KALENDER

Chronik für das Jahr 1918

01.01.
In der reichsdeutschen Wirtschaft sind zur Zeit 2,3mal so viele Frauen beschäftigt wie vor dem Krieg.

05.01.
Die Zahl der in der preußisch-hessischen Staatseisenbahnverwaltung tätigen Frauen ist auf 100 000 angestiegen. Vor dem Krieg waren es nur knapp 10 000. Wie der preußische Eisenbahnminister mitteilt, hätten sich die Frauen aufs beste bewährt, obwohl sie nur für die Dauer des Krieges eingestellt worden seien.

29.01.
Der Bildungswissenschaftler Gustav Howe zieht eine negative Bilanz der höheren Schule für Frauenbildung im Deutschen Reich, die jetzt 10jähriges Jubiläum feiert.

06.02.
In Großbritannien erhalten Frauen das Wahlrecht.

08.02.
Britische Suffragetten erklären ihre uneingeschränkte Solidarität mit den Siegesbestrebungen der offiziellen britischen Regierung.

03.04.
In Amsterdam kommt es zu gewalttätigen Brotkrawallen. Aufgebrachte Frauen ziehen nach der Plünderung von Bäckerläden randalierend durch die Straßen der Stadt.

15.04.
Die deutschen Unternehmerverbände erklären, daß sie die jetzt in den Büros arbeitenden Frauen nach Kriegsende entlassen werden, um die im Feld stehenden Männer wieder einzustellen und das Familienleben zu fördern.

16.04.
Der Auslandsbund Deutscher Frauen spricht sich in Düsseldorf für die verstärkte Ausbreitung des Deutschtums im Ausland aus.

20.04.
In Mainz wird die Hochstaplerin Anna Marta Wyler zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Frau Wyler hatte sich mehrfach als Millionenerbin ausgegeben und sich auf diese Weise etliche tausend Mark erschlichen.

12.05.
Die Zahl der Studenten der Universität Münster beläuft sich im Sommersemester auf 3067. Neu eingeschrieben haben sich 338 Studierende, darunter 95 Frauen. Der ungewöhnlich hohe Frauenanteil betrifft vor allem die philologischen Fachbereiche.

25.05.
Niederländische Frauen verfassen eine Friedenspetition, die sie an die Frauen der Staatsoberhäupter kriegführender Länder verschicken.

31.05.
Der Wahlrechtsausschuß der Regierung in Budapest lehnt das Frauenstimmrecht mit 11 gegen 9 Stimmen ab.

10.06.
In ganz Irland unterzeichnen Frauen ein Gelöbnis, in dem sie sich verpflichten, keine Arbeiten von Männern zu verrichten, die gewaltsam rekrutiert wurden. Das Gelöbnis soll den Protest gegen die Dienstpflicht unterstützen.

16.06.
Die Frauen des Deutschen Reichs werden von der Regierung aufgerufen, Schmuck und Gold abzugeben. Mit dem Erlös sollen die Getreidelieferungen der Ukraine bezahlt werden.

21.06.
Lehrerinnen im Deutschen Reich können sich an den Universitäten Königsberg, Greifswald, Göttingen und Münster auf die Oberlehrerinnenprüfung vorbereiten. Die Kurse führen zur Prüfung für das Lehramt an höheren Schulen.

03.07.
In die zweite Kammer des niederländischen Parlaments zieht erstmals eine Frau ein. Es ist eine Abgeordnete der sozialdemokratischen Arbeiterpartei, Anna Groeneweg.

27.07.
Zu einem Monat Gefängnis wird eine Düsseldorferin verurteilt, weil sie den Aufenthalt ihres fahnenflüchtigen Sohnes, den sie nachweislich kannte, nicht den Behörden gemeldet hat. Als mildernder Umstand wird in der Revision gewertet, daß die Frau im kaum lösbaren Konflikt zwischen Mutterliebe und vaterländischer Pflicht handelte.

