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MAGAZIN

KRäUTERPRODUKTION IM SüDBURGENLAND

© monika kleinschuster (17.12.07)


Natur & Ökologie

Entscheidung für ein Leben mit und in der Natur

Wie aus einem "echten Wiener Stadtmädl" eine Kräuterbäuerin wurde, das erzählt Monika Kleinschuster, die sich vor 16 Jahren ihren Kindheitstraum erfüllte und mit ihrer Familie auf einen alten Bauernhof zog.



Abendsonne, Foto: © Monika Kleinschuster

ls ich mit 12 Jahren mein erstes Herbarium (freiwillig) angelegt habe - in der Wachau, bei unseren jährlichen Urlauben am Bauernhof, habe ich noch lange nicht daran gedacht irgendwann einmal in die Kräuterproduktion und Vermarktung einzusteigen. Das Interesse an und meine Leidenschaft und Liebe zu Pflanzen und eigentlich Allem was dazu gehört, war mir in die Wiege gelegt worden. Mit 30 Jahren habe ich mir meinen Kindheitstraum erfüllt und bin mit meiner Familie ins Südburgenland auf einen alten Bauernhof gezogen (Ehemann und 9-jährigen Sohn) - das ist jetzt fast 16 Jahre her. Wie viele von uns wissen, sind Traum und Wirklichkeit oft sehr verschieden. Habe ich in den Jahren in Wien, in einer Zimmer, Küche, Kabinett Wohnung ohne eigenem Garten, mein Hauptinteresse den "wilden" Pflanzen gewidmet - so hatte ich jetzt bei ca. 6000m² Grund um meinen Hof die Gelegenheit die Kulturpflanzen kennen zu lernen - gleich zu Anfang haben wir circa 30 Obstbäume gepflanzt, Hecken angelegt und Beete gestaltet. Viele verschiedene, teils ausgefallene Kräuter, Blumen und Obstsorten wachsen bei mir.

Der 1. Schritt zur Produktion und professionellen Vermarktung aber wurde mir durch den Aufbau einer Vermarktungsgemeinschaft für Kräuterprodukte ermöglicht. Dies war ein zeitlich begrenztes, von der EU gefördertes Projekt, da das Burgenland bis vor einigen Jahren Ziel 1 Gebiet war. (Wir hatten einen Standard in etwa wie Sizilien!?) - es gab viele geförderte Projekte, aber nur wenige bestehen noch. Für uns sechs Kräuterfrauen war das die notwendige Starthilfe und es gibt uns noch! Das Schwierigste war keinesfalls die körperliche Arbeit im Garten, oder das Verarbeiten und Verpacken der Produkte oder das Ausprobieren neuer Rezepturen - nein - es war die Bürokratie, die Bestimmungen, die rechtlichen Auflagen, das war echt mühsam. Anfangs gab es sogar Listen, welche Pflanzen zu wie viel Prozent in einer Teemischung enthalten sein dürfen (1% Ringelblume), oder welche Teekräuter nicht verkauft werden dürfen (zum Beispiel Brennessel, Zitronenmelisse - gut, dann waren diese eben Gewürze und kein Tee), Was muß alles auf einem Etikette draufstehen usw... - die liebe EU - hat nichts anderes, unter anderem, zu tun als den sogenannten Kleinbäuerinnen das Leben schwer zu machen - denn niemand darf Sorten von Gemüsen im eigenen Garten anbauen, die von der EU verboten wurden - jedes Jahr wird diese Liste erweitert. Und es sind Sorten, die alt und erprobt sind, die standortgerecht sind und - und darum geht es - die selbst weitervermehrt werden können. Das geht natürlich nicht, daß frau unabhängig bleibt oder wird? Aber, Göttin sei Dank gibt es immer wieder Menschen die nachdenken und (noch vorhandene) Lücken in den Gesetzen finden (zum Beispiel der Verein Arche Noah)

Widerstand im Gemüsebeet ist angesagt!

