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MAGAZIN

ORAKELN FüR FORTGESCHRITTENE

© Irene Fleiss (08.10.07)


Spiritualität

Luisa Francia: Dunkle Spiegel. Orakel als Weg in andere Wirklichkeitsebenen

Orakel führen ins Verborgene, bringen fremde Sichtweisen und neue Fragen - und bergen Gefahren. Davon erzählt Luisa Francia in ihrem neuen Buch.



Luisa Francia: Dunkle Spiegel

ir leben in einer unsicheren Welt, jeder Schritt kann der entscheidende falsche sein. Auch positiv denkend gibt es Erfahrungen, auf die frau verzichten könnte. Orakel sind in Grenzsituationen und Phasen der Unklarheit seit jeher zur Rate gezogen worden.

Welche Frau, die sich mit ihrem Innenleben, ihrer Entwicklung und mit universellen Fragen beschäftigt, hat nicht eine Zeitlang das Tarot befragt? Und ist oft genug verzweifelt, weil die Auslegung vage, doppeldeutig, alles Mögliche, nur keine Antwort auf ihre Frage war? Manche finden dann einen Weg, für sich Nutzen aus Tarotlegungen zu ziehen. Manche verfallen dem Glauben, Tarot und andere Orakelsysteme würden ihnen die Zukunft weisen oder könnten alles in Ordnung bringen. Wieder andere, wie ich, hören damit auf, weil sie erkennen, daß es auf komplexe Fragen keine einfachen Antworten gibt und daß mit dem Glauben an ein lineares Ursache-Wirkung-Prinzip (Frage - Antwort, Umsetzung - Hilfe) nichts gewonnen ist - und weil sie dennoch solche Hoffnungen daran knüpfen. Und wieder andere, wie Luisa Francia, erkennen ebenfalls, daß so einfach gar nichts funktioniert und gehen darüber hinaus.

Was hat unsere Welt mit Rittern, Schwertern, Kelchen, Königen, Pagen oder auch Prinzessinnen und Schamaninnen zu tun? Sie spiegeln sich in unserer Gesellschaft nicht wider. Oder, anders herum, unsere Gesellschaft spiegelt sich nicht in den Tarotbildern. Wenn wir eine langmächtige Deutung brauchen, wofür das Bild des Turms, des Mondes, der Liebenden steht, was Kelche, Schwerter, Stäbe, Münzen bedeuten sollen, dann stimmt etwas nicht (mehr). “Die Sehnsucht nach dem Spirituellen, dem Nicht-Definierten, dem Fließen, dem Absinken in die universelle Einheit mit allem, ist bei fast allen Menschen groß.” Das führt zum Boom der sogenannten New Age-Bewegung, sie sichert den Religionen ihre Gläubigen, auch und gerade unter Frauen (denn im Gegensatz zu Luisa Francia glaube ich nicht so sehr, daß Menschen auf Dauer merken, wenn sie betrogen werden, ich glaube, daß viele Menschen an diesem Betrug festhalten und ihn nicht aufgeben wollen, weil darauf ihre Sicherheit gründet).

Bei ihren Sitzungen hat Luisa Francia festgestellt, daß die meisten Menschen Tarotkarten nur verdeckt ziehen wollen. Die Hoffnung, auserwählt zu sein, wie Luisa Francia meint? Oder vielleicht die Bereitschaft, das eigene Schicksal zugeteilt zu bekommen, die mangelnde Bereitschaft, für das eigene Leben zu planen und Verantwortung zu übernehmen? Die Variante, sich zu entscheiden und gezielt die passende Karte zu nehmen, wird als Arroganz, vielleicht sogar als Hybris empfunden. Sie zufällig zu ziehen, bedeutet eine Auszeichnung (vielleicht auch einen Schicksalsschlag), ist aber nicht unsere Verantwortung.

