|
Login
Information
Kommunikation
|
Frau-Sein / Lesbe-Sein in Indien und Nepal (1)© Barbara Tiwari (12.01.04)
Beobachtungen und Überlegungen Teil I
Am 9. September letzten Jahres informierte "The Indian Express": "The Central Government has informed the Delhi High Court that homosexuality cannot be legalised in India as the “Indian society is intolerant to the practice of homosexuality/lesbianism." - Warum kann diese Lebensform in Indien nicht akzeptiert werden ? Was könnten die Hintergründe sein? Dieser Frage geht Barbara Tiwari hier nach. (In zwei Teilen.)
Am 9. September letzten Jahres informierte “The Indian Express«: The Central Government has informed the Delhi High Court that homosexuality cannot be legalised in India as the “Indian society is intolerant to the practice of homosexuality/lesbianism.« – Centre says being gay will remain a crime, its reason: our society doesn’t tolerate it. Quelle: The Indian EXPRESS
ch möchte hier im Speziellen und Besonderen nur auf die Problematik der Frau eingehen. Es gibt genug Materialien, die auf die Problematik des Mannes dazu eingehen. Man sieht auch an den Reaktionen dieses Zeitungsartikels, dass Männer, die sich dazu äußern, ein leichtes Spiel haben. - Und man kann darin genau erkennen, wer da welche Einstellung vertritt. - Und auch deshalb, weil mit "Homosexualität" Männer gemeint sind, auch in diesem gesamten Artikel, - "lesbianism" ist das einzige Wort darin, dass den Frauen gilt. - Und diese Einstellung gilt egal in welchem Land dieser Erde. – Es ist wirklich so, als würden Lesben an manchen Orten überhaupt nicht existieren.
Aber um diese "Nachricht" verstehen zu können, warum das in den nächsten Jahrzehnten, meiner Meinung nach, ganz sicher nicht durchgehen wird, trotz des großen westlichen Einflusses, müssen wir uns die Stellung der Frau in diesem Land genauer ansehen.
Mein Bezug zu diesem Thema
Ich werde hier meine ganz persönliche Meinung und Einstellung wiedergeben, die ich aus vielen Beobachtungen und Erfahrungen in Zentralasien gewonnen habe. Auch sind alle Beschreibungen vollkommen unabhängig vom gängigen Kastensystem. – Ich muss zugeben, ich hatte niemals Kontakte zu den oberen, reicheren Leuten. Ich beschreibe hier die Situation der Mittel- oder Unterschicht, der ganz normalen Durchschnittsfrau.
Mein Wissen basiert auf Erlebnissen in den Ländern Nepal und Indien. In beiden Ländern gibt es auch die tibetischen Frauen, die durch die Unruhen in Tibet seit den 50er Jahren in diesen Ländern im Asyl leben.
Ich habe in den letzten 20 Jahren insgesamt mittlerweile schon an die 2 Jahre, vorwiegend in Nepal verbracht, immer über 2-4 Monate aufgeteilt. D.h. ich habe auch die Entwicklungen der Gesellschaft und des jeweiligen Landes verfolgen können. Und ich hatte 90% der Zeit, in beiden Ländern, in kleinen Lodges gelebt, die ausschließlich von Einheimischen geführt wurden. Auf diese Weise war ich auch immer sehr nahe dem täglichen Familienalltag.
Durch meine, jetzt geschiedene, 10jährige Ehe mit einem Nepali, woraus ein inzwischen 12jähriger Sohn hervorging, hatte ich auch mehrmals die Gelegenheit, im tiefsten Bergdschungel, abseits von allen öffentlichen Trekkingpfaden, - bei Verwandten, Bekannten oder FreundInnen, das Leben kennen zu lernen. -
Das waren dann immer die wahren Abenteuer, mit Kulturschockgarantie, - besonders als Frau und auch mit meiner Tochter (inzwischen 22 Jahre), gewohnt an die Unabhängigkeit und Anonymität einer westlichen Welt.
In Indien war ich situationsbedingt immer tage- oder wochenweise in und zwischen den Städten unterwegs. – Ich flog niemals direkt nach Nepal, immer mit größeren Umwegen, über Indien und dann mit Anschluss per Bahn und Bus. – Menschen, die solche Wege kennen, wissen, das damit die Gelegenheit, das Land als Ganzes, die Nähe und Gepflogenheiten der Einheimischen mitzuerleben, einzigartig ist.
Inderin, Nepali, Tibeterin – so verschieden in einer Welt
Ganz kurz möchte ich auf diesen Vergleich eingehen, da er mir doch interessant erscheint, und es ist eine Gegebenheit, dass in Indien (und Nepal) ständig alle drei Frauen vertreten sind, und es gibt eine ständiges Kommen und Gehen, ohne Pass und Visa.