Im Laufe der letzten Jahre habe ich mir ein gut funktionierendes Netzwerk aufgebaut - es besteht aus gleichgesinnten Kräuterfrauen, Betreiberinnen von Bäuerinnenläden und Vermarktungsmöglichkeiten. Gemeinsam mit anderen Frauen organisiere ich den Südburgenländischen Pflanzentauschmarkt, Kräutertreffs, Vorträge und Workshops. Wir haben Lehrgänge zu Kräuterpädagoginnen und Seminarbäuerinnen absolviert, um nicht nur unsere qualitativ hochwertigen Produkte weiterzugeben sondern auch unser umfangreiches Wissen - und Tage der offenen Gartentür ermöglichen Einblicke in unsere Tätigkeiten. Meine Produkte vermarkte ich vorallem regional - in Bäuerinnenläden, Vinotheken, Pensionen, Geschäften - die Transportwege sind kurz und es ist leichter zu beliefern, als wenn die Entfernungen zu groß sind. Seit Herbst gibt es meine Produkte auch in Wien zu kaufen.
Monika und Sophie Kleinschuster, Foto: © Monika Kleinschuster
In der Zwischenzeit wurde ich noch einmal Mutter, diesmal von einem Mädchen. Den Namen Sophie hat sie ganz bewußt von mir bekommen. Mittlerweile ist sie 12 Jahre alt, kennt sich schon ursuper aus (sie hat schon mit drei Jahren durch den Garten geführt), hilft mir im Garten und jedes Jahr braucht sie ein Beet mehr für ihre eigenen Kräuter. Und - sie ettiketiert auch ihre Produkte - der Name Monika auf dem Etikett wird durchgestrichen und durch Sophie ersetzt - ganz einfach. Am Adventmarkt muß ich permanent die anderen Stände besuchen, denn sie verkauft - alleine. Ich bin glücklich darüber, mein Wissen über Pflanzen und Heilkräuter, das ich mir in den letzten, mehr als 30 Jahren erworben habe, an meine Tochter weitergeben zu können. Denn es macht selbständig und frei und unabhängig. Vor allem unabhängig von den großen Konzernen, der Pharmaindustrie, die drauf und dran ist, viele, der seit jahrtausenden genutzten, Heilkräuter verbieten zu lassen (zum Beispiel Ringelblume, Beinwell usw.) - wenn aber einmal erst die Pflanzen verboten sind, dann verschwinden sie auch langsam aus dem Leben der Menschen und damit auch das Wissen über ihre Kräfte. (Von meiner Lehrerin Susanne Fischer-Rizzi habe ich bei der Heilpflanzenausbildung sogar lernen und üben müssen wie mit Feuereisen, Feuerstein und Rinde Feuer gemacht werden kann - damit ich jederzeit eine Heilsalbe auf offenem Feuer herstellen kann, wenn zum Beispiel die Energieversorgung versagt.)

Das klingt jetzt ein bischen zu abgehoben - vielleicht - aber zu meinem Hof und dem des Nachbarn (war einmal ein gemeinsamer, großer Meiereihof ungarischer Adeliger) gehörten einmal zwei Brunnnen - in den 60er Jahren, als die Wasserverbände aufkamen, wurden diese zugeschüttet - alles was neu und Fortschritt brachte war gut und wurde sofort übernommen - jetzt, wo bei uns im Burgenland gutes Trinkwasser immer rarer wird und vorallem auch teurer, wäre so ein eigener Brunnen schon toll, vorallem gäbe er ein Stück Unabhängigkeit.

