
Käthe Schirmacher
Geboren am 6. August 1865 [oder 1858*] in DanzigGestorben am 18. November 1930 in Meran
deutsche Schriftstellerin, Journalistin, Frauenrechtlerin und Romanistin
* Friedrichs sowie Brinker-Gabler (siehe Literaturverzeichnis) geben im Gegensatz zu vielen anderen Quellen 1858 als Geburtsjahr an
Sie war radikale Feministin und Konservative Nationalistin. Wofür sie sich begeisterte oder worüber sie sich empörte, immer schlugen ihre Gefühle hohe "Flammen", so der Titel ihrer 1921 erschienenen Autobiographie. Aus einer Danziger Kaufmannsfamilie stammend, begnügt sie sich nicht mit dem für höhere Töchter obligaten Lehrerinnenexamen, viel zu groß sind ihr Unternehmungsgeist, ihre Reiselust und Wissbegierde. Bis 1887 studiert sie romanische Sprachen in Paris und geht dann als Oberlehrerin nach Liverpool, England. Beim Unterricht versagen ihr die Stimmbänder, die langwierige Heilung droht ihre Karriere zu beenden.
Mit ersten schriftstellerischen und publizistischen Arbeiten überbrückt sie die lange Zeit bis zur Genesung. Sie setzt ihre Studien 1893 in Zürich fort und promoviert dort 1895. Der Auftrag, eine Voltaire-Biografie zu schreiben, erlaubt ihr, wieder in Paris zu leben.
Es gehört zu den Widersprüchen in Käthe Schirmachers Leben, den "Verband fortschrittlicher Frauenvereine" (1899) und den deutschen Verband und Weltbund für Frauenstimmrecht (1902) maßgeblich mitzubegründen, wegen ihrer zunehmend antidemokratischen und -semitischen Haltung aber bald in heftige Auseinandersetzungen mit den Mitbegründerinnen, Anita Augspurg und Gustava Heymann, zu geraten und dennoch eine Geschichte über die englische Frauenbewegung: Die Suffragettes (1912) zu schreiben.
In ihren ersten schriftstellerischen Werken (Der Libertad, Halb) greift sie die doppelte Moral und die Prostitution an. Ihrem 1911 erschienenen Buch Das Rätsel Weib, einer Sammlung von Aphorismen über die Erniedrigung der Frauen, gibt sie das Leitmotiv: "Dies ist ein Buch der Tränen und des Zorns."
Ab 1910 lebt sie gemeinsam mit ihrer Freundin Clara Schleker in Warlow, Mecklenburg. Beide kämpfen leidenschaftlich für die preußische Ostmarkpolitik und opfern 1914 ihr gesamtes Vermögen den Kriegsanleihen. 1919 wird Käthe Schirmacher als deutschnationale Abgeordnete für Westpreußen in die Nationalversammlung gewählt. Sie gehört zu den wenigen Frauen, die von ihren publizistischen und schriftstellerischen Arbeiten (mit den Themen Literatur, Politik, Frauenbewegung, Volkswirtschaft) leben konnten. Am 18. November 1930 stirbt sie während einer Reise in Meran.
Hiltrud Schroeder
ZITATE
Der Gedanke, den nationalökonomischen Wert der häuslichen Frauenarbeit abzuschätzen, zu prüfen, ob die Frauen für die Erfüllung so zahlreicher Pflichten das gebührende Aequivalent an Geld, an bürgerlichen und politischen Rechten, an sozialer Wertschätzung erhalten, dieser Gedanke ist den Nationalökonomen nur selten gekommen. Haben sie mit Absicht dieses Kapitel der Wirtschaftslehre außer Acht, außerhalb ihrer scharfsinnigen Analysen, ihrer eindringenden Forschung gelassen? Verdiente dieser Gegenstand die Aufmerksamkeit des Mannes nicht?
Oder hat man gefühlt, daß hier eine Gefahr vorlag, eine Mine, die springen und das Gebäude der "Männerwelt" zum Sturze bringen konnte? Hat man gefürchtet, durch eingehendes Studium der Frauenarbeit im Hause zu einer Umwertung bestehender Werte, zur wissenschaftlichen Anerkennung unbequemer Forderungen gezwungen zu werden?
(Schirmacher, Käthe (1905): Die Frauenarbeit im Hause. Ihre ökonomische, rechtliche und sociale Wertung. Leipzig. Dietrich (Rechtsfragen, 3), S. 3)
Literatur
Creel, George; Lindsey, Ben. B. et al. (1912): Die Praxis des Frauenstimmrechts. Ein maßgebendes Urteil über seine Ergebnisse in Colorado. Hamburg. Stoltze.
Glyn, Elinor (1904): Ambrosines Tagebuch. Autorisierte Übersetzung aus dem Englischen von Käthe Schirmacher. Stuttgart. J. Engelhorn (Engelhorns Allgemeine Roman-Bibliothek, 20. Jahrgang, Band 19).
Poradowska, Marguerite (1906): Eine romantische Heirat. Roman. Aus dem Französischen von Käthe Schirmacher. Stuttgart. Engelhorn (Engelhorns Allgemeine Roman-Bibliothek, Jahrgang 22, Band 13 und 14).
