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MAGAZIN

DAS TOR INS LEBEN

© Patricia Wendling (26.03.08)


Körper

Ein Yoni-Bildband von Grit Scholz

Vagina, Scheide, Vulva, Yoni, Möse, ... Dieses Buch zeigt die Schönheit, Vielfältigkeit und Einzigartigkeit der weiblichen Genitalien und ermöglicht eine andere Sichtweise.



Tor ins Leben Poster Nr. 2, © LebensGut-Verlag

itte lesen Sie zuerst den Prolog und schauen Sie dann weiter ...” wird die Betrachterin dieses Bildbandes aufgefordert. Gut. Dann mache ich das so.

In ihrem Prolog, der in beachtliche acht Sprachen übersetzt wurde, erzählt die Künstlerin und Autorin Grit Scholz das Entstehen dieses Buchprojekts, für das sie sogar einen eigenen Verlag gründete. Begonnen habe alles in ihrer Pubertät als sie beinahe mit Grausen die Veränderungen ihrer eigenen Yoni beobachtete und sich gerne darüber ausgetauscht hätte - nur um sicher zu gehen, dass alles in Ordnung sei. Mangels Aufklärung blieb dieser Wunsch unerfüllt und besagter Körperteil lange Zeit fremd und unbehaglich. Später entdeckte sie, dass es vielen anderen Frauen ähnlich ging, dass viele “ihr halbes Leben mit Komplexen, Ängsten und Schamgefühlen zu kämpfen hatten” und dass der Wunsch nach einer wertfreien Erforschung der Yoni außerhalb von pornografischen, medizinischen oder religiösen Zusammenhängen nicht nur bei ihr vorhanden war. Um dieses gesellschaftliche Tabu aufzubrechen, begann sie 2006 mit der Arbeit an diesem Buch, das “der Betrachterin und dem Betrachter die Möglichkeit gibt, jenseits der vorhandenen Prägungen und Sichtweisen einen natürlichen, verbundenen und liebevollen Umgang mit den weiblichen Genitalien, den Yonis, zu finden.”

Obwohl sich Grit Scholz wiederholt fragt, wer oder was dafür gesorgt hätte, dass so viele Menschen vom liebevollen und selbstverständlichen Umgang mit der Yoni abgeschnitten sind, scheint es nicht Anspruch des Buches zu sein, Antworten auf diese Fragen zu finden. So werden gesellschaftliche Missstände wie sexualisierte Gewalt, Genitalverstümmelungen, die Besitzergreifung von Frauenkörpern durch Medizin oder Religion oder die generelle Abwertung von Frauen und Mädchen in patriarchalen Gesellschaften nicht angesprochen. Aber eigentlich geht es in diesem Bildband ja auch um die Bilder und deshalb lasse ich das geschriebene Wort hinter mir und blättere weiter.

In sieben Kapiteln werden künstlerische Arbeiten präsentiert. Fotografien, Fotomontagen und Zeichnungen. Der Großteil von Grit Scholz selbst, ein paar wenige von anderen Künstlerinnen und Künstlern. Den Anfang machen 13 gelungene Montagen, die sehr unterschiedliche Zugänge zeigen. Während die zarten, pittoresken Blütenyonis eher Lieblichkeit ausstrahlen, konfrontiert uns beispielsweise die Yoni als Vulkankrater (S 62) mit einer vollkommen anderen Seite. Einem brodelnden und vor allem kraftvollen Ort, der jeder Besucherin und jedem Besucher Respekt abverlangt. Bei längerer Betrachtung dieses Bildes regen sich allerdings Zweifel, ob es sich bei dieser Fotografie von Elena Silbermann, die Grit Scholz als Basis für ihre Montage nahm, tatsächlich um einen Vulkankrater in Australien handelt oder nicht doch eher um einen ausgetrockneten See? Die Assoziation bleibt aber dieselbe. An dieser Stelle fällt mir auf, dass die Bilder keine Beschreibungen aufweisen. Hier hätte ich mir eine gewünscht.

