KALENDER

Chronik für das Jahr 1907

06.01.
In Rom gründet die Ärztin Maria Montessori (1870-1952) in einem Arbeiterstadtteil ihr erstes "Kinderhaus".Die "Montessori-Pädagogik" betont die Selbständigkeit des Kindes und lehnt jede Zwangsmaßnahme in der Erziehung und im Unterricht ab.

22.01.
Wien: Madge Syers-Cave (Großbritannien) wird Weltmeisterin im Eiskunstlauf.

09.02.
Auf einer Demonstration in London fordern mehr als 3000 britische Suffragetten die Einführung des Stimmrechts für Frauen. Lady Frances Balfour und Lady Millicent Fawcett führen die Kundgebung an, Vertreterinnen der National Union of Women`s Suffrage Societies und der Women`s Social and Political Union. Als der König in seiner Thronrede nicht auf die Forderung eingeht, kommt es in der Woche darauf zu gewaltsamen Protestaktionen.

11.02.
In der Thronrede, mit der König Eduard VII. von Großbritannien und Irland das Unterhaus in London eröffnet, werden Maßnahmen zur Lösung der irischen Frage angekündigt. Außerdem verspricht der Monarch die Zulassung von Frauen zu kommunalen Körperschaften.

13.02.
In London kommt es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen militanten Suffragetten und berittener Polizei. Die Demonstrantinnen, die vergeblich in das Unterhaus einzudringen versuchen, fordern die Einführung des Wahlrechts für Frauen.

14.02.
Die französische Schauspielerin Sarah Bernhardt wird Professorin am Pariser Konservatorium.

17.02.
Beim Gottesdienst der schismatischen Kirche in Paris, dem rund 350 Personen beiwohnen, kommt es während des französischen Kulturkampfs zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, als eine Frau, die einen Besen schwingt, mit dem Ruf "Dieb!" gegen den Abbé vorgeht und andere Anwesende in den Ruf einstimmen. Militär entfernt die Protestierenden und nimmt Verhaftungen vor.

01.03.
In Berlin wird die erste deutsche Konferenz zur Förderung der Arbeiterinneninteressen eröffnet. Auf der zweitägigen Veranstaltung sprechen u.a. Alice Salomon, Helene Simon, Anita Augspurg, Else Lüders und Lili Braun.

08.03.
Das britische Unterhaus in London vertagt einen Antrag auf Einführung des Frauenstimmrechts auf unbestimmte Zeit. Damit gilt dieser Antrag, den keine Partei einheitlich unterstützt hatte als erledigt.

10.03.
Der deutsche Staatssekretär des Innern kündigt im Reichstag in Berlin die Fortführung der staatlichen Sozialgesetzgebung an. Als eines der Hauptziele nennt er die Einführung des zehnstündigen Arbeitstags für Frauen.

15.03.
Bei den finnischen Landtagswahlen haben erstmals in der Geschichte Frauen bei der Wahl eines Landesparlaments aktives und passives Wahlrecht. Von den 19 gewählten Frauen gehören neun der Sozialdemokratischen Partei an.

19.03.
Gisela Gräfin Bülow von Dennewitz hält in Berlin vor dem Bund für Mutterschutz einen Vortrag über "Die Schutzbedürftigkeit des Weibes und seine Beschützer".

24.03.
Bei der Einweihung des neuen Frauenasyls in der Kolbergerstraße in Berlin gibt der SPD-Reichstagsabgeordnete der Hoffnung Ausdruck, daß die Asylisten ungenannt und ungekannt diese Stätte der Ärmsten der Armen betreten und verlassen mögen wie auch die Stätte selbst nicht eine Stätte Arbeitsscheuer und Verbrecher, sondern eine Zufluchtsstätte der Unglücklichen sein werde.

25.03.
Marguerite Durand eröffnet in Paris den ersten Frauengewerkschaftskongreß. Zentrale Themen der dreitägigen Veranstaltung sind Lohnfragen, eine Mutterschaftsversicherung und der Wöchnerinnenschutz für alle berufstätigen Frauen.

02.04.
Die russische Anarchistin Tatjana Leontjewa, die 1906 in der Schweiz einen Kurgast in dem Glauben erschossen hat, es sei der frühere russische Innenminister, tritt eine vierjährige Zuchthausstrafe an.

15.04.
Der preußische Kultusminister Konrad von Studt kündigt eine Reform des Mädchenschulwesens an.

24.04.
Der Bund für Mutterschutz veranstaltet im Architektenhaus in Berlin einen Vortragsabend. Die Frauenrechtlerin Helene Stöcker spricht über das Thema "Der Fortschritt unserer Gegner", Otto Juliusburger über "Mutterschutz und Alkohol". Der Eintritt ist für Mitglieder des Bundes frei, Nichtmitglieder zahlen 50 Pfennig.

28.04.
Die US-amerikanische Ausdruckstänzerin Isadora Duncan gibt mit ihren Schülerinnen im Neuen Schauspielhaus in Berlin eine gut besuchte Vorstellung. Isadora Duncan hat 1904 mit ihrer Schwester Elizabeth eine Mädchenschule gegründet mit dem Ziel einer umfassenden Gesamterziehung von Körper, Geist und Seele, wobei vor allem eine musikalische und gymnastisch-tänzerische Bildung angestrebt wird.

