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MAGAZIN

Dem Schönheitsideal entsprechen...

© Mag.a Kerstin Pirker (26.06.03)


Körper

Schlanksein - Jungsein - Fitsein.

Kerstin Pirker beleuchtet die Hintergründe von Essstörungen und macht so ein allgegenwärtiges Phänomen fassbarer.



ede/r weiß um das heutige rigide Schönheitsideal, das die Hauptursache für das rapide Ansteigen von Essproblemen bei Frauen darstellt. Kaum etwas in meinen folgenden Ausführungen wird neu für dich sein, trotzdem - ein allgegenwärtiges Phänomen wird fassbarer, wenn die Hintergründe beleuchtet werden. Die häufigsten Formen von Essproblemen sind Magersucht, Ess-Brech-Sucht und Ess-Sucht, und 90% der Betroffenen sind Mädchen und Frauen. Der Einstieg in eine Essstörung beginnt so gut wie immer mit einer Diät und findet im Durchschnitt mit 12 bis 13 Jahren statt.

Unser jetziges Schönheitsideal behauptet:
schön ist, wer 1. schlank ist, 2. jung und 3. fit.

Schlanksein

ielleicht weißt du es nicht, aber weibliche Fettpolster sind natürlich, schon weibliche Säuglinge sind in allen Kulturen dicker als männliche. Wenn Frauen so aussehen würden wie Schaufensterpuppen, dann wären sie zu dünn, um zu menstruieren. Außerdem ist in der Literatur bekannt, dass ein gewisser Fettanteil für das Lustempfinden verantwortlich ist. Wir können also schlussfolgern, dass dünn zu sein von Frauen verlangt, ihre Sexualität aufzugeben.
Allen Frauen sind die "Idealmaße" bekannt, 90 - 60 - 90, und ich denke mir, jede Leserin hat wahrscheinlich zumindest einmal, wohl in ihrer Jugend, das Maßband angelegt, oder?

Das jetzige Schönheitsideal begegnet uns in Person von Models, wir wissen, dass Berufsmodels 55 kg wiegen bei einer Größe von 1,80 m. Wir wissen auch, dass nur wenige Menschen die Voraussetzungen für einen so dünnen Körper haben.
Übrigens: wir begegnen Models unweigerlich, auch wenn dir das gar nicht bewusst sein sollte. Eine Untersuchung ergab, dass wir täglich 12mal ein Model sehen. In unserer Bilderkultur sind wir ständig mit Modefotos konfrontiert, die mit der Realität nichts mehr zu tun haben. Dazu gehören Friseurin, Stylistin, und zuletzt wird das Foto retouchiert. Solche Fotos zu sehen macht selbstverständlich etwas mit uns.

Studien aus den USA zufolge, die die Körperwahrnehmung von Mädchen untersuchten, stellen fest, dass mehr als 50 % der normalgewichtigen weißen Mädchen sich als zu dick empfinden. Schweizer Daten nennen zwei von drei Mädchen unter 20 Jahren.
Ich bin jetzt seit mehreren Jahren in der feministischen Mädchenarbeit tätig, meiner Erfahrung nach ist eine von zwei Mädchen mit ihrem Körper und ihrem Aussehen unzufrieden.
Ein weiteres Untersuchungsergebnis aus den USA: An einem x-beliebigen Tag im Jahre 2002 befindet sich ein Viertel aller US-amerikanischen Frauen auf Diät. Das heißt, sehr viele Frauen in der westlichen Welt, wo Nahrungsmittel im Überfluss vorhanden sind, sind permanent mit Abnehmen beschäftigt. Du kennst das vielleicht auch von Freundinnen, bekannten oder verwandten Frauen, für die das gerade jetzt oder dauerhaft ein Thema ist. Wie bereits gesagt, Essprobleme beginnen mit Diäten.

Jungsein

chönheit wird gleichgesetzt mit Jugend, mit Jungsein. Gelebtes Leben darf nicht sichtbar werden, Gesicht und Körper dürfen in unserer Gesellschaft nicht altern. Wertschätzung wird nicht dem Alter, sondern dem Jugendlichen im Alter zuteil: wir sagen z.B. "er ist noch nicht senil" oder "sie ist noch sehr aktiv". Dahinter steckt die Angst vor dem Tod, in unserer Kultur das größte Tabu.
Weiters kennst du vielleicht auch den Spruch: "Ein Mann reift, eine Frau wird älter". Wir kennen beispielsweise ältere Fernsehmoderatorinnen, die vom Bildschirm verschwinden, während Männer länger bleiben dürfen. Dann kennst du bestimmt die unzähligen Anti-Falten-Cremes, die uns heute angeboten werden. Erst wurde die Haut ab 50 angesprochen, dann ab 40, und jetzt aktuell ab 35. Interessant finde ich dabei auch, dass nicht die Frau ab 35 angesprochen wird, sondern die Haut!? Anti-aging, schon einmal gehört? Hinter diesem Begriff, der jetzt vermehrt auftaucht bei pharmazeutischen Produkten, in der Apotheke, in Magazinen, dahinter steht eine Industrie, sprich ein Verkaufsinteresse.

Dass alle diese Cremes nicht halten, was sie versprechen, liegt auf der Hand, denn das dürfen sie gar nicht: Kosmetikprodukte sind nämlich per Gesetz von den Arzneimitteln getrennt und nur diese dürfen in die Haut eindringen.