Diese Mischung und diese Verschiedenheit gleichzeitig ist zuerst einmal durch die Tatsache geprägt, dass es sich um zwei (lassen wir den Islam heraus, da er im Vergleich nur eine Minderheit darstellt) Hauptreligionen, den vorwiegenden Hinduismus (beide Länder sind als Hindustaaten angesehen) und den Buddhismus handelt. – Dies hat schon einmal einen großen Einfluss darauf, wie Frau sich selbst fühlt, wie sie sich dadurch gibt, und wie sie von außen her behandelt wird.
Die tibetische Frauarbeitet manchmal zwischen indischen/nepalesischen Leuten, aber vorwiegend und großteils verläuft ihr Leben in ihrer eigenen Umgebung ab. Das heißt ihr Leben ist auch von der Religion des Buddhismus sehr geprägt. Eine Tibeterin verhält sich freier. Sie ist dem Mann absolut gleichgestellt. Sie erfährt - so wie es der Buddhismus gegenüber allen Lebewesen lehrt - Achtung, Anerkennung, Dankbarkeit.
Die nepalesische Frau ist hinduistisch, jedoch hat sie das Glück, dass sie in einem sehr fruchtbaren Land lebt, noch immer weit abseits von der Zivilisation. Die Menschen sind generell zufriedener, und das bekommt auch Frau zu spüren. Ein Mann, besonders in den Berggegenden weiß genau - ohne Frau geht gar nichts. - Es gibt keine Kinder, Essen, saubere Kleidung. Er müsste Haus und Feld allein bestellen. In Wirklichkeit hat die Frau dadurch, dass sie alle Arbeit im und um das Haus verrichtet, auch den totalen Überblick und sehr viel Macht. Die Mütter sind es, die bestimmen wann der Sohn heiratet, und somit eine neue Frau ins Haus kommt, und wann eine Tochter verheiratet wird, und sie somit eine “Arbeitskraft« abgeben muss. Und es geht hier aber nicht um Machtausübung, sondern um rein praktische, existenzsichernde Überlegungen.
Es gibt eine eigene Art von Wertschätzung der Frau. Ein Mädchen ist gottgleich, ihr Körper makellos rein. Auf sie wird geachtet, denn sie wird eines Tages – gottgleich – Leben geben. Als hinduistische Frau, hat sie dann jedoch auch alle Gebräuche und Traditionen einzuhalten, jedoch nicht in der gleichen Schärfe, wie in Indien. Hier steht die Familie viel mehr hinter ihrer! Tochter.
Die indische Frau hingegen lernt meist in vollem Ausmaß zu gehorchen, zuerst dem Vater, dann dem Gatten oder Bruder und später dann dem Sohne gegenüber. Alles was von ihr verlangt wird, und was sie auch tut, wird als selbstverständlich angesehen. Und so sieht sie auch ihre Abhängigkeit und Unterwürfigkeit als selbstverständlich und gegeben.
Die aktuelle Stellung der hinduistischen Frau in der Gegenwart
Ich kenne sehr wohl alle diese grausamen Tatsachen - beginnend mit Abtreibung, wenn ein Mädchen zu erwarten ist (inzwischen ist Indien das einzige Land der Erde, wo es mehr Männer als Frauen gibt), Mädchen bekommen schlechteres und weniger Essen, Kindeshochzeiten, Mitgiftmorde, Witwenverbrennungen, Verkauf der Mädchen an Bordelle, misshandelte, verstümmelte Frauen. Und diese Tatsachen sind auf gar keinen Fall zu unterschätzen!
Jedoch sind all diese Vorkommnisse schon lange vom Gesetz her verboten, und doch - wie will man ein so weitläufiges Gebiet, mit so vielen EinwohnerInnen und mit so tief traditionell verwurzelter Lebensweise unter Kontrolle halten, wenn in unseren Polizeistaaten schon manche Auswüchse passieren? Die Situationen sind auch den Umständen entsprechend primitiver. Hier wird eine Frau erschossen, dort wird sie mit Kerosin übergossen und verbrannt.
