|
Login
Information
Kommunikation
|
WER HAT ANGST VOR FRAUENQUOTEN?© Irene Fleiss (21.11.07)
Nicole Gysin: Angst vor Frauenquoten? Die Geschichte der Quoteninitiative 1993 - 2000
Nicole Gysin erzählt die Geschichte einer weiblichen Niederlage. Das sollte uns aber nicht davon abhalten, zu diesem Buch zu greifen, denn aus Niederlagen kann frau viel lernen.
m Jahr 2000 stellte die Schweizerische Bundesrätin Ruth Metzler fest: “Wir Frauen haben diesen Zwang nicht nötig” und stimmte gegen die Quoteninitiative. Welche Politikerin (Universitätsprofessorin, Managerin) will schon eine “Quotenfrau” sein? Jede weiß doch, daß sie auf Grund ihrer Fähigkeiten ihr Amt errungen hat! - Drei Jahre später wurde Ruth Metzler abgewählt, einer weiteren Bundesratskandidatin wurde ein Mann vorgezogen, zwei erklärte Gegner von Frauenanliegen und Gleichstellungspolitik zogen in den Bundesrat ein.
“Die Gewissheit, dass Frauen selbstverständlich in der Politik vertreten seien, machte der Einsicht Platz, dass andere Kriterien als der Vertretungsanspruch der Frauen die Bundesratswahl dominierten.” (Natalie Imboden)
Tausende Frauen und auch Männer protestierten gegen die “Patriarchen im Bundesrat”, die Forderung nach Frauenquoten tauchte wieder auf. So, wie die androzentrische Welt nun einmal ist, sind sie erforderlich. Es geht nämlich um nichts anderes als um Macht, denn “jede Frau mehr in der Politik bedeutet einen Mann weniger” (Natalie Imboden). Freiwillig werden sich die Männer daher nicht für Frauenquoten stark machen.
Die Historikerin Nicole Gysin zeichnet die Geschichte der Volksinitiative und des Trägervereins “Frauen in den Bundesrat” von 1993 bis 2000 nach, fragt nach den Ursprüngen der Quotenidee, den Akteurinnen und Akteuren der Quotendebatte, ihren Inhalten und Strategien sowie der Rezeption in den Medien. Die Argumente gegen die Quoteninitiative erinnern in vielem an die Vorbehalte gegen das Frauenstimmrecht, Jahrzehnte davor.
1993 gingen tausende Frauen in Bern spontan auf die Straße, um dagegen zu protestieren, daß und wie die Wahl Christiane Brunners in den Bundesrat verhindert worden war. Diese Nichtwahl war der Kulminationspunkt einer Entwicklung, die Frauen konstant von Einfluß in der Schweizer Politik ferngehalten hatte. Die Frauen waren ihrer Ohnmacht überdrüssig. Sie trugen das Symbol der Sonne als Zeichen des Aufbruchs, es war von “Frauenfrühling”, “Frauenpower” und vom “Brunner-Effekt” die Rede. Wie mutig und zugleich naiv von den Schweizer Frauen! Erst 1971 hatten sie nach jahrzehntelangem Kampf endlich das Stimm- und Wahlrecht erreicht. Allgemein - auch in Kreisen der Frauenbewegung - war die Ansicht verbreitet, damit sei die Gleichstellung der Frauen gewährleistet. Doch die Zahlen sprachen eine andere Sprache. Schon 1968 warnte Andrée Valentin, daß die Frauen erst dann wirklich gleichberechtigt seien, “wenn sich das gesellschaftliche Bewusstsein grundlegend geändert habe und Frauen wie Männer gleichberechtigten Zugang zu und Anteil an politischen Ämtern hätten”. Und 1959 formulierte Iris von Roten bereits einen Aufruf zur gesetzlichen Quotenregelung.
Spannende Berichte über die Eidgenössische Kommission für Frauenfragen, parlamentarische Vorstöße, erste Volksinitiativen, die Geburtsstunde der Quoteninitiative führen exemplarisch das Vorgehen und die Beweggründe nicht nur der agierenden Frauen, sondern auch der Männer, die sich gegen eine weibliche Beteiligung am politischen Entscheidungsprozeß stemmten, vor Augen: zwei Gruppierungen “befürchteten den politischen Umsturz in Richtung einer sozialistischen Gesellschaft, wenn mehr Frauen in die Politik einstiegen”. Abgesehen davon, daß ich keinen Grund gegen eine wahrhaft sozialistische / soziale Gesellschaft kenne, frage ich mich, ob die Herren von der “Auto-Partei” (Ja, wirklich!) und den “Schweizer Demokraten” noch nie etwas von konservativen Frauen gehört haben. Weiter erzählt die Autorin vom langen Weg der Quoteninitiative mit ihren Aufs und Abs, bis hin zu ihrer überwältigenden Ablehnung, auch durch Frauen. Solidarität unter Frauen? Wie häufig eine Illusion. Junge Frauen - bürgerliche Frauen - linke Frauen - grüne Frauen - viele Gruppierungen, die ihren eigenen (berechtigten) Interessen folgten, ohne die berechtigten Interessen anderer mitzudenken, geschweige denn mitzutragen.
Wäre dies ein Roman, so gäbe es ein Happy-End. Da es sich um die Realität handelt, kommt es zu keiner überraschenden Wendung. Es schließen sich nicht wider Erwarten die Frauen der unterschiedlichen Richtungen zusammen, es gibt kein entscheidendes Umdenken einiger einflussreicher Männer, keine Göttin, Fee oder mächtige Magierin greift ein. Es ist und bleibt die Geschichte einer realen Niederlage. Sie zeigt, daß es den aktiven, engagierten Frauen nicht gelungen war, ihr “Anliegen und den tieferen Sinn der Quoteninitiative einer breiteren Öffentlichkeit zum Abstimmungsantrag hin zu vermitteln. Darin war die eigentliche Niederlage zu sehen - und weniger im klaren Abstimmungsergebnis.”
Die Geschichte dieser Niederlage hat uns viel zu sagen, vielleicht mehr, als die Geschichte eines Sieges uns zeigen könnte. Darum finde ich es wichtig, daß viele Frauen dieses Buch lesen: politisch interessierte, (zeit)geschichtlich interessierte, Feministinnen, Wissenschaftlerinnen - und Frauen, die meinen, wir hätten “eh schon alles erreicht”. Witzige Details lockern auf: Etwa das Photo von den Merchandisingartikeln “Pari-thé, Quo-tee, Egali-thé” und die Karikatur über die “Bewegung zur Rettung des Schweizer Mannes”. Obwohl durchaus angenehm zu lesen, ist dieses Buch sicherlich keines, das eine große Anzahl Frauen abends im Bett oder am Strand im Liegestuhl verschlingt, sondern eher ein Nischenprodukt, ein “special interest”. Aber eines, das eine möglichst große Nische mit möglichst vielen Interessentinnen (und Interessenten) verdient hat.
 Nicole Gysin Angst vor Frauenquoten? Die Geschichte der Quoteninitiative 1993-2000
eFeF-Verlag, 2007 220 Seiten, broschiert € 19,00 / sFr 29,00 ISBN: 978-3-905561-74-6
Buch bestellen (bei Berta - Bücher und Produkte, Graz)
Kommentare unserer Leserinnen...* Du kannst ...:  Es gibt noch keine Leserinnenmeinung zu diesem Artikel. * Für den Inhalt der Kommentare sind die Verfasserinnen verantwortlich.
|