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MAGAZIN

IN BEWEGUNG BLEIBEN

© Leni Kastl (10.11.07)


Politik & Gesellschaft

100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben

Aktivistinnen zwischen Jahrgang 1931 und 1981 beschreiben in diesem einzigartigen Band politische Kämpfe, Widerstand und Rückschläge, Spaß und Lust, Kontroversen und Streit. - Vielleicht DAS Lesbenbuch des Jahres 2007.



In Bewegung bleiben: 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben

ndlich gibt es ein Buch über die Geschichte der Lesbenbewegung in Deutschland! Von den Anfängen um 1900 bis zur aufgefächerten Themenvielfalt der Gegenwart fügt sich aus den Beiträgen von rund hundert Autorinnen ein Bild dessen, was die Lesbenbewegung ausmacht/e. Ein Buch mit hohem Gebrauchswert für die Dabeigewesenen und die, die wissen wollen, was wirklich geschah. Auf 456 eng bedruckten Seiten wird der Streifzug durch das Jahrhundert unternommen, anschaulich gemacht mit reichlich Bildmaterial an Fotos, Ankündigungsplakaten, Buchcovern und vielem mehr. Das knapp sechs Seiten lange Inhaltsverzeichnis weist schon auf die Vielfältigkeit der Strömungen und Ereignisse hin:

Auf die erste Organisierung um 1900 folgte die Unsichtbarkeit in der frühen Bundesrepublik, umso größer ist die Aufbruchstimmung in den 70er Jahren der als "euphorisch und widerspenstig" charakterisierten Lesbenbewegung. Es entwickelte sich bis in die 90er-Jahre eine aufgefächerte Infrastruktur an Lokalen, Projekten und Kulturproduktionen. In den 80ern kommt es zur Ausdifferenzierung des großen "Wir", schwarze Lesben, Krüppellesben, Prololesben, Migrantinnen organisieren sich, Antisemitismus wird thematisiert. Aber auch der politische Gegner wird zum Teil gezielt von Anti-Imp-Lesben oder mit der Kritik an Gen- und Reproduktionstechnologien angegriffen. Schließlich werden verschiedene Bündnisse mit der autonomen Szene, mit Schwulen, mit Transmännern (Lesben, die als Männer leben) erprobt und fallweise für gut befunden. Auch die Geschichte der Lesbenbewegung in der DDR wird ausführlich beschrieben und in den Zeitstrang eingeflochten. Auf lesbisch/feministischen Großereignissen (hier hätte mir eine Innensicht des Lesberings Informationslücken geschlossen) werden Selbstbild, innere Widersprüche und politische Ziele diskutiert und umstritten. Inwieweit Queer Politics die Themen wirklich auf eine andere Ebene hebt, wird beschrieben und zum Teil bezweifelt.

Die meisten Jahrzehnte und Themenkapitel werden von den drei Herausgeberinnen mit einem zusammenfassenden Überblick eingeleitet, eingeladene Autorinnen erörtern darauf folgend spezielle Projekte oder detaillierte Fragestellungen. Die Beiträge lesen sich sehr authentisch, durchdacht und sachlich, wirken auf mich, die hier nur einiges punktuell miterlebt und sonst eher lesend teilgenommen hat, durchaus repräsentativ. Gleichzeitig ist auch klar, dass über eine so vielfältige Bewegung nicht alles in ein Buch passt: Was fehlt, können wohl am Besten die beurteilen, die sich zu wenig vertreten sehen, wobei es immer auch möglich ist, dass sich welche aus unterschiedlichen Gründen nicht beteiligen wollen. Ich persönlich hätte über manches gerne mehr erfahren, auch fällt auf, dass die Mehrzahl der Autorinnen und Themen in Berlin verankert sind. Das alles kann als Einladung verstanden werden, selber weiter zu forschen, achtzehn Seiten Literaturliste weisen hier einen Weg.

Obwohl die Entwicklung in Österreich auch eigene Verläufe hatte und hier nicht nur mit Verspätung die gleichen Themen auftauchten, war und ist die Frauen/Lesben/Schwulenbewegung in Österreich schon allein dadurch mitgeprägt, was an Büchern und Zeitschriften aus Deutschland hierher kommt. Das macht "In Bewegung bleiben" nochmals auch für Lesben in Österreich interessant, Vergleiche zu ziehen. Da oft erst gewürdigt wird, wer/was schon tot und vorbei ist, schöpfe ich Verdacht, ob die Tatsache, dass die Lesbenbewegung nun beschreibbar ist, darauf hinweist, dass sie im Eigentlichen vorbei ist. Doch der Titel "In Bewegung bleiben" ist ja ein Aufruf und Zu Zeigen, was alles schon da war und was es alles gibt, sehe ich doch als Aufforderung, aktiv anzuknüpfen.

DIE HERAUSGEBERINNEN:

Gabriele Dennert
geboren 1971 in Erlangen, lebt in Nürnberg, Medizinerin, Promotion zu Lesbengesundheit, Master of Public Health. Seit 1987 in linken, feministischen und lesbischen Zusammenhängen unterwegs. Betreut die Website www.lesbengesundheit.de

Christiane Leidinger
geboren 1969, freiberufliche Politologin, promovierte in Gießen zu Medien und Globalisierung, Lehrbeauftragte an Berliner Universitäten, lehrt und forscht zu den Bereichen Neue Soziale Bewegungen, Lesbenbewegung BRD und DDR, Frauen- und Lesbengeschichte im 19./20. Jahrhundert, lesbisch-feministische/queere Theorien u.a. Mitarbeiterin bei www.lesbengeschichte.de

Franziska Rauchut
geboren 1978, lebt in Berlin, promovierende Publizistik- und Kommunikationswissenschaftlerin. Arbeitsschwerpunkte: Queer Studies, Postmoderne Feministische Theorie, Soziale Bewegungen. Aktiv in frauen-, lesben- und queerpolitischen Bezügen, z.B. im Netzwerk lesbisch-feministisch-queerer Forscherinnen: www.lesbisch-feministisch-queer.de

Gabriele Dennert - Christiane Leidinger - Franziska Rauchut: In Bewegung bleiben
Gabriele Dennert, Christiane Leidinger, Franziska Rauchut (Hginnen.)
In Bewegung bleiben
100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben

Querverlag, 2007
456 Seiten, broschiert
€D 24,90 / €A 25,60 / sFr 40,00
ISBN: 978-3-89656-148-0

Buch bestellen (bei Berta - Bücher und Produkte, Graz)


Zu dieser Publikation wurde eine Internetseite eingerichtet, die als Portal für die Lesbenbewegungsgeschichte Deutschlands dienen könnte: www.lesbenbewegung.de



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