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MAGAZIN

»Behaltet diese Lumpen, wir wollen sie nicht!«

© Ruth Devime (23.04.08)


Politik & Gesellschaft

Feministische Unterrichtsprinzipien zu Gender Mainstreaming

Ruth Devime stellt acht feministische Unterrichtsprinzipien für die Erwachsenenbildung als mögliche Grundlage für die Umsetzung von Gender Mainstreaming vor und bereichert sie durch Beispiele aus der bildenden Kunst.



Doppelportrait Ruth Devime, Foto: © K.K.

ender Mainstreaming findet in seiner praktischen Umsetzung nicht im Interesse der Frauen statt, auch nicht im Interesse der Männer, sondern vor allem im Interesse diverser staatlicher und privater Einrichtungen, Unternehmen und Institutionen, die es anwenden. Louise Michel, Feministin, Schriftstellerin, Rednerin und Anarchistin, prophezeite vor mehr als 120 Jahren: “Eure Privilegien? Die Zeit ist nicht mehr weit, wo Ihr sie uns anbieten werdet, um durch diese Teilung zu versuchen, ihnen wieder Glanz zu verleihen. Behaltet diese Lumpen, wir wollen sie nicht.”

Diese Zeit ist längst da, die Lumpen - patriarchale Macht in einer Gesellschaft, die in vielen Bereichen keine Lösung für ihre Probleme hat - wurden den Frauen angeboten. Und diese Lumpen sind zu kompostieren. Es ist Zeit, dafür zu sorgen, dass wir alle Seidenkleider tragen. Wenn diese patriarchale Macht keine Orientierung mehr gibt, wenn ihre Maßstäbe, (Kriegs-)Ordnungen und Regeln nicht mehr gelten, wo finden wir dann welche? Woran orientieren wir uns? Welcher Ethik folgen wir? Wenn das Patriarchat nicht mehr in der Lage ist, die gesellschaftlichen Dinge zu regeln, und wenn wir das wissen, dann ist es notwendig, dass wir eine andere (symbolische) Ordnung, eine andere Kultur entwickeln, eine feministische Ordnung, die das voraussichtlich besser bewerkstelligt. Das ist die Herausforderung für die feministische Frauenbewegung und die feministische Bildungspolitik heute.

Wir alle, Frauen und Männer, Mädchen und Buben - eine freie, lebendige, sich stets verändernde Gesellschaft kann es sich nicht leisten, auf das Wissen der Kinder und Jugendlichen zu verzichten -, müssen diese Fragen ausgiebig diskutieren. Gender Mainstreaming kann dies unterstützen, weil wir Frauen nicht mehr damit beschäftigt sind, uns den Zugang zu diesen öffentlichen Diskussionen zu erkämpfen. Damit Gender Mainstreaming für Feministinnen unterstützend ist, muss es zusätzlich zu allen Regeln des Gender Mainstreaming feministische Prinzipien geben. Für die Erwachsenenbildung sind dies feministische Unterrichtsprinzipien. Alle Inhalte und Formen müssen auf nachfolgende Kriterien hin überprüft werden.

Unterrichtsprinzip 1

“Seit Jahrzehnten ignoriert die intellektuelle Machtelite die feministische Kulturkritik und weigert sich, deren enormen Bestand an wissenschaftlichen Untersuchungen zur Kenntnis zu nehmen!”

(Carola Meier-Seethaler, Philosophin und Psychotherapeutin)

Jegliche feministische Forschung, in die die kritische Männerforschung inkludiert ist, ist in alle Lehrbücher, Unterrichtsmaterialien, Programme und Methoden sofort aufzunehmen. Werden alte Bücher, Lehrmittel, Unterrichtsmaterialien, Programme und Methoden verwendet, ist es für alle Lehrenden verpflichtend, jedes Mal, ja wirklich jedes Mal, darauf aufmerksam zu machen, dass die Erkenntnisse der feministischen Forschung darin nur rudimentär beziehungsweise gar nicht vorkommen und diese Bücher, Lehrmittel, Unterrichtsmaterialien, Programme und Methoden somit mangelhaft sind. Neue Lehrbücher, Unterrichtsmaterialien, Programme - auch Computerprogramme etc. dürfen nur angekauft werden, wenn die Sprache geschlechtergerecht ist. (Die Rechtschreibkorrektur im Schreibprogramm “Word” wird dann “Matriarchat” nicht mehr in “Patriarchat” ausbessern!) Ebenso müssen gleich viele Bücher und Materialien von Frauen und Männern angekauft werden. Die Verlage werden dann ihre Aufträge an Autorinnen und Autoren gleichmäßig verteilen müssen.

