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MAGAZIN

Frau-Sein / Lesbe-Sein in Indien und Nepal (2)

© Barbara Tiwari (30.01.04)


Welt weit

Fakten und Überlegungen
Teil II

Im ersten Teil dieses Artikels habe ich versucht sehr einfühlsam auf die Frau, so wie ich sie immer in Indien und Nepal erlebte, einzugehen. Im zweiten Teil möchte ich nun über die Frau als Lesbe in diesen Ländern berichten. - Um dann im abschließenden Kapitel ganz konkret die Hintergründe herauszuarbeiten, warum denn diese Lebensform nicht akzeptiert werden kann.
Die Fortsetzung von Barbara Tiwari.



Die Sexualität der erwachsenen Frau

ch finde es notwendig an diesem Punkt zuerst nochmals ausführlicher auf die Sexualität der erwachsenen Frau einzugehen:

Mamallapuram/Tamil Nadu C. Meena DashWie schon beschrieben, scheint die Sexualität wie ein großes Geheimnis, mit unglaublicher Scham getragen zu werden. - Warum? -

Nun, es ist wirklich so, dass dieses Thema vollkommen tabuisiert, und mit enormer Ambivalenz vorhanden ist. Einerseits kennen alle von der Religion her das Kamasutra, dass lehrt wie die Liebe gelebt wird. - Man sollte glauben, dass jede Frau weiß, wie sie Sexualität genießen kann. Durch diese Lehre hatte Sexualität auch immer eine sehr natürliche und reine Stellung. - Doch zum krassen Gegensatz besitzt Indien auch die größten Bordellviertel der Welt, und sehr viele Mädchen darin, werden aus Nepal unter Vorwänden dazu angelockt. - Andererseits sind die meisten Frauen, und das egal aus welcher Bildungsschicht, über ihren eigenen Körper manchmal vollkommen unaufgeklärt. Der weibliche Körper ist zwar wichtig als Sexualobjekt des Mannes, und auch als quasi Gebärmaschine für die Altersversorgung, aber da dieser Körper auch als unrein, z.B. in den Menstruationstagen, gilt, wird er auch nicht erkundschaftet oder hinterfragt. - So wie vieles als gegeben genommen wird, so geschieht dies auch mit dem weiblichen Körper.

Sexualität ist großteils nur im Rahmen der Ehe und zum Zwecke der Fortpflanzung akzeptiert.

Die Frau ist der passive Teil im Sexualleben. Der Mann bestimmt, wann und wo und wie Sexualität gelebt wird.

Und dies dient auch nur zur Befriedigung des Mannes, in einem Zeitrahmen von ungefähr zwei Minuten wird "die Sache erledigt". - Vor allem dann, wenn der Gatte von seiner Familie nicht gelernt hat, wie er "damit" umgehen kann. Über Befriedigung der Frau wissen die wenigsten Männer Bescheid, und wenn, dann ist es Nebensache. Auch Frauen wissen oft ihr Leben lang nicht, dass sie einen Orgasmus haben können. - Sexualität ist eine Notwendigkeit im Eheleben.

Das alles wundert nicht, weil Ehen aus Liebe noch immer "Einzelphänomene" sind, da oft schon im Kindesalter, die zukünftigen Eheleute füreinander ausgesucht werden, gleich einem geschäftlichen Abkommen.

Aus Scham darüber, dass manche Frau auch eigene körperliche Gefühle entdeckt, spricht sie nicht über ihre Sexualität.

Und in einer Gesellschaft, in der sexuelle Gefühle so derart tabuisiert werden, ist es natürlich noch viel schwieriger über Homosexualität zu sprechen, über Gefühle die anders sind.

Obwohl Homosexualität in der hinduistischen Kultur, wie wahrscheinlich in jeder anderen Kultur, eine lange Tradition hat !

Frauen, die entdecken, dass sie Gefühle für Frauen entwickeln, haben oft keine Ahnung, wie ihnen geschieht, was mit ihnen los ist. Rajarani Tempel Bubaneshwar / OrissaGefühle, von denen sie noch nie gehört haben. Es ist einfach nicht möglich, mit egal wem darüber zu sprechen. - Das einzige, das sie wissen ist, dass es nicht “normal« sein kann, und das sie Angst haben, einen Mann heiraten zu müssen.