27.07.
In Wien finden erstmals nationale SportmeisterInnenschaften für Frauen statt.

29.07.
Frauenvereinigungen in Großbritannien fordern bei Großdemonstrationen die Zulassung zu Gerichts- und Regierungsämtern.

01.08.
In den USA arbeiten zur Zeit etwa eine Million Frauen in den Industriebetrieben. Durch den Kriegseintritt der USA im April 1917 sind auch in den Vereinigten Staaten Arbeitskräfte in männlich dominierten Industriezweigen knapp geworden. Die Zahl der weiblichen Arbeitskräfte nimmt daher besonders in diesen Sparten zu.

02.08.
Der deutsche Metallarbeiterverband veröffentlicht eine Statistik über die Löhne der etwa 500 000 männlichen und 300 000 weiblichen ArbeiterInnen der Branche. Während die Löhne der Frauen zwischen 0,20 Mark und 1,25 Mark liegen, verdienen männliche Arbeiter zwischen 0,40 Mark und 3 Mark pro Stunde.

18.08.
Elsa Morante in Rom geboren († 25.11.1985), it. Schriftstellerin. Mit ihrem ersten Roman "Lüge und Zauberei" wurde sie 1948 berühmt. 

30.08.
In Moskau verübt eine sozialrevolutionäre Agentin, Fanija Kaplan, ein Attentat auf den Führer der Bolschewiki, Wladimir I. Lenin, der dabei schwer verwundet wird.

11.09.
Die französische Schauspielerin Sarah Bernardt macht eine Gastspielreise durch die USA.

12.09.
Der politische Salon der Gräfin Margarethe von Fischler-Treuberg in Berlin wird durch die Polizei aufgelöst. Der Gräfin wird vorgeworfen, sie habe in ihren Räumlichkeiten zersetzende Unterhaltungen über die mangelhaften Siegesaussichten der Mittelmächte geduldet. Sie wird einstweilen in einer märkischen Kleinstadt interniert.

21.09.
In Essen werden 30 Posthelferinnen verhaftet. Sie haben von auswärts eintreffende Pakete unterschlagen und geplündert. Der Schaden wird auf mindestens 25 000 Mark Warenwert beziffert.

09.10.
Lila Kedrova, russ. Filmschauspielerin, Oscar 1964 für Alexis Sorbas, in St. Petersburg geboren.

10.10.
Rosa Luxemburg, führendes Mitglied der USPD, die 1917 als linke Abspaltung der SPD gegründet wurde, wird aus der politischen Schutzhaft entlassen.

25.10.
Das britische Unterhaus in London beschließt mit 274 gegen 25 Stimmen die Wählbarkeit von Frauen als Parlamentsabgeordnete.

06.11.
Die Bremer Bürgerschaft beschließt das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht für Männer.

08.11.
Pola Negri spielt in dem Film Mania ihre erste Rolle bei der Union Berlin.

12.11.
In Deutschland wird das Frauenwahlrecht durchgesetzt.
Die inzwischen 77jährige Minna Cauer schrieb in ihr Tagebuch: "Ich bin freudig erschüttert, habe nun die Hände am Abend gefaltet, und die Tränen sind mir über die Wangen gelaufen. Traum meiner Jugend, Erfüllung im Alter! Ich sterbe als Republikanerin."

27.11.
In Deutsch-Österreich wird das Gesetz über die neue Wahlordnung verabschiedet. Sie gewährt Männern und Frauen Wahlrecht ab dem 20. Lebensjahr.

14.12.
In Großbritannien dürfen Frauen (ab 30 Jahren) erstmals an Unterhauswahlen teilnehmen; als einzige Frau schafft die irische Gräfin Constance Markievicz den Sprung ins Parlament.

18.12.
Österreich: Durch das Gesetz über die Einberufung der konstitutierenden Nationalversammlung und das Gesetz über die Wahlordnung sind zum ersten Mal Frauen aktiv und passiv wahlberechtigt.

30.12.
Gegen den Willen von Rosa Luxemburg beschließt die KPD einen Boykott der Wahlen zur Nationalversammlung.

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