Mary Kelly
geboren 1941, gehörte zu den Akteurinnen der feministischen Frauenbewegung und gibt mit ihrem Kunstwerk “Multi-Story House” viele Antworten auf die großen feministischen Fragen.

Unterrichtsprinzip 2

“Jede feministische Theorie, die nicht durchdrungen ist von feministischer Praxis - Theoretikerin und Praktikerin sind ein und dieselbe Person -, reduziert das Handeln auf eine Reihe von Floskeln und demonstrativen Gesten, deren einziges Ziel die Vermarktung von feministischem Wissen ist. Diese Vermarktung hat keine Befreiung der Frauen zur Folge, sondern zementiert patriarchale Muster und Ordnungen.”

(Dagmar Benedikt, Germanistin und Erwachsenenbildnerin)

Frauen und Männer, die meinen, es gebe TheoretikerInnen und PraktikerInnen, unterliegen einem politischen Irrtum und arbeiten den herrschenden patriarchalen Machtverhältnissen zu. Jegliche Auflösung von Polaritäten ist notwendig. Die Demaskierung der künstlich eingerichteten Geschlechterpolaritäten, die entgegen jeder Erfahrung beide Geschlechter zu halben Menschen machen, wirkt fort in allen weiteren Dualismen. Das Verhältnis zwischen Praxis und Theorie ist ebenso künstlich wie alle anderen Polaritäten und für jede Entwicklung hinderlich. Nur der Abschied von der Polarität Praxis/Theorie und anderen dualistischen Denkmodellen (Frau/Mann, Schwarz/Weiß, Ost/West, Dunkel/Licht, Spiritualität/Politik, Fühlen/Denken) kann unsere Gesellschaft aus dieser patriarchalischen, rassistischen, frauenfeindlichen und auch menschenfeindlichen Misere führen. Das Auflösen dieser Dualismen hätte weitreichende Folgen. Alleine die Aufwertung des Fühlens würde die Welt verändern, denn eine Gesellschaft, die wenig Wert auf Gefühle und auf die differenzierte Kenntnis von Gefühlen legt, ist für irrationale Unterströmungen besonders anfällig und dies ist für das Wohlergehen aller Menschen nachteilig.

Sheela Gowda
geboren 1957 in Bhadravati (Indien). “Sanjaya Narrates”, eine Serie aus 14 kleineren Aquarellen befasst sich mit der Darstellung von Gewalt. Ein Zeitungsbild sinnloser Gewalt aus Palästina hat Sheela Gowda zu diesem Kunstwerk bewegt. Die Künstlerin gibt den BetrachterInnen die Möglichkeit zu der alltäglichen Gewalt, die in den Medien zu sehen ist, eigene Gefühle zu entwickeln, wahrzunehmen, Trauer zu empfinden und somit handlungsfähig zu werden.

Unterrichtsprinzip 3

“Wir dürfen nie davon ausgehen, dass es dem Menschen angeboren ist, Krieg zu führen!”

(Marija Gimbutas, Archäologin)

Dieser kluge Satz geht weit über die Lehren der “Hegemonialen Männlichkeit” hinaus. Alle Lehrenden müssen in eigens dafür entwickelten Workshops lernen, ihr Wissen und ihre Methoden auf oben zitierten Satz hin zu überprüfen. Es muss sofort beendet werden, dass die Geschichte, die Pädagogik, die Psychologie und alle anderen wissenschaftlichen Richtungen von dem Bild ausgehen, der Mensch (auch wenn meist der Mann gemeint ist) sei ein Mörder. Er ist es definitiv nicht, der Mensch nicht und der Mann auch nicht. Kein Mann und keine Frau kommen von Natur aus aggressiv, stark, hart etc. auf die Welt. Das Wissen, das in diesen Workshops erarbeitet wird, muss sofort theoretisch und praktisch umgesetzt werden. Es liegt auf der Hand, es ist eine Tatsache, dass der Durchschnittsmann an der patriarchalen Kampfes- und Kriegsideologie selbst immer mehr gelitten als davon profitiert hat. Sei es, dass man ihn als Kanonenfutter für machtgierige Kriegsinteressen einsetzt, sei es, dass er sich im beruflichen Konkurrenzkampf die Gesundheit ruiniert oder dass er seine Partnerschafts- und Liebesfähigkeit einbüßt. Diese Liebesfähigkeit der Männer fehlt allen heterosexuellen Frauen zum Glücklichsein und ist somit ein großes Manko in unserer Gesellschaft.