Und allein dieser Druck ist sehr groß, da er auch etwas damit zu tun hat, wie ihre gesamte Familie dasteht. – Heiratet eine Frau nicht, lebt sie (+ Familie folglich) in Schande vor der Gesellschaft.
Frauen, die (auch) Frauen anziehend, erotisch finden, sind oft ein Leben lang damit in der Isolation gefangen, auf einer "verlassenen Insel der Gefühle", und noch dazu besetzt mit unglaublicher Scham darüber.

Homosexualität wird in diesen Ländern verleugnet, fast komplett verschwiegen, belächelt, als "etwas" abgetan, dass es nur in der westlichen Welt gibt. Und noch dazu, gibt es vollkommen veraltete Gesetze (Section 377 des Indian Penal Code), die noch aus der britischen Herrschaftszeit stammen. - In diesen Gesetzen wird Homosexualität als "sodomy - unnatural Acts" bezeichnet. Demnach drohen Homosexuellen bis zu lebenslänglicher Haft, sogar wenn sie in ihren eigenen privaten Räumlichkeiten entdeckt werden. - Diese Gesetze gelten jedoch vorwiegend für die männliche Bevölkerung, besonders erwachsenen Männern gegenüber jungen Buben. Es wurde zwar noch nie eine Frau wegen eines solchen Vergehens verurteilt, aber den Lesben oder bisexuellen Frauen wird damit jedoch im höchsten Masse gedroht.

Obwohl die lesbische Liebe eigentlich gar nicht verboten ist. - Sie existiert eigentlich gar nicht. -

Wenn eine solche Beziehung bekannt wird, gebührt die Autorität darüber allein den Eltern (oder ihren Vertretern) und der Polizei. Dies verhält sich dann in der Realität so, dass eine lesbische Frau von ihrer Familie zur Heirat gezwungen werden muss, wenn sie sich dem widersetzt, wird sie entführt, mit Unterstützung der Polizei, um sie der Zeremonie der “black magic«-Austreibung zu unterziehen, um sie unter diesem psychischen Druck und Zwang, in Folge doch willig für eine Heirat zu machen.

Homosexualität ist auch sonst ganz undurchsichtig, sowohl in den Gesetzen, als auch in der Gesellschaft. Wenn eine Frau mit einer Frau sexuell verkehrt, oder gezwungen wird dazu, und sie dann zur Polizei geht, um anzuzeigen, wird ihr passieren, dass sie, als Opfer, verurteilt wird, weil sie gleichgeschlechtlichen Sex hatte.

Bronze Statue / Tamil Nadu

Viele Frauen, die diese Neigung in sich entdecken, sind auf Grund all dieser Reaktionen der Gesellschaft psychisch sehr labil und gehen, wenn sie die Möglichkeit haben in psychiatrische Behandlung, wo dann das "Krankheitsbild Homosexualität" behandelt wird, und nicht die Symptome, wie Suizidgefahr, Essstörungen, und vieles mehr, als Folge der Nichtakzepttanz der Homosexualität.

Es gibt viele Berichte darüber, was lesbischen Frauen geschieht, wenn die Beziehung bekannt wird. So hatte sich z.B. in Nepal ein 17/18jähriges Mädchenpaar zu ihrer Liebe bekannt, ein männlicher Verwandter ging zur Polizei, sie wurden verhaftet. Es drohte ein Aufstand des Volkszorns, da die Mädchen ja noch sehr jung im Gefängnis landeten. Inzwischen wieder frei, sind sie aber dennoch nicht sicher, da die Nachbarn sie als “Dreck« bezeichnen, der "beseitigt" gehört.

Es gibt auch Frauen, die ihre Brüste entfernen lassen, und ihr Aussehen so verändern, um männlich auszusehen, damit sie mit ihrer lesbischen Freundin ohne Probleme in die Öffentlichkeit gehen können. Lesbische Frauen werden von ihren Familien, unter einem Vorwand, in andere Städte umgesiedelt, abgeschoben, ausgestoßen, in der Hoffnung, das der Kontakt zu deren Freundin abbricht.
Oder andere leben in Scham vollkommen isoliert, im Glauben die einzige Lesbe auf der Welt zu sein.

