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MAGAZIN

DIE FRAUENSTADTGESCHICHTE WIENS

© Irmgard Neubauer (08.10.08)


Geschichte

Irmgard Neubauers aktuelles Forschungsprojekt

In einem umfangreichen Werk soll ein exklusiver Blick auf die Geschichte Wiens gezeigt werden - und zwar aus der Perspektive der Frauen. Das Buch soll eine Korrektur jener Vorstellung geben, die uns Frauen vermittelt wird: Nämlich, dass es kaum bedeutende Frauen in der Geschichte gab.



Fotos: ©: Irmgard Neubauer

aben Sie schon mal von der “Venus von Penzing” gehört? Kennen Sie das Frauenwahlrechtslied von Therese Schlesinger? Was wissen Sie über Irene Harand? Kennen Sie den Namen der Frau, die den ersten österreichischen Arbeiterinnenstreik organisierte? Sagt Ihnen der Name Ada Christen etwas? Wo und wie wird heute noch an Widerstandskämpferinnen wie zum Beispiel Hedy Urach, Grete Jost oder Helene Potetz erinnert? Was wissen Sie über das erste Altersheim für Frauen in Wien? Und was hat es mit Else Federn und dem “Ottakringer Settlement” auf sich? Wo begegnen wir Adelheid Popp und dem Arbeiterinnen-Bildungsverein?

Kennen Sie das Schmauswaberl? Oder die Sage von der rauflustigen Bognerin? Was hat die Schauspielerin Dorothea Neff so Außergewöhnliches gemacht, dass sie zu den “Gerechten Österreichs” zählt? Was geht uns Karoline von Perin und der von ihr gegründete “Erste Wiener Demokratische Frauenverein” an? Was ist so interessant an Gabriele Possaner oder Margarethe Hilferding? Warum musste die Philosophin Helene von Druskowitz 27 Jahre ihres Lebens in der Psychiatrie verbringen? Was wissen Sie über die Frequenzsprung-Technik und deren Wiener Erfinderin Hedy Lamarr? Warum soll die Arnezhoferstraße im 2. Bezirk in Stella-Steinmetz-Straße umbenannt werden? Was führte zu Wiens einzigem Hexenprozess und wer war die Angeklagte? Wo befand sich die erste Schule, an der Mädchen in Österreich die Matura ablegen konnten? Kennen Sie Johanna von Pfirt - und haben Sie schon mal von ihrem Frauenspital gehört, welches sie im 14. Jahrhundert im heutigen 6. Bezirk, stiftete?

Wenn Sie die Mehrheit der Fragen mit einem glatten “Nein, kenne ich nicht, habe ich noch nie gehört!” beantworten, dann sind Sie (leider!) nicht allein. Schuld daran ist die traditionelle, männliche Geschichtsschreibung (dazu gehört auch unsere Schulbildung), die Frauen und ihre Leistungen nicht erwähnt. Das gilt es zu ändern.

Ein anderer Blick auf Wien

Mein Buch soll einen exklusiven Blick auf die Geschichte Wiens vermitteln - und zwar aus der Perspektive der Frauen. Es soll eine Korrektur jenes Blickwinkels, jener Vorstellung geben, die uns Frauen vermittelt wurde und auch heute immer noch wird: Nämlich, dass es kaum bedeutende Frauen in der Geschichte gab, dass Frauen keine wesentlichen Beiträge zur Geschichte geleistet hätten.

Doch in Wien gab (und gibt es) zahlreiche Schriftstellerinnen, Ärztinnen, Komponistinnen, Schauspielerinnen, Wissenschafterinnen, Frauenrechtlerinnen, Arbeiterinnen, Widerstandskämpferinnen, fromme und weniger fromme Frauen... All diese Frauen, von der traditionellen Geschichtsschreibung verschwiegen und ignoriert, sind unsere Geschichte!