17.05.
Petersburg: Der russische Unterrichtsminister stellt vor der Duma fest, daß nur 13% aller Frauen (29% aller Männer) in Rußland lesen könnten.

24.05.
Finnland: zum 1. mal nehmen Frauen an der Parlamentssitzung teil.

25.05.
In Finnland tritt der erstmals nach allgemeinem Wahlrecht für Männer und Frauen gewählte Landtag zusammen. Unter den gewählten Parlamentariern befinden sich 19 Frauen.

25.05.
Die Berliner Zeitschrift "Die Woche" veröffentlicht einen Artikel über "Frauenideale": "Nur Gattin und Familienmutter zu sein", heißt es darin, "ist heutzutage ein Beweis von Rückständigkeit."

01.06.
In einem Berliner Kino wird ein Arbeiter verhaftet, als er versucht, ein nicht näher bezeichnetes Verbrechen an einem achtjährigen Mädchen zu begehen; der Vorfall wird nur entdeckt, weil das Mädchen laut aufschreit. Laut Zeitungsberichten werden die verdunkelten Räume der Kinematographentheater immer häufiger von Sittlichkeitsverbrechern aufgesucht, die als Kinderfreunde Mädchen und Jungen den Eintritt bezahlen. Die Eingeladenen sehen sich Zudringlichkeiten ausgesetzt, die sie oft aus Angst widerspruchslos über sich ergehen lassen.

04.06.
In Freiberg wird eine Arbeiterwitwe und Mutter von fünf Kindern zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt, weil sie ihr sechstes, kurz nach dem Tod des Mannes geborenes Kind vergiftet hat. Die Frau konnte kein Geld mehr aufbringen, um das Neugeborene zu versorgen.

14.06.
Das Storting, das norwegische Parlament in Kristiania (Oslo), verabschiedet mit 96 gegen 25 Stimmen einen Gesetzentwurf, nach dem Frauen auf Reichsebene dasselbe Wahlrecht wie auf Kommunalebene erhalten. Danach dürfen alle Frauen wählen, wenn sie oder ihre Ehemänner Steuern zahlen.

05.07.
Im Großherzogtum Luxemburg wird die weibliche Thronfolge per Gesetz eingeführt.

12.07.
Die Wirtin eines bekannten Münchner Bräukellers, zu dessen Spezialitäten Fleischpflanzerln zählen, wird zu 400 Mark Geldstrafe verurteilt, nachdem ihr Rezept für diese bayerische Spezialität an die Öffentlichkeit gedrungen war: Sie ließ die Fleischreste von den Tellern der Gäste in einem großen Topf sammeln und mit Paniermehl vermischen; daraus wurden die nach Aussagen vieler Gäste wohlschmeckenden Knödel geformt.

16.07.
Norwegen: Das Gesetz über die Handelsgewerbe stellt Frauen und Männer bezüglich der Ausübung des Handelsgewerbes gleich.

17.07.
In Shaoxing (China) wird die Revolutionärin Qui Jin hingerichtet.

02.08.
Eine Umfrage wurde unter 5000 Heimarbeiterinnen im Raum München-Gladbach (Mönchengladbach) durchgeführt. Danach verdient eine 27jährige unverheiratete Frau, die seit fünf Jahren Buckskinhosen näht und täglich 12 bis 13 Stunden arbeitet, bei Mithilfe der Mutter 11 bis 12 Mark wöchentlich; eine Arbeiterin ohne Mithilfe verdient sechs Mark wöchentlich. Von diesem Wochenverdienst geht der Aufwand für Licht und Brand, Zutaten, Maschinenverschleiß usw. ab.

13.08.
Das britische Unterhaus in London stimmt mit großer Mehrheit einem bereits vom Oberhaus verabschiedeten Gesetzentwurf zu, nach dem Frauen das passive Wahlrecht bei den Munizipal- und Grafschaftswahlen erhalten.

17.08.
In Stuttgart beginnt die I. Internationale Konferenz sozialistischer Frauen. Die Veranstaltung wurde von Clara Zetkin organisiert.

01.09.
Unter der Leitung von Kaiserin Ts`i-hi treten die kaiserlichen Berater in Peking zu einer Konferenz über die Reform des Reichs der Mitte zusammen. Zentrales Thema ist die Verschmelzung von Mandschus - sie stellen das Kaiserhaus - und Chinesen. Obwohl die Kaiserin infolge zweier Schlaganfälle leidend ist, faßt sie weitgehende Änderungen in der Zentralregierung ins Auge, darunter die Umwandlung der Großen Sekretariate in ein modernes Ministerium.

01.09.
Die 27jährige Näherin Adèle Cantrel sticht im Louvre in Paris auf einem Gemälde von Jean-Auguste-Dominique Ingres dem Papst und den ihn umgebenden Kardinälen die Augen aus.