Aber das ist in beiden Ländern in diesen extremen Formen nicht dauernd an der Tagesordnung. Es gibt in Asien genauso viel Unrecht den Frauen gegenüber, wie in manch anderen Ländern der Welt auch. Es ist eher so, dass mit diesen Berichten der Westen angehalten wird, diese ärmsten Gebiete der Welt zu fördern und zu unterstützen. Was auch ganz sicher berechtigt ist, denn seit der Westen einbezogen wird, gibt es wirklich sehr viele Organisationen, die die Situation, besonders die der Frauen um einiges verbessert haben. So gehen heute auch viele Mädchen in die Schule, und Ausbildung anstatt Verheiratung wird vorgezogen, wenn die Eltern genug finanzielle Mittel dazu haben. Oder gleiche Jobchancen für Frauen, oder Selbstständigkeit in einem Gewerbe für Frauen. Mit dem Lauf der neuen Generationen steigt auch das Selbstbewusstsein der Frauen, und sie merken, dass sie gemeinsam stark sind, und beginnen sich gegen die Unterdrückungen zu aufzulehnen.
Es ist aber auch so, dass diese Gegebenheit der Unterdrückungen über Jahrhunderte lebte, und jetzt erst die Frauen mit ihrer neuen Rolle, mit ihren neuen Rechten, umgehen lernen müssen. Und das ist, was soviel Mühe braucht.
Weil die Frau über all die Zeit ihren Selbstwert verloren hat. – Und hinderlich ist die Tradition der Religion, wo sie vor allem zur Gebärenden und Verpflegenden angehalten wird.
Die hinduistische Frau hat eine eigene Kultur und Identität entwickelt
Trotzdem die Frau nicht als gleichwertiges Wesen zum Mann anerkannt wird, habe ich immer wieder erlebt, das Frauen in Indien/Nepal eine ganz eigene Idee, anscheinend eine ganz eigene Wertung vom Frau-Sein haben, und auf dies möchte ich hier im Besonderen nun eingehen.
Kleidung: Die Art sich zu kleiden, der Sari würde in seiner Form niemals zulassen, dass eine Frau gebückt, ihre Brüste versteckend, sich bewegen könnte. Selbst der vom “Rock« her fortgesetzte Umhang über die Schulter lässt bestätigende Blicke durch. Taille ist offen. Hüftbetont, Scham wie geschützt, durch die Faltenstelle im Vorderteil. Selbst die Arbeitskleidung, der Lungi, ein ca. 2 Meter Tuch, ähnlich einem Wickelrock mit Bauchbinde, ergibt das gleiche Bild, den Ausdruck der Weiblichkeit.
Tanz: Der Tanz gehörte schon immer zu der Tradition des Ausdrucks im asiatischen Raum. Es gibt unzählige Frauenfeste im Jahr. In jedem Dorf und auch in den Städten. Es gibt viele Anlässe, dass Frauen sich zum Tanz treffen. Ihre Bewegungen gehen immer von der Hüfte aus. Sie kann Fürsorge, Liebe, Begehren und auch Zorn, Wut, Abweisung in diesen Schwingungen ausdrücken. Alle Tänze haben traditionellerweise eine Geschichte in sich. Es gibt auch unzählige Musikvideos mit sehr guten modernen Songs, wo dies, die anmutenden weiblichen Bewegungen der Frau, jedoch niemals verloren geht. – Die einzigartige Macht der Weiblichkeit, und wie und wo sie diese einsetzen kann, dessen ist sie sich sehr bewusst.
Körperlichkeit: Frauen in diesen Ländern gehen ganz anders mit - für uns - typischen Krankheiten um. Das ist einfach in keiner Relevanz vergleichbar. Der Großteil dieser beiden Länder ist (Berg-)Dschungel oder Wüste. - Weite, die einfach “unerreichbar« ist, für kleine oder große medizinische Probleme. Menschen/Frauen mussten ihre eigenen Wege finden. – Es gibt alles in der Natur - unzählige Kräuter, Hausmittel. Rituale tragen erfolgreich zur Heilung bei. Blutungen werden so gestoppt. Schmerzen gestillt. Frauen kriegen ihre Kinder ganz natürlich “im Schoß« der Familie. Die Mutter ist seit Anbeginn die erfahrene, vertraute Hebamme.
Den Begriff “Wechseljahre mit all seinen Beschwerden«, gibt es schlichtweg gar nicht. Auch “Pubertät« nicht – Das Mädchen wird zur Frau, und dazu gibt es Rituale und Feste.
Und am Ende verabschiedet sich der Körper von der Arbeit des Kinderkriegenmüssens. Und das ergibt keine Beschwerden, sondern Erleichterung. Dies alles sind natürliche Vorgänge. - Denken wir nur daran, wie viel medizinischen Aufwand all diese Gegebenheiten in unseren Breiten benötigen. Von kleinen bis radikalen operativen Eingriffen beginnend, bis massenweise Hormone ersetzen. Sicherlich hat diese Natürlichkeit auch damit etwas zu tun, dass die Menschen überhaupt ganz andere Probleme haben. Vor allem geht es in solchen Ländern um die reine Existenz, und die Ernährung ist auch eine andere.
