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KEINE TOCHTER AUS GUTEM HAUSE© Leni Kastl (04.11.08)
Johanna Elberskirchen (1864-1943)
Die Frauenrechtsaktivistin Johanna Elberskirchen ist heute hauptsächlich durch Zitate bekannt, so wie dieses: “Sind wir Frauen der Emanzipation homosexual - nun dann lasse man uns doch!” Christiane Leidinger machte sich auf die Suche nach der Frau hinter diesen Worten.
ie frühe Frauenrechtsaktivistin Johanna Elberskirchen ist heute hauptsächlich durch Zitate aus ihren zahlreichen Schriften bekannt, so wie dieses: “Sind wir Frauen der Emanzipation homosexual - nun dann lasse man uns doch!” Christiane Leidinger hat sich auf die Suche gemacht nach der Frau hinter diesen Worten.
Und sie hat Vieles gefunden, denn die Tochter kleiner Kaufleute aus Bonn engagierte sich in vielen Bewegungen ihrer Zeit. Nachdem sich Johanna Elberskirchen den Zugang zum Studium der Medizin in der Schweiz erkämpft hatte, wurde sie bald wegen ihrer öffentlichen Unterstützung ihrer Freundin und späteren Lebensgefährtin gegen ihren unterdrückerischen Ehemann von diesem juristisch verfolgt. Doch Johanna Elberskirchen gibt ihren Kampfgeist nicht auf und setzt sich weiter ein - als Rednerin, Schreiberin und Aktivistin - für die Rechte der Frauen auf das Wahlrecht und auf selbst bestimmtes Leben, worin sie auch selbst bestimmte Sexualität mit einschloß. So engagierte sie sich unter anderem auch im von Magnus Hirschfeld ins Leben gerufenen Wissenschaftlich-humanitären Komitee, in der sozialdemokratischen Partei und der Frauenstimmrechtsbewegung. In all diesen Bewegungen macht sie sich nicht nur beliebt, sie ist keine Bürgerliche, ist unbequem und hat als Studienabbrecherin keinen auch damals in vielen Bewegungen wichtigen akademischen Grad vorzuweisen. Als die Nationalsozialisten an die Macht kommen, ist es mit politischen Aktivitäten nicht nur aus Altersgründen vorbei. Sie praktiziert als Naturärztin und lebt mit ihrer letzten Lebensgefährtin in einem Haus, in dem sie auch ihre beiden politisch und gesellschaftlich entgegengesetzt eingestellten Schwestern aufgenommen hat.
Ich finde die hier vorgestellte Lebensgeschichte Johanna Elberskirchens sehr zum Nachdenken anregend, offenbar war sie nicht nur eine Vielfältige, sondern auch eine Getriebene. Welchen Platz hätte sie in unserer Zeit? Würde als konkreter Zeitgenossin ihr Kampfgeist geschätzt oder würde sie als über das Ziel hinaus schießend empfunden werden und würde ebenfalls von Gruppe zu Gruppe wandern? Welches Altwerden steht so mancher von uns noch bevor?
Erstaunlich ist die akribische Recherchearbeit Christiane Leidingers, so werden auch die Wohnadressen von Nebenpersonen auf die Hausnummer genau angegeben. Aber das wirklich Besondere ist die genaue kritische und doch auch behutsame inhaltliche Analyse sowohl der Schriften Elberskirchens als auch der Phänomene ihrer Zeit. So wiegt sie zum Beispiel genau Elberskirchens Wortwahl angesichts des eugenischen Zeitgeists ab und erspart sich nichts durch vorschnelles Be- oder Entschuldigen. Auf diese Weise erfahren wir auch diskriminierende Einstellungen angesehener feministischer Bezugspersonen. Des Weiteren erfährt die Leserin dank der intensiven Recherchearbeit auch viel anderes Wissenswertes über die Jahrhundertwende- bis Zwischenkriegszeit, zum Beispiel woher das korsettlose Reformkleid stammt oder über die Wurzeln der Naturheilkunde in Deutschland. Dieses weite Ausholen lenkt einerseits vom konkreten Leben Johanna Elberskirchens ab, baut aber auch einen Rahmen, um diesen Lebensweg besser verstehen zu können.
Christiane Leidinger hat schon als Mitherausgeberin von “In Bewegung bleiben. 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben” daran gearbeitet, Lesbengeschichte vor dem Vergessen zu bewahren. Nun ist ihr auch für die umfangreiche und intensive Forschungsarbeit zum Leben Johanna Elberskirchens zu danken.
 Christiane Leidinger Keine Tochter aus gutem Hause Johanna Elberskirchen (1864-1943)
UVK Verlagsgesellschaft, 2008 480 Seiten, gebunden €D 24,90 / €A 25,60 / sFr 44,00 ISBN: 978-3-86764-064-0
Buch bestellen (bei Berta - Bücher und Produkte, Graz)
LINKTIPP: www.lesbengeschichte.de
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