“Das eigene Leben einer höheren Macht zu übergeben und sich aus der Verantwortung zu ziehen, ist eben auch die Essenz westlich-zivilisierter Erziehung. "Vater Staat", der Kirche, den Autoritäten haben wir zu gehorchen.”

Mit ihrem “Hexentarot” hat Luisa Francia vor Jahren einen ersten Versuch unternommen, sich aus dem Gewirr von Definitionen zu befreien und eine eigene Definition, “eine weiblich orientierte Deutung für patriarchale Bilder” zu finden. In der seither vergangenen Zeit hat sie sich weiter bewegt, sieht die Dinge wieder anders. Luisa Francia experimentierte mit dem Tarot, fertigt weiße Karten, auf denen nur Zahl und Thema stand, und Pflanzenkarten an. Indem sie mit Orakeln experimentierte, kam sie ihren Fragen auf die Spur. Nicht mehr die Antworten interessierten sie, sondern die Rätsel, Überlegungen, Unsicherheiten. “Ist jede Frage eine notwendige Frage? Eine Frage also, die die Not wendet?” Und: “Gibt es nur eine Antwort? Eine einzige mögliche Deutung?”

Am Beispiel der “Drei der Stäbe” legt Luisa Francia die vielen verschiedenen möglichen Deutungen dar (genauer: ihre vielen verschiedenen möglichen Deutungen).

“Nicht ein positives oder negatives Bild soll durch eine Karte gefunden werden, sondern ein Aspekt des Themas, der das Ganze beleuchten kann. Jede Karte im Tarot zeigt ein Fragment des Ganzen. ... Entscheidend ist allein, wie die Karte gedeutet und mit dem Thema der Frage verwoben wird. Das ist die Essenz von Orakeln.”

Luisa Francia erteilt einfachen Deutungen, womöglich von sogenannten Tarotkundigen und Kartenlegerinnen, eine klare Absage. Es geht nicht um das Urteil eines Orakels, einer Tarotkarte oder einer astrologischen Konstellation, sondern um das Energiepotential, das in der Symbolik enthalten ist. Eine Frau, die Meisterin ihres Lebens sein will, stellt Luisa Francia fest, behält die Fäden in der Hand und spielt mit den Kräften, die auf sie einwirken. Eine Deutung zeigt einfach, meint sie, “woher der Wind weht”. Und manchmal ist die Entscheidung eine durchaus positive “Trotzreaktion”: “Ich lasse mir doch nicht von Karten vorschreiben, wie's weitergeht!”

Köstlich Luisa Francias Vergleich der Wirklichkeit mit einer Torte und der Bogen, den sie davon zur “Kunst, in viele Wirklichkeitsebenen zu sinken und viele Impulse aufzunehmen” schlägt. Der Sinn eines Orakels, sagt sie, ist es, das offensichtliche und Bekannte vorerst aufzugeben und das Unwahrscheinliche, Unvertraute, sogar Unheimliche anzunehmen und näher zu beleuchten. Luisa Francia spricht von einer Art “geistiger Vorprogrammierung”, einem “roten Faden” durch das Trance- oder Hirnuniversum, von schamanischen Kulturen SchamanInnenmutter und Hilfsgeister, von magischen Kulturen Helferwesen, Göttinnen, Götter genannt. Die Traumzeit hat nichts mit träumen und “nicht wahrnehmen” zu tun, sondern im Gegenteil mit “erhöhter Aufmerksamkeit bei gleichzeitiger körperlicher Entspannung”.

Da ein Orakel immer auch Gestaltung, nicht nur Beantwortung einer Frage ist, kommt es darauf an, zu wem eine Frau geht, um ein Orakel zu erfahren. Sie gibt zum einen ihre Verantwortung für ihr Leben ab, zum anderen übernimmt sie den Ballast dieser anderen Person. Sich in einer anderen Person zu spiegeln, vergleicht Luisa Francia mit einem “dunklen Spiegel”. Eine andere Person hat ihre eigenen Geschichte, ihre eigenen Werte und Vorstellung, und zu oft stülpt sie diese der Fragestellerin über. Die Fragende ist keine Christin mehr, die Kartenlegerin ist aber religiös und jubelt ihr ihre Meinung über HeidInnen geschickt verpackt unter. Das kann, wenn eine Frau sich davon beeindrucken lässt, wie ein Fluch wirken. Als gute Möglichkeit, unangenehme Orakelsprüche abzuwehren, schlägt Luisa Francia vor, “das Weite zu suchen”.