Die Menstruation wird von der Religion und der allgemeinen Einstellung der Gesellschaft als unreine Tage gesehen, vor allem im städtischen Raum. Die Frau darf in diesen Tagen niemanden berühren, auch kein Essen/Wasser, Hausarbeit! In der ländlichen Gegend entdeckte ich plötzlich andere Erkenntnisse. Es ist die Zeit des Ausruhens, die Frau darf(!) nichts tun, sie darf(!) zusehen, wie andere das Essen für sie zubereiten. – Sie sitzt außerhalb des Gemeinschaftskreises. Sie geht oft stundenlang eigene Wege – es ist die Zeit des Mit-sich und Für-sich Seins.
Körperpflege: Dies ist eine der wichtigsten Tätigkeiten einer Frau. Und sie versteckt sich dabei nicht in einem verschlossenen Badezimmer. Dies ist sowohl im ländlichen, als auch im städtischen Raum gar nicht möglich. Das Leben spielt sich großteils zum einen generell draußen ab, und zum anderen sowieso immer in Gemeinschaft mit den anderen.
In den Städten gibt es öffentliche Badebassins oder –tempel, oder auch jeder Innenhof hat diese eigene Einrichtung, wo dann auch gleich die Wäsche gewaschen wird. Im ländlichen Bereich gibt es entweder Flüsse, Seen oder die Wasserschläuche enden mitten auf einem Weg, unter einem heiligen Baum, oder an einer geeigneten Stelle neben/vor dem Haus. “Geduscht« wird mit einem Lungi, der den Körper ständig bedeckt, außer die Brust, die muß nicht immer bedeckt sein. Dieses Waschen kann oft ein langes Vorhaben werden. Die Frau geht äußert behutsam mit sich um. Jede einzelne Körperstelle wird sorgfältig beachtet. Nichts vergisst sie. Interessanterweise wird sowohl den Haaren, als auch den Füßen besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Es scheint, als würde sie jeden einzelnen Fleck an sich genau kennen, und umsorgen. Sie wirkt dabei ganz konzentriert, in sich selbst vertieft.
Sexualität: Es ist schwer über die Sexualität der Frauen in diesen Ländern etwas zu erfahren. Sie reden einfach nicht darüber. Es ist wie ein Geheimnis, mit schüchterner, verlegener, lächelnder Scham besetzt. Alle Frauen kennen jedoch das Kamasutra, das ihnen gelehrt wird, von dem Zeitpunkt der ersten Menstruation an. Mütter, Tanten, Geschwister untereinander geben dieses Wissen weiter. Wie und ob es dann auch gelebt wird, hängt jedoch in erster Linie von dem zukünftigen Gatten und den Umständen in der neuen Familie ab.
Mutterschaft: Frauen in diesen Ländern sind geduldige, aufopfernde, selbstlose Mütter. Vom Tag der Geburt an, sorgen sie ununterbrochen für das Kind. Sie tragen das Baby dauernd mit sich, vorwiegend am Rücken, mit einem Tuch um den Körper festgebunden. So verrichten sie alle Arbeiten. Die Kinder werden ungefähr 2-3 Jahre gestillt, oder bis das nächste da ist.
Ein Kind gehört einfach zu den Frauen. Da gibt es keine Überlegung, von wollen oder nicht, oder Gedanken darüber, wie der Körper von diesen vielen Schwangerschaften zerrt, - so wie in unserer westlichen Welt. Eine Frau zu sein, heißt auch irgendwann mal Mutter zu sein. Und die Bereitschaft dazu wird ihnen in der Tradition schon als Mädchen mitgegeben. Ein Kind ist keine Belastung, sondern eine göttliches Geschenk. Was auch deshalb nicht verwundert, da die Säuglingssterblichkeit noch immer enorm hoch ist. Und Kinder sind die einzige sichere Versorgung im Alter.
... FORTSETZUNG (Teil II zu Lesben in Indien)
ZUR AUTORIN:
Barbara Tiwari Psychotherapeutin i.A.u.S. http://fachfrauen.wolfsmutter.com/392
ITERATURHINWEISE:
Chitra Banerjee Divakaruni: Der Duft der Mangoblüten Heyne Verlag, 1998 ISBN: 3-453-16047-9
Inge Anna Winterberg (Hrsgin.): Frauen in Indien Erzählungen dtv - Deutscher Taschenbuchverlag, München 1988 ISBN: 3423108622
FOTOS: Barbara Tiwari, Dreamtime Travel AG
Kommentare unserer Leserinnen...* Du kannst ...:  Es gibt noch keine Leserinnenmeinung zu diesem Artikel. * Für den Inhalt der Kommentare sind die Verfasserinnen verantwortlich.
|