
Lilli Gruber
Dietlinde (Lilli) Gruber Charmelot
geboren am 19. April 1957 in Bozen - Südtirol/Italien
Journalistin, Autorin und Europaabgeordnete
Meine Schwester Dietlinde Gruber wurde am 19. April 1957 in Bozen geboren, Lilli wurde sie schon sehr bald von unserem Vater genannt. „Er hat mich gelehrt, dass Erfolg nur durch harte Arbeit möglich ist. Und er hat in mir den Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit geweckt“. (Lilli Gruber)
In den frühen sechziger Jahren übersiedelt die Familie nach Verona, wo unser Vater seine Unternehmen aufbaut. In der Familie wurde Deutsch gesprochen, unsere Mutter legte stets großen Wert darauf, die Verbindung zu unserer „Heimat“ Südtirol aufrechzuerhalten. Wir „tedesche“ hatten es in der Klosterschule „Piccole figlie di San Giuseppe“ zu jener Zeit nicht immer leicht, es waren die Bombenjahre in Südtirol, und oft wurden wir zur Zielscheibe gemeiner Unterstellungen. Wir mussten unseren Platz zum Teil buchstäblich „erkämpfen“, und jedes Mitglied der Familie bekam auf seine Weise Engstirnigkeit und Bigotterie zu spüren: Unsere Mutter wurde einmal vom Pfarrer unserer Kirche öffentlich während des Gottesdienstes aufgefordert, gefälligst ein Kopftuch zu tragen oder die Kirche zu verlassen.
Einen Schleier zum Verdecken der Weiblichkeit auch in unserer westlichen Welt? Schon früh befasst Lilli sich mit Gleichberechtigung und Frauenthemen und wehrt sich gegen Frauenfeindlichkeit, Unterdrückung, Ausgrenzung. In ihren Büchern „Tschador“ (2005) und „Le Figlie dell’Islam“ (2007) beleuchtet sie den Weg muslimischer Frauen zu einem neuen Selbstbewusstsein. Fernab von den geläufigen Gemeinplätzen beschreibt sie in diesen Büchern die vielen Facetten der weiblichen Emanzipation in islamischen Ländern und den engagierten Kampf der Töchter des Islam für Menschenrechte und für eine Neuinterpretation des Korans, durch den die Frauen zum Motor der Veränderung in teilweise archaischen Machostrukturen werden.
Eines hat die kleine Lilli vom Kalterersee mit der heutigen gemeinsam: den eigenen Weg zu gehen, den unerschütterlichen Glauben an sich selbst, die zielgerichtete Beharrlichkeit und die Bereitschaft, für ihr Ziel hart zu arbeiten. Ihr Ehrgeiz weist ihr immer den Weg, sie entscheidet sich oft für den mühsameren und schreckt auch vor Gefahren nicht zurück.
1987 wechselt Lilli nach Rom, wo sie als erste weibliche Moderatorin der Hauptnachrichten im italienischen öffentlich-rechtlichen Fernsehen über Nacht zum Fernsehstar wird. Sie wird von da an umworben und oft in Versuchung geführt, immer jedoch schlägt sie „unmoralische“ Angebote in den Wind, sie lässt sich ihre Unabhängigkeit von keiner Macht abkaufen. Unbeirrbar hält sie an der Überzeugung fest, dass es Aufgabe der JournalistInnen sei, freie, unbeeinflusste und möglichst objektive Berichterstattung zu gewährleisten. Vor allem in den letzten Jahren beim staatlichen Fernsehen muss sie sich zunehmend gegen Manipulation und Zensur zur Wehr setzen und hart um ihre Autonomie kämpfen.