Orte & Worte von Frauen: eine Spurensuche in Wien

Fotos: ©: Irmgard NeubauerWelche dieser Frauen wurden mit einem Straßennamen, einem Denkmal, einer Gedenktafel oder sonst wie geehrt und sind somit heute noch im Stadtbild Wiens (wenn zumeist auch nur für aufmerksame Augen) sichtbar? Wer waren diese Frauen - was haben sie gemacht, wo haben sie gelebt und gearbeitet, wie haben sie die Stadt Wien geprägt? Welche Frauen sind - meist unverdienterweise - so sehr in Vergessenheit geraten, dass nichts mehr an ihr Wirken und ihre Leistungen erinnert? Wo und wie können wir trotzdem Spuren und Orte in Wien, wo diese Frauen gelebt und gearbeitet haben, finden?

Aufbau, Inhalt und Ziel des Buches “Frauenstadtgeschichte Wiens”

Das Buch ist nach Bezirken geordnet, so dass interessierte Leserinnen sich anhand des Buches selbst auf die spannende Reise zur Frauengeschichte - zum Beispiel in ihrem eigenen Wohnbezirk - begeben können: Eine Auflistung und Beschreibung der Straßen, Gassen, Wege, Plätze, Brücken, Parks, Gemeindebauten & Höfe, die nach Frauen benannt sind; Gedenktafeln, auf denen an Frauen erinnert wird, Friedhöfe mit Gräbern berühmter Frauen, Darstellungen mythologischer Frauen (Allegorien, Göttinnen); Wohnorte und Orte von beruflichem Wirken von Frauen (sowohl solche mit als auch solche ohne Gedenktafeln); sowie Orte, an denen Frauengeschichte geschrieben wurde.

Natürlich werden nicht nur die Orte an sich aufgelistet, sondern auch, an welche Frauen wir hier denken können beziehungsweise welche frauengeschichtlich relevanten Ereignisse hier stattfanden. Alle in meinem Buch beschriebenen Orte habe ich selbst aufgesucht und mich damit nicht nur auf Quellen und Beschreibungen anderer verlassen. Manche Frauen werden genauer und ausführlicher beschrieben - jedoch nicht nur “berühmte” Frauen sollen hier porträtiert werden, auch unbekannte Frauen sollen ihren Platz darin finden. Befreit vom männlichen Blick auf die Geschichte, befreit von der Vorherrschaft männlicher Maßstäbe und Vorurteile, soll der Anteil von Frauen am politischen, kulturellen und privaten Geschehen Wiens erforscht werden. Wichtig ist mir dabei auch der lesbische Blickwinkel!

Herstory und History

Auguste Fickert Denkmal im Türkenschankpark, Wien. Foto: ©: Irmgard NeubauerDie Forschung über Frauengeschichte, über den Anteil der Frauen in der menschlichen Geschichte wird - in einer Analogiebildung zum englischen Wort HIStory - auch HERstory genannt. Herstory ist ein Teilbereich der Geschichtswissenschaften und der Geschlechterforschung und zeigt unter anderem auch auf, wie schwierig es auch heute noch ist, die Frau als Akteurin in den von Männern fixierten und tradierten Quellen wiederzufinden.

Ein wichtiger Aspekt der feministischen Geschichtsforschung ist es daher, die Existenz und die Lebenswege von Frauen aufzuzeigen, die von der herkömmlichen Geschichtsschreibung schlichtweg übergangen wurden: Weibliche Lebensentwürfe sollen aus dem Dunkel der scheinbaren Geschichtslosigkeit gelöst werden und sichtbar gemacht werden. Dabei müssen unbekannte Quellen ausfindig gemacht werden, so wie auch bereits bekannte Quellen neu interpretiert und anders gelesen werden müssen. Frauengeschichtsforschung bringt einen anderen Blickwinkel in die herkömmliche Geschichtsschreibung: eine Perspektive, aus der alle historischen Zusammenhänge neu interpretiert werden müssen. Der feministische Blick ist dabei wesentlich - denn ohne eigene Geschichte ist Frauen die Möglichkeit einer kollektiven Identität und eines historischen Selbstbewusstseins abgeschnitten. Jede Frau ändert sich, wenn sie erkennt, dass sie eine Geschichte hat (Gerda Lerner).

