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MAGAZIN

NEOLIBERALE VERHäLTNISSE IM FOKUS QUEER-FEMINISTISCHER KRITIK

© Christine Klapeer (24.09.07)


Ökonomie

Neue Impulse im Feld der Queer Studies & Politics

Eine praxisorientierte Weiterentwicklung des wissenschaftlichen und politischen Queer-Diskurses liefert der Sammelband “Queer-Feministische Kritiken neoliberaler Verhältnisse”, herausgegeben von Melanie Groß und Gabriele Winker.



Melanie Groß - Gabriele Winker: Queer- / Feministische Kritiken neoliberaler Verhältnisse

ie im links-kritischen Unrast Verlag erschienene Publikation “Queer-Feministische Kritiken neoliberaler Verhältnisse” stellt auf mehreren Ebenen eine textuelle Intervention und gleichzeitig kritische Weiterentwicklung aktueller queer-feministischer Diskurse im deutschsprachigen Kontext dar: Zum einen setzt der Sammelband dezidiert bei der Problematik der mangelnden politischen Anschlussfähigkeit vieler queerer Theorieansätze an und möchte somit auf jene Entwicklungen im Feld der Queer Studies reagieren, in denen das “Eingreifen in politischen Praxen in den Hintergrund” (S. 8) geraten ist. Die Frage der politischen Praxis und damit auch die Bedeutung einer Interdependenz von queer-feministischer Theorie und politischer Handlungsfähigkeit soll daher im Zentrum der jeweiligen wissenschaftlichen Beiträge stehen - es sollen “Ansatzpunkte für eine politische Gestaltungsmacht gewonnen werden” (S. 9), wie es die Herausgeberinnen Melanie Groß und Gabriele Winkler in der Einleitung formulieren.

Dem Sammelband liegt jedoch auch die Intention zu Grunde, der queeren Debatte eine stärkere ökonomische Stoßrichtung zu geben und queere Theorien zur Vergeschlechtlichung und Heteronormativität auf ihre Anschlussfähigkeit für sozio-ökonomischen Fragen zu überprüfen. Gerade dieser Versuch ist angesichts der feministischen Oppositionstellung zwischen kulturtheoretisch arbeitenden Feministinnen und jenen, die sich stärker eine sozio-ökonomischen Herangehensweise verpflichtet sehen, besonders produktiv - zeigt sich in diesem Kontext doch auch für den Bereich der Hervorbringung heteronormativer Verhältnisse die Verzahnung kultureller Praxen und ökonomischer Agenden.

Fokus Reproduktionsarbeit

Inhaltlich deckt der Sammelband eine Bandbreite an Themen und aktuellen Konfliktfeldern ab, die im Rahmen neoliberaler Entwicklungen einer erneuten und geschärften feministischen Analyse bedürfen. Im ersten Teil der Publikation versammeln sich unter der Rubrik “Fokus Reproduktionsarbeit” drei Beiträge, welche sich vor allem mit den veränderten Bedingungen und Anforderungen von Reproduktionsarbeit unter neoliberalen Verhältnissen widmen. Besonders interessant ist hier der Beitrag von Gabriele Winker, welche den Zusammenhang von ökonomischer Produktion und sozialer Reproduktion unter dem Blickwinkel der Konstruktion und Veränderung einer normativen Zweigeschlechtlichkeit untersucht. Mit Hilfe der Marxistischen Arbeitswerttheorie zeigt sie, dass die patriarchale Arbeitsteilung und damit die unentgeltliche Hausarbeit von Frauen es ermöglicht, Geschlecht für die Steigerung des Mehrwertes einzusetzen. Denn der Wert der Ware Arbeitskraft hängt “direkt von der Menge der Güter und Dienstleitungen ab, die Lohnarbeitende für die Reproduktion und die von ihnen finanziell abhängigen Familienmitglieder benötigen” (S. 20) Unentgeltliche Hausarbeit vermindert daher indirekt den Wert der Ware Arbeitskraft, da Lohnarbeitende durch die unentgeltliche Hausarbeit weniger Dienstleistungen erwerben müssen. Durch die steigende Frauenerwerbsquote sei jedoch der Lohn nicht gestiegen - obwohl theoretisch nun ein Mehraufwand zur Reproduktion nötig sei, da Frauen ökonomisch gebunden seien - sondern wiederum gefallen, da kein “Familienlohn” mehr gezahlt werden müsse. Mit einer Analyse der Veränderungen der Bedingungen und Strukturen ökonomischer Produktion und sozialer Reproduktion in Deutschland zeigt Winker dann auch ganz deutlich, dass feministische Forderungen unter anderem auch explizit bei diesen Verwertungsbedingungen des Kapitals einhaken müssen, da diese direkt im Zusammenhang mit der Organisation von Reproduktionsarbeiten und damit der Produktion von Geschlecht stehen.

