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ULRIKE MEINHOF - DIE BIOGRAFIE© Angelika Scholz (18.03.08)
Ein feistes Stück Zeitgeschichte, hervorragend beschrieben
Die Publizistin Jutta Ditfurth stieß in ihrer sechsjährigen Recherche auf bisher unbekannte Quellen zu Ulrike Meinhof und legt mit diesem Buch die erste umfassende Biografie der RAF-Mitbegründerin vor, in der sich auch die Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik widerspiegelt.
as Buch beginnt mit dem Anfang des Endes. Der Moment an dem die Karten neu verteilt werden und Ulrike Meinhof von der angesehenen Journalistin zur Staatsfeindin Nummer 1 wird.
Im zweiten Kapitel “Eine sehr deutsche Familie” treffen Ingeborg Guthardt und Werner Meinhof zusammen, die Eltern von Wienke und Ulrike Meinhof. Die Vorzeichen sind nicht die besten: überzeugte Sozialisten treffen auf deutschnational evangelische Christen. Sie war 16 er 25 Jahre alt. Das Leben nahm seinen Lauf, vieles wissen wir bereits von hier und da, anderen Biografien und Dokumentationen. Sechs Jahre hat Jutta Ditfurth Akten studiert, mit Menschen gesprochen, Unterlagen eingesehen und ein anderes, genaueres Bild einer Frau geschaffen die - ja was? - die ein aufmüpfiges Kind war, das zu wenig geliebt wurde? Die mit ihrer Sehnsucht, ihren tiefen Gefühlen auf die Kälte ihrer Stiefmutter und die Kälte eines Landes traf? Schritt für Schritt rollt Jutta Ditfurth dieses Leben auf. Beschreibt die einzelnen Stationen, zeigt die Begleiterinnen und Begleiter, beschreibt nachvollziehbar wie ein Kind zu einer jungen Frau wurde und eine junge Frau zunächst zu einer Kämpferin mit Worten. Und später mit Gewalt.
Gleichzeitig entsteht ein Bild von Deutschland: Vater Meinhofs Karriere mit Hilfe des Nationalsozialistischen Netzwerkes. Wie er es schafft Museumsdirektor zu werden. Wie seine Frau Wege findet nach seinem Tod, die Kinder zu ernähren und etwas später mehr verdient als er. Die Liebesbeziehung von Ingeborg Meinhof zu Renate Riemeck. Wie die Frauen gelebt haben, ihre eigene Karriere planten und ihre Ziele erreichten. Trotz der Kinder. Und dann der Tod der Mutter. Renate Riemeck nimmt sich der Mädchen an, mit viel Distanz. Dann kommt der Krieg. Hier zeigt Jutta Ditfurth welche Kräfte aufeinander treffen, die alten Nazis die den Arm nicht unten lassen können, die, die sich herausreden und die, die überlebt haben und ein vollkommen anderes Gedankengut mitbringen.
Die Kapitelüberschriften sagen schon viel über das Buch aus - ab 1949 bekommt Ulrike Meinhof von Jutta Ditfurth diese: Pflegetochter, Beatnik, Abiturientin, Studentin, Atomwaffengegnerin, SDS-Genossin, Kommunistin, Redakteurin, Chefredakteurin und Ehefrau, Zwillingsmutter, Antifaschistin, Publizistin, Antiautoritäre, Außerparlamentarische Oppositionelle, Filmemacherin, Antiautoritäre Autorität, Mutter, Partisanin, Bankräuberin, Attentäterin, Gefangene. Damit ist das ist das Jahr 1972 erreicht. Unter all diesen Überschriften bekam ich die Facetten einer zerrissenen Frau gezeigt, einer Zeit die diese Frau begleitet und verrückt spielt. Die WegbegleiterInnen wurden gezeichnet, die BremserInnen, die FörderInnen, die MitläuferInnen, die FeindInnen und die FreundInnen. Alle finden Platz in diesem Buch. Es ist ein Zeitzeugnis, ein Buch, das mich in Atem gehalten hat, ein Buch das mich zum nachdenken gebracht hat.
Einen Makel möchte ich ganz zum Schluss anmerken: Bilder. Es fehlt ganz klar an Bildern. Ein paar sind im Internet zu finden, aber es wäre schön gewesen zu den ganzen beschriebenen Menschen ein paar Gesichter zu sehen...
DIE AUTORIN:
Jutta Ditfurth studierte Soziologie, Politik, Kunstgeschichte, Wirtschaftsgeschichte und Philosophie in Heidelberg, Hamburg, Freiburg, Glasgow/Großbritannien, Detroit/USA und Bielefeld. Abschluss 1977 als Diplomsoziologin. Arbeit als Sozialwissenschaftlerin in Forschung und Lehre an den Universitäten Freiburg, Bielefeld und Marburg. Umzug nach Frankfurt/Main im Winter 1977. Seit 1980 als Journalistin und Autorin für Printmedien und Rundfunk. Politisch aktiv seit Anfang der siebziger Jahre, in der Linken, in der Frauenbewegung und vor allem in der Anti-AKW-Bewegung. Mitbegründerin der Grünen.
1981 bis 1985 Stadtverordnete im Frankfurter Römer 1984 bis 1988 Bundesvorsitzende der Grünen 1991 Austritt aus den Grünen. Mitgründung der Ökologischen Linken 1989 bis 1992 Mitglied im Bundesvorstand der Deutschen Journalistenunion (dju)/IG Medien 1992 bis 1995 Bundesvorsitzende der dju/IG Medien und Mitglied im Hauptvorstand der IG Medien Seit 1991 Herausgeberin der Zeitschrift ÖkoLinX
Zu den Europawahlen 1999 kandidierte Ditfurth als Gegnerin des Nato-Krieges mit deutscher Beteiligung gegen Jugoslawien auf Einladung eines linken Bündnisses (NAR) in Griechenland. Seit 2001 Mitglied der Stadtverordnetenversammlung. Autorin von politischen Sachbüchern, Drehbüchern und Romanen.
www.jutta-ditfurth.de
 Jutta Ditfurth Ulrike Meinhof Die Biografie
Ullstein Verlag, 2007 480 Seiten, gebunden €D 22,90 / €A 23,60 / sFr 41,50 ISBN: 978-3-550-08728-8
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