Wie reagiert und gehandelt wird, hängt sehr stark davon ab, wie die Eltern zu ihrer Tochter stehen, welcher Schicht die Familie entstammt, und ob Stadt oder Land. In der Stadt ist es für die lesbischen Frauen einfacher, weil die Möglichkeit unterzutauchen und sich selbst zu finanzieren leichter ist. In der ländlichen Gegend sind die Auswirkungen viel drastischer.

Der Film “Fire«

"Fire" Filmplakat

Vor einigen Jahren ging auch in Indien der erste, mehrfach ausgezeichnete lesbische Film "Fire" ("Wenn Liebe Feuer fängt" von der feministischen Filmemacherin Deepa Mehta) über viele Kinoleinwände:

Dieser Film wollte belegen, dass es in Indien schon immer Lesben gegeben hat, und zwar in allen Schichten und Bildungsgraden.

Er beschreibt das Leben einer indischen Großfamilie mit zwei Brüdern und ihren Frauen, die in ihren arrangierten Ehen leben, und einen Imbiss betreiben. Die Brüder finden ihren Ausgleich, des allgemeinen sozialen Drucks außerhalb der Familie. Ihre Frauen müssen sich fügen, doch sie verlieben sich ineinander und brechen aus dem Bild der idealen indischen Frau aus, sie wollen sich der Männerwelt nicht unterordnen. Doch nicht nur das, zum Schluss geht eine der Frauen durchs Feuer, und überlebt und beweist damit ihre Reinheit, - dies nach der hinduistischen Legende von Sita und Ram.
Das ist zuviel, - Religionskritik, Homosexualität und Emanzipation in einem Film!

Bislang ist in Indiens Öffentlichkeit Homosexualität kein Thema gewesen, schon gar nicht lesbische Liebe. - In der Sprache Hindi gibt es nicht einmal ein Wort dafür. - "Ihre Isolation und Unsichtbarkeit bedeutete ein Nicht-Vorhandensein kollektiver Identität." (Campain for Lesbian Rights).
In Folge gab es viele versuchte und durchgeführte Proteste und Kampagnen im ganzen Land, um die Verhinderung dieses Films. An vielen Orten musste er abgebrochen werden. Der indische Minister für Information teilte aber mit, "... dass die Regierung Kürzungen an dem Film nicht zustimmt."

Filmszene "Fire"

Dadurch ist das Wort “Lesbe« heute in der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Und es beginnen sich homosexuelle und lesbische Bewegungen zu bilden.
Im Alltag verbringen Frauen die meiste Zeit untereinander, sie sind sich gegenseitig Vertraute. Es ist normal, wenn Frauen sich in den Arm nehmen, Hände halten, usw. - Körperliche Nähe ist in diesen Ländern immer und überall ganz normal. Lesbische Liebe zu leben wäre nicht schwer. Es darf nur nicht öffentlich werden. Und eine Frau darf sich ihrer Aufgabe, Ehefrau zu werden, nicht entziehen. - Aber damit ist auch ein selbstbestimmtes lesbisches Leben nicht möglich.

In Folge gibt es heute, in beiden Ländern verstreut, viele von der Regierung bewilligte Organisationen, wie Beratungsstellen, Telefonhotlines, Selbsthilfegruppen, die versuchen aufzuklären, zu helfen, zu unterstützen. Interessanterweise, oder gerade deshalb, besonders in den südlichen Bundesländern von Indien, wo das Matriarchat noch immer sehr stark überwiegt.

Inzwischen gibt es auch indische Magazine die Lebensgeschichten von Lesben des Subkontinents abdrucken.

Lesben selbst tragen ihre Geschichten zusammen, sie wollen Aufmerksamkeit, damit andere Lesben es leichter haben sich rauszutrauen.

Auch Wissenschaft und Universitäten haben begonnen sich für Homosexualität zu interessieren, und es gibt sogar Buchhandlungen mit feministischer und lesbischer Literatur.
Dieser Film hat bewogen, dass Homosexualität zwischen Frauen nicht mehr völlig! verschwiegen wird. Lesbische Frauen können sich ihre Plätze einrichten, und es gibt eine Szene unter diesen Frauen. - Trotzdem kann sich keine Frau trauen, in der Öffentlichkeit offen zu ihrer Sexualität zu stehen.