Dieses Unterrichtsprinzip ist besonders für die Förderung von Männern unerlässlich, aber auch die Frauen werden, wenn auch von einer anderen Seite, davon profitieren. Der Satz: “Buben (Männer) sind halt so”, gehört dann in Bälde der Vergangenheit an. Ein Beispiel aus der Praxis: Jede/r Lehrende hat darauf zu achten, keine “Kriegssprache” zu verwenden. “In Angriff nehmen”, “ein Schuss nach hinten”, “in der Hitze des Gefechts”, aber auch Wörter wie “Strategie”, “Schlachtplan”, “Waffenstillstand” sind keine Wörter, die eine/ein Lehrende/r braucht, um Wissen zu vermitteln.

Fehér László
Dem ungarischen Künstler Fehér László, geboren 1953 in Székesfehérvár, gelingt es in seinen Bildern “kis fiu (kleiner Bub)”, “síró Dávid (weinender David)” ebenso wie in anderen Bildern seines umfangreichen Werks, die Gefühlswelt von Männern darzustellen. “Filozófus II. (Philosoph II.)”, ein wunderschönes Porträt der ungarisch-französischen Philosophin Agnés Heller, zeigt die Anerkennung des Künstlers für das Werk einer Frau.

Sanja Iveković
Die kroatische Künstlerin Sanja Iveković stellt die Gewalt an Frauen und deren Überleben in ihrer Installation “Poppy Field” dar. Sanja Iveković arbeitet in ihren Kunstwerken zumeist mit feministischen Organisationen zusammen. In “Poppy Field” waren dies die Zagreber Lesbengruppe “lezbor” und die afghanische revolutionäre Frauengruppe “rawa”.

Unterrichtsprinzip 4

“Die Politik, die irgendein bedeutendes Ereignis bringt, eine reale Veränderung, ist nicht etwa eine Politik, die Mädchen/Frauen favorisiert, sondern eine, die Beziehungen unter Mädchen/Frauen favorisiert, Beziehungen, die nicht möglichst ideal sind, sondern möglichst konkret, nicht Beziehungen, die das Schlechte reparieren, sondern solche, die die Kraft haben, Erfahrungen Sinn zu verleihen und Begehren zu verwirklichen.”

(Alessandra Bocchetti, Philosophin)

Die vielfältigen Beziehungen zwischen Frauen werden weder in der Öffentlichkeit noch in den Unterrichtsmaterialien, keinesfalls in der Forschung, in der Psychologie oder in der Pädagogik ausreichend thematisiert und dargestellt. Alle Unterrichtsmaterialien, Gesetze und Programme sind dahingehend zu ändern, dass die Beziehungen, Freundinnenschaften, Liebesbeziehungen und Arbeitsbeziehungen zwischen Frauen benannt werden und adäquat vorkommen.

Ein Beispiel aus einem Lebenslauf: Ich wurde von meiner Mutter (oder einer anderen Frau) bis zu meinem 18. Lebensjahr finanziell und emotional gänzlich versorgt. Mein Vater zahlte weder Alimente noch sorgte er emotional, noch sonst wie für mich und mein Fortkommen. Meine Mutter wurde von ihrer Mutter und ihren Freundinnen, Nachbarinnen etc. bei dieser für mich und mein Fortkommen so wichtigen Arbeit unterstützt usf. Diese drei Sätze treffen auf die Kindheit von mehr als 30 Prozent aller Menschen in Europa zu.

Ein weiteres Beispiel: Freundinnenschaft mit Gleichen ist die erste und wichtigste soziale Beziehung im Leben einer Frau. Freundinnenschaft und deren symbolische beziehungsweise deren fehlende symbolische Darstellung prägen das Leben und die Handlungen von uns Frauen um vieles mehr als Vater-Tochter-, Mutter-Tochter-, Mann-Frau-Beziehungen und Ähnliches. Janice Raymond dazu: “Freundinnenschaften brennen die Mauern und Grenzen der von Männern formulierten Kategorien und Definitionen nieder!”

