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DIE VERBORGENE WELT VON SHAMIM SARIF© Patricia Wendling (04.02.08)
Internationale Lesbenliteratur mit Kinoanleihen
Die Annäherung zweier gegensätzlicher Inderinnen im Apartheid-Südafrika der 1950er Jahre. Cineastisch und brillant erzählt von der Londoner Autorin Shamim Sarif.
ls Apartheid wird die gesetzlich verankerte Rassentrennung und Rassendiskriminierung in Südafrika unter der weißen National Party - der Partei der Afrikaner Nationalisten - von 1948 - 1994 bezeichnet. Die Klassifizierung der gesamten südafrikanischen Bevölkerung in vier ethnische “Kasten”: Weiße, Schwarze, Farbige und Asiaten, die strikte Trennung von Weißen und Nicht-Weißen an öffentlichen Orten, in Wohngebieten, Bildungseinrichtungen und Krankenhäusern und das Verbot von Mischehen und Homosexualität gehörten ebenso dazu wie die Entrechtung der schwarzen Bevölkerungsmehrheit. Letztere äußerte sich unter anderem im fehlenden Wahlrecht, in Zwangsumsiedlungen in nahezu unfruchtbare Reservate und der Pflicht außerhalb dieser sogenannten Homelands und Townships einen Pass tragen zu müssen.
Vor diesem Hintergrund spielt “Die verborgene Welt” von Shamim Sarif, einer Londoner Autorin, die selbst auf indische und südafrikanische Wurzeln zurückblicken kann. Sie erzählt die Geschichte von Amina, einer jungen, unangepassten Frau, die entgegen familiärer Traditionen und herrschender Gesetze gemeinsam mit einem Farbigen ein Café in Pretoria betreibt, und die Geschichte von Miriam, einer unterwürfigen Ehefrau und Mutter, deren Lebensaufgabe sich in Kinder, Haushalt und im entlegenen Laden ihres lieblosen Gatten zu erschöpfen droht. Dass sich diese beiden so unterschiedlichen Lebenswege kreuzen, ist demselben kulturellen Hintergrund zu verdanken. Beide Frauen sind Inderinnen, die in den 1940er Jahren nach Südafrika kamen um hier zu leben. Amina mit ihren Eltern, Miriam mit ihrem “arrangierten” Ehemann. So sind es dann neben den politischen Verhältnissen auch diese patriarchalen Familienverbünde mit der die eine mehr, die andere weniger zu kämpfen hat. Vom beengten und arbeitsintensiven Leben in der Großfamilie ist die Rede, von Frauen, die ihr Schicksal stumm ertragen und solchen, die es selbst in die Hand nehmen und dafür Südafrika verlassen müssen, von indischem und südafrikanischem Essen, von Rassismus und von Widerstand. Die zarte Annäherung der beiden Frauen wird nicht nur für Miriam zu einer Art Rettungsanker, auch für Amina bedeutet es letztendlich Klarheit darüber wie sie leben will.
Das Buch endet da, wo andere Lesbenromane des 21. Jahrhunderts erst beginnen und ist doch um so vieles aufregender als manch gedrucktes Paargeflüster. Die Leserin wähnt sich von der ersten bis zur letzten Seite in einem Film. Erzählform, Aufbau, Dialoge und Szenerie sind ein einziges cineastisches Ereignis, das mit lebendigen Charakteren glänzt. Dass dieses drehbuchähnliche Werk tatsächlich im letzten Jahr verfilmt wurde, noch dazu von der Autorin selbst, die offenbar auch als Filmemacherin zu überzeugen weiß, ist dann so etwas wie das Tüpfelchen auf dem i. Nicht verwunderlich, dass Shamim Sarif seit dem Erscheinen dieses Debütromans im Jahr 2001 - unter dem Titel “The World Unseen” bei The Women's Press London - zu einem der vielversprechendsten Sterne am angelsächsischen Lesbenkulturhimmel zählt.
Ein außergewöhnliches Stück Lesbenliteratur, das es schafft mit Ruhe und Gelassenheit poetische Spannung, zarte Sinnlichkeit und politisches Bewusstsein zu vermitteln - nicht zuletzt aufgrund der gekonnten Übersetzung von Andrea Krug.
DIE AUTORIN:
Shamim Sarif wurde 1969 in England geboren, studierte Englische Literatur und lebt mit ihrer Lebensgefährtin Hanan Kattan und ihren beiden Söhnen in London. Ihr erster Roman “The World Unseen” gewann im Original den Pendleton May First Novel Award 2001 und den Betty Trask Award 2002. Die Übersetzung ihres zweiten Romans “Despite the Falling Snow” ist in Vorbereitung. www.shamimsarif.com www.enlightenment-productions.com
 Shamim Sarif Die verborgene Welt
Verlag Krug & Schadenberg, 2007 304 Seiten, gebunden €D 22,90 / €A 23,60 / sFr 41,50 ISBN: 978-3-930041-60-2
Buch bestellen (bei Berta - Bücher und Produkte, Graz)
NACHWORT:
“Die verborgene Welt” ist eine erfundene Geschichte, die uns in eine Zeit und in ein Land entführt, das wahrscheinlich für viele von uns Mitteleuropäerinnen weit entfernt scheint. Doch so lange ist das Ende der Apartheid noch nicht aus und zuviel hat “der Westen” von diesem System profitiert als dass es uns nichts angehen könnte. Und obwohl Südafrika als fünftes Land der Welt am 1. Dezember 2006 die Ehe für gleichgeschlechtliche PartnerInnen öffnete, reißen die Meldungen von homophober und frauenverachtender Gewalt in diesem Land nicht ab. Allein im Jahr 2007 wurden mindestens vier schwarze Lesbenrechtsaktivistinnen brutal ermordet: Sizakele Sigasa, Salome Masooa, Thokozane Qwabe und Simangele Nhlapo mit ihrer zweijährigen Tochter.
WEITERFÜHRENDES:
Die Autorin Interview: www.afterellen.com
Der Film “The World Unseen” Toronto International Film Festival: www.tiff07.ca Rezension: www.afterellen.com Video: www.youtube.com
Lesben in Südafrika Trauer am Kap der Guten Hoffnung von Andrea Winter On Hate Crimes And The Need For Humanity by Angela D. Odom www.few.org.za (FEW - Forum for the Empowerment of Women, Johannisburg) www.mask.org.za (Behind the Mask - Internetplattform)
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