Schirmacher, Käthe (1891): Die Libertad. Novelle. Zürich. Verlags-Magazin.
Schirmacher, Käthe (1894): Der Internationale Frauencongreß in Chicago 1893. Vortrag. Dresden. Tittmann (Lose Blätter im Interesse der Frauenfrage, 11).
Schirmacher, Käthe (1895): Théophile de Viau. Sein Leben und seine Werke (1591-1626). Litterarische Studie. Leipzig. Welter.
Schirmacher, Käthe (1896): Herrenmoral und Frauenhalbheit. Berlin. Taendler (Der Existenzkampf der Frau im modernen Leben - seine Ziele und Aussichten, 10).
Schirmacher, Käthe (1896): Züricher Studentinnen. Leipzig, Zürich. Schröter.
Schirmacher, Käthe (1897): Aus aller Herren Länder. Gesammelte Studien und Aufsätze. Paris, Leipzig.
Schirmacher, Käthe (1897): Litterarische Studien und Kritiken. Paris. Welter.
Schirmacher, Käthe (1897): Sociales Leben. Zur Frauenfrage. Paris, Leipzig. Welter.
Schirmacher, Käthe (1898): Voltaire. Eine Biographie. Leipzig. Reisland.
Schirmacher, Käthe (1902): Frauenarbeit in Frankreich. In: Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reich, Jg. 26 (1902). S. 1235-1273.
Schirmacher, Käthe (1905): Deutschland und Frankreich seit 35 Jahren. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte. Berlin (Die Kultur, 15 und 16).
Schirmacher, Käthe (1905): Die Danziger Holzarbeiter. In: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, Jg. 29 (1905). S. 815-831.
Schirmacher, Käthe (1905): Die Frauenarbeit im Hause. Ihre ökonomische, rechtliche und sociale Wertung. Leipzig. Dietrich (Rechtsfragen, 3).
Schirmacher, Käthe (1905): Die moderne Frauenbewegung. Ein geschichtlicher Überblick. Leipzig. Teubner (Aus Natur und Geisteswelt, 67).
Schirmacher, Käthe (1906): Voltaire. Seine Persönlichkeit in seinen Werken. Stuttgart. Lutz (Aus der Gedankenwelt großer Geister, 1).
Schirmacher, Käthe (1908): Danziger Bilder. Ein Kinderbuch. Hamburg. Danziger Verlagsgesellschaft Rosenberg.
Schirmacher, Käthe (1908): Die Ausländer und der Pariser Arbeitsmarkt. Gibt es auf dem Arbeitsmarkt in Paris eine Arbeitsteilung nach Nationalitäten? In: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, Jg. 27 (1908). S. 234-259, 477-512.
Schirmacher, Käthe (1908): Die Trennung von Staat und Kirchen in Frankreich. Gautzsch bei Leipzig. Dietrich (Kultur und Fortschritt, 142).
Schirmacher, Käthe (1908): Voltaire's Briefwechsel. Leipzig. Insel.
Schirmacher, Käthe (1910): Das Jugendgericht (Denver, Deutschland, Oesterreich, Niederland, Frankreich, Schweiz). Gautzsch bei Leipzig. Dietrich (Kultur und Fortschritt, 312/313).
Schirmacher, Käthe (1911): Das Rätsel Weib. Eine Abrechnung. Weimar. Duncker.
Schirmacher, Käthe (1912): Die Suffragettes. Frankfurt. Jassmann, 1988. ISBN 3-926975-00-8.
Schirmacher, Käthe (1912): Wie und in welchem Maße läßt sich die Wertung der Frauenarbeit steigern? Gautzsch bei Leipzig. Dietrich (Kultur und Fortschritt, 224).
Schirmacher, Käthe (1913): 1813 und die Ostmark. Vortrag gehalten auf dem 6. Ostdeutschen Frauentage in Zoppot. Lissa. Eulitz.
Schirmacher, Käthe (1915): Deutsche Erziehung und feindliches Ausland. Lissa. Schmädicke.
Schirmacher, Käthe (1915): Die deutsche Vertretung im Ausland. Berlin. Gutenberg.
Schirmacher, Käthe (1915): Die nationalen Schäden der deutschen Einwanderung in Paris. Berlin.
Schirmacher, Käthe (1915): Frauendienstjahr. Vortrag gehalten am 2. Kriegsvortragsabend des "Frauenkapital" am 22. Februar 1915. Berlin-Wilmersdorf. Frauenpresse.
Schirmacher, Käthe (1917): Völkische Frauenpflichten. Charlottenburg. Augustin.
Schirmacher, Käthe (1918): Die Frau und die Parteien. Danzig. Sauer.
Schirmacher, Käthe (1918): Frauendienstpflicht. Bonn. Marcus & Weber (Deutsche Kriegsschriften, 29).
Schirmacher, Käthe (1921): Flammen. Erinnerungen aus meinem Leben. Leipzig. Dürr & Weber (Zellenbücherei, 51).