Die Haltung meiner Schwester wird belohnt, nicht nur mit zahlreichen Preisen für ihre journalistische Tätigkeit. Die Glaubwürdigkeit von „Lilli la Rossa“ bringt sie 2004 mit einem Rekordergebnis (als Ulivo-Listenführerin in Mittelitalien bekommt sie sogar doppelt so viele Vorzugsstimmen wie der damalige Ministerpräsident Berlusconi) überraschend ins europäische Parlament. Dort wird sie auf Anhieb zur Präsidentin der Delegation für die Beziehungen zu den Golfstaaten gewählt. Dank ihrer einschlägigen Erfahrung wird sie auch zur Berichterstatterin für die Beziehungen zum Iran und zur legalen Einwanderung bestellt. Sie prägt in Brüssel und Straßburg einen für italienische Verhältnisse neuen politischen Stil. Perfekt viersprachig und frei von Parteizwängen ist sie für viele KollegInnen und ausländische JournalistInnen verlässliche Anlaufstelle, und dies weit über italienische Themen hinaus. Angebote zu einem Wechsel in die italienische Politik lehnt sie immer wieder mit Hinweis auf ihren WählerInnenauftrag ab. Vor allem aber will sie mit den nationalen Kleinkriegen im Europaparlament und im römischen „teatrino politico“ nichts zu tun haben. Der Preis dafür ist weniger Präsenz in der italienischen Tagespresse, dafür aber steigt ihr Ansehen auf europäischer Ebene in Fachbereichen wie Immigration, Nahostpolitik und Gleichberechtigung.
Neben ihrer parlamentarischen Tätigkeit schreibt Lilli weiterhin Bücher, eine Möglichkeit, ihre journalistische Feder nicht ganz aus der Hand zu geben.
Lilli versteht es im Laufe ihres Lebens immer am richtigen Ort zu sein, da wo Weltgeschichte geschrieben wird. So war sie 1989 am 9. November in Berlin, als die Mauer fiel. Ihre Berichte für das nationale italienische Fernsehen RAI sammelt sie in ihrem ersten Buch „Quei giorni a Berlino“ (Co-Autor Paolo Borella). Während des Golfkriegs 1990 berichtet sie aus Amman und Bagdad. Hier lernt sie auch Jacques Charmelot kennen, Korrespondent der französischen Nachrichtenagentur AFP, den sie im Sommer 2000 heiratet. Als Auslandskorrespondentin berichtet sie über die Papstreisen, den Zusammenbruch der Sowjetunion, die Terroranschläge vom 11. September in New York, die Irakkrise und schließlich den Krieg gegen den Irak. Diese Erfahrung dokumentiert sie 2003 in ihrem ersten Bestseller „I miei giorni a Bagdad“. Im Ausland arbeitet Lilli im Laufe der Jahre für die CBS und die deutschen Fernsehsender SWR und PRO7, wo sie 1996 das Nachrichtenmagazin „Focus TV“ moderiert. Für die Berichterstattung über den Irakkrieg erhält sie 2004 die Ehrendoktorwürde der American University Rom.
Im selben Jahr erscheint ihr Buch „L’altro Islam“, eine Bestandsaufnahme des Schiismus, die auch ins Französische übersetzt wird. 2005 verbringt sie einen Monat im Iran, verfolgt dort die Wahl des noch amtierenden Präsidenten Ahmadinedschad und fasst ihre Eindrücke in „Chador“ zusammen (deutsch „Tschador“). 2006, fünf Jahre nach den Terroranschlägen von New York und kurz vor den midterm elections, erkundet Lilli jenen Teil der Vereinigten Staaten, der sich nicht der Doktrin der Bush-Administration unterwerfen will und der für eine andere, demokratische amerikanische Tradition einsteht. In „America Anno Zero“ fasst sie ihre Eindrücke zusammen und gibt auch einen Ausblick auf die Zeit nach Bush.
In einem unserer animierten, oft auch kontroversen aber doch immer sehr innigen Gespräche fragte ich meine Schwester kürzlich, welchen großen Traum sie für ihre Zukunft noch hege. Sie schaut vom Gruppenfoto eines europäischen Gipfeltreffens, (praktisch ohne Frauen) verärgert auf und meint: „Solange die vielen weiblichen Kompetenzen so wenig zählen, werde ich nie aufhören dafür einzustehen. Es ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, es ist politisch einfach töricht, Frauen weiterhin aus den Schaltzentralen der Macht auszuschließen. Und eines ist klar: ich werde nicht nur davon träumen, sondern ich werde dafür kämpfen.“
Micki Gruber Januar 2008
Bibliographie:
Quei giorni a Berlino.
Gruber Lilli, Paolo Borella
(Nuova Eri, 1990)
I miei giorni a Bagdad
(Rizzoli, 2003)
L’altro Islam
(Rizzoli, 2004)
Chador
(Rizzoli, 2005)
Tschador – im geteilten Herzen des Iran
(Blessing Verlag, 2006)
America anno zero
(Rizzoli, 2006)
Figlie dell’Islam
(Rizzoli, 2007)