Die Entscheidung Biobäuerin zu sein ist schon lange gefallen, die - mich auch offiziell kontrollieren zu lassen, habe ich erst vor zwei Jahren getroffen - die Zeit vergeht und im Jänner ist es so weit. Diese Entscheidung war für mich die einzige, konsequente Möglichkeit meiner Verantwortung gegenüber der Natur und dem Leben gerecht zu werden. Wieviel Dünge- und Spritzmittel nach wie vor, bei konventioneller Landwirtschaft verbraucht werden, ist schier unvorstellbar. Ich habe zum Beispiel bis vor ein paar Jahren nicht gewußt, daß Heilkräuter, wenn sie nicht aus kontrolliert biologischem Anbau stammen, randvoll mit Fungiziden und Pestiziden sind - für mich sind solche Produkte ganz einfach bloß Sondermüll! Heilkräuter, wie Pfefferminze, Kamille und Fenchel werden großflächig (und damit meine ich wirklich große Flächen) in Gegenden angebaut, wo das Klima oft nicht passend ist, dafür aber die Arbeitskräfte sehr billig sind (Asien, Südamerika) - um größtmöglichen Ertrag zu erhalten werden Düngemittel, Fungizide und Pestizide angewendet, und wegen der großen Flächen gleich mittels Flugzeugen versprüht. Die Gesundheit der dort lebenden Menschen ist in diesem Fall nicht weiters relevant. Aber es kommt noch besser: vielerorts werden Spritzmittel eingesetzt, die bei uns nicht mehr erlaubt sind, die aber zuvor an diese Länder verkauft wurden. Das Resultat ist folgendes:

Wir kaufen in Form eines für Babys so gesunden Fencheltee das ganze Gift wieder zurück. Das ist freie Marktwirtschaft!
Advent, Foto: © Monika Kleinschuster

Mein Leben ist für mich ein großes Puzzle, und immer wieder kommt ein Stein dazu, erst wenn mehrere Teile ein erkennbares Bild ergeben, weiß ich wofür gewisse Entscheidungen gut waren oder auch nicht. Der Weg von der Stadt aufs Land ist nicht leicht - es gibt wenig Jobs und noch weniger anspruchsvolle, angemessen bezahlte Jobs. 67% der BurgenländerInnen pendeln aus - nach Wien, Graz bis nach Kärnten, die Gehälter sind um einiges niedriger als in anderen Bundesländern, die Lebenskosten aber keineswegs. Als ich von Wien weggezogen bin hatte ich ein anderes Bild vom Landleben. Alles ist gesund, ökologisch und im Einklang mit der Natur - so hat es zumindest in meinen Träumen ausgesehen. Ich sage nicht, daß es unmöglich ist, aber es ist sehr schwer - die Vermarktung meiner Produkte läuft gut, reicht aber nicht zum leben. Zusätzlich ist frau auf ein Auto angewiesen (wir haben sogar zwei), denn die öffentlichen Verkehrsmittel sind so gut wie nicht vorhanden und 20 km Entfernung sind fast schon nähere Nachbarschaft.

Ich habe mich ohne mir dessen bewußt gewesen zu sein auf eine Art entwurzelt (beruflich habe ich mich andererseits angewurzelt) - hier gibt es kein soziales Netz für mich, meine Familie ist in Wien, meine Freundinnen sind in Wien und es ist nicht so leicht hier Anschluß zu finden (wobei sich soundso die Frage stellt Anschluß woran - ans Wirtshaus, an den Fußball- oder Verschönerungsverein?). Zusätzlich versuchen mein Mann und ich einen Hof zu zweit zu bewirtschaften und zu erhalten, wo vor 40 Jahren noch 10 Personen gelebt und gearbeitet haben. Die Leidenschaft, das Hobby zum Beruf zu machen ist einerseits sehr schön, andererseits entsteht auch viel Druck, denn ich denke manchmal, ich muß alles aus dem Garten herausholen und kann ihn oft gar nicht als Ort der Entspannung genießen. Trotzdem sehe ich mein Leben hier auch als Geschenk - zumal ich überhaupt die Chance hatte mich bewußt entscheiden zu können - es ist wunderschön in der Früh aus dem Fenster in die Natur zu schauen, die vielen Vögel zu beobachten, meinen Tieren zuzusehen und frische Kräuter und Gemüse aus dem Garten zu holen und den Wind und die Sonne, wann immer ich will, spüren zu können - denn ich brauche nur vor die Tür zu gehen.

Kaiserinnenkrone, Foto: Monika Kleinschuster
Monika Kleinschuster
Neumarkt 117
A-7461 Stadtschlaining
Tel: +43 (0)3355 2092
Mobil: +43 (0)688 8211722
monikakleinschuster@aon.at
www.kraeuterundmehr.at.tf

Fotos: © Monika Kleinschuster



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