Pipilotti Rist
die 1962 in der Schweiz geborene Künstlerin stellt in ihrem Kunstwerk “homo sapiens sapiens” den “Menschen” unter anderem als Frauenpaar dar. Zu sehen war das Kunstwerk auf der Biennale 2005 in Venedig. Die Ausstellung wurde von der katholischen Kirche unter einem Vorwand vorzeitig geschlossen.

Unterrichtsprinzip 5

“Wenn du gerecht sein willst, kannst du es nur sein, indem du ungerecht bist und die Frauen bevorzugst!”

(Alessandra Bocchetti, Philosophin)

Es geht nicht darum, dass Männer an dieser oder jener Stelle inhaltlich ihr Weltbild um das Wissen der Frauen ergänzen, sondern darum, dass sie weibliche Macht und Autorität anerkennen. Männer können nur vom Feminismus profitieren, wenn sie sich mit dem auseinander setzen, was Frauen zu sagen haben, und wenn sie auf das hören, was Frauen ihnen sagen. Es wird unerlässlich sein, dass Männer erkennen, wo eine Frau mit Autorität spricht, sei es ihre Freundin, ihre Kollegin, ihre Chefin, ihre Ehefrau, ihre Nachbarin, ihre Mutter, aber auch ihre Feindin und ihre Gegnerin. Diese Frauen sagen alle Unterschiedliches zum Feminismus, zur Politik und zum Leben, denn Feminismus ist kein inhaltlich feststehendes Programm, ebenso wenig wie die Politik und schon gar nicht das Leben. Ein Ziel von Gender Mainstreaming muss es sein, dass mehr Männer verstehen, dass sie von Frauen etwas lernen können, dass es sinnvoll ist, wenn sie ihnen zuhören, wenn sie nachfragen und sich mit dem, was Frauen sagen, auseinander setzen. Nicht weil die Quote es vorschreibt, sondern weil hier Antworten für gesellschaftliche Probleme zu finden sind, die Männer alleine nicht lösen können. Mit der Anerkennung der Macht und Autorität von Frauen wird eine Möglichkeit entstehen, eine bessere Gesellschaftsform zu entwickeln im Sinne von: “Wir wollen nicht die Hälfte vom Kuchen, sondern einen anderen, einen besseren!”. Eine der wichtigsten Aufgaben ist es, feministische Kultur und feministische Politik zu stärken, sie sichtbar zu machen und ihnen in der Welt Gehör zu verschaffen.

Ein Fortbildungsbeispiel: Alle Teilnehmenden, Frauen und Männer, müssen Referate zu einer oder mehreren Frauen halten und begründen, warum das Leben, die Arbeit dieser Frau/en die Welt zum Besseren verändert hat. Luise F. Pusch, die feministische Sprachforscherin, hat auf Fembio.org 45.000 abrufbare Biografien von Frauen gespeichert und somit eine Grundlage geschaffen, diese Arbeit aufnehmen zu können. Gerda Lerner meinte einmal, dass jede Frau mindestens ein Jahr Frauengeschichte studieren sollte. Ich finde, jeder Mann sollte dies auch tun!

Guerrilla Girls
Die Guerrilla Girls sind eine seit 1985 vollkommen anonym operierende New Yorker Künstlerinnengruppe, deren Markenzeichen Gorillamasken sind. Wie groß die Gruppe wirklich ist und welche dazugehört, ist nicht bekannt. Die Plakate-, Postkartenaktionen und die öffentlichen Auftritte der Guerrilla Girls machen auf den Ausschluss von Frauen und Nicht-Weißen aus dem Kunstbetrieb aufmerksam.

Unterrichtsprinzip 6

“Sagen was ist, das verändert die Welt.”

(Hannah Arendt, Philosophin)

Die feministische Frauenbewegung ist die erfolgreichste politisch-soziale Bewegung der Welt. Die feministische Frauenbewegung hat unsere Welt in einem Ausmaß verändert wie keine andere Bewegung. Sie hat die Wirklichkeit aller Menschen nachhaltig und eindeutig verbessert! Und es war nicht einfach der Lauf der Dinge, der das alles bewirkt hat, sondern die Liebe der Frauen zur Freiheit und der Kampf von Millionen von Frauen gegen Patriarchat, Unterdrückung und Ungerechtigkeit. Jedes Mal, wenn eine/ein Lehrende/r das Wort Gender Mainstreaming ausspricht, sollte sie/er auch den oben zitierten Satz aussprechen.

