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MAGISCHE RITUALE IN DER KUNST KABYLISCHER FRAUEN© Uschi Madeisky (20.09.07)
Makilam: ZeichenSprache
Frauen bilden das Zentrum der kabylischen Gesellschaft. Makilam, selbst Kabylin, erforschte die Rituale ihres Volkes, die auf eine ästhetisch erfahrbare Magie gegründet sind und sich in Töpferarbeiten, Fresken, Webstücken und Tätowierungen ausdrücken.
er Titel des Buches lautet lapidar und nüchtern: "ZeichenSprache". Umso gewaltiger dann, nach den ersten Seiten wird es offenbar, tun sich Welten auf, reichhaltig, anregend, neuartig und gleichzeitig uralt und universell, so dass ich beim Lesen in einen Bann ganz besonderer Art geriet. Mir war, als würde ich zum ersten Mal verstehen, was es heißt, gläubig zu sein, was es bedeutet, ein Leben zu führen, das vom Glauben durchdrungen ist. Und dieses Leben führt eine recht kleine Anzahl von Menschen, das Volk der Kabylen im Norden Afrikas.
Die Kabylen trachten nicht nach Privatbesitz von Grund und Boden. Das Land gehört allen Mitgliedern einer Familie und ist ein heiliges Gut, das ihnen die Vorfahren übergeben haben. Die Erde wird von schützenden Wächtern bewohnt, sie ist beseelt. Andächtig wird das Ackerland bewirtschaftet. Es wird darauf geachtet, die E r n t e nicht zu erzwingen oder zu beschleunigen, weil die natürliche Entwicklung nicht gestört werden darf. Ich muß es noch einmal in anderen Worten beschreiben, denn mein Staunen darüber will nicht enden. Die Pflanzen werden nicht getrimmt, nicht aufgeputscht, und die Erde wird nicht ausgelaugt und nicht ausgebeutet. Genauso achten sie auch bei allen anderen Lebewesen darauf, was sie brauchen: die Tiere, die Kinder, die Mitmenschen. Das Mütterliche, das Behütende und Nährende bestimmt den Weg.
Die Autorin Makilam stammt von dort, als junge Erwachsene machte sie sich auf in die andere Welt, dahin, wo wissenschaftlich gearbeitet wird, alles beurteilt, zerlegt und gedeutet. In der Großstadt Paris muss sie durch eine harte Schule gegangen sein. Aber für ihre Veröffentlichungen, für uns, die LeserInnen, ist es ein großes Glück, weil es sie motiviert hat, dasjenige richtig zu stellen, was allerorts an falschen und missverstandenen Beschreibungen über ihre Leute kursiert. Als sie dann wieder zu ihnen zurück ging, diesmal, um selbst zu forschen, hat sie dort auch wieder Prüfungen anderer Art bestehen müssen, weil Kabylinnen nicht Jeder das Geheime Wissen der Frauen enthüllen.
"Es ist der Mond! Es ist der Mond!" wird in der Kabylei dem Neugeborenen zugerufen. Denn die Frau, die entbunden hat, ist damit die Verkörperung der Erdmutter des menschlichen Lebens, und das Kind, das sie zur Welt gebracht hat, wird mit dem Mond verglichen. Oder dann diese heilige Handlung (die von uns hier als Ritus bezeichnet werden würde): Die stillende Mutter läßt ein wenig von ihrer Milch auf einen Dachziegel laufen. Diesen Ziegelstein setzt sie dann auf das Dach, damit er hier eine ganze Nacht lang das Licht der Sterne auffängt. Beim Lesen stelle ich mir vor, wie die Frau, während sie dies tut, an die Einmaligkeit und Wichtigkeit ihrer Milch erinnert wird, wie sie dabei in Gedanken bei ihrem Kind ist, dessen Gesundheit damit geschützt werden soll, und wie sie sich dabei gewahr wird, dass da oben der Mond inmitten der glänzenden Sterne steht und die Himmelskörper ihre eigenen Gesetze und ihre eigene Zeit haben.