Beim ersten "Gay Pride March" in Mumbai am 1.12.2003 nahmen 140 DemonstrantInnen teil © Aanchal Trust In Kalkutta und Mumbai/Bombay, gab es vor kurzem die ersten Gay-Pride-Märsche und lesbisch/schwule Filmfestivals. In Kathmandu gab es auch vor kurzem eine erste öffentliche Modenschau, im National Theatre, wo als Models nur Schwule und Lesben zugelassen wurden. - Der Hintergrund all dieser Veranstaltungen ist, dass sie Homosexualität sichtbar machen wollen, sowie Verbindungen zu den, sich in verschiedenen Teilen Südasiens entwickelnden Gemeinschaften herstellen wollen. -

Und es liegt in der Natur dieser Gesellschaft, dass sie Feste akzeptieren oder sogar mitfeiern, denn sie nehmen alle Feste als willkommene Abwechslung zu dem oft sehr tristen, immer mit existenziellen Sorgen ausgefüllten Alltag.
Und es ist schon ein Fortschritt, insbesondere solche Veranstaltungen, wo es um die Sexualität im weiteren Sinne geht, nicht zu boykottieren.

Meine Philosophie – Eine Weltmacht in den Kinderschuhen

Zu Beginn muss ich erwähnen, Indien gilt heute(!) auch als Weltmacht, die atomare Nuklearwaffen besitzt, genauso wie sämtliche technologischen Neuheiten. - Aber leider mit hilflos sterbenden, kranken und hungernden Menschen auf den Straßen!

Filmszene "Fire"Doch, wie komme ich zu dieser provokanten Ansicht ?!

Oft, wenn ich so manche Situation in diesen Ländern erlebte, dies betraf manchmal Angelegenheiten in Geld oder Visa, oder einfach die Einstellung der InderInnen/Nepali über unsere westliche Welt, - mich entsetzlich ärgerte, und dann später wieder lachen musste darüber, stellte ich immer wieder die Hypothese auf, - eher um mich selbst zu beruhigen, um die Situationen leichter nehmen zu können – "... ein riesengroßer Kindergarten".

Aber ich sehe jetzt, wo ich mich nun über längere Zeit hindurch mit dem Thema dieses Artikels intensivst beschäftigte, - so unrecht habe ich gar nicht.

Was die Frage der weiblichen Sexualität betrifft, heißt im Grunde - Lesben zu akzeptieren, solidarisieren, gleichstellen - der Frau ihre ureigentümlichen Rechte auf sich selbst (zurück)zugeben. Frauen fordern das Recht ein, ganz sie selbst Frau sein zu dürfen, untereinander und miteinander, ohne Männer. - Und das würde die ganze Stellung der Frau verändern. - In einem Land, wo Männer das Sagen haben und Frauen (nur) denken (dürfen).

Im einem Gesundheitslexikon heißt es: “...Bei der früher als “Perversion« oder Verbrechen angesehenen Homosexualität handelt es sich nach heutiger Auffassung um eine Variante des “normalen« Sexualverhaltens...«
(Neues Gesundheitslexikon, Verlag Tandem).

Und genau das ist der Punkt: "früher...heute"

Als ich vor ca. 20 Jahren (1983 + 1984) die ersten Male diese Länder als Touristin besuchte, bestanden meine Kulturschocks vorwiegend darin, mich um Jahrtausende zurückversetzt gefühlt zu haben. Die Häuser waren aus Lehm, in der dortigen erdorangen Farbe, die Dächer aus Reisstroh. Mit Wasser vermischtem Kuhdung wurden die Risse in den Wänden und Böden ausgeglättet. Menschen verwendeten Handbohrer und Hobel um ein kleines Geschäft einzurichten. Überall liefen Kühe, Ziegen, Schweine,... frei herum. Es gab sehr wenige Straßen, mit im besten Fall - Schotterbelag. Überall gab es Felder, mit Kadaverüberresten von verendeten Tieren, um die Geier kreisten oder saßen. Wäsche, Geschirr waschen, sich selbst waschen, die Kinder schwimmen und die Überreste der Toten nach dem Verbrennen in den selben Fluss zu werfen, war ein normales Bild des Alltags.