Mit dem Kapitel “frontal” beginnt die Gegenüberstellung von jeweils einer realen Yoni mit einem Naturfoto - Baumrinden, Blüten, Blätter, Früchte, Muscheln, Steine oder auch Zeichnungen. Diese Gegenüberstellung, die auch in den Abschnitten “open” und “perspective” fortgesetzt wird, ist es, die bei der Betrachterin wohl genau das auslöst, was sich Grit Scholz für dieses Buch gewünscht hat: “die Yoni mit anderen Augen anzuschauen und so dem gesellschaftlichen Hang zur Heimlichkeit, Perversität und Verdummung zu entrinnen.” Besonders ins Auge springen dabei die “perspective”-Fotografien, wenn die Künstlerin mit verschiedenen Blickwinkeln spielt und da endlich auch mal eine Frau ihre Möse stehend zeigen darf (S 197). Und ganz wichtig, behaart, was in diesen kindlich rasierten Zeiten eine wahre Wohltat ist. Im Kapitel “transformation” begleiten wir dann sechs Yonis vom ruhigen in den sexuell erregten Zustand. Unter “collection” gibt es noch einmal alle Yonis auf einen Blick.

Die Fotos entstanden in einem Zeitraum von etwa fünf Monaten, in denen Grit Scholz insgesamt 65 Frauen im Alter zwischen 18 und 75 Jahren zu besonderen Veranstaltungen einlud. In Gesprächsrunden, durch Massagen, Meditation, Sauna, Tanz und gutem Essen näherten sich die Teilnehmerinnen ihren eigenen Genitalien und machten sich bereit, diese ablichten zu lassen. So wird zum Beispiel die Entstehung der “transformation”-Fotos wie folgt geschildert: “Wir machten also Fotos im “Normalzustand”, schauten dann zehn Minuten einen erotischen Film, oder eine Frau gab Yonimassagen und danach fotografierte ich wieder.”

Schön ist es, dass wieder eines der viel zu raren Yoni-Bücher den Weg durch das sexistische Körperbuchdickicht gefunden hat. Nicht ganz so schön ist es, dass die Wegbereiterinnen aus der feministischen Frauen- und Lesbenbewegung mittlerweile völlig vergessen zu sein scheinen. Alles in allem aber, ein prächtiger, liebevoll gestalteter Bildband, in den jede Frau und jedes Mädchen mehr als einen Blick werfen sollte.

ZUR AUTORIN:

Grit Scholz
geboren 1965 in Leipzig, hat über zehn Jahre in Mannheim und zwei Jahre in Bayern gelebt, seit 2002 im Fläming bei Belzig zu Hause. Mutter von zwei Töchtern, arbeitet als freiberufliche Grafik-Designerin.
www.scholz-grafik.de

Grit Scholz : Das Tor ins Leben
Grit Scholz: Das Tor ins Leben
LebensGut-Verlag, 2007

252 Seiten, Hardcover, €D 39,50 / €A 40,70 / sFr 66,90
ISBN 978-3-9811805-0-3
Buch bestellen (bei Berta - Bücher und Produkte, Graz)

152 Seiten, Taschenbuch, €D 16,50 / €A 17,00 / sFr 29,90
ISBN: 978-3-9811805-1-0
Buch bestellen (bei Berta - Bücher und Produkte, Graz)


WEITERFÜHRENDES:

Bücher (teilweise vergriffen):

Hexengeflüster. Frauen greifen zur Selbsthilfe, hg. von Frauenselbstverlag, Berlin 1975
Cunt Coloring Book von Corinne Tee, Last Gasp 1975 (Englisch)
Frauenkörper neu gesehen, hg. von Föderation der Feministischen Frauengesundheitszentren USA, Berlin: Orlanda Verlag 1987
Die Möse. Frauen über ihr Geschlecht, hg. von Christa Nebenführ, Wien: Promedia Verlag 1998
Sex for one von Betty Dodson, München: Mosaik bei Goldmann 1999
Die Vagina-Monologe von Eve Ensler, Piper Taschenbuch, München: Piper Verlag 2005
Femalia von Joani Blank, Down There Press, 1993 (Englisch)

Artikel:
Die Klitoris von Sylvia Groth (PDF)

Filme:
Klitoris - Die schöne Unbekannte, ARTE-Dokumentation, Frankreich 2002/03
Klitoris - Körperliche Grundlagen weiblicher Sexualität, Diaserie hg. vom Feministischen Frauen Gesundheitszentrum Berlin

Links:
www.vulva-projekt.ch
www.houseochicks.com
www.the-clitoris.com
www.yoniversum.nl

Foto: © LebensGut-Verlag



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