Schirmacher, Käthe (1922): Die Geknechteten. Die reichsdeutsche Irredenta. Berlin. Brunnen-Verlag Winckler.
Schirmacher, Käthe (1923): Unsere Ostmark. Eine Studie. Hannover. Letsch (Deutscher Michel, wach auf!, 11).
Schirmacher, Käthe (1925): Grenzmarkgeist. Langensalza. Beltz (Grenzmark-Hefte, 1).
Schirmacher, Käthe (1925): Ostfragen - Schicksalsfragen. Rede gehalten bei der Ostmarken-Kundgebung der Deutschnationalen Volkspartei in Schneidemühl am 8. November 1925. Stolp (Pommern). Eulitz.
Schirmacher, Käthe (1932): Um Deutschland. Nachgelassene Schriften. Berlin. Memelland-Verlag.
Schirmacher, Käthe (2000): Nachlaß Schirmacher [Medienkombination]. Die Dr.-Käthe-Schirmacher-Schenkung an der Universitätsbibliothek Rostock. Erlangen. H. Fischer (Historische Quellen zur Frauenbewegung und Geschlechterproblematik, 30). ISBN 3-89131-142-7.
Schirmacher, Käthe; Moreaux, Arnould et al. (1900): Paris! Berlin. Schall (Verein der Bücherfreunde, 9, 4).
Quellen
Belser, Katharina (1988): Ebenso neu als kühn. 120 Jahre Frauenstudium an der Universität Zürich. Zürich. eFeF-Verlag (Schriftenreihe Verein Feministische Wissenschaft, 1). ISBN 3-905493-01-2.
Brinker-Gabler, Gisela (Hg.) (1978): Zur Psychologie der Frau. Frankfurt am Main. Fischer-Taschenbuch-Verlag (Fischer-Taschenbücher, 2045). ISBN 3-596-22045-9.
Brinker-Gabler, Gisela; Ludwig, Karola et al. (1986): Lexikon deutschsprachiger Schriftstellerinnen 1800 - 1945. München. Deutscher Taschenbuchverlag (dtv, 3282). ISBN 3-423-03282-0.
Frederiksen, Elke (1981): Die Frauenfrage in Deutschland 1865 - 1915. Texte und Dokumente. Stuttgart. Reclam (Universal-Bibliothek, 7737). ISBN 3-15-007737-0.
Friedrichs, Elisabeth (1981): Die deutschsprachigen Schriftstellerinnen des 18. und 19. Jahrhunderts. Ein Lexikon. Stuttgart. Metzler (Repertorien zur deutschen Literaturgeschichte, 9). ISBN 3-476-00456-2.
Krüger, Hanna (1934): Die unbequeme Frau. Käthe Schirmacher im Kampf für die Freiheit der Frau und die Freiheit der Nation ; 1865 - 1930. Berlin-Tempelhof. Bott, 1936.
Walzer, Anke (1986): Käthe Schirmacher. Eine deutsche Frauenrechtlerin auf dem Wege vom Liberalismus zum konservativen Nationalismus. Pfaffenweiler. Centaurus, 1991 (Frauen in Geschichte und Gesellschaft, 19). ISBN 3-89085-399-4.
Weiterführende Literatur
Die Westpreußin Käthe Schirmacher. In: Westpreußen-Jahrbuch Band 48 (1998). S. 37-50.
Gehmacher, Johanna (2000): Der andere Ort der Welt. Käthe Schirmachers Auto/Biographie der Nation. In: Kemlein, Sophia (Hg.): Geschlecht und Nationalismus in Mittel- und Osteuropa. 1848 - 1918. Osnabrück. Fibre (Einzelveröffentlichungen des Deutschen Historischen Instituts Warschau, 4). ISBN 3-929759-45-4. S. 99-124.
Hanstein, Adalbert von (1896): Frauenmoral und Herrenhalbheit. Offenes Schreiben an Dr. Käthe Schirmacher, Verfasserin der Schrift "Herrenmoral und Frauenhalbheit". Berlin. Kritik-Verlag (Fragen des öffentlichen Lebens, 1, 6).
Heidsieck, Gudrun (2005): Wahrnehmung und Vermittlung des Fremden am Beispiel der Reiseberichte aus dem Orient von Luise Mühlbach, Mathilde Weber, Sophie Döhner und Käthe Schirmacher in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Magisterarbeit. Hamburg. Universität.
Streubel, Christiane (2006): Radikale Nationalistinnen. Agitation und Programmatik rechter Frauen in der Weimarer Republik. Frankfurt/Main. Campus (Reihe Geschichte und Geschlechter, 55).
Süchting-Hänger, Andrea (2002): Das "Gewissen der Nation". Nationales Engagement und politisches Handeln konservativer Frauenorganisationen 1900 bis 1937. Düsseldorf. Droste (Schriften des Bundesarchivs, 59). ISBN 3-7700-1613-0.
Weiershausen, Romana (2004): Wissenschaft und Weiblichkeit. Die Studentin in der Literatur der Jahrhundertwende. Göttingen. Wallstein (Ergebnisse der Frauen- und Geschlechterforschung). ISBN 3-89244-831-0.
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