auf die weiteren Bände aus der Reihe "Widerständige Frauen" des Verlags Edition AV (über Fanny Mendelssohn-Hensel und Mary Wollstonecraft).

Sulamith Sparre: Rahel Levin Varnhagen (1771 - 1833)
Sulamith Sparre
Rahel Levin Varnhagen (1771 - 1833)

Salonière, Aufklärerin, Selbstdenkerin, romantische Individualistin, Jüdin

Verlag Edition AV, 2007
156 Seiten, broschiert
€D 16,00 / €A 16,50 / sFr 29,00
ISBN: 978-3-936049-76-3

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WEITERFÜHRENDES

Texte Rahel Varnhagens
Gedanken, Beobachtungen und Erinnerungen - Auszug aus Rahel Varnhagens Tagebüchern (Goetheanica)
Gedanken - zusammengestellt von Eileen Simonow (Frauenkulturarchiv der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf)

Biographien
Hannah Arendt: Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik, Piper, München 1997
Carola Stern: Der Text meines Herzens. Das Leben der Rahel Varnhagen, Reinbek: Rowohlt, 2002

Link
Varnhagen Gesellschaft e. V.



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