Der Beitrag “Globalisierte Hausarbeiterinnen in Deutschland” von Kathrin Englert schließt nun im weitesten Sinne an jenen von Gabriele Winker an, wenn sie sichtbar macht, dass die mangelnde Umverteilung von Haus- und Reproduktionsarbeit in heterosexuellen Paarbeziehungen vielfach durch den Rückgriff auf migrantische Hausarbeiterinnen “gelöst” würde. Reproduktionsarbeit verbleibe dabei aber wiederum im Privaten und würde zwischen Frauen - jedoch auf Basis eines kolonialistischen Ausbeutungsverhältnisses - organisiert. Englert macht in diesem Kontext die Prekarität migrantischer Hausarbeiterinnen sichtbar, die sich aus einem Konglomerat rassistischer Einwanderungspolitik, ungenügendem arbeitsrechtlichen Schutz - weil meist illegalisiert, Lohndumping und Gewaltstrukturen zusammensetzt. Gleichzeitig zeigt Englert, wie die Nationalökonomie von diesen neuen Reproduktionsarbeiterinnen profitiert und spricht daher auch von einer “nach innen gerichtete Kolonialpolitik”. Feministische Politik müsse daher auch die zunehmende Freiheit und “Emanzipation” von Mehrheitsdeutschen Frauen durch ihre Kommodifizierung erneut in den Blick nehmen und fragen, auf welche Kosten diese “Emanzipation” vielfach gelungen wäre.

Mit dem Thema der Reproduktionsarbeit und veränderter wohlfahrtsstaatlicher Verhältnisse beschäftigt sich auch der Beitrag von Kathrin Ganz mit dem Titel “Neoliberale Refamiliarisierung & queer-feministische Lebensformpolitik”. Mit Rekurs auf die Foucault'sche Gouvernementalitätstheorie zeigt sie, dass sich auch die “Homo-Ehe” als neue Form der “Bedarfgemeinschaft” durchaus funktional für eine neoliberale Umstrukturierung von Gesellschaft darstelle, da damit wiederum soziale Risiken und Reproduktion im privaten Raum verbleiben. Auch die Problematik, die Ganz in der queerpolitisch inspirierten Homo-Ehe Debatte auslotet, ist spannend, nämlich dass auch vielfältigen Beziehungen und sozialen Bezugsgemeinschaften jenseits des kritisierten monogamen Zweierkonzepts nicht frei von Herrschaft oder Abhängigkeitsverhältnissen sind beziehungsweise auch dort wiederum Reproduktion in einem privaten Raum verbleibt.

Fokus Politische Aktionsformen

Unter dem Titel “Fokus Politische Aktionsformen” beschäftigten sich die vier Beiträge des zweiten Teils der Publikation mit der Frage, wie unterschiedliche AkteurInnen unter den veränderten neoliberalen Rahmenbedingungen handeln beziehungsweise intervenieren (können) und zeigen unterschiedliche Strategien aus dem antirassistischen und queer-feministischen politischen Feld. Dorothee Greve zeigt in ihrem Beitrag “Migrantinnen in der Hausarbeit und feministischer Widerstand” unter anderem anhand drei unterschiedlicher migrantischer Initiativen aus Deutschland und Spanien, wie antirassistische-feministische Interventionen in diesem Feld organisiert sind und welche Forderungen hier artikuliert werden, um die prekären Bedingungen migrantischer Hausarbeit wirksam politisieren zu können. Gleichzeitig wird in der Analyse von Greve jedoch auch deutlich, dass diese Form der Ausbeutung nicht zu lösen ist, ohne dass Reproduktionsarbeit jenseits der Dichotomien privat/öffentlich und männlich/weiblich organisiert wird. Gerade die Verteilung von Reproduktionsarbeit zwischen Frauen entlang der Kategorie race, sei nämlich für viele Frauen eine Konfliktvermeidungsstrategie, da die bürgerliche Idealvorstellung von der “guten Hausfrau” und damit das heterosexuelle Geschlechterarrangements nicht verhandelt werden müsse.

Mit ihrer Analyse der Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen, greift Stefanie Bentrup ebenfalls ein interessantes Themenfeld auf. Sie zeigt, wie darin queere/feministische Positionen/Kritiken abwesend sind und welche Blindstellen (z.B. Nichtthematisierung der “Arbeit” Reproduktion) sich daher auch innerhalb der meist in linken Kontexten geführten Debatten ergeben. Auch die Auseinandersetzung von Christiane Wehr mit Ausschlussmechanismen innerhalb einer queeren Szene - insbesondere in Hinblick auf die Aufrechterhaltung hegemonialer Weißheit - eröffnet eine wichtiges und zentrales Feld der Kritik. Der Beitrag von Melanie Groß analysiert abschließend wie unterschiedliche feministische Szenen im Wissen um die Konstruktion von Geschlecht sich politisch positionieren und welche unterschiedliche feministische Strategien der Intervention sie angesichts veränderter Rahmenbedingungen entwickeln.

Melanie Groß - Gabriele Winker: Queer- / Feministische Kritiken neoliberaler Verhältnisse
Melanie Groß / Gabriele Winker (Hginnen.)
Queer-Feministische Kritiken neoliberaler Verhältnisse


Unrast Verlag, 2007
192 Seiten, broschiert
€ 14,00 / sFr 25,70
ISBN: 978-389771-302-4

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