Ein Beispiel: In den Grundlagentexten zu Gender Mainstreaming steht die feministische Frauenforschung immer wieder gleichwertig neben der kritischen Männerforschung. Dies ist eine Gleichsetzung, die die feministische Geschichte der Frauen verschleiert, schmälert und herabsetzt. Die feministische Frauenbewegung ist eine internationale Bewegung, die von zigtausenden, unterschiedlichsten Frauen getragen wurde. In allen Bereichen des Lebens wurden neue Konzepte, Forderungen, Utopien etc. entwickelt. Daraus entstand die feministische Forschung, die noch immer in dieser Bewegung wurzelt. Die Männerforschung hat sich aus der feministischen Forschung entwickelt und ist ein Teil davon. Es gab allerdings niemals einen breiten politischen Hintergrund, weder Demonstrationen, autonome Gruppen, Dachverbände, internationale Verbindungen, Befreiungsbewegungen, die von Männern ausgingen, um Männer zu befreien. Somit wurzelt auch die Männerforschung in der feministischen Frauenbewegung und dies ist zu benennen.

Minna Antova
geboren in Sofia, gestaltete den ehemaligen jüdischen Bet-Pavillon auf dem Campus der Universität Wien neu. Ein begehbarer Kunstraum “DENK-MAL - Marpe Lenefesh” mit eingelassenen Texten im Außenbereich, die den alltäglichen Weg unterbrechen lassen, Glaskonstruktionen als Ersatz für zerstörte Bauelemente und Glasschichten als Geschichtschronik am Boden beschreiben die Geschichte von Unterdrückung, Verfolgung und Gleichgültigkeit. Farbenfrohe Fresken erinnern an die vielfältige, lebendige Kultur der jüdischen Menschen.

Unterrichtsprinzip 7

“So wichtig und bedeutend in der Praxis all die Reformentwürfe für eine stärkere Förderung der Mädchen in der Koedukation auch sind, es wäre doch ziemlich naiv zu erwarten, die patriarchalische Gesellschaft gebe uns eine Chance, die zu erziehen, die sie stürzen werden.”

(Ingrid Strobl, Autorin und Journalistin)

Diese Worte aus dem Jahre 1981 beschreiben auch die Lage der jetzigen Gleichstellungsforderungen. Gender Mainstreaming ist von den Herrschenden installiert worden und wir dürfen nicht erwarten, die Herrschenden würden den Frauen eine Chance geben, die patriarchale Gesellschaft grundsätzlich zu verändern. Für Frauenräume und Frauenorte ist es mittels Gender Mainstreaming schwieriger geworden, zu öffentlichen Geldern zu kommen. Damit sich tatsächlich etwas verändert, muss es autonome Frauenorte geben. Fraueneigene Räume sind Bedingung für einen Teil der feministischen Erwachsenenbildung. Fraueneigene Räume bedeuten Schutz vor Gewalt und Funktionalisierung und sind zugleich Freiraum zur Entwicklung neuer Strukturen. Fraueneigene Räume, deren Ziel es ist, am Geschlechterverhältnis grundlegend etwas zu verändern, können nicht nur in Form von Nischen im patriarchalen, zwangsheterosexuellen, von Männern bestimmten Rahmen und im Alltag bestehender Bildungseinrichtungen und ähnlicher Organisationen und Strukturen fungieren. Sie sind nur wirksam als ganzheitliche Modelle, als vom patriarchalen Zugriff in jeglicher Form soweit wie möglich geschützter Frauenalltag, als eigenständige Orte, über die ausschließlich die Frauen und ihre Lehrenden verfügen. Sie sind darüber hinaus gesellschaftliche Signale positiver Wertschätzung von Frauen, Mädchen und Weiblichkeit.

Lena Vandrey
Die deutsch-französische Künstlerin Lena Vandrey ist eine feministische Kulturarbeiterin. Ihre Arbeit besteht aus Texten, Zeichnungen, Malerei, Skulpturen, Bauten, Sammlungen zu einer möglichen feministischen Kultur in allen unmöglichen Aspekten. Auch ihre Sammlung der “Nonnenkästen”, eine Darstellung des Lebens vieler Nonnen, beeindruckt.

