Maria von Mörl
Geboren am 15. Oktober 1812 in Kaltern, Südtirol/Italien
Gestorben am 11. Januar 1868 in Kaltern, Südtirol/Italien
Stigmatisierte (seit 1834 Trägerin der Wundmale Christi.)
40.000 Menschen kamen ihretwegen binnen eines einzigen Sommers nach Kaltern, einem kleinen Weindorf südlich von Bozen. Die Wege waren schlecht, Unterkunft und Verpflegung gab es für die PilgerInnen nur spärlich, aber alle wollten sie sehen, die junge Adelige, die mit gen Himmel gerichteten Augen und zarten gefalteten Händen über dem Bette schwebte. In einer Zeit, als Protestantismus und Modernismus das heilige Land Tirol zu erschüttern drohten, war sie willkommene Galionsfigur zur Verteidigung alter katholischer Werte, in einer Zeit, die auf Kriegswirren und Aufklärung folgte, wollte man sich zu gerne an der ekstatischen Jungfrau erbauen.
Es ist wohl kein Zufall, dass in denselben Jahren sieben weitere ekstatische, stigmatisierte Jungfrauen in Tirol von sich reden machten - kurze Zeit zuvor hätte man sie kaum beachtet, da man sie nicht brauchte. Keine der Stigmatisierten im Lande Tirol wurde aber so bekannt wie Maria von Mörl, keine erhielt so illustren Besuch. Der Publizist Josef Görres widmete ihr in seinem Alterswerk "Über christliche Mystik" 30 Seiten, Clemens von Brentano zählte zu ihren großen Bewunderern und besuchte sie mehrmals, zahlreiche Vertreter des österreichischen Kaiser- und italienischen Königshauses machten ihr ihre Aufwartung. Der Papst sandte seinen Sekretär, unzählige Bischöfe kamen, aus Europa, aus England, aus den USA.
*** Maria von Mörl wurde im Oktober 1812 geboren, als zweite Tochter der Maria Katharina Sölva und des Joseph Ignaz von Mörl von Pfalzen zu Mühlen und Sichelburg. Wohl keine Liebesheirat, die Mutter war 17 gewesen, der Vater Anfang 20, sie aus bürgerlichem Geschlechte, er aus altem Tiroler Adel. Als Maria mit 10 Jahren erstmals zur heiligen Kommunion zugelassen wurde, "erschien sie mit den Gefühlen so hohen Glaubens und so inniger Liebe, dass sie, sobald sie die heilige Hostie empfangen hatte, ohnmächtig zusammensank" - so ihre erste Biographin Maria von Buol in dem Büchlein "Herrgottskind".
Marias Mutter gebar fast jedes Jahr ein Kind; nach der Geburt des 11. Kindes starb sie im Wochenbett, Maria war 13 Jahre alt. Da sie die älteste Tochter war, oblag es ihr, sich um die Geschwister und um den Haushalt zu kümmern - der Vater ging lieber auf die Jagd. Drei Geschwister starben im Kindesalter, drei sollten später ins Kloster eintreten. Bis auf einen Bruder, der das Erbe übernahm und heiratete, blieben alle anderen unverheiratet - und lebenslang pflegebedürftig. Maria von Mörl war selbst seit früher Kindheit kränklich; mehrere Biographen berichten, dass der Vater sie nachts - wenn er in angetrunkenem Zustande nach Hause kam - grundlos aus dem Bette warf und sie schlug. Sie versichern auch, siie habe es ihm nie verübelt.
Mit 17 Jahren schon erhielt Maria von Mörl einen eigenen Beichtvater, der sich fast nur um sie kümmerte. Pater Johannes Kapistran Soyers (nicht unumstrittenen) Seelenführung vertraute sie sich an bis zu seinem Tode im Jahre 1865.
Er war lange Zeit der einzige, der sie in Ekstase schicken und aus der Ekstase holen konnte, er trug ihr auf, sich zu geißeln und geißelte sie selbst, bis das Blut an die Wände spritzte: Da es sich bei ihren Zuständen auch um dämonische Plagen zu handeln schien, machte diese Marter - so die Theologin Nicole Priesching - im Kontext der damaligen Mystikkonzeption durchaus Sinn: Das Geißeln, die Marter, um im Leiden mit Christus eins zu werden, aber auch um zu büßen für den Vater, für die Vergehen anderer allgemein.
Mehrmals wurden auch Teufelsaustreibungen bei ihr vorgenommen, nachdem sie Rosshaare, Nägel und Nadeln von sich gegeben hatte und sich aus dem Fenster stürzen wollte. Der Teufel als Handlanger des Heilsplanes: Er stellt die Menschen zwar auf harte Proben, doch bestehen sie sie, sind sier dem Heile um vieles näher.
"Nach der Stärkung mit der heiligen Kommunion wurde sie sehr gequält und gemartert von diesem Empfang, wegen eines Verbrechens das in derselben Nacht begangen wurde. Der Wunsch zu leiden wurde in ihr stärker, es wurde ihr aufs neue eingeschärft, mir Gehorsam zu leisten, damit ich fortfahren soll sie zu martern, was geschehen wird ohne Verletzung der Keuschheit, was ihr Gott in der Krone versicherte", schreibt der Beichtvater am 10. November 1833 in sein Tagebuch.
Die Leiden der Maria von Mörl sind zweifelsohne eine Untersuchung wert. Die körperliche Misshandlung durch den Vater könnte eine sexuelle gewesen sein, und ihre ekstatischen (hysterischen) Anfälle die Folge sexueller Unterdrückung und sexuellen Missbrauchs, ganz im Sinne der Thesen Janets und Freuds zur Entstehung der Hysterie.
In diesem Zusammenhang ist es auch nicht uninteressant, dass 90 Prozent der weltweit rund 600 Stigmatisierten Frauen sind.
Maria von Mörl ist erst nach dem Tode des Vaters ins Kloster gezogen, obwohl sie bereits seit Jahren Mitglied des Dritten, also des weltlichen Ordens war. Das Tertiarkloster in Kaltern verließ sie kaum einmal, mit den BesucherInnen, die man nur mehr gezielt vorließ, sprach sie nie.
Sie starb am 11. Januar 1868 im 56. Lebensjahr und im 36. Jahr "ihres ekstatischen Betrachtens" - wie es in der Chronik der Tertiarschwestern heißt.
Stets hatte sie gebetet, dass ihre Wundmale im Tode nicht mehr zu sehen sein sollten: Am 8. Januar, drei Tage vor ihrem Tod, hatte sie nur mehr Narben an der feinen weichen Haut. Im Tode waren auch jene verschwunden.
Die Frage bleibt offen und muss vielleicht auch gar nicht beantwortet werden: Wann ist etwas Hysterie und wann ist es Mystik? Kann eine Hysterikerin nicht mystisch sein und eine Mystikerin nicht hysterisch?
Astrid Kofler
Bibliographie
Priesching, Nicole: Maria von Mörl (1812 - 1868). Leben und Bedeutung einer 'stigmatisierten Jungfrau' aus Tirol im Kontext ultramontaner Frömmigkeit, Brixen: A. Weger 2004Priesching, Nicole: Unter der Geissel Gottes. Das Leiden der stigmatisierten Maria von Mörl (1812 - 1868) im Urteil ihres Beichtvaters. Brixen: A.Weger 2007