 Die Frau ist auch die Hüterin des Wassers, sie bringt diese wichtige Aufgabe ihren Töchtern bei. Wasser darf nicht vergeudet werden, nicht etwa nur aus Sparsamkeitsgründen, sondern aus Respekt vor seiner heiligen Natur. Sie gehen auch mit Namen und Worten vorsichtig und bewusst um. Worte werden nicht nur so dahin gesagt, sondern werden wahr, zu echten Geschehnissen. Mit den Zeichen ist es ebenso, viele davon befinden sich auf den einmaligen Töpferarbeiten der Frauen, oder den Wandmalereien in den Häusern. Diese gehen über das einfach Magische hinaus, sie drücken die großen, universellen Zusammenhänge aus, die Mysterien des Lebens, das Eingebettetsein in den Kosmos. Einige geben Kunde vom mütterlichen Bauch als Schöpfungsquelle. Dargestellt als Dreiecke, erinnern sie an die Frau als Lebensquelle, als menschliches Sammelbecken, von der das Wasser der Erde und das Feuer des Himmels ausgehen. Ein Zeichen für das Männliche ist ein Dreieck, dessen Spitze nach oben zeigt.
Ich finde, dieses Buch sollte in jedem Haushalt stehen, so wie das früher mit der Bibel üblich war. Dieses Buch hier deckt alles ab, was wir auch immer in der Bibel gesucht haben. Es hilft uns bei Fragen, die wir an das Leben haben. Vom Umgang mit den grundlegenden Dingen des Lebens wird in "Zeichensprache" anschaulich und erbaulich, und im besten Sinne religiös erzählt. Und das Großartige ist, dabei handelt es sich n i c h t um Fiktion, um keine Erfindung, es sind kein Mythen, die sich nach und nach verselbstständigt haben. Das, wovon berichtet wird, existiert! Bei den Kabylen wird (oder wurde noch in der Großmüttergeneration) so gelebt. Das Zusammengetragene ist sorgfältig recherchiert und wissenschaftlich belegt.
Auch stelle ich mir vor, dass ich in "Zeichensprache" immer wieder nachschlagen werde, etwa auch zusammen mit einer jungen Frau, die Kinder haben möchte oder bald niederkommen wird. Mit ihr würde ich die Kapitel durchgehen: "Die schwangere Frau: Töpferin des Kindes" oder "Die Vierzig Tage nach der Geburt". Dort erfährt sie etwas vom heiligen Akt, Leben zu schenken. Und sollten mich Fragen zu Krankheit und zum Heilwerden beschäftigen, dann finde ich in Kapiteln wie: "Die Großmutter: Die Weberin menschlicher Bande", dass die Frau als Heilerin ihre Fähigkeiten erst dann erhält, wenn sie sich selbst geheilt hat. Dazu muss sie eine Art Todeserfahrung machen und überwinden. Sie kann mit bösartigen und mit heilbringenden Kräften in Verbindung treten. Sie hat Kontakt zu den Geistern der Vorfahren. Alles, was sie zur Heilung unternimmt, läuft auf das Heilen der Gemeinschaft hinaus, nicht nur der Gemeinschaft der Menschen, sondern dieses betrifft immer auch die große Gemeinschaft von Natur und Kosmos. Alles, was die Frauen weben, malen, töpfern, dient dieser Balance.
Also, wenn unsereins wissen will, was Respekt und Dankbarkeit bedeuten, menschlich-gütiges Miteinander, ewiges Leben, liebevolle Verbundenheit mit allem, Mütter als heilige Wesen, Glaube, der die Welt bewegt, was das göttliche Prinzip ist - Anregungen und Antworten finden sich in "Zeichensprache".
 Makilam ZeichenSprache Magische Rituale in der Kunst kabylischer Frauen
Kleio Humanities, 2007 195 Seiten, broschiert €D 19,80 / €A 20,40 / sFr 34,60 ISBN: 978-3-9811211-4-8
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Diese Rezension ist zuerst erschienen auf Gesche.online
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