Keine muß Orakelsprüche glauben/annehmen, genauso, wie keine den Papst, den Dalai Lama oder das Palmblattorakel ernstnehmen muß. Doch eine, die Antworten sucht, ist meistens in einer Situation, in der sie jede Antwort annimmt. Aus der Suche wird leicht eine Sucht, und je deprimierender die Deutung ist, desto rascher greifen wir wieder zu den Karten oder gehen wieder zur Astrologin, Handleserin, Reinkarnationstherapeutin. Eine Frau, die vor drängenden Fragen und Problemen steht, sollte sich zunächst einige Punkt selbst überlegen, zum Beispiel:

  • Was kann ich unter Berücksichtigung aller Faktoren selbst beantworten?
  • Welche weiteren Möglichkeiten der Informationsbeschaffung gibt es?
  • Wer kann mir helfen, die Tatsachen zu analysieren?
  • Welche Orakelform ist mir sympathisch, vertraut, angenehm?
  • Kann ich selbst meine Helferwesen und Schutzgeister anrufen?
  • Wem vertraue ich, wenn es um ein Ritual oder Orakel geht?

Drängende Fragen sollten übrigens bedächtig angegangen werden!
Erfrischend sind Luisa Francias Ansichten zu den “Schattenseiten” beziehungsweise der “dunklen Seite” im Menschen: Was für ein Aufheben um ein paar Aggressionen, Neid und Konkurrenzdenken! Und mit welcher Akribie Frauen an sich selbst dunkle, böse Seiten suchen und finden! Doch die Polarität, die “Gut-Böse-Schaukel” ist ein Produkt der monotheistischen Religionen. Sicherlich sind Licht und Helligkeit gut und notwendig - doch zu viel Licht, zu viel sengende Sonne sind zerstörerisch. “Licht ist endlich, Dunkelheit ist unendlich.”

Der Sinn von Orakeln sei es, mit dem Verborgenen in Kontakt zu treten, die eigene Natur näher kennen zu lernen, in einem “langsamen, liebevollen Prozess” Informationen zu erhalten. Keine Informationen wie “Das sollst du tun” oder “Dies wird geschehen”, sondern solche, die unsere Wahrnehmung verändern. Das Verborgene verbindet uns, und es kann uns auch behindern, weil wir seine Zerstörungskraft nicht kennen. Es kann uns helfen zu wachsen, uns zu unglaublichen Leistungen anregen und uns lähmen. Einmal mit dem Verborgenen in Kontakt gewesen zu sein heißt nicht, daß es ab sofort zuverlässig und auf Wunsch jederzeit wieder gelingt. Respekt, Geduld und Nachhaltigkeit sind wichtig. Luisa Francia spricht aus Erfahrung von Starrsinnigkeit, Energievampiren, dem Wandeln von Sprüchen, dem Analysieren von Problemen, aktivem Nichtstun.

“Nicht zu handeln ist ja immer noch das Schwerste. Nicht zu handeln aus Erkenntnis, nicht aus Feigheit, Faulheit, Gleichgültigkeit.”