Unterrichtsprinzip 8

“Denken müssen wir. Wir wollen nie aufhören zu denken - in welcher Art von Kultur befinden wir uns? Was sind das für Zeremonien, und warum sollten wir an ihnen teilnehmen?”

(Virginia Woolf, Schriftstellerin)

Nur die Ausbildung einer hohen sozialen Kompetenz bewahrt Menschen vor Größenwahn und vor Machtmissbrauch. Zur Vermittlung hoher sozialer Kompetenz sind neue Formen des Lernens und Lehrens unerlässlich. Wenn wir die Frage von Virginia Woolf ein wenig verändern und fragen: “Was sind das für Regeln, und warum sollten wir uns an sie halten?”, kommen wir diesen neuen Formen sehr schnell auf die Spur. Die Reaktion des Mädchens, das weinte, wenn es das Spiel verlor, und weinte, wenn es gewann, weil dann seine Freundin verlor, und unter Tränen die Frage stellte: “Gibt es nicht ein Spiel, bei dem wir beide gewinnen?”, führt in die richtige Richtung. Hohe soziale Kompetenzen zu vermitteln, ist eine aufregende Sache.

Ein Beispiel aus der Welt des Männerfußballs: In Papua Neuguinea wird nach der ersten Halbzeit der beste Spieler der führenden Mannschaft gegen den schlechtesten Spieler der anderen Mannschaft getauscht, damit das Spiel spannend bleibt. Ein anderes Beispiel aus der Mädchenwelt der Virginia Woolf - Feministische Mädchenschule. Die Mädchen in unterschiedlichen Lebensaltern (zwischen 5 und 11 Jahren) veränderten so lange die Regeln, bis das Spiel gerecht geworden war. Das bedeutete, dass für jedes Mädchen von den Mädchen selbst eine eigene Regel entwickelt wurde, je nach Alter, Schnelligkeit, momentaner Befindlichkeit usw. Dieses Ausloten der Regeln konnte um einiges länger dauern als das Spiel selbst. Bei einem Wettlauf zum Beispiel starteten die Mädchen an völlig verschiedenen Punkten. Das Spiel wäre sonst ja langweilig, wenn nicht alle die gleichen Chancen hätten zu gewinnen.

Dass eine Welt ohne Wettbewerb und Konkurrenz langweilig sein könnte, ist nicht zu befürchten. Die Lebenslust und die Liebe zu Lebendigem, die Steigerung der Lebensfreude in Kunst und Festen und das behutsame Erforschen der Wunder der Natur lassen genug Raum für Atemberaubendes. Ein weiteres Beispiel dieser wunderbaren sozialen Kompetenzen ist ein Kunstwerk der japanisch-amerikanischen Künstlerin Yoko Ono, das im Museum Ludwig in Budapest zu sehen ist.

Yoko Ono
Ein Schachspiel mit dem Namen Play it by trust, bei dem die Spielfiguren beider Parteien weiß sind. Das Spielen mit diesem Spiel erfordert große Klugheit, sehr gute Merkfähigkeit und großes Vertrauen zueinander, um spielen zu können. Das Kunstwerk setzt die BetrachterInnen in Erstaunen darüber, wie sehr frau/man auch anders denken kann - weit über das Brett hinaus und über Jahrhunderte alte Spielmuster hinweg.

Fazit

Wir brauchen weiterhin dringend Feminismus in seiner ganzen Vielfalt. Feminismus ist gerade dann, wenn Frauen unabhängig, eigenständig, frei, gleichgestellt (angeblich?) und emanzipiert sind, notwendiger denn je. Wir brauchen Feminismus, wenn viele Frauen die Möglichkeit haben, einflussreiche Positionen und Ämter zu übernehmen, nicht einzelne Frauen, sondern ganze Gruppen von Frauen, die immer wieder auch die Mehrheit bilden, wenn sie nicht mehr einfach überlieferten Rollenklischees folgen können, sondern wenn jede dieser Frauen ihre eigenen Lebensentscheidungen treffen muss, Alternativen finden muss, neue Regeln erfinden muss. Öffentlich und privat brauchen Frauen dringend Feminismus. Die Lebensentscheidungen, Alternativen und Regeln, mit denen Frauen die Gesellschaft prägen und für die sie selbst auch die Konsequenzen zu tragen haben, sind so wichtig, dass Frauen sich darüber verständigen müssen, was sie wollen, was sie richtig finden, was sie tun, was sie nicht (mehr) tun und wofür sie bereit sind zu kämpfen, und dazu brauchen sie einen lebendigen Feminismus und wollen ihn auch! Dazu das “größte” feministische Kunstwerk: “The Dinner Party” von Judy Chicago und ca. 500 Mitarbeiterinnen und einigen Mitarbeitern.