Fitness

in relativ junges Phänomen ist die Fitness, die zum Ziel einen fettfreien Körper hat. Mit Fitness ist übrigens nicht Bewegung gemeint, Bewegung hat meiner Ansicht nach etwas mit Spaß zu tun, Fitness hingegen mit Leistung. Das Ziel ist es, den Körper zu formen, in Fitnessstudios, beim Bodybuilding, etc.
Ich erinnere mich an eine Schlagzeile der Zeitschrift News vor nicht allzu langer Zeit, die lautete: "Kämpfen für die Traumfigur". Hier wird der Leistungsaspekt gut sichtbar.
Langezeit galt es für Frauen aus der Oberschicht und oberer Mittelschicht als verpönt, Sport zu treiben, denn sie könnten dabei Muskeln kriegen, also "männlich" aussehen. Heute ist durch die Verbreitung des Fitnesstrainings ein sogenannter Unisexkörper populär geworden.

Eine weitere Normierung: die Körperbehaarung bei Frauen, die - wie ihr auch alle wisst - nur am Kopf erwünscht ist, und da möglichst lang. Der übrige Körper muss haarlos und glatt sein, obwohl die natürliche Behaarung mit dem Alter zunimmt.

Beine-rasieren ist heute für die meisten Frauen so normal wie Zähneputzen und kaum eine weiß, dass das vor 25 bis 30 Jahren noch völlig unbekannt war.

Typisch ist heute die Ablehnung der weiblichen Rundungen. Neu ist, dass sich das Schönheitsideal weniger auf die Kleidung bezieht als auf den nackten Körper. Früher standen Frisur, Schminke, Kleidung und damit Veränderungsmöglichkeiten im Mittelpunkt. Seit ca.100 Jahren gibt es Diäten, erst nur in der Oberschicht bekannt. Heute gehören sie zum absoluten Standard, jede Frau wird mit Diätvorschlägen konfrontiert. Was dazugekommen ist, sind künstliche Hormonbehandlungen, Schönheitsoperationen und Gentechnik. Damit ist unser Körper veränderbar geworden und Schönheit scheint somit verfügbar, so nach dem Motto: "wenn ich will, kann ich schön sein". In den Medien findet man schon Bezeichnungen wie "Körperunternehmer" oder "bodymanagement".

Du siehst schon, es bestehen Zusammenhänge zwischen Körper und Politik.

Das weibliche Schönheitsideal hat etwas zu tun mit der gesellschaftspolitischen Situation von Frauen.

Wir wissen, dass Essprobleme mit der sozialen Schicht steigen. Je mehr Einfluss eine Frau also hat, umso dünner muss sie sein. Es ist auch bekannt, dass je höher die soziale Stellung eines Mannes ist, umso esskranker ist seine Frau. Frauen, die ständig mit Essen, Hungern oder Kotzen beschäftigt sind, verschwinden aus dem öffentlichen Leben. Auf einem Fachkongress zu Essproblemen im letzten November fiel der Satz: "Essprobleme sind das Frauengefängnis der Neuzeit".

Überspitzt lässt sich folgendes sagen, wie eine Frau heute aussehen muss, um schön zu sein:

Sie soll
"glatt und haarlos sein wie ein Kind,
fettfrei und gerade wie ein Knabe,
groß wie ein Mann,
volle, feste Brüste haben wie ein Mädchen
und einen knackigen Männerpo"
(Waltraud Posch).

LITERATUREMPFEHLUNGEN:

Waltraud Posch:
Körper machen Leute.
Der Kult um die Schönheit.
Campus Verlag, Frankfurt 1999
ISBN: 3-5933-6351-8
Renate Göckel:
Warte nicht auf schlanke Zeiten.
Ein Buch für starke Frauen.
Kreuz Verlag, Stuttgart, Zürich 2002
ISBN: 3-7831-2068-3
Naomi Wolf:
Der Mythos Schönheit.
Rowohlt Verlag, Reinbek 1993
ISBN: 3-498-07321-4

Germaine Greer:
Die ganze Frau.

Körper - Geist - Liebe - Macht.
dtv-Verlag, München 2000
ISBN: 3-423-24204-3


ÜBER DIE AUTORIN:
Mag.a Kerstin Pirker
geboren 1974 in Klagenfurt/Celovec, Studium der Sozialpädagogik und Frauenforschung in Graz, seit mehreren Jahren in der feministischen Mädchenarbeit tätig, Schwerpunkt feministische Sexualpädagogik, seit 2002 Referentin für Essprobleme im Frauengesundheitszentrum Graz, längere Aufenthalte in Deutschland, Niederlande und Dänemark zur Recherche alternativer Lebensformen, feministische Radiomacherin bei Radio Helsinki - Freies Radio Steiermark.

Kontakt: kerstinpirker@hotmail.com

BILDQUELLE: dpa



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*Dem Schönheitsideal entsprechen...


Mag.a Kerstin Pirke
07.08.03 22:35

Schlanksein - Jungsein - Fitsein.
Kerstin Pirker beleuchtet die Hintergründe von Essstörungen und macht so ein allgegenwärtiges Phänomen fassbarer.

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*Re: Dem Schönheitsideal entsprechen...


elimen
07.08.03 22:35

danke für diesen einblick in den mythos "dünn", ich habe schon viel darüber gelesen


ich weiss es ja eigentlich....... und trotzdem kann ich mich nicht davon befreien, den einen oder anderen kilo loswerden zu wollen


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*Re: Dem Schönheitsideal entsprechen...


Gästin
28.04.05 14:56

danke für diesen einblick in den mythos "dünn", ich habe schon viel darüber gelesen


ich weiss es ja eigentlich....... und trotzdem kann ich mich nicht davon befreien, den einen oder anderen kilo loswerden zu wollen


danke für diesen einblick in den mythos "dünn", ich habe schon viel darüber gelesen


ich weiss es ja eigentlich....... und trotzdem kann ich mich nicht davon befreien, den einen oder anderen kilo loswerden zu wollen


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