Neue Sichtweisen scheinbar nebensächlicher Dinge werden geboten - der christliche Teufel unseres Kasperltheaters etwa, der dem vorchristlichen Kasperl nichts anhaben kann (“Wie es in Wien heißt: “Den Kasperl kann keiner derschlagen”) - regen zum eigenständigen Neudenken altgewohnter Ansichten an. Alte Göttinnen und Götter werden oft missverstanden, meint Luisa Francia und erzählt von der Yoruba-Göttin Eshu: der Eshu Opfer zu bringen, missversteht ihre wilde, unberechenbare Energie völlig. Sie lässt sich nicht gnädig stimmen oder “missstimmen”, sie handelt nach Gutdünken. Ob sie eine beschenkt oder ihr das Liebste nimmt - besser sei es, humorvoll und zurückhaltend zu bleiben, denn Wut und Schmerz, die chaotische Energie regen Eshu zu neuen Höhenflügen an. “Wer Eshus Kraft aushält, kann im größten Schmerz lächeln, in der tiefsten Erniedrigung herzlich lachen, denn nichts bleibt.” - Bewundernswert, wer das kann, möchte ich hinzufügen.

Luisa Francia bietet eine kurze Deutung der Großen und Kleinen Arkana - teilweise mit ganz neuen Namen. Sie betont dabei, daß die Bedeutung einer Karte die “Beschreibung einer Kraft” sei, sonst nichts. Sie deutet die Elemente und Zahlen innovativ, undogmatisch und gegen die Konventionen. Den eigenen Verstand zu benutzen, sinnvollen Widerspruch einzulegen, wach zu bleiben und Verantwortung zu übernehmen - all das ist auf dem “spirituellen Weg” wichtig. “Nirgendwo ist eine Machtstruktur leichter aufzubauen als im esoterischen, im religiösen Bereich.” Jene, die nicht sofort allem zustimmen und alles glauben, werden mit “ist noch nicht soweit” und “nicht tief genug” abgeurteilt. Luisa Francia erzählt auch von anderen Orakeln, allgemein anerkannten und persönlichen: I Ging, Wolkenschauen, das Fa-Orakel der Yoruba, die Visionssuche der IndianerInnen, das tibetische Mo-Orakel, das Buch- und das Kaffeesatzorakel, eigene Bilder, das afrikanische Kauriorakel, das Gesprächsorakel, das Orakel in der Natur, Orakelfeuer und das afrikanische Tierorakel.

Auch dieses Buch von Luisa Francia kann ich generell empfehlen, weil sie einfach gescheit schreibt und bei allen Reisen in andere Wirklichkeitsebenen die Bodenhaftung nicht verliert. Auf Grund seiner Thematik ist es aber am besten für Frauen, die sich mit Tarot, Astrologie und ähnlichen Methoden beschäftigen (wollen) oder die erwägen, eine Astrologin, Hellseherin, Kartenlegerin,... aufzusuchen, geeignet. Frauen, die mit anderen Daseinsebenen überhaupt nichts “am Hut” haben, greifen besser zu einem anderen Buch von Luisa Francia, zum Beispiel “Wortwechsel” oder “In den Gärten der Kore”.

Luisa Francia : Dunkle Spiegel
Luisa Francia
Dunkle Spiegel

Orakel als Weg in andere Wirklichkeitsebenen

Verlag Frauenoffensive, 2007
140 Seiten, broschiert
€D 13,90 / €A 14,30 / sFr 22,00
ISBN: 978-3-88104379-3

Buch bestellen (bei Berta - Bücher und Produkte, Graz)


Weitere Bücher von Luisa Francia - eine Auswahl:

Drachenzeit. 1987
Zaubergarn. 1989
Die schmutzige Frau. 1992
SteinReich. 1993
Starke Medizin. Handbuch zur Selbstheilung. 1995
Eine Göttin für jeden Tag. 1996
Der wilde Blick. 2000
Der Rest deines Lebens beginnt jetzt. 2001
Die Sprache der Traumzeit. Kunst und Magie. 2002
In den Gärten der Kore. 2003
Das Gras wachsen hören. 2004
Auf Katzenpfoten zur Nirvanarolle 2004
Hexenbesen Zauberkraut 2005
Einschlafen träumen ausschlafen 2005
Wortwechsel 2006
Beschützt, bewahrt, geborgen 2007



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