Die Auseinandersetzung mit Frauengeschichte erschließt uns eine neue Welt und öffnet uns die Augen dafür, dass Frauen nicht nur als unsichtbare Helferinnen und Unterstützerinnen in ihrer Rolle als Gattin, Hausfrau, Mutter, Schwester, Tochter ihres mehr oder weniger berühmten Ehemannes, Bruders, Vaters, Sohnes dienten, sondern ebenfalls historisch aktive und handelnde Personen waren (und sind!). Und damit wandelt sich auch das Bild des Mannes in der Geschichte: Geschichtsschreibung gewinnt dadurch eine neue Dimension, denn Frauengeschichtsforschung fördert eine gerechtere Beurteilung historischer Verläufe.

Warum Frauengeschichte wichtig ist

Frauenpaar am Josefsplatz, Wien. Foto: ©: Irmgard NeubauerGeschichte ist ein Prozess, eine Rekonstruktion der Vergangenheit aus heutiger Sicht. Doch in der traditionellen, männlich dominierten Geschichtsschreibung sind Frauen unsichtbar gemacht worden: die Namen und die Leistungen von Frauen wurden geleugnet, “vergessen” und sind damit im allgemeinen Bewusstsein ausgelöscht. Diese konventionelle und starre Selektivität der von Männern geschriebenen Geschichte, die Frauen und ihre Leistungen ignoriert, hat dabei den Anteil der Frauen an der gemeinsamen Geschichte lange übersehen: Frauen waren unsichtbar geblieben, wurden nicht erwähnt - weil ihre Geschichte männlichen Historikern schlichtweg unwichtig erschien. Die wenigen Frauen, die im Allgemeinbewusstsein vorhanden sind, sind eher “Ausnahmefrauen” und spiegeln nicht die tatsächliche Geschichte, den realen Alltag von ganz “normalen” Frauen wider: Biografien beschreiben oft nur herausragende Frauengestalten (wie zum Beispiel Sissi, Maria Theresia,..) und verlieren sich dabei auch nur allzu häufig im Anekdotischen.

Ein zusätzliches Problem der traditionellen Geschichtsschreibung besteht darin, dass Frauen fast ausnahmslos in ihren Beziehungen zu Männern dargestellt werden, und zwar als Ehefrau von ..., Schwester von..., Tochter von..., Mutter von... - und dabei selten als eigenständig denkende und handelnde Personen wahrgenommen werden. Weiters hält dieser selektive Blick starr an männlichen Lebensentwürfen als Norm, die als Maßstab für alle gilt, fest - und übersieht dabei, dass alles, was Frauen geleistet haben - egal, ob sie Künstlerinnen, Widerstandskämpferinnen, Arbeiterinnen oder ganz was anderes waren - nur im ständigen Widerstand gegen die konventionelle Auffassung der Rolle als Frau möglich war. Foto: ©: Irmgard NeubauerEine Rolle, die sie - im Unterschied zu Männern - zwang, ihren Aktivitäten zusätzlich zu ihren Pflichten wie Haushaltsführung, Versorgung und Ausbildung der Kinder und vieles mehr nachzukommen.

Als Beispiel bringe ich hier die Komponistin und Pianistin Clara Schumann, die zwar keine Wienerin war; jedoch die Probleme, mit denen sie zu kämpfen hatte, lassen sich nicht auf eine bestimmte Stadt oder ein bestimmtes Land zurückführen, sondern spiegeln deutlich die Lebensumstände und vor allem Widerstände wider, mit denen alle Frauen - ob berühmt oder nicht - an allen Orten und zu allen Zeiten zu kämpfen hatten: Clara Schumann, die mit ihren Konzertreisen den Lebensunterhalt ihrer großen Familie (acht Kinder und einen psychisch kranken Ehemann) finanzierte und einen dementsprechend großen Haushalt zu versorgen hatte, klagte in ihrem Tagebuch:

“Mein Klavierspiel kommt wieder ganz hintenan, was immer der Fall ist, wenn Robert komponiert. Nicht ein Stündlein vom ganzen Tag findet sich für mich!”.
Clara Schumann

Nicht nur Clara Schumann, sondern auch viele andere Frauen - ob anerkannt und berühmt oder nicht - mussten ihre Interessen hinter jene des Mannes zurückstecken... Die amerikanische Künstlerin Judy Chicago schreibt über “Frauen in der Kunst” folgendes (und ihre Aussage gilt genauso für die Thematik “Frauen in der Geschichte”):

“Es sind jedoch zu wenig Männer bereit zu akzeptieren, dass sie eine ganze Menge von Frauen und deren Kunst lernen können. Eine Erklärung für diese Verweigerungshaltung liegt vielleicht darin, dass es für viele Männer einfach schwierig ist, sich einer anderen Sichtweise zu öffnen, zumal sie dann auch anerkennen müssten, dass die Universalität der Perspektive, die von männlicher Kunst allzu oft in Anspruch genommen wird, in Wirklichkeit eine von männlicher Erfahrung geformte und deshalb zwangsläufig begrenzte Sicht der Welt ist. Sie basiert im allgemeinen auf dem Privileg, in einer männlich dominierten Welt Mann zu sein.”
Judy Chicago

Oder wie die Linguistin und Professorin für Sprachwissenschaft Luise F. Pusch bemerkt:

“Für nichts wird so viel Reklame gemacht wie für Männer. Unentwegt erinnern sie an sich selbst: auf Geldscheinen, Briefmarken und Gedenkmünzen, mit Bronzebüsten und Straßenschildern, in Lexika und Zitatensammlungen. Männer übererben nur, was sie ererbt von ihren Vätern haben - an das “mütterliche” Erbe müssen wir Frauen uns schon selbst erinnern.”
Luise F. Pusch

Genau das soll mit diesem Buch geschehen.

DIE AUTORIN:

Irmgard Neubauer
Jahrgang 1970, gelernte Buchhändlerin, ausgebildete Flötistin; war knapp 10 Jahre im IT-Bereich tätig und widmet sich seit einigen Jahren gänzlich der Frauengeschichtsforschung und Erwachsenenbildung. Sie hält Vorträge zu den Themen “Frauengeschichte”, zuletzt über Betty Paoli im “Institut für Wissenschaft & Kunst” in Wien, macht Schulungen & Trainings für Mädchen & Frauen im IT-Bereich und gibt ihr Wissen als Kräuterfrau in Kräuterkursen & Kräuterspaziergängen weiter. Seit über 20 Jahren streift sie mit Kamera und Notizblock durch Straßen, Plätze, Parkanlagen, Häuser & Hinterhöfe, Friedhöfe, Museen, Ausstellungen, Kirchen, Archive & Bibliotheken - in der Stadt und auf dem Land - manchmal gemeinsam mit Freundinnen, manchmal alleine und immer auf der Spurensuche von Frauen...
www.frauenwissen.at

Fotos: © Irmgard Neubauer



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*Die Frauenstadtgeschichte Wiens


Irmgard Neubauer
14.10.08 07:40

Irmgard Neubauers aktuelles Forschungsprojekt

In einem umfangreichen Werk soll ein exklusiver Blick auf die Geschichte Wiens gezeigt werden - und zwar aus der Perspektive der Frauen. Das Buch soll eine Korrektur jener Vorstellung geben, die uns Frauen vermittelt wird: Nämlich, dass es kaum bedeutende Frauen in der Geschichte gab.

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*Re: Die Frauenstadtgeschichte Wiens


Gästin
14.10.08 07:42

Bravo Irmgard Neubauer! Mir gefällt das sehr sehr gut! Macht Mut und lindert die Wut im Bauche - über so viel Mist, der tagtäglich von "geschichtsschreiben" Männern gebaut wird!
Ich wünsche Dir viel Kraft, um weiter zu forschen und zu schreiben!
Feministische Umarmung
I.


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