Frauen in NepalAls ich dann ca. 4 Jahre später (1987), und viel krasser war es bereits 7 Jahre später (1990) wieder zurückkehrte, waren die Felder mit den Geiern verschwunden - an deren Stelle waren ganze Siedlungen, die Häuser waren jetzt auch aus Steinen mit Dächern aus Schindeln. Und statt Reismatten am Boden, gab’s Betten. Die Straßen waren nicht mehr mit Schotter bedeckt, sondern mit Asphalt. Was noch vorhanden war, waren die Bilder um einen Fluss und in den Straßen, nur Fahrzeuge wie Autos, Motorräder, Scooters, Rikschas waren viel mehr geworden. Gleichzeitig veränderte sich das Bild, einer, wenn überhaupt vorhandenen Toilette bis in die heutige Zeit nicht. - Sowohl in den Städten, als auch in den ländlichen Gebieten.

Aber, und jetzt das Interessante, - viele, sehr viele hatten einen Fernseher und einen Kühlschrank. Telefone, und Internetzugänge waren überall in den Geschäften vorhanden.

Und somit sind wir jetzt bei der Entwicklung dieser Länder angelangt.
Wenn wir die technische Entwicklung in unserer westlichen Welt zurückverfolgen, dann kommen wir auf ca. 50-100 Jahre ? - Könnte das hinkommen ? - Dort war sie innerhalb, sagen wir überschlagsweise 5-10 Jahren - in den Städten, und bis zu null Jahren! in den ländlichen Gegenden, im Dschungel/Wüste, weil da ist noch alles beim Alten.

Das heißt, alles was wir mit dem Medium Fernsehen, vor allem, in den letzten 50 Jahren, vermittelt bekommen haben, bekommen diese Länder seit ca. 10-15 Jahren vermittelt. - Seit Ende der 80er/Beginn der 90er Jahre.

Und welche wichtigen Entwicklungsprozesse die westliche Welt vor dieser Zeit durchgemacht hatte, das wissen sie nicht.
(Ich spreche immer von der Durchschnittsgesellschaft, von Menschen, die niemals die Gelegenheit hatten das Land zu verlassen). Sie wissen nur, da sind wir, und da soll(t)en oder wollen sie auch sein. -
Diesen Ländern fehlen vor allem, zu diesem Thema wichtige Vorgänge und Entwicklungen der 60-70-80er Jahre, da wo zuerst mal die freie Sexualität propagiert wurde, und welche Gefühle dies in uns auslöst. - Das heißt, Gefühle generell wurden auch erstmals wahrgenommen. Es wurde erstmals über Befindlichkeiten gesprochen, und nicht nur auf der Couch eines Psychiaters. - Der Mensch sah sich erstmals als Ganzes, als Körper und! Seele-Wesen.

Und Sexualität wurde erstmals als Lustgefühl definiert, nicht nur zum Zwecke der Fortpflanzung, sondern als ein wichtiger, nicht wegzudenkender Bestandteil des Menschseins, wie Essen, Trinken, Schlafen, Weinen, Lachen, usw.
Und dann rückte doch die Emanzipation der Frau wieder in den Mittelpunkt. Mit den StudentInnenbewegungen der 68er Generation wurde erneut die Frage gestellt, wer sind die/wir Frauen, was kann, darf, soll eine Frau, welche Freiheiten, muss sie haben, um sich verwirklichen zu können - die neue Frauenbewegung entstand.

Und kämpfen wir Frauen nicht noch immer um vollständige Wertschätzung? - Diese Entwicklung ist nicht einmal in unseren westlichen Ländern abgeschlossen.
Und erst dann kam das Thema der Homosexualität, und es wurden inzwischen, und das erst vor ca. 2 Jahren, einige Gesetze dazu geändert. - Man akzeptiert, man solidarisiert, aber von gleichgestellt ist auch noch lange nicht die Rede.

Indische Frauen © Dorcas Platt Wagenknecht

Und ich denke somit ist die Frage, warum Homosexualität und vor allem das Lesbisch-Sein der Frauen, in diesen Ländern nicht akzeptiert werden kann, beantwortet, - der technische Fortschritt allein genügt nicht, wenn die Entwicklung der Menschheit, des Menschseins, nicht vorhanden ist. Sie lernen, aber der Weg ist doch noch sehr weit.

Sie haben zwar “Laufen« gelernt, ihre existenziellen Grundbedürfnisse zu erkennen und auszudrücken, und auch sich dafür einzusetzen, zu kämpfen. - Aber, was man danach (“im Kindergarten«) lernt, mit anderen sich zu sozialisieren, sich über andere Gedanken zu machen, und zu akzeptieren, dass andere anders und trotzdem gleichwertig sein können, nicht immer alles so ist, wie "Vater"-Staat es vorgibt, - das fehlt. - Sie hatten keine Möglichkeiten, keine andere Sichtweise. - Und ohne den technologischen Medien wäre auch unsere Entwicklung sicher nicht so schnell und soweit geschehen.

Ich muss an dieser Stelle aber mit Nachdruck betonen, dass Technologie kein Allheilmittel ist, ich selbst bin eine extreme Gegnerin all dieser technischen Entwicklungen, sie sind jedoch zu einem notwendigen Hilfsmittel in unserer Welt geworden.

Und das heißt auch nicht, das wir deswegen höher, oder besser dastehen - keinesfalls - denn, denken wir nur an die einfache Tatsache, - der Wildnis sind wir im Ernstfall total hilflos ausgeliefert! - Menschen in diesen Ländern aber können nicht nur dort kurzfristig über-leben, sondern auch gegebenenfalls “glücklich und zufrieden« leben! - Und mir ist klar, dass dies ein sehr provokanter, zur Diskussion anreizender Vergleich ist. - Ich beneide sie jedoch um diese Fähigkeiten! Deshalb, um mir meiner Ganzheit und Einfachheit als menschliches Wesen bewusst zu bleiben, begebe ich mich immer wieder im Laufe meines Lebens in diese “andere« Welt.

Und ich meine auch nicht, dass die Länder sich nicht weiterentwickelt haben, in ihren, für sie wichtigen Bereichen, sondern nur, was diese Thematik betrifft, konnten sie, aufgrund ihrer begrenzten Möglichkeiten, andere Sichtweisen zu hinterfragen, bis heute zu keiner Gleichwertigkeit der Frau gelangen.

Deshalb steckt die Gesetzgebung in der Phase des Kriminalisierens von Homosexualität. Ganz so wie wir, die Westlichen, dies früher gesehen haben, und deshalb wird das, meiner Meinung nach, in den nächsten Jahrzehnten auch nicht durchgehen.

Denn, wie soll eine Gesellschaft Lesben akzeptieren, wenn sie in ihrer Entwicklung nie gelernt hat, die Frau als eigenständiges Wesen sehen zu können, geschweige denn (ihre) Sexualität als ureigenes menschliches Lustbedürfnis anzuerkennen?

Ein paar Fakten in Zahlen:

Indien:
800 Mio. Einwohner, 300 Mio. Erwerbstätige, davon 70% in der Landwirtschaft, Analphabetenrate: 64 %, Religion: 83 % Hindus, seit 1950 ist in der Verfassung festgelegt, das Frauen Gleichheit vor dem Gesetz gebührt
Nepal:
21 Mio. Einwohner, 8 Mio. Erwerbstätige, davon 90% in der Landwirtschaft, Analphabetenrate: 77 %, Religion: 80 % Hindus

ZUR AUTORIN:
Barbara Tiwari
Psychotherapeutin i.A.u.S.
http://fachfrauen.wolfsmutter.com/392


LINKTIPP:
www.saheli-asia.org

LESBENGRUPPEN in INDIEN:
Aanchal Trust, Mumbai/Bombay > www.aanchal.org
Sangini Trust, New Delhi > www.sangini.org
Sappho, Kalkutta > http://sappho.shoe.org

LITERATURHINWEIS:


Brigitte Voykowitsch:
Göttinnen und Frauenrechte - Indiens Töchter
Picus Reportagen, Picus Verlag, 2002
168 Seiten, € 14,90/sfr 25,90
ISBN 3-85452-739-X










FOTOS: Saheli Asia (bearbeitet von Wolfsmutter.com);
Aanchal Trust; Barbara Tiwari; Dorcas Platt Wagenknecht



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