Judy Chicago
1971 gründete Judy Chicago gemeinsam mit Miriam Shapiro das “CalArts Feminist Art Program” für das California Institute of the Arts. Sie waren die Organisatorinnen einer der ersten feministischen Kunstausstellungen, “Womanhouse” im Jahre 1972. Am bekanntesten wurde Judy Chicago für ihre Arbeit The Dinner Party (1974 bis 1979). “The Dinner Party” ist eine Femmage an die Geschichte der Frauen in Form eines dreieckigen Tisches, der mit symbolischen Tellern gedeckt ist, die 39 berühmte weibliche Ehrengästinnen - darunter Virginia Woolf, Giorgia O'Keefe, Eleonore von Aquitanien, eine Amazone - repräsentieren.

DIE AUTORIN:

Ruth Devime
Koragogin (=ehemals feministische Pädagogin), begeisterte Feministin, streitbare Rednerin, freie Autorin bei diestandard.at, eifrige Biogärtnerin. Mitbegründerin und Exmitarbeiterin der “Virginia Woolf - Feministische Mädchenschule”, Erwachsenenbildnerin in Praxis und Lehre (u. a. an der VHS-Urania), Mitherausgeberin (mit Ilse Rollett) der Bücher “Mädchen bevorzugt” und von “Frauen, die auszogen und freie Schulen gründeten” (mit Maria-Luise Botros). Liebt die neuen (Multi-)Medien und schreibt (derzeit mit Dagmar Benedikt an einem Buch über Frauenkultur), lebt und arbeitet exklusiv mit Mädchen und Frauen und das mit höchstem Vergnügen. Pendelt zwischen dem ungarischen Dorf Pázmándfalu und der Stadt Wien, zwischen Ost und West und zwischen Praxis und Theorie.
frauenzeit.at.tf

LITERATUREMPFEHLUNGEN:

Ballauf, Karin/Kopf, Martina/Meraner, Johanna (Hg.) (2000): Die Sprache des Widerstandes ist alt wie die Welt und ihr Wunsch. Frauen in Österreich schreiben gegen Rechts. Wien: Milena.
Botros, Maria-Luise/Devime, Ruth (Hg.) (2000): Frauen, die auszogen und freie Schulen gründeten. Wien: Milena.
Devime, Ruth/Rollett, Ilse (Hg.) (1994): Mädchen bevorzugt. Feministische Beiträge zur Mädchenbildung und Mädchenpolitik. Verband Wiener Volksbildung.
Gimbutas, Marija (1995): Die Sprache der Göttin. Das verschüttete Symbolsystem der westlichen Zivilisation. Frankfurt am Main: Zweitausendeins.
Meier-Seethaler, Carola (2007): Macht und Moral. Zürich: Verlag Xanthippe.
Meixner, Gabriele (1995): Frauenpaare in kulturgeschichtlichen Zeugnissen. München: Frauenoffensive.
Pusch, Luise F. (Hg.) (2002): Berühmte Frauen. Band 1-3. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Raymond, Janice G. (1987): Frauenfreundschaft. Philosophie der Zuneigung. München: Frauenoffensive.
Rohr, Barbara (1999): Die allmähliche Schärfung des weiblichen Blicks. Eine Bildungsgeschichte zwischen Faschismus und Frauenbewegung. Hamburg: Argument-Verlag.
Schultz, Dagmar (Hg.) (1991): Macht und Sinnlichkeit. Ausgewählte Texte von Audre Lorde und Adrienne Rich. Berlin: Orlanda Verlag.
Strobl, Ingrid (1989): Frausein allein ist kein Programm. Freiburg: Kore Verlag.
Wittig, Monique/Zeig, Sande (1983): Lesbische Völker. Ein Wörterbuch. München: Frauenoffensive.
Woolf, Virginia (1987): Drei Guineen. Essay. München: Frauenoffensive.

Dieser Artikel ist erschienen in: MAGAZIN erwachsenenbildung.at. Das Fachmedium für Forschung, Praxis und Diskurs. Ausgabe Nr. 3, Februar 2008

Foto: K.K.



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