03.09.
Mehrere Zöglinge des Greifswalder Mädchenheims werden wegen Meuterei gegen die geistliche Heimleitung zu Gefängnisstrafen verurteilt. Daß der Richter § 122 - Zusammenrottung von Gefangenen - heranzieht, zeigt, daß in Preußen Erziehungsheime mit Gefängnissen gleichgesetzt werden.

17.09.
Königin Wilhelmina der Niederlande eröffnet die Generalstaaten in Den Haag mit einer Thronrede, in der sie eine Reform des Wahlrechts ankündigt. Danach soll auch den niederländischen Frauen in absehbarer Zeit das passive und aktive Wahlrecht gewährt werden.

23.09.
In Berlin wird ein neuer Fall sozialer Ausbeutung bekannt. Die Wäschefabrik Jakoby beschäftigt hier zehn taubstumme Mädchen im Alter von 14 bis 16 Jahren mit der Herstellung von Knopflöchern. Die Mädchen, die aus der Taubstummen-Anstalt kommen, erhalten als Lohn für die Akkordarbeit 6 Mark wöchentlich, ab der zehnten Woche 10 Mark wöchentlich. Von diesem Lohn werden die Kosten für verbrauchte Nadeln und Garn abgezogen.

23.09.
Die Amtsanwaltschaft in Danzig stellt ein Verfahren gegen eine Gutsherrin ein, die ein 42jähriges Dienstmädchen während eines Streits so mißhandelt hatte, daß es sich ein ärztliches Attest hatte geben lassen und vor Gericht gezogen war. In der Begründung des Amtsanwalts heiße es: Die Ohrfeige haben Sie wegen Unverschämtheit von ihrer Arbeitgeberin empfangen und stellt sich nur als leichte Züchtigung dar, die nicht strafbar ist.

29.09.
Die Dienstknechte und Dienstmädchen Dänemarks setzen sich dagegen zur Wehr, vom Wahlrecht ausgeschlossen zu sein und einem Ausnahmegesetz zu unterstehen, das der preußischen Gesindeordnung ähnlich ist. In einer Eingabe an die Regierung verlangen sie die Aufhebung des Dienstleutegesetzes von 1854 mit der Begründung: Es schickt sich nicht für ein freies Land, einen Sklavenstand zu haben.

03.10.
Der "Allgemeine Deutsche Frauenverein" (ADF) fordert auf seiner Jahrestagung in Hamburg umfangreiche Sozialreformen für Arbeiterinnen, so den zehnstündigen Maximalarbeitstag. Der ADF war mit ca. 20.000 Mitgliedern eine der größten Frauenorganisationen des Deutschen Reiches.

15.10.
Auf der Konferenz des Women`s Industrial Council in London zur Erörterung der weiblichen Arbeitslosigkeit wird betont, daß in Großbritannien mehr als 3 Mio. unverheirateter und 1 Mio. verheirateter Frauen auf eigenen Erwerb angewiesen seien.

25.10.
Die bayerische Abgeordnetenkammer in München nimmt gegen die Stimmen des Bauernbunds und der Konservativen einen Antrag der Liberalen an, Frauen zum Armen- und Waisenpflegschaftsrat für wählbar zu erklären.

08.11.
Das Rektorat der Technischen Hochschule in Dresden gibt bekannt, daß weibliche Personen unter den gleichen Bedingungen wie männliche als Studierende aufgenommen, als Hörerinnen eingeschrieben und als Hospitantinnen zugelassen werden.

14.11.
Die schwedische Schriftstellerin von Jugend- und Kinderbüchern sowie Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels von 1978, Astrid Lindgren wird in Vimmerby (Schweden) geboren.

26.11.
Die deutsche Reichsregierung veröffentlicht den Entwurf eines Vereinsgesetzes. Frauen und Lehrlingen wird es danach nicht verboten sein, Vereinen beizutreten oder an politischen Versammlungen teilzunehmen.

02.12.
Von den 12 856 Repräsentanten, die bei den norwegischen Kommunalwahlen gewählt werden, sind 142 Frauen. Die Wahlbeteiligung der Frauen war sehr gering.

02.12.
Zu einem aufsehenerregenden Zwischenfall kommt es in Manchester, wo der britische Kriegsminister Richard Burdon Haldane einem Frühstück beiwohnt. Militante Frauenrechtlerinnen verschaffen sich mit Gewalt Zugang zu dem Minister und tragen ihm ihre Wünsche bezüglich der Gleichstellung von Männern und Frauen vor.

08.12.
Die Sozialdemokraten veranstalten im Königreich Sachsen Versammlungen für die Einführung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts für alle Staatsbürger ohne Unterschied des Geschlechtes vom 20. Lebensjahre an unter Anwendung des Verhältniswahlsystems. Nur in Chemnitz kommt es während der Kundgebung zu Straßenkrawallen.

09.12.
Im Reichstag beginnt die Debatte um das Vereinsgesetz, dessen Entwurf die Regierung im November veröffentlicht hatte. Zu den Hauptstreitpunkten zählt die Frage, ob Frauen politischen